systeme Jg.20 Heft 2/06
Vom Kern des Systemischen und dem Drumherum
Guido Strunk
Zusammenfassung
Systemisches Arbeiten fußt in seinen Kernannahmen auf
der Überzeugung, dass Menschen sich wie nicht triviale Maschinen
verhalten, dass ihr Verhalten also nicht geplant und vorhergesagt werden
kann und dass damit auch gezielte Interventionen unmöglich werden. Diese
Überzeugung von der Nichttrivialität des Menschen steht aber im krassen
Widerspruch zum Alltagsverständnis, bei dem davon ausgegangen wird, dass
es beste und richtige Lösungen für Probleme gibt und diese erst gefunden
werden können, wenn die wirklichen Ursachen für die Probleme bekannt
sind. Das Alltagsverständnis geht also recht hartnäckig davon aus, dass
letztlich alles als triviale Maschine verstanden werden kann (man denke
hier nur an die Diskussion um genetische Grundlagen des Verhaltens und die
Ergebnisse der neueren Hirnforschung). Welche Argumente besitzen nun aber
Systemikerinnen bzw. Systemiker, um ihre Überzeugung zu begründen? Warum
sollte irgendeine Art von Maschine, also ein deterministisches, kausal
operierendes System, sich nicht trivial verhalten? Wenn sich ein System
gesetzmäßig verhält, warum sollte sein Verhalten dann nicht auch
vorhersagbar sein, warum sollten gezielte Interventionen unmöglich sein?
Wie kann sich ein kausales System nicht kausal verhalten?
Schlüsselwörter: Komplexität, Kausalität,
Intervention, Verhalten
Abstract
Systemic Core Assumptions and it's Surroundings
In its core assumptions systemic work is based on the conviction that
people do not act like trivial machines - therefore their behaviour cannot
be planned and predicted, making purposeful interventions impossible. But
this conviction of the non-triviality of human beings stands in stark
contradiction to every day understanding which assumes that there are best
and right solutions for problems, and that these can be found when the
real causes of the problems are known. Thus, every day understanding
rather persistently assumes that in the end everything can be understood
as trivial machine (here one could think of the discussion about the
genetic foundations of behaviour and the results of recent neurological
research). Which arguments do systemic practitioners then have to
substantiate their convictions? Why should any kind of machine, that means
a deterministic, causally operating system, not behave trivially? If a
system behaves in accordance with a law, then why should its behaviour not
also be predictable, why should purposeful interventions be impossible?
How can a causal system not behave causally?
Key words: complexity, causally operating system,
intervention, behaviour
"Area Ethics" - Das Integrieren von grundlegender, angewandter
und professioneller Ethik in einem umgrenzten Handlungsfeld
Vortrag auf der First International Conference on
Teaching Applied and Professional Ethics in Higher Education in Roehampton,
London 2-4 September 2003 [Im Original im www unter: http://www.humiliationstudies.org/documents/NafstadAreaEthics.pdf
(Zugriff: 16.07.2006)].
Das Projekt "Area Ethics in Psychology", auf dem der vorliegende
Aufsatz basiert, wird zu einem Teil vom Ethikprogramm der Universität
Oslo finanziell gefördert.
Hilde Eileen Nafstad
Zusammenfassung
Das Thema von area ethics sind diejenigen Werte,
Perspektiven und Normen, die innerhalb eines bestimmten Geltungsbereichs
zur Wirkung kommen. Besondere Aufmerksamkeit richtet sich auf diejenigen
Prämissen, die nicht weiter hinterfragt wurden, weil sie a priori mit
Gewissheit gleichgesetzt wurden. Area ethics hat die Aufgabe, das
Entwickeln einer ethischen Reflexivität zu fördern, und eine Sensibilität
dafür, wie unhinterfragte Vorannahmen im gegebenen Aufgabenfeld implizite
Wertentscheidungen zur Wirkung bringen. Unter anderem soll dafür gesorgt
werden, dass die Erkenntnisse der "Verlierer" innerhalb eines
bestimmten Forschungsgebiets nicht verloren gehen. Am Beispiel des
Bereichs Psychologie diskutiert die Autorin die unterschiedlichen
Konsequenzen aus den beiden gegensätzlichen Konzeptionen von Individuen
als asozialen und egoistischen Wesen vs. Individuen als genuin prosoziale
Wesen. Den Einzelnen auf ein simples, mechanistisches Kosten-Nutzen-Wesen
zu reduzieren impliziert z.B., dass jemand, der um professionelle
psychosoziale Hilfe nachfragt, in erster Linie Unterstützung dabei
brauche, ein effektiverer Konsument seiner sozialen und materiellen
Umgebung zu werden. Regeln und Vorschriften sind wichtig für einen
Minimalstandard ethischen Verhaltens. Noch wichtiger ist es jedoch, ein
intrinsisches Interesse an den Konsequenzen unhinterfragter Vorannahmen zu
wecken, sowie eine moralische oder ethische Sensibilität für die in
unsere Disziplin eingebetteten Werte.
Schlüsselwörter: professionelle psychosoziale Hilfen,
feldspezifische Ethik, Wissenschaftsphilosophie, Metatheorie,
Selbstreflexion in der Forschung
Abstract
Area Ethics: To Integrate Basic, Applied and
Professional Ethics in a Particular Field of Activity
Area ethics is dealing with the values, perspectives,
and norms producing effects within a certain area of activity. Special
interest is given to those premises usually taken for granted without
further examination of their background and consequences. Area
ethics is aiming at fostering ethical self-reflexivity, and sensitivity
for the consequences of taken for granted a priori assumptions. Therefore,
it is important to identify and visualize "losers" within a particular
field of research. The author is giving a concrete example on how to work
in psychology to meet area ethics' obligations. She discusses the
different consequences from the bipolar conceptions of the individual as
asocial and egoistic vs. the individual as a genuinely prosocial human
being. To reduce the individual to a simple, mechanistic cost-benefit
being implies, for instance, that people seeking professional psychosocial
assistance primarily need help to become more acquisitive consumers of
ones social and material surroundings. Though rules and norms are
important in ensuring minimal standards of ethical behaviour, it seems to
be more important to foster a genuine interest in the consequences of
taken for granted assumptions, and a moral and ethical sensitivity to the
values embedded in our discipline.
Key words: professional psychosocial assistance, area
ethics, philosophy of science, meta-theory, self-reflexion in research
Mit Leistungslernen zum Erfolg und Misserfolg - von der
Selbstachtung bis zur Schulangst
Uwe Findeisen
Zusammenfassung
Die Analyse von Schulangst, Lerndesinteresse und
Misserfolg in der Schule wird in dem Beitrag nicht isoliert betrachtet,
sondern erweist sich als andere Seite von Stolz, Lerninteresse und
Schulerfolg. Solche Phänomene des Lernsystems, die aus Wissen und Lernen
nicht entstehen können, verweisen auf eine spezifische Form der
Wissensvermittlung: Leistungslernen. Dieses macht aus Lernen ein Lernen für
Anerkennung durch die Note. Kinder kalkulieren nun ihr Lernen für die
Noten. Bei fehlender Notenanerkennung entsteht ein Kompensationsverhalten.
Es geht nun um die persönliche Anerkennung. Mit dieser wird der
Misserfolg nicht mehr rückgängig gemacht. Auch die persönliche
Anerkennung enthält Widersprüche und sichert nicht unbedingt den persönlichen
Erfolg. Zugleich wird für die Jugendlichen der Nutzen der Ausbildung
durch den Arbeitsmarkt in Frage gestellt. Aktuelle pädagogische und
psychologische Reformideen übersehen diesen systemischen Zusammenhang.
Der funktionelle Bezug von Privatwirtschaft und Ausbildung erweist sich
als allgemeiner Grund für bestehende Widersprüche im Lernsystem.
Schlüsselwörter: Leistungsprinzip, Notensystem,
Schulversagen, Schulangst, Selbstachtung
Abstract
Success and Failure in School - from Self-Confidence
to School Fear
The analysis of school fear, a lack of interest in learning, and
failure in school is not viewed in isolation, but proves to be the other
side of pride, interest in learning, and school success. Such phenomena of
the learning system, which cannot emerge from knowledge and learning,
point at a specific form of the mediation of knowledge: learning for
achievement. This transforms learning into learning for recognition
through the mark. Children then calculate their learning for the marks.
When recognition through marks is not gained, compensatory behaviour
develops: personal recognition now counts. With this, the failure cannot
be reversed. Also, personal recognition contains contradictions and not
necessarily ensures personal success. At the same time, for adolescents
the usefulness of training is questioned by the labour market. Current
pedagogical and psychological ideas for change overlook this systemic
correlation. The functional reference of the private economy and training
shows itself as general reason for existing contradictions in the learning
system.
Key Words: Principle of achievement, mark system, school
failure, school fear, self respect
Rezensionen
Gerhard Dieter Ruf (2005)
Systemische Psychiatrie - Ein ressourcenorientiertes Lehrbuch
Klett-Cotta, Stuttgart
"Systemische Psychiatrie" ist ein
Buch, das sich an alle ÄrztInnen, PsychologInnen, SozialpädagogInnen und
SozialarbeiterInnen wendet, die im psychiatrischen oder
sozialpsychiatrischen Feld therapeutisch arbeiten, sei es im stationären,
teilstationären oder ambulanten Bereich.
Der Autor - selbst ein
niedergelassener Psychiater - führt
in komprimierter Form in die Grundlagen der systemischen Therapie ein, um
sich dann den verschiedenen psychischen Störungsbildern zuzuwenden.
Hierbei definiert er zunächst die entsprechende Symptomatik, beschreibt
dann, wie sich das jeweilige
Symptom auf der (neuro)biologischen Ebene zeigt, wie auf der psychischen
und wie auf der sozialen Ebene. Anschließend folgt jeweils eine
Betrachtung des Symptoms unter dem Aspekt der "(Be-)Handlung": was ist
zu tun oder was kann getan werden in Bezug auf den - wie er es nennt -'normativen
Kontext', den 'Krankheitskontext' und den 'Problemlösekontext'.
Ruf
schreibt, dass es im normativen Kontext um gesellschaftlich
vorgegebene Normen, Richtlinien und gesetzliche Vorgaben geht
(Begutachtungen bei Arbeitsunfähigkeit, Behinderungen, Rentenanträgen,
Feststellung der Notwendigkeit einer Betreuung oder Fremdunterbringung,
Begutachtung der Schuldfähigkeit bei Straftaten etc.). Handlungen im
normativen Kontext haben somit keine therapeutische Zielsetzung.
Handlungen im Krankheitskontext
"erfolgen unter der Annahme, die Störung der Patientin / des Patienten
beruhe auf einem Defizit im körperlichen oder psychischen Bereich. Sie
umfassen damit unterstützende und das angenommene Defizit ausgleichende
biologische (z.B. Medikamente) oder soziale Maßnahmen (z.B. unterstützende
Gespräche oder Trainingsprogramme)." Im Krankheitskontext gehe es um
Zustandsveränderungen, aber nicht um Veränderungen des Systems. Folglich
bestünde das Behandlungsangebot darin, dem Patienten mithilfe von
Medikamenten oder entlastenden Gesprächen sein Leiden zu erleichtern.
Falls der Patient / die Patientin
jedoch lernen möchte, mit der
Belastung oder deren Auslösern besser umzugehen,
könne man ihm therapeutische Gespräche (dann im Problemlösekontext)
anbieten.
Im Problemlösekontext geht es
darum, die Muster und Strukturen, die das Problem hervorrufen oder es
aufrechterhalten, zu stören oder zu verunmöglichen, um Übergänge zu
"neuen und für das gegenwärtige Leben besseren Strukturen" möglich
zu machen. Denn nur so könnten 'Veränderungen zweiter Ordnung'
entstehen.
In diesen Abschnitten stellt der
Autor jeweils anhand zahlreicher Fallbeispiele aus seiner eigenen Praxis
diverse systemische Interventionen vor, die für das jeweilige Symptom nützlich
sein können.
Durchweg überlässt er es seinen
PatientInnen, ob sie ihr psychisches Problem lieber im 'Krankheitskontext'
oder im 'Problemlösungskontext' behandelt haben möchten. Genauso lässt
er der Leserin / dem Leser die Wahl, in welchem Kontext sie oder er tätig
werden möchte. In beiden Fällen versucht er nichts aufzuzwingen. Er will
auch nicht missionarisch tätig sein. Aber er zeigt immer eine weitere
Perspektive - eben die systemische - auf, gewissermaßen als Angebot
und als andere Möglichkeit.
Ich würde mir wünschen, dass viele
- vor allem junge - ÄrztInnen, PsychologInnen, SozialpädagogInnen
und SozialarbeiterInnen, die im psychiatrischen und psychotherapeutischen
Bereich arbeiten, dieses Buch lesen und es des weiteren als Handbuch bei
der Behandlung ihrer PatientInnen einsetzen. Vielleicht würden sie dann
mehr und mehr Lust bekommen, Probleme zu lösen anstatt sie
aufrechtzuerhalten.
Bernd Roedel
(Systemischer Lehrtherapeut (SG) am
Stuttgarter Institut für Systemische Therapie, Beratung und Supervision)
Guido
Strunk & Günter Schiepek (2006)
Systemische Psychologie. Eine Einführung in die komplexen Grundlagen
menschlichen Verhaltens.
Elsevier - Spektrum Akademischer Verlag, München, 345 S.
Das
Gespann Strunk und Schiepek, welches zu den Pionieren der
systemtheoretischen Forschung und der Komplexitätsforschung in der
Psychologie/Psychotherapie zählt, hat 2006 ein neues Werk mit dem Titel
"Systemische Psychologie - Eine Einführung in die komplexen
Grundlagen menschlichen Verhaltens" veröffentlicht.
Der
Anspruch des Buches ist dabei "eine Einführung in die Theorien Nichtlinearer Dynamischer Systeme und
Konzepten wie Selbstorganisation, Chaotizität und Komplexität mit Fokus
auf deren Anwendungsmöglichkeiten in Forschung und Praxis der Psychologie
und Psychotherapie" zu geben.
Im
ersten Teil des Buches liefern sie systemtheoretische Grundlagen.
Ausgehend von einer Beschreibung des mechanistischen Weltbilds und der
Kybernetik zeigen sie die Schwächen und Problemfelder - oder
"Verunsicherung der Normalwissenschaften", wie sie es nennen -
dieser Ansätze auf und führen darauf aufbauend in die Theorien
Nichtlinearer Systeme über. Unter dem Dach der Theorien Nichtlinearer
Dynamischer Systeme lässt sich eine Vielzahl an Theorien und Ansätzen
subsumieren. Strunk und Schiepek stellen in diesem Buch die wohl
prominentesten Vertreterinnen - die Theorie Dissipativer Systeme, die
Synergetik, die Fraktale Geometrie und die Chaostheorie - vor.
Abgeschlossen wird dieses Kapitel von einer Zusammenfassung der
Charakteristika von Systemen unter dem Blickwinkel dieses Theoriekomplexes
und gleichzeitig wird aufgezeigt, was es im Umgang und bei der Analyse von
Systemen zu berücksichtigen gilt.
Der
zweite Teil befasst sich mit dem "Methodenarsenal" der
systemwissenschaftlichen Forschung. Nach einer Einführung in die
Grundlagen der systemwissenschaftlichen Forschung - Wann ist sie
angebracht bzw. erforderlich? Was gilt es dabei zu berücksichtigen? Was
sind die Vorteile und wo liegen ihre Grenzen? - wird sowohl die
mathematische Modellbildung als auch die empirische Analyse unter dem
Regime der Theorien Nichtlinearer Dynamischer Systeme behandelt.
Vorgestellt werden einzelne Methoden der mathematischen Simulation (z.B.
Differentialgleichungssysteme, Wenn-dann-Strukturen) sowie Kennwerte der
Chaotizitäts- und Komplexitätsschätzung bei nominalen und metrischen
Zeitreihen (u.a. Grammar Complexity, fraktale Dimensionalität,
Lyapunov-Exponent).
Während
bereits in den beiden vorangehenden Teilen immer wieder illustrierende
Beispiele und Forschungsergebnisse aus der Psychologie bzw. der
Psychotherapie eingeflossen sind, wird im dritten Teil dezidiert auf die
Theorien Nichtlinearer Dynamischer Systeme im Kontext der Psychologie bzw
Psychotherapie eingegangen, wobei Phänomene wie Wahrnehmung, Kognition,
motorische Prozesse, Lernen sowie der Verlauf von Krankheiten und soziale
Interaktionen im Lichte dieser Theorien interpretiert werden. Den
Abschluss bildet eine Darlegung der "Grundpositionen einer
systemtheoretischen Psychologie", d.h. wie sollen Eingriffe in komplexe
dynamische Systeme erfolgen, wie bewirkt man eine Änderung und was sind
die negativen Konsequenzen bei Nichtbeachtung dieser Prinzipien.
Das
Buch von Strunk und Schiepek unterscheidet sich insofern von anderen
Publikationen zu diesem Themengebiet, als es die schmale Gratwanderung
zwischen Lesbarkeit und Verständlichkeit sowie wissenschaftlichem
Anspruch optimal bewältigt. Da Begriffe wie "Selbstorganisation", "Fraktal",
"Schmetterlingseffekt" und "(deterministisches) Chaos" doch eine
gewisse Popularität genießen, ist auch die Anzahl an Publikationen beträchtlich.
Hierbei ist der Graben zwischen populärwissenschaftlichen Publikationen
und (naturwissenschaftlichen) Fachpublikationen jedoch sehr breit. Strunk
und Schiepek füllen genau dieses Mittelfeld, und sprechen somit jene
LeserInnen an, die sich nicht mit "oberflächlichen", hauptsächlich
auf Analogien basierenden Abhandlungen zufrieden geben möchten, denen es
aber an Zeit/Wille/Kompetenzen fehlt, sich mit der sehr anspruchsvollen
Originalliteratur auseinander zu setzen.
Die
Theorien Nichtlinearer Dynamischer Systeme im ersten Teil werden überwiegend
im Originalzusammenhang erklärt und nicht nur anhand von reinen
Analogiebeispielen, die den Sachverhalt oft nur unzureichend abbilden und
zu übereilten Schlussfolgerungen verleiten. Nicht jeder Bereich, der mit
Unsicherheit behaftet ist, ist komplex oder gar chaotisch und nicht alles,
bei dem ein Teilbereich dem Ganzen gleicht, ist fraktal, sondern diese
Charakteristika verlangen gewisse Voraussetzungen und weisen wohl
definierte Merkmale auf, die in diesem Buch dargelegt werden. Dadurch,
dass es nicht nur eine formale Abhandlung ist, sondern mit zahlreichen
Bildern, erklärende Beispielen und interessanten "Randanekdoten"
(Wussten Sie, dass der Schmetterling im "Schmetterlingseffekt"
eigentlich eine Möwe ist?) gespickt ist, gestaltet sich die Lektüre
interessant und die geschilderten Sachverhalte (den teilweise
anspruchsvollen Inhalt berücksichtigend) verständlich.
Der
methodische Teil ist so aufgebaut, dass er nicht nur von den Eingeweihten
der höheren Mathematik verstanden werden kann. Insbesondere für Sozial-
und GeisteswissenschaftlerInnen, die die Theorien Nichtlinearer
Dynamischer Systeme in ihrem Fachbereich anwenden möchten, bietet es eine
gute Einführung. Zwar wird man dabei nicht umhin kommen, vertiefende
Literatur heranzuziehen, aber alle, die sich mit den Originalbeiträgen zu
den Theorien Nichtlinearer Dynamischer Systeme beschäftigen möchte, die
hauptsächlich aus den Naturwissenschaften stammen, wird die einführende
Darstellung von Strunk und Schiepek sehr zu schätzen wissen. Der Rest des
Buches ist so gestaltet, dass er auch ohne den Methodenteil verstanden
werden kann.
Während
die ersten beiden Teile trotz der häufigen Bezugnahme auf die Psychologie
auch für Nicht-PsychologInnen von Interesse sind, und auch jene
anspricht, die sich generell mit den Theorien Nichtlinearer Dynamischer
Systeme auseinander setzen wollen, wird im dritten Teil dezidiert auf
deren Erklärungswert und Anwendung in der Psychologie eingegangen. Laut
Klappentext stellt das Buch dabei den Anspruch "nicht nur für
PsychologInnen, sondern auch für medizinische PsychotherapeutInnen,
SozialwissenschaftlerInnen, ManagerInnen und OrganisationsberaterInnen
einen wissenswerten Schlüssel zum Erfolg bei Therapie, Beratung und
Management" darzustellen. Das Buch liefert zwar wichtige und nützliche
Einblicke im Umgang mit nichtlinearen dynamischen Systemen, den Möglichkeiten
und Grenzen der Intervention bzw. Steuerung und erhöht das Verständnis
dafür, warum auf Wirkung A nicht immer Ergebnis B erzielt wird, auf den
"Schlüssel zum Erfolg" im Sinne von Patentrezepten à la "tu dies
und erhalte jenes" wartet man jedoch vergeblich.
Die
Frage, die sich hierbei stellt, ist, ob man dies von einem Buch, das sich
"Theorien Nichtlinearer Dynamischer Systeme" auf die Fahnen
geschrieben hat, überhaupt erwarten kann oder darf - ein System, das
sich als zur Selbstorganisation fähig erweist und deterministisch
chaotisches Verhalten zeigt, ist eben nicht mehr vollständig durch
lineare Ursache-Wirkungsmechanismen beschreib- und steuerbar. Hier erkauft
man sich einen die Realität wohl adäquater beschreibenden Ansatz durch
den Verlust an einfachen Handlungsanweisungen. Dies ist übrigens in den
Naturwissenschaften nicht anders.
Dass
es sich dabei nicht um einen den Sachverhalt unnötig verkomplizierenden
Ansatz handelt, ist insofern der Fall, als Systeme nicht immer und zu
jederzeit gleich komplex oder chaotisch sind. Vielmehr handelt es sich um
die Beschreibung von Zustandsgrößen, die sich im Zeitverlauf verändern
können, wie es auch durch die Schwankungen der Lokalen
Lyapunov-Exponenten einer Therapiesitzung im Buch dargestellt ist. So kann
es durchaus sein, dass ein System in bestimmten Phasen "stabil und
einfach" ist, und herkömmliche Konzepte greifen, während diese in
Phasen hoher Komplexität und Chaotizität versagen. Auch wenn der
Klappentext vielleicht zu viel verspricht, hat man während der Lektüre
nicht den Eindruck, dass die Autoren ihren Ansatz als alleingültig und
den einzig Erfolg versprechenden betrachten, und damit mit Kanonen der
Chaosforschung auf Spatzen der Psychologie schießen würden, sondern das
Repertoire um einen nicht zu vernachlässigenden Aspekt erweitern und auch
dessen Grenzen aufzeigen.
Ebenso
kann der eventuelle Vorwurf, dass die Verwendung von Konzepten wie
Attraktoren an Stelle des vereinfachenden Konzepts der "Mulde" in
einer Potentiallandschaft, anhand der die Funktionsweise eines Attraktors
erklärt wird (wie eine Kugel, die immer bestrebt ist, den tiefsten Punkt
einer Schale, eben die Mulde, einzunehmen, konvergiert auch das System zu
seinem Attraktor) eine bloße Begriffs-Prahlerei ist, um banalen
Sachverhalten den Anspruch des Wissenschaftlichen und Geniale zu geben,
zurückgewiesen werden. Während das Konzept der Mulde intuitiv fassbar
ist, aber eben "nur" Erklärungswert besitzt, liefert das Konzept des
Attraktors zusätzlich ein vielfältiges Instrumentarium, mit welchem
dieses Phänomen genauer analysiert und auch quantifiziert werden kann.
Das selbe kann über deterministisches Chaos gesagt werden, das sich eben
nicht im Beispiel des Flügelschlags des Schmetterlings erschöpft.
Gerade
die Nutzung von eben solchen Rahmenwerken in fundierter und
anspruchsvollerer Weise stellt den von Strunk und Schiepek präsentierten
Ansatz auf eine solide theoretische und methodologische Basis, wodurch er
sich von anderen Veröffentlichungen in diesem Bereich abhebt.
Dies
mag auch erklären, warum der Titel "Systemische Psychologie" in Bezug
auf die nachfolgenden Inhalte anfangs etwas ungewohnt anmutet. Im Kontext
der Psychologie ist systemisch unweigerlich mit einem soziologischen
Zugang in Anlehnung an Luhmann verbunden, der seinerseits bei der
Entwicklung seiner Theorien Sozialer Systeme auf naturwissenschaftliche
Erkenntnisse zurückgegriffen hat. Weiters sind "systemisch" und
artverwandte Termini in den 90er Jahren zu Modewörtern avanciert, was zu
deren inflationärer Verwendung und einer zunehmenden Entfernung vom ursprünglichen
Inhalt geführt hat. Strunk und Schiepek grenzen sich nun bewusst gegenüber
diesen Zugängen ab und wählen einen ursprünglicheren Ansatz, der
einerseits ohne Umwege über die Luhmannsche Theorie auf soziale Systeme
zugreift und andererseits diese auch wieder mit operationalisierbaren
Inhalten füllt. Ohne hier auf ein "besser" oder "schlechter"
eingehen zu wollen, kann doch gesagt werden, dass Strunk und Schiepek
gekonnt aufzeigen, dass auch ein anderer Entwurf der "Systemischen
Psychologie" existiert.
Abschließend
kann gesagt werden, dass über den Sinn und Unsinn der Anwendung
naturwissenschaftlicher Theorien in Geistes- und Sozialwissenschaften viel
diskutiert wurde und auch noch diskutiert werden kann, dieses Buch aber
einen Schritt in die richtige Richtung darstellt, indem es über reine
analogische Erklärungsversuche hinausgeht und sich vermehrt auf die ursprünglichen
Theorien und dazugehörigen Instrumentarien konzentriert. Dabei ist es
gemessen an dem behandelten Theorienkomplex, der nun mal zu den
anspruchsvolleren gehört, noch durchaus so aufgebaut, dass es verständlich
und interessant zu lesen ist. Ich lege dieses Buch allen ans Herz, die
sich mit dem Phänomen Nichtlinearer Dynamischer Systeme näher beschäftigen
oder ihr Verständnis der "klassischen" Psychologie erweitern möchten.
Michele Griessmair, Wien |