Sophie Freud ist nicht mehr!

25.07.2022

Nachruf von Dr. Gerda Mehta

 

Das kleine, am 6.8.1924 geborene Mädchen Sophie ist vor allem mit ihrem Fräulein aufgewachsen. Sie ging in die Schwarzwaldschule im 1. Bezirk, um andere Kinder zu treffen, nicht um zu lernen. Sie besuchte ihren Großvater jeden Sonntag, hatte bei ihm eine Audienz von 10 Minuten, um dann mit Taschengeld für den Theatereintritt verabschiedet zu werden. Sie war behütet und offensichtlich in der Schule am unbeobachtesten.

Doch dann wurde die Welt ernster, ihr Zuhause wurde visitiert, die Familie musste 1938 fiehen. Vater und Bruder gingen nach Paris mit dem Großvater nach England, die Mutter blieb mit Sophie in Paris. Die Schule verlangte eine andere Sprache zu lernen, sie schaffte dies. Und mit entwendetem Geld besorgte sie sich ein Fahrrad, das ihr half, sich freier zu bewegen. Die Mutter meinte, als sie die Entwendung von Geld  entdeckte - Du könntest mir sagen, wenn Du ein Fahrrad brauchst- eine trockene pragmatische Art in turbulenten Zeiten zu leben und miteinander auszukommen. Mit den Rädern flohen dann beide aus Paris nach Nizza – die Züge waren ausgebucht, die Bomben fielen schon hörbar für die beiden auf Pariser Vorstädte. Sie kamen einen Tag zu spät zum Schiff, für das sie Karte und Visum nach USA hatten - ein Onkel (Bernais) hatte ihnen das ermöglicht. Das hieß, ein ganzes Jahr warten in Casablanca – Sophie sprach von einem Jahr Jugend für sie, bevor sie sich wieder in einer neuen Sprache durch das Sozialarbeitstudium in den USA kämpfen musste- inklusive einem Job in einem Restaurant, um überleben zu können. Ihre Mutter hatte in New York ihre Karriere als Logepädin auch in der 3. Sprache fortgesetzt, auch sie musste wieder von vorne anfangen.

In Boston hat Sophie Sozialarbeit studiert, in einer Adoptionsberatungsstelle gearbeitet, einen Migranten geheiratet, der in den Bergen von Frankreich im Krieg versteckt wurde. Mit ihm hatte sie 3 Kinder bekommen, ein Haus im Wald gebaut und ihr Doktorat erworben. Sie hat bis vor 2 Jahren fortwährend unterrichtet, keine Stunde Unterricht versäumt oder verschoben und bis zuletzt immer neue Themen überlegt, die sie in Bolly, eine Universität für Pensionist:innen, unterrichtet hat. Dafür hat sie in ihren letzten 20 Jahren viele Bücher gelesen, um immer wieder neue Kursprogramme zusammenzustellen, die sich um Persönlichkeitsentwicklungen, Lebensthemen, Schicksale und ihre Überwindungen rankten. Ihre Kurse, wie auch ihre Vorlesungen und Seminare waren immer sehr beliebt. Als wir in Walden Pond jedes Jahr zum Schwimmen gingen, begegneten wir vielen ehemaligen Studenten udn Studentinnen, die Sophie begrüßten und ihr sagten, welchen nachhaltigen Eindruck sie hinterlassen hatte, welche Lebenskurven in deren Leben etwas leichter geworden sind durch ihren Input, und wie sie sich daran erinnerten, dass sie mit dem Moped in Boston zum Simmons College fuhr um damit das leidige Parkproblem zu umgehen  – eine sehr umsichtige, selbständige Frau.

1988 wurde sie vom Wiener Kreis zu einem Vortrag zur Ausstellung in Venedig eingeladen. Damals hatte sie ein Sabbatjahr in London und Wien verbracht. Wir sind uns in der Adoptionsberatungsstelle im 3. Bezirk begegnet, in der Sigmund Freudgesellschaft sind wir davor im Publikum gesessen, wo sie eine Bemerkung gemacht hatte, die mir auffiel, weil sie zu den differenzierten Theorien von Figdor einfach pragmatische Aspekte dazustellte, die seinen Ergüssen plötzlich praktische Handhabung verlieh. Das fiel auf - eine versierte Frau, die in systemischen und analytischen Theorien zuhause ist und dabei die Probleme und Entwicklungen im täglichen Leben nicht aus den Augen verliert. Dieser erste Eindruck bestätigte sich vielfach!

Zeitgeist und individuelles Schicksal, Konstruktivistische Ideen und psychoanalytische Dynamiken, Literatur und individuelle Lebensgeschichten, begleiteten sie durch ihr Leben. Sie hörte zu und erinnerte sich an alle Details, die man ihr einmal erzählt hatte (!!) und schrieb Kurzgeschichten, Bücher, Artikel, wissenschaftliche Forschungsberichte, Vorträge in Deutsch und Englisch. Sie las viel und korrespondierte mit so manchen Autoren und Autorinnen. Sie schrieb viele, sehr anerkennende Rezensionen, über die manche sprachen, als wäre die Rezension das wirklich Animierende. Ihre späte Stimme erinnerte ein wenig an die Stimme ihrer Tante - Anna Freud - die sie im hohen Alter eine ganze Weile auch begleitet hatte.

Sophie war für viele eine besondere Patnerin, Seelenbegegnerin, Lebensbegleiterin. Sie verstand so viel von den Menschen, deren Seele, der Welt. Wir liebten und lieben sie sehr, sie ermöglichte immer wieder im Miteinander auch für sich ganz selber zu sein. Sie konnte so gut zuhören, da sein, mit einem sein. Wir verbrachten mehr als 30 wunderbare Sommer gemeinsam. Ich glaube, ich lernte von ihr lieben, und selber sein. Wir diskutierten viele Theorien, spazierten, gingen täglich schwimmen, eiferten darum, wer eine längere Schwimmsaison nützte, besuchten Ausstellungen und sahen Filme gemeinsam an. In alten Zeiten schrieben wir einander Briefe, die sich über dem Ozean kreuzten. Sie und ich blieben „fiercely independent persons“, waren aber auch bezogen, wie schon einer ihrer Freunde, Helm Stierlin, in dem Konstrukt der Bezogenen Individuation eingefangen hatte. Diese besonderen Begegnungen hatte sie mit vielen Menschen, mit jeder Person auf eine ganz besondere Weise.

Als wir uns kennenlernten, war sie beinahe doppelt so alt wie ich. Aus einer anderen Gesellschaft, Zeit, Kontinent. Und dennoch verband uns so viel miteinander.  In den letzten 2 Jahren verschoben wir wegen Corona unsere mindestens jährlichen Treffen, aber wir telefonierten. Auch als sie schon sehr schwach war, meinte ihr Sohn George, dass sie noch mit mir sprechen wolle. Eine besondere Ehre noch "Aufwiedersehen" zu sagen. Wochen vorher hatten wir auch dieses Thema bereits angesprochen, aber ich meinte, ich möchte nicht good bye sagen, wir haben immer alles ausgesprochen, was es so gab, es fehlt nichts, es ist nichts aufzuwärmen. Fast im Sterben mit beinahe 98 Jahren, konnte sie sich noch für die lange Freundschaft bedanken. Ihr Kopf war klar, erinnerte sich an „alles“. Mit Disziplin und genauer Eigenbeobachtung und Selbstreflexion erkannte sie ihre Schwäche und das sehr nahe Ende und gestaltete es auch, wie sie auch sonst ihr Leben in der Hand hatte, so gut es ging. Ihre Kinder verbrachten die letzten Tage und Wochen mit ihr in ihrem Haus, in dem sie fast bis zu Ende ganz allein lebte und leben wollte.

„Drei Mütter und andere Leidenschaften“ und „Im Schatten Freuds“ wurden auch ins Deutsche übersetzt.  Ein gelungenes Leben- trotz widriger Umstände, das am 3.6.2022 zu Ende ging.

Wien im Juni 2022
von Dr.in Gerda Mehta