systeme Jg.20 Heft 2/06

Vom Kern des Systemischen und dem Drumherum

Guido Strunk

Zusammenfassung

Systemisches Arbeiten fußt in seinen Kernannahmen auf der Überzeugung, dass Menschen sich wie nicht triviale Maschinen verhalten, dass ihr Verhalten also nicht geplant und vorhergesagt werden kann und dass damit auch gezielte Interventionen unmöglich werden. Diese Überzeugung von der Nichttrivialität des Menschen steht aber im krassen Widerspruch zum Alltagsverständnis, bei dem davon ausgegangen wird, dass es beste und richtige Lösungen für Probleme gibt und diese erst gefunden werden können, wenn die wirklichen Ursachen für die Probleme bekannt sind. Das Alltagsverständnis geht also recht hartnäckig davon aus, dass letztlich alles als triviale Maschine verstanden werden kann (man denke hier nur an die Diskussion um genetische Grundlagen des Verhaltens und die Ergebnisse der neueren Hirnforschung). Welche Argumente besitzen nun aber Systemikerinnen bzw. Systemiker, um ihre Überzeugung zu begründen? Warum sollte irgendeine Art von Maschine, also ein deterministisches, kausal operierendes System, sich nicht trivial verhalten? Wenn sich ein System gesetzmäßig verhält, warum sollte sein Verhalten dann nicht auch vorhersagbar sein, warum sollten gezielte Interventionen unmöglich sein? Wie kann sich ein kausales System nicht kausal verhalten?

Schlüsselwörter: Komplexität, Kausalität, Intervention, Verhalten

Abstract

Systemic Core Assumptions and it's Surroundings
In its core assumptions systemic work is based on the conviction that people do not act like trivial machines - therefore their behaviour cannot be planned and predicted, making purposeful interventions impossible. But this conviction of the non-triviality of human beings stands in stark contradiction to every day understanding which assumes that there are best and right solutions for problems, and that these can be found when the real causes of the problems are known. Thus, every day understanding rather persistently assumes that in the end everything can be understood as trivial machine (here one could think of the discussion about the genetic foundations of behaviour and the results of recent neurological research). Which arguments do systemic practitioners then have to substantiate their convictions? Why should any kind of machine, that means a deterministic, causally operating system, not behave trivially? If a system behaves in accordance with a law, then why should its behaviour not also be predictable, why should purposeful interventions be impossible? How can a causal system not behave causally?

Key words: complexity, causally operating system, intervention, behaviour

 

"Area Ethics" - Das Integrieren von grundlegender, angewandter und professioneller Ethik in einem umgrenzten Handlungsfeld

Vortrag auf  der First International Conference on Teaching Applied and Professional Ethics in Higher Education in Roehampton, London 2-4 September 2003 [Im Original im www unter: http://www.humiliationstudies.org/documents/NafstadAreaEthics.pdf (Zugriff: 16.07.2006)].
Das Projekt "Area Ethics in Psychology", auf dem der vorliegende Aufsatz basiert, wird zu einem Teil vom Ethikprogramm der Universität Oslo finanziell gefördert.

Hilde Eileen Nafstad

Zusammenfassung

Das Thema von area ethics sind diejenigen Werte, Perspektiven und Normen, die innerhalb eines bestimmten Geltungsbereichs zur Wirkung kommen. Besondere Aufmerksamkeit richtet sich auf diejenigen Prämissen, die nicht weiter hinterfragt wurden, weil sie a priori mit Gewissheit gleichgesetzt wurden. Area ethics hat die Aufgabe, das Entwickeln einer ethischen Reflexivität zu fördern, und eine Sensibilität dafür, wie unhinterfragte Vorannahmen im gegebenen Aufgabenfeld implizite Wertentscheidungen zur Wirkung bringen. Unter anderem soll dafür gesorgt werden, dass die Erkenntnisse der "Verlierer" innerhalb eines bestimmten Forschungsgebiets nicht verloren gehen. Am Beispiel des Bereichs Psychologie diskutiert die Autorin die unterschiedlichen Konsequenzen aus den beiden gegensätzlichen Konzeptionen von Individuen als asozialen und egoistischen Wesen vs. Individuen als genuin prosoziale Wesen. Den Einzelnen auf ein simples, mechanistisches Kosten-Nutzen-Wesen zu reduzieren impliziert z.B., dass jemand, der um professionelle psychosoziale Hilfe nachfragt, in erster Linie Unterstützung dabei brauche, ein effektiverer Konsument seiner sozialen und materiellen Umgebung zu werden. Regeln und Vorschriften sind wichtig für einen Minimalstandard ethischen Verhaltens. Noch wichtiger ist es jedoch, ein intrinsisches Interesse an den Konsequenzen unhinterfragter Vorannahmen zu wecken, sowie eine moralische oder ethische Sensibilität für die in unsere Disziplin eingebetteten Werte.

Schlüsselwörter: professionelle psychosoziale Hilfen, feldspezifische Ethik, Wissenschaftsphilosophie, Metatheorie, Selbstreflexion in der Forschung

Abstract

Area Ethics: To Integrate Basic, Applied and Professional Ethics in a Particular Field of Activity
Area ethics is dealing with the values, perspectives, and norms producing effects within a certain area of activity. Special interest is given to those premises usually taken for granted without further examination of their background and consequences.  Area ethics is aiming at fostering ethical self-reflexivity, and sensitivity for the consequences of taken for granted a priori assumptions. Therefore, it is important to identify and visualize "losers" within a particular field of research. The author is giving a concrete example on how to work in psychology to meet area ethics' obligations. She discusses the different consequences from the bipolar conceptions of the individual as asocial and egoistic vs. the individual as a genuinely prosocial human being. To reduce the individual to a simple, mechanistic cost-benefit being implies, for instance, that people seeking professional psychosocial assistance primarily need help to become more acquisitive consumers of ones social and material surroundings. Though rules and norms are important in ensuring minimal standards of ethical behaviour, it seems to be more important to foster a genuine interest in the consequences of taken for granted assumptions, and a moral and ethical sensitivity to the values embedded in our discipline.

Key words: professional psychosocial assistance, area ethics, philosophy of science, meta-theory, self-reflexion in research

 

Mit Leistungslernen zum Erfolg und Misserfolg - von der Selbstachtung bis zur Schulangst

Uwe Findeisen 

Zusammenfassung

Die Analyse von Schulangst, Lerndesinteresse und Misserfolg in der Schule wird in dem Beitrag nicht isoliert betrachtet, sondern erweist sich als andere Seite von Stolz, Lerninteresse und Schulerfolg. Solche Phänomene des Lernsystems, die aus Wissen und Lernen nicht entstehen können, verweisen auf eine spezifische Form der Wissensvermittlung: Leistungslernen. Dieses macht aus Lernen ein Lernen für Anerkennung durch die Note. Kinder kalkulieren nun ihr Lernen für die Noten. Bei fehlender Notenanerkennung entsteht ein Kompensationsverhalten. Es geht nun um die persönliche Anerkennung. Mit dieser wird der Misserfolg nicht mehr rückgängig gemacht. Auch die persönliche Anerkennung enthält Widersprüche und sichert nicht unbedingt den persönlichen Erfolg. Zugleich wird für die Jugendlichen der Nutzen der Ausbildung durch den Arbeitsmarkt in Frage gestellt. Aktuelle pädagogische und psychologische Reformideen übersehen diesen systemischen Zusammenhang. Der funktionelle Bezug von Privatwirtschaft und Ausbildung erweist sich als allgemeiner Grund für bestehende Widersprüche im Lernsystem.

Schlüsselwörter: Leistungsprinzip, Notensystem, Schulversagen, Schulangst, Selbstachtung

Abstract

Success and Failure in School - from Self-Confidence to School Fear
The analysis of school fear, a lack of interest in learning, and failure in school is not viewed in isolation, but proves to be the other side of pride, interest in learning, and school success. Such phenomena of the learning system, which cannot emerge from knowledge and learning, point at a specific form of the mediation of knowledge: learning for achievement. This transforms learning into learning for recognition through the mark. Children then calculate their learning for the marks. When recognition through marks is not gained, compensatory behaviour develops: personal recognition now counts. With this, the failure cannot be reversed. Also, personal recognition contains contradictions and not necessarily ensures personal success. At the same time, for adolescents the usefulness of training is questioned by the labour market. Current pedagogical and psychological ideas for change overlook this systemic correlation. The functional reference of the private economy and training shows itself as general reason for existing contradictions in the learning system.

Key Words: Principle of achievement, mark system, school failure, school fear, self respect

 

Rezensionen

Gerhard Dieter Ruf (2005)
Systemische Psychiatrie - Ein ressourcenorientiertes Lehrbuch
Klett-Cotta, Stuttgart

"Systemische Psychiatrie" ist ein Buch, das sich an alle ÄrztInnen, PsychologInnen, SozialpädagogInnen und SozialarbeiterInnen wendet, die im psychiatrischen oder sozialpsychiatrischen Feld therapeutisch arbeiten, sei es im stationären, teilstationären oder ambulanten Bereich.

Der Autor - selbst ein niedergelassener Psychiater -  führt in komprimierter Form in die Grundlagen der systemischen Therapie ein, um sich dann den verschiedenen psychischen Störungsbildern zuzuwenden. Hierbei definiert er zunächst die entsprechende Symptomatik, beschreibt dann, wie sich das  jeweilige Symptom auf der (neuro)biologischen Ebene zeigt, wie auf der psychischen und wie auf der sozialen Ebene. Anschließend folgt jeweils eine Betrachtung des Symptoms unter dem Aspekt der "(Be-)Handlung": was ist zu tun oder was kann getan werden in Bezug auf den - wie er es nennt -'normativen Kontext', den 'Krankheitskontext' und den 'Problemlösekontext'.

Ruf schreibt, dass es im normativen Kontext um gesellschaftlich vorgegebene Normen, Richtlinien und gesetzliche Vorgaben geht (Begutachtungen bei Arbeitsunfähigkeit, Behinderungen, Rentenanträgen, Feststellung der Notwendigkeit einer Betreuung oder Fremdunterbringung, Begutachtung der Schuldfähigkeit bei Straftaten etc.). Handlungen im normativen Kontext haben somit keine therapeutische Zielsetzung.

Handlungen im Krankheitskontext "erfolgen unter der Annahme, die Störung der Patientin / des Patienten beruhe auf einem Defizit im körperlichen oder psychischen Bereich. Sie umfassen damit unterstützende und das angenommene Defizit ausgleichende biologische (z.B. Medikamente) oder soziale Maßnahmen (z.B. unterstützende Gespräche oder Trainingsprogramme)." Im Krankheitskontext gehe es um Zustandsveränderungen, aber nicht um Veränderungen des Systems. Folglich bestünde das Behandlungsangebot darin, dem Patienten mithilfe von Medikamenten oder entlastenden Gesprächen sein Leiden zu erleichtern.

Falls der Patient / die Patientin jedoch lernen möchte, mit der Belastung oder deren Auslösern besser umzugehen, könne man ihm therapeutische Gespräche (dann im Problemlösekontext) anbieten.

Im Problemlösekontext geht es darum, die Muster und Strukturen, die das Problem hervorrufen oder es aufrechterhalten, zu stören oder zu verunmöglichen, um Übergänge zu "neuen und für das gegenwärtige Leben besseren Strukturen" möglich zu machen. Denn nur so könnten 'Veränderungen zweiter Ordnung' entstehen.

In diesen Abschnitten stellt der Autor jeweils anhand zahlreicher Fallbeispiele aus seiner eigenen Praxis diverse systemische Interventionen vor, die für das jeweilige Symptom nützlich sein können.

Durchweg überlässt er es seinen PatientInnen, ob sie ihr psychisches Problem lieber im 'Krankheitskontext' oder im 'Problemlösungskontext' behandelt haben möchten. Genauso lässt er der Leserin / dem Leser die Wahl, in welchem Kontext sie oder er tätig werden möchte. In beiden Fällen versucht er nichts aufzuzwingen. Er will auch nicht missionarisch tätig sein. Aber er zeigt immer eine weitere Perspektive - eben die systemische - auf, gewissermaßen als Angebot und als andere Möglichkeit.

Ich würde mir wünschen, dass viele - vor allem junge - ÄrztInnen, PsychologInnen, SozialpädagogInnen und SozialarbeiterInnen, die im psychiatrischen und psychotherapeutischen Bereich arbeiten, dieses Buch lesen und es des weiteren als Handbuch bei der Behandlung ihrer PatientInnen einsetzen. Vielleicht würden sie dann mehr und mehr Lust bekommen, Probleme zu lösen anstatt sie aufrechtzuerhalten.

Bernd Roedel

(Systemischer Lehrtherapeut (SG) am Stuttgarter Institut für Systemische Therapie, Beratung und Supervision)

Guido Strunk & Günter Schiepek (2006)
Systemische Psychologie. Eine Einführung in die komplexen Grundlagen menschlichen Verhaltens.
Elsevier - Spektrum Akademischer Verlag, München, 345 S.

 Das Gespann Strunk und Schiepek, welches zu den Pionieren der systemtheoretischen Forschung und der Komplexitätsforschung in der Psychologie/Psychotherapie zählt, hat 2006 ein neues Werk mit dem Titel "Systemische Psychologie - Eine Einführung in die komplexen Grundlagen menschlichen Verhaltens" veröffentlicht.

Der Anspruch des Buches ist dabei "eine Einführung in die Theorien Nichtlinearer Dynamischer Systeme und Konzepten wie Selbstorganisation, Chaotizität und Komplexität mit Fokus auf deren Anwendungsmöglichkeiten in Forschung und Praxis der Psychologie und Psychotherapie" zu geben.

Im ersten Teil des Buches liefern sie systemtheoretische Grundlagen. Ausgehend von einer Beschreibung des mechanistischen Weltbilds und der Kybernetik zeigen sie die Schwächen und Problemfelder - oder "Verunsicherung der Normalwissenschaften", wie sie es nennen - dieser Ansätze auf und führen darauf aufbauend in die Theorien Nichtlinearer Systeme über. Unter dem Dach der Theorien Nichtlinearer Dynamischer Systeme lässt sich eine Vielzahl an Theorien und Ansätzen subsumieren. Strunk und Schiepek stellen in diesem Buch die wohl prominentesten Vertreterinnen - die Theorie Dissipativer Systeme, die Synergetik, die Fraktale Geometrie und die Chaostheorie - vor. Abgeschlossen wird dieses Kapitel von einer Zusammenfassung der Charakteristika von Systemen unter dem Blickwinkel dieses Theoriekomplexes und gleichzeitig wird aufgezeigt, was es im Umgang und bei der Analyse von Systemen zu berücksichtigen gilt.

Der zweite Teil befasst sich mit dem "Methodenarsenal" der systemwissenschaftlichen Forschung. Nach einer Einführung in die Grundlagen der systemwissenschaftlichen Forschung - Wann ist sie angebracht bzw. erforderlich? Was gilt es dabei zu berücksichtigen? Was sind die Vorteile und wo liegen ihre Grenzen? - wird sowohl die mathematische Modellbildung als auch die empirische Analyse unter dem Regime der Theorien Nichtlinearer Dynamischer Systeme behandelt. Vorgestellt werden einzelne Methoden der mathematischen Simulation (z.B. Differentialgleichungssysteme, Wenn-dann-Strukturen) sowie Kennwerte der Chaotizitäts- und Komplexitätsschätzung bei nominalen und metrischen Zeitreihen (u.a. Grammar Complexity, fraktale Dimensionalität, Lyapunov-Exponent).

Während bereits in den beiden vorangehenden Teilen immer wieder illustrierende Beispiele und Forschungsergebnisse aus der Psychologie bzw. der Psychotherapie eingeflossen sind, wird im dritten Teil dezidiert auf die Theorien Nichtlinearer Dynamischer Systeme im Kontext der Psychologie bzw Psychotherapie eingegangen, wobei Phänomene wie Wahrnehmung, Kognition, motorische Prozesse, Lernen sowie der Verlauf von Krankheiten und soziale Interaktionen im Lichte dieser Theorien interpretiert werden. Den Abschluss bildet eine Darlegung der "Grundpositionen einer systemtheoretischen Psychologie", d.h. wie sollen Eingriffe in komplexe dynamische Systeme erfolgen, wie bewirkt man eine Änderung und was sind die negativen Konsequenzen bei Nichtbeachtung dieser Prinzipien.

Das Buch von Strunk und Schiepek unterscheidet sich insofern von anderen Publikationen zu diesem Themengebiet, als es die schmale Gratwanderung zwischen Lesbarkeit und Verständlichkeit sowie wissenschaftlichem Anspruch optimal bewältigt. Da Begriffe wie "Selbstorganisation", "Fraktal", "Schmetterlingseffekt" und "(deterministisches) Chaos" doch eine gewisse Popularität genießen, ist auch die Anzahl an Publikationen beträchtlich. Hierbei ist der Graben zwischen populärwissenschaftlichen Publikationen und (naturwissenschaftlichen) Fachpublikationen jedoch sehr breit. Strunk und Schiepek füllen genau dieses Mittelfeld, und sprechen somit jene LeserInnen an, die sich nicht mit "oberflächlichen", hauptsächlich auf Analogien basierenden Abhandlungen zufrieden geben möchten, denen es aber an Zeit/Wille/Kom­petenzen fehlt, sich mit der sehr anspruchsvollen Originalliteratur auseinander zu setzen.

Die Theorien Nichtlinearer Dynamischer Systeme im ersten Teil werden überwiegend im Originalzusammenhang erklärt und nicht nur anhand von reinen Analogiebeispielen, die den Sachverhalt oft nur unzureichend abbilden und zu übereilten Schlussfolgerungen verleiten. Nicht jeder Bereich, der mit Unsicherheit behaftet ist, ist komplex oder gar chaotisch und nicht alles, bei dem ein Teilbereich dem Ganzen gleicht, ist fraktal, sondern diese Charakteristika verlangen gewisse Voraussetzungen und weisen wohl definierte Merkmale auf, die in diesem Buch dargelegt werden. Dadurch, dass es nicht nur eine formale Abhandlung ist, sondern mit zahlreichen Bildern, erklärende Beispielen und interessanten "Randanekdoten" (Wussten Sie, dass der Schmetterling im "Schmetterlingseffekt" eigentlich eine Möwe ist?) gespickt ist, gestaltet sich die Lektüre interessant und die geschilderten Sachverhalte (den teilweise anspruchsvollen Inhalt berücksichtigend) verständlich.

Der methodische Teil ist so aufgebaut, dass er nicht nur von den Eingeweihten der höheren Mathematik verstanden werden kann. Insbesondere für Sozial- und GeisteswissenschaftlerInnen, die die Theorien Nichtlinearer Dynamischer Systeme in ihrem Fachbereich anwenden möchten, bietet es eine gute Einführung. Zwar wird man dabei nicht umhin kommen, vertiefende Literatur heranzuziehen, aber alle, die sich mit den Originalbeiträgen zu den Theorien Nichtlinearer Dynamischer Systeme beschäftigen möchte, die hauptsächlich aus den Naturwissenschaften stammen, wird die einführende Darstellung von Strunk und Schiepek sehr zu schätzen wissen. Der Rest des Buches ist so gestaltet, dass er auch ohne den Methodenteil verstanden werden kann.

Während die ersten beiden Teile trotz der häufigen Bezugnahme auf die Psychologie auch für Nicht-PsychologInnen von Interesse sind, und auch jene anspricht, die sich generell mit den Theorien Nichtlinearer Dynamischer Systeme auseinander setzen wollen, wird im dritten Teil dezidiert auf deren Erklärungswert und Anwendung in der Psychologie eingegangen. Laut Klappentext stellt das Buch dabei den Anspruch "nicht nur für PsychologInnen, sondern auch für medizinische PsychotherapeutInnen, SozialwissenschaftlerInnen, ManagerInnen und OrganisationsberaterInnen einen wissenswerten Schlüssel zum Erfolg bei Therapie, Beratung und Management" darzustellen. Das Buch liefert zwar wichtige und nützliche Einblicke im Umgang mit nichtlinearen dynamischen Systemen, den Möglichkeiten und Grenzen der Intervention bzw. Steuerung und erhöht das Verständnis dafür, warum auf Wirkung A nicht immer Ergebnis B erzielt wird, auf den "Schlüssel zum Erfolg" im Sinne von Patentrezepten à la "tu dies und erhalte jenes" wartet man jedoch vergeblich.

Die Frage, die sich hierbei stellt, ist, ob man dies von einem Buch, das sich "Theorien Nichtlinearer Dynamischer Systeme" auf die Fahnen geschrieben hat, überhaupt erwarten kann oder darf - ein System, das sich als zur Selbstorganisation fähig erweist und deterministisch chaotisches Verhalten zeigt, ist eben nicht mehr vollständig durch lineare Ursache-Wirkungsmechanismen beschreib- und steuerbar. Hier erkauft man sich einen die Realität wohl adäquater beschreibenden Ansatz durch den Verlust an einfachen Handlungsanweisungen. Dies ist übrigens in den Naturwissenschaften nicht anders.

Dass es sich dabei nicht um einen den Sachverhalt unnötig verkomplizierenden Ansatz handelt, ist insofern der Fall, als Systeme nicht immer und zu jederzeit gleich komplex oder chaotisch sind. Vielmehr handelt es sich um die Beschreibung von Zustandsgrößen, die sich im Zeitverlauf verändern können, wie es auch durch die Schwankungen der Lokalen Lyapunov-Exponenten einer Therapiesitzung im Buch dargestellt ist. So kann es durchaus sein, dass ein System in bestimmten Phasen "stabil und einfach" ist, und herkömmliche Konzepte greifen, während diese in Phasen hoher Komplexität und Chaotizität versagen. Auch wenn der Klappentext vielleicht zu viel verspricht, hat man während der Lektüre nicht den Eindruck, dass die Autoren ihren Ansatz als alleingültig und den einzig Erfolg versprechenden betrachten, und damit mit Kanonen der Chaosforschung auf Spatzen der Psychologie schießen würden, sondern das Repertoire um einen nicht zu vernachlässigenden Aspekt erweitern und auch dessen Grenzen aufzeigen.

Ebenso kann der eventuelle Vorwurf, dass die Verwendung von Konzepten wie Attraktoren an Stelle des vereinfachenden Konzepts der "Mulde" in einer Potentiallandschaft, anhand der die Funktionsweise eines Attraktors erklärt wird (wie eine Kugel, die immer bestrebt ist, den tiefsten Punkt einer Schale, eben die Mulde, einzunehmen, konvergiert auch das System zu seinem Attraktor) eine bloße Begriffs-Prahlerei ist, um banalen Sachverhalten den Anspruch des Wissenschaftlichen und Geniale zu geben, zurückgewiesen werden. Während das Konzept der Mulde intuitiv fassbar ist, aber eben "nur" Erklärungswert besitzt, liefert das Konzept des Attraktors zusätzlich ein vielfältiges Instrumentarium, mit welchem dieses Phänomen genauer analysiert und auch quantifiziert werden kann. Das selbe kann über deterministisches Chaos gesagt werden, das sich eben nicht im Beispiel des Flügelschlags des Schmetterlings erschöpft.

Gerade die Nutzung von eben solchen Rahmenwerken in fundierter und anspruchsvollerer Weise stellt den von Strunk und Schiepek präsentierten Ansatz auf eine solide theoretische und methodologische Basis, wodurch er sich von anderen Veröffentlichungen in diesem Bereich abhebt.

Dies mag auch erklären, warum der Titel "Systemische Psychologie" in Bezug auf die nachfolgenden Inhalte anfangs etwas ungewohnt anmutet. Im Kontext der Psychologie ist systemisch unweigerlich mit einem soziologischen Zugang in Anlehnung an Luhmann verbunden, der seinerseits bei der Entwicklung seiner Theorien Sozialer Systeme auf naturwissenschaftliche Erkenntnisse zurückgegriffen hat. Weiters sind "systemisch" und artverwandte Termini in den 90er Jahren zu Modewörtern avanciert, was zu deren inflationärer Verwendung und einer zunehmenden Entfernung vom ursprünglichen Inhalt geführt hat. Strunk und Schiepek grenzen sich nun bewusst gegenüber diesen Zugängen ab und wählen einen ursprünglicheren Ansatz, der einerseits ohne Umwege über die Luhmannsche Theorie auf soziale Systeme zugreift und andererseits diese auch wieder mit operationalisierbaren Inhalten füllt. Ohne hier auf ein "besser" oder "schlechter" eingehen zu wollen, kann doch gesagt werden, dass Strunk und Schiepek gekonnt aufzeigen, dass auch ein anderer Entwurf der "Systemischen Psychologie" existiert.

Abschließend kann gesagt werden, dass über den Sinn und Unsinn der Anwendung naturwissenschaftlicher Theorien in Geistes- und Sozialwissenschaften viel diskutiert wurde und auch noch diskutiert werden kann, dieses Buch aber einen Schritt in die richtige Richtung darstellt, indem es über reine analogische Erklärungsversuche hinausgeht und sich vermehrt auf die ursprünglichen Theorien und dazugehörigen Instrumentarien konzentriert. Dabei ist es gemessen an dem behandelten Theorienkomplex, der nun mal zu den anspruchsvolleren gehört, noch durchaus so aufgebaut, dass es verständlich und interessant zu lesen ist. Ich lege dieses Buch allen ans Herz, die sich mit dem Phänomen Nichtlinearer Dynamischer Systeme näher beschäftigen oder ihr Verständnis der "klassischen" Psychologie erweitern möchten.

Michele Griessmair, Wien