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Netzwerke 3 / 2007 (Sept. 07)

update: 03-Nov-2007

INHALT


EDITORIAL  

Liebe Mitglieder!

Für diejenigen unter Euch, die sich mit mir darüber freuen: die lähmende Sommerhitze liegt hinter uns, das verlangsamte Schleichen in den Straßen von Schattenseite zu Schattenseite hat ein Ende. Der Herbst ist da, endlich! Und der bringt als hoffentlich erfreuliche Begleiterscheinung, neben dem weniger erfreulichen Anlaufen des üblichen Arbeitsgetriebes, auch die neuen netzwerke, prall gefüllt mit viel Inhalt. Wir haben diesmal einige längere Beiträge, dazu ein paar Worte: es ist uns bewusst, dass das Lesen längerer Texte nicht unanstrengend ist und die netzwerke sich genau dadurch von Fachzeitschriften unterscheiden, dass sie kurze, gut und schnell lesbare Beiträge beinhalten, die keine Fachartikel sind. Das sollen die netzwerke auch bleiben: eine handliche Zeitung, die man gerne und ohne allzu großen Konzentrationsaufwand zum Essen oder in der U-Bahn durchliest.

Gleichzeitig freue ich mich sehr über Texte, in denen sich die AutorInnen die Mühe machen, sich auf interessante Weise mit komplexen Inhalten auseinanderzusetzen – das braucht oft seinen Raum und ist nicht mit ein paar Sätzen abgetan. In diesem Heft haben das Joachim Hinsch und Sabine Klar getan, die ihre Positionen zum Thema Hirnforschung darlegen. Es möge sich aber dadurch niemand abschrecken lassen uns kurze Beiträge zu schicken, an denen er oder sie nicht tagelang herumgefeilt hat. Ansonsten gibt es leider wieder zwei Nachrufe, einen auf den im Juni verstorbenen ÖAS-Kollegen Christian Glazar von Gerda Mehta, einen zweiten, mehrstimmigen (Eugene Epstein, Harry Goolishian und Corina Ahlers) auf Tom Andersen. Weiters findet sich ein aktuelles Studentenfutter von Dominik Rosenauer, sowie Reaktionen auf jenes aus den letzten netzwerken. Außerdem viele interessante Literaturtipps - vielen Dank an alle AutorInnen, die uns auf neue oder ältere, lesenswerte Bücher aufmerksam machen. Katharina Hinsch hat eine spaßig-böse Version von Ulrich Clements Sexualtherapie verfasst und wagt damit auch einmal eine kritische Auseinandersetzung, die im systemischen Feld, das sich – wie mir vorkommt- sonst tendenziell eher durch einen gewissen Hang zur Verehrung und männlichen Gefolgschaft auszeichnet, nicht so häufig ist. Wunderbar! Ich schließe mich mit einem kleinen Reim, auf den ich in einem Soziologielehrbuch aus dem Jahr 1984 von H. P. Bahrdt gestoßen bin, der kritischen Stimmung an und hoffe, er amüsiert Euch ebenso:

Ein Kollege, einst ein Rebell, sagt: „Alles ist strukturell. Man lebt in Systemen. Was soll ich mich schämen?“ Der Kerl arrivierte sehr schnell.

Ich hoffe, wir sehen uns bei der Generalversammlung am 13. Oktoberoder beim Punschtrinken am 13. Dezember!

Verena Kuttenreiter


Um uns den Ablauf zu erleichtern, ersuchen wir alle, die uns redaktionelle Texte für die Netzwerke schicken, diese bitte ausschließlich an Verena Kuttenreiter zu mailen: v.kuttenreiter@gmx.at Für alle Anliegen und Termine der Regionen, sowie für Inserate ist Elisabeth Gmeiner unter office@oeas.at zuständig. Danke!

Redaktionsschluss der nächsten Netzwerke ist am 5. Dez. 2007.


BERICHT DES OBMANNS

Der größte Brocken dieses vergangenen Jahres ist geschafft: Wir haben ein neues Buchhaltungsprogramm mit integrierter Datenbank. Dieser Satz klingt so banal, ist aber mit der finanziellen Umstrukturierung in Zentrale, Region West (Ausbildungen in Salzburg, Graz, Innsbruck) und Region Ost (Ausbildung Wien) verbunden, außerdem mit beträchtlichen Geldausgaben, die wir uns aber mit dem Ersparten leisten können. In Zukunft ist es nicht mehr nötig, Eingänge und Ausgänge doppelt und dreifach zu verbuchen, sondern mit einem Mal. Das allerdings bedeutet für das Sekretariat und die Buchhaltung Einschulung und Umstellung, die den dreien sicherlich einiges an Nerven kosten werden. Also bitte ich um Geduld und Verständnis, wenn in nächster Zeit einige Pannen passieren werden. Letztlich wird alles besser. Diese Umstellung ist einfach notwendig geworden, weil wir in einem atemberaubenden Tempo wachsen, was ja auch ganz wunderbar ist.

Apropos wachsen: In Innsbruck und Wien starten jetzt im Herbst je ein neues Ausbildungs- Curriculum. In Wien haben Susanne Klingan und Traude Tauber mit der Ausbildung zur Lehrtherapeutin begonnen. Susanne und Traude werden die Ausbildung sehr bereichern. Ich freue mich sehr, bei welchem prächtigen Verein ich Obmann sein darf, wie viele an einer Ausbildung bei uns interessiert sind.Wir sind Mitglied der Systemischen Gesellschaft, mit der wir ja schon seit einiger Zeit die „systeme“ gemeinsam herausgeben, geworden. Dieser Anerkennungsprozess war nicht ganz einfach, ist aber dank des Einsatzes von Corina Ahlers und Tom Levold gelungen. Diese Mitgliedschaft bedeutet, dass wir jetzt mit deutschen und schweizer Instituten, die Mitglied der SG sind, in einen regen Austausch kommenDas Anerkennungsverfahren in der ÖVS (Österreichische Vereinigung für Supervision) hat begonnen: Wir haben den Antrag gestellt, er wirddort jetzt in den betreffenden Gremien bearbeitet. Bei der nächsten Ausbildung könnten wir eventuell schon Kandidat der ÖVS sein.SFU: Es gibt noch immer keinen Vertragsabschluss, die Verhandlungen bewegen sich aber sehr konstruktiv. Es bleibt dabei: Wir machen fachlich kein anderes Curriculum dort, sondern halten uns streng an die Richtlinien der jetzigen Ausbildung. Nur organisatorisch müssen wir uns umstellen, weil die SFU eine Universität und keine Ausbildungsstätte ist, wie es die Vereine darstellen.Was sich auch bewegen wird, ist die homepage: Sie wird demnächst ein kräftig anderes Gesicht bekommen. Dank Ipodion (der Firma, die soetwas kann), Liesi Gmeiner, Margret Wantoch und Andrea Brandl- Nebehay wird sie – so hoffen wir – übersichtlicher werden. Auch sie istso gewachsen, sodass man die Struktur ändern musste.Dominik Rosenauer hat seine Arbeit als Wiener Kandidatenvertreter zurückgelegt, weil er im Vorstand des ÖBVP Kassier geworden ist - herzlichen Glückwunsch. Ich hoffe, dass deine neue Tätigkeit dir dennoch Zeit lässt, dich hier in den „netzwerken“ weiter zu positionieren und mitzuarbeiten. Glückwunsch auch seinem Nachfolger Andreas Hainz und dem Stellvertreter Johannes Gutmann zur Wahl der neuen KandidatInnenvertretung (KFO) beim ÖBVP.Den vielen Aktiven ein herzliches Danke. Alles Weitere und vieles mehr auf der Generalversammlung am 13. Oktober.

Joachim Hinsch


EINLADUNG

zur
GENERALVERSAMMLUNG

am Samstag, 13. Oktober 2007

ab 13.30 Uhr, in der ÖAS Wien Gonzagagasse 11/19, 1010 Wien

Tagesordnung der Generalversammlung:
 

~ Begrüßung und Feststellung der Beschlussfähigkeit

 

~ Bericht des Obmanns

 

~ Berichte aus den Regionen:

Wien - Salzburg - Steiermark - Kärnten - Tirol - Vorarlberg

 

~ Bericht der Kassierinnen

 

~ Bericht der Rechnungsprüfer

 

~ Entlastung des Vorstandes

 

~ Allfälliges


NACHRUFE
Christian GLAZAR (11.7.1961 - 6.6.2007)

Christian Glazar ist verstorben. Er war ÖAS Student von C7 - jemand mit Bootsführerschein für die Donau und auch fürs Leben. Er hat intensiv gelebt; kein einfacher Weg war hinter ihm und vor ihm. Es gab große Ideen, viele Pläne und so manche Versuche, den Durchbruch immerwieder zu schaffen. Mit Freundlichkeit, Sensibilität und Verstehen für komplizierte Menschen hat er psychotherapeutisch und pädagogisch, kreativ, aber vor allem menschlich berührt und begleitet. Die schwierigsten Klienten und vor allem Kinder und Jugendliche wurden von ihm angenommen und haben mit seiner Begleitung Wege aus ihrer Situation gefunden. Alle möglichen Tricks sind ihm eingefallen, damit die Jugendlichen und Kinder stolz auf sich selber werden konnten, egal, wie schrullig sie ihr Leben sonst führtenund er ließ sich viel einfallen, damit ihre Bedürfnisse erfüllbar wurden.

Vor ca. 5 Jahren hatte er kurz nach seiner Listeneintragung eine schwere Krise. Er verbrachte viele Wochen in der Intensivstation. Davon konnte er sich wieder erholen. Diesmal wurde eine Magenblutung im Spital zwar gestoppt, Anfang Juni ist er gestorben. An seine einzigartigen Videobänder über Psychotherapien mit Kindern, von denen man so viel Feinfühligkeit lernen konnte und an viele Gespräche über Gott und die Welt, werden sich viele, nicht nur C7- Kolleginnen und Kollegen, die mit ihm Supervision von Kindertherapien genossen haben, erinnern. Wir werden uns auch an ihn erinnern als jemanden, der es anderen leichtmachen wollte, wenn er selber es allerdings nur selten leicht hatte.

Gerda Mehta


Tom Andersen  (1936 - 2007)

Er gibt den Geist der Zeit, in dem Tom Andersen wirkte, am besten wieder, deshalb bringe ich den englischen Nachruf von Eugene Epstein und menge mich auf Deutsch dazu. Eugene wurde bei Harry Goolishian ausgebildet und ist bis heute einer der uneingeschränkten Vertreter des Kooperativen Ansatzes (collaborative systems approach) und des Reflektierenden Teams.

“In thinking about Tom, I think back to the mid 80’s in Houston and Tom’s visits to Harry and our group at Galveston Family Therapy Institute. I think about bacchanalian parties at Harry’s house in Galveston (ich selbst konnte Harries Einkauf im texanischen Supermarkt miterleben, einige Fünfliterflaschen Whiskey und ein wunderbares Roastbeaf), the conferences where we romped about drinking, conversing about therapy and laughing together like fools.

The long and intense discussions about therapy, ethics, philosophy, god and the world, Harry’s chuckling at Tom’s slow and carefully phrased dry snippets of irony and wit ( die beiden waren wirklich Gegensätze im Tempo) I don’t want to sink intosentimentality, but I do think about some very moving therapy talks I observed with Tom over the years. He turned Harry’s advisory “If youwant therapy to proceed quickly, then you must ‘go slow’” into an art form, demonstrating that there are no limits to just how slow ‘going slow’ can be! (Ich konnte das auch erleben und dabei lernen, meine eigeneUngeduld zu zähmen)

I think about Tom the philosopher, talking about inspirations and expirationsin rather pious tones, and Tom the party animal, blowing (expirating?) into the ear of one or the other young and pretty party-goer. Hecame from another generation of therapists - ambitious, idealistic, and willing to take risks and be different. His ideas moved some theoreticaland therapeutic mountains in my opinion, and they did so without gently,without openly fighting or pushing. He wasn’t an angel, though in front of a crowd I thought he sometimes tried to act like one (stimmt genau, und hinter dem Engel ein klitzekleiner norwegischer Teufel versteckt, der die Ironie der Heiligkeit verkörpert).He possessed a very important set of beliefs and ideas, an importantlink in a small and rather tenuously held together community ofideas. I am sad at his loss and I will miss him. Many centuries ago, in the long darkness of the Alaskan winter, theYupiit Eskimos said that when one among them dies, it is the beginning of a sweet, infinite journey on a beautiful underground river. But there isdanger along the way. The departed person’s kayak can get caught in one of the vicious currents and be trapped forever in one of the eddypools near the riverbanks. The traveller has no power to guide the kayak. Only those who remain behind can keep the kayak in the center of the river, safe from the dangerous currents and eddies. They do this by the words they speak and the thoughts they hold about the one who has leftthe common house. In this way, for more than 10,000 years the Yupiithave avoided the end of the world. Tom comes from a part of the world not unlike that known to the Yupiit.I can picture him getting into his kayak in the long darkness of the northern norwegian winter, leaning back and smiling as we guide him alongon his sweet and infinite journey."

Eugene Epstein (kommentiert von Corina Ahlers)


POSITIONEN

Zum Thema: GEHIRNFORSCHUNG

Soll man sich um die Ergebnisse der Neurobiologie kümmern? von Joachim Hinsch

Die Ergebnisse der Neurobiologie sind beeindruckend. Das ist für mich keine Frage. Offen ist nur die Verwendung dieser Forschung in der Psychotherapie: Soll man die „Bildgebenden Verfahren“, mit denen Veränderungen im Hirn unter experimentellen Bedingungen nachweisbar werden, zur Messung des Wertes der Psychotherapie nutzen und damit analog der akademischen Psychologie den Versuch wagen, Psychotherapie als Naturwissenschaft zu etablieren, damit auch das Wagnis eingehen, Psychotherapie in einen Vergleichskampf mit chemischen Verfahren zu hetzen? Diese Ideen haben sicherlich – auch wenn sie uns PsychotherapeutInnen den Boden unter den Füßen wegzögen – einige bestechende Argumente für sich, leiden aber an so schweren methodischen Mängeln und Vermischung logischer Ebenen, dass wir uns in absehbarer Zeit ohnehin nicht fürchten müssen. Die Hirnforschung kann streng genommen nur Beziehungen zwischen neurophysiologischen Parametern untersuchen, aber nicht erklären, warum aus neuronalen Erregungen Empfindungen oder Gedanken entstehen. Aber es gibt einen anderen Aspekt, den wir SystemikerInnen seit Ciompi zunehmend beachten; dass Probleme nicht nur eine Folge bestimmter Kommunikationen und Geschichten sind, dass wir also nicht nur aus der Geschichte bestehen, die wir über uns erzählt bekommen und über uns erzählen. Ob wir es wollen oder nicht: Der Mensch ist auch – und das in einem sehr großen Maß - Tier. Unser Denken und Wahrnehmen ist nicht nur von den bewusstseinsfähigen Regionen des Hirns bestimmt, sondern unter anderem auch von Stammhirn, Hypothalamus und limbischem System. Somit unterscheiden wir uns in wesentlichen Bereichen nicht sonderlich von den anderen Primaten. Und da gilt, wie Roth sagt, bei Primaten wie bei sämtlichen anderen Lebewesen: „Primär hat ein Nervensystem keine andere Aufgabe, als alle Veränderungen der äußeren Welt, die zu Störungen der inneren Ordnung des Organismus führen, abzuwenden oder auszugleichen, Bedrohungen der inneren Ordnung immer frühzeitiger wahrzunehmen, Veränderungen der äußeren Welt immer besser abzuschätzen und immer spezifischer auf derartige Bedrohungen zu reagieren“. Dieses Nervensystem muss beim Menschen besonders gut ausgebildet sein, weil die Menschen bei der Verteilung ökologischer Nischen zu kurz gekommen sind, nehmen mus- sten, was übrig geblieben war - die Savanne. Diese Besonderheit führte zur unbedingten Notwendigkeit zu lernen, um überleben zu können: Sozialisation ist Lernen, und Lernen verändert das Hirn. Die vor einiger Zeit entdeckte Neuroplastizität des Hirns, das Neuverzweigen der Nervenzellen durch Lernen/Handeln geht bis ins hohe Alter, endet nicht in der Kindheit. Das Hirn wächst, wenn der Mensch lernt, es verkümmert, wenn er nicht lernt. Daher gilt die Maxime: Lerne, was du nicht kannst (wenn du eher die rechte Hand bevorzugst, nimm auch die linke, wenn du eher emotional reagierst, versuche die Ratio einzuschalten und umgekehrt)! Lass liegen, worin du schon eine gewisse Meisterschaft besitzt, und wage dich an Neues! Ein kleines Beispiel hat mich von diesem Gedanken überzeugt: Nach einem Schlaganfall, der die rechte Hand lahm legt, wird nicht mehr versucht, die Kompetenz der linken Hand zu steigern, um so die Patientin zu rehabilitieren. Im Gegenteil wird die linke Hand auch noch lahm gelegt, wodurch die rechte Hand wieder aktiviert wird und sich infolge der Neuroplastizität des Hirns neue Verbindungen aufbauen. Wir haben Lernen immer viel zu viel als Wissenserwerb begriffen. Es lernt aber nicht nur der kognitive Apparat, nicht nur die bewusstseinsfähigen Regionen, die dünne Schicht der grauen Zellen der Hirnrinde, sondern das ganze Hirn. Alle Erfahrungen sind Lernprozesse unterschiedlichster Bereiche des Hirns. Dieses Erlernte bestimmt wiederum die Wahrnehmung und damit das Verhalten. Die nicht bewusstseinsfähigen Regionen lernen eben auch und signalisieren dem Cortex, was immer sie gelernt haben. Wie Roth an anderer Stelle ausführt, erscheint dabei „das bewusst planende Ich als der Lenker: Ich fühle mich in meinen Entscheidungen frei, eingeschränkt höchstens durch Zeitdruck, Vorschriften und emotionale Erregung.“ Das Gefühl der bewussten Verhaltenssteuerung ist aber – laut Neurobiologie - eine Illusion, Verhalten werde durch Unbewusstes vorbereitet und festgelegt. Laut Roth sieht die Neurobiologie folgende Ideen als gesichert: Die limbischen Zentren bewerten alles, was durch uns und mit uns geschieht: ob etwas bekannt, vorteilhaft, lustvoll, sinnvoll zu wiederholen oder unbekannt, schmerzhaft und zu vermeiden ist. Alle Handlungsentscheidungen werden im Licht vergangener emotionaler Erfahrungen getroffen. Neugier, Belohnungserwartung, Freude, Furcht, Abneigung bei bekannten Dingen, Vorsicht und Umsicht und der Befehl, etwas zu tun, was aufgrund früherer Erfahrungen sinnvoll erscheint, werden durch dieses Bewertungssystem erzeugt. Das Gehirn kann zwar über seine Sinnesorgane durch die Umwelt erregt werden, diese Erregungen enthalten

jedoch keine bedeutungshaften und verlässlichen Informationen über die Umwelt. Die Wirklichkeit ist ein Konstrukt des Gehirns. Die Erfahrung, ein autonomes, subjektives Ich zu sein, beruht auf Konstrukten, die im Lauf unserer kulturellen Evolution entwickelt wurden. „Freie Entscheidungen“ seien demnach nachträgliche Begründungen von Zustandsänderungen, die ohnehin erfolgt wären. Nach Hüther gingen Neurobiologen lange davon aus, dass ältere Bereiche des Hirns wie Stammhirn, Hypothalamus und limbisches System bei allen Primaten normalerweise immer gleichmäßig funktionieren. Über die „bildgebenden Verfahren“ wurde aber klar, dass diese Bereiche sich verändern, wenn Probanden ihre Aufmerksamkeit auf unterschiedliche Bereiche lenken oder sich frühere Erfahrungen bewusst in Erinnerung rufen. Aufmerksamkeit hat eine Vorerregung in den mit Aufmerksamkeit bedachten Feldern zur Folge. Das Bewusstsein spielt also eine große Rolle. Aber wo entsteht das Bewusstsein? Das stellt Wissenschaftler, wie Hüther ausführt, vor ein unlösbares Dilemma: denn man kann ja nicht subjektiv gesteuerte Prozesse objektivieren. Bewusstsein ist zwangsläufig das Ergebnis eines kognitiven Lernprozesses. (Das im Gehirn erzeugte Selbstmodell des „Ich“ lässt sich als eine Eigenrepräsentation verstehen, bei der die so generierte Vorstellung des „Ich“ als eigenständiges Objekt wahrgenommen wird). Bewusste Willensentscheidungen, Unterscheidungen, Wahrnehmungen und bewusstes Erleben der eigenen Identität sind, so Hüther, in hohem Ausmaß durch andere Personen beeinflussbar. Der Grad an Bewusstheit oder die Bewusstseinsstufe, die ein Mensch entwickeln kann, ist abhängig von dem Bewusstsein, das in der Welt der Erwachsenen herrscht, in die ein Kind hineinwächst. Bewusstsein ist daher eine Kulturleistung und der Ort, an dem das Bewusstsein entsteht, nicht das Hirn, sondern die Gesellschaft. Dieses Verständnis sei vergleichbar mit dem Entstehen der menschlichen Sprache. Zwar braucht es dafür bestimmte Zentren im Gehirn, aber das Verstehen entsteht dadurch, dass Eltern normalerweise mit ihren Kindern reden. Je nachdem, wie viel und wie komplex dieser verbale Austausch ist, werden auch die betreffenden Hirnregionen mehr oder weniger komplex herausgeformt. Diese Ideen Hüthers lassen sich gut mit der Systemtheorie Luhmanns und den drei Systemen (organisches, kommunikatives, psychisches System) verbinden. Das Bewusstsein in der Auffassung Hüthers entspräche dann dem psychischen System, wo Erleben und Gedanken aneinander anschließen. Das organische System wären hier bestimmte Hirnareale, die das Bewusstsein ermöglichen und Regionen des Hirns, die dieses Bewusstsein emotional färben. Kommunikationen, aus denen sich das kommunikative System ergibt, schließen an dominante und weniger dominante Diskurse und Umweltbedingungen an, auf die sich das Individuum bezieht. Die Gesellschaft liefert also quasi das Material, an das Kommunikationen anschließen können. Organisches und kommunikatives System verstören das Bewusstsein, das autonom auf diese Anstöße reagiert. Das Bewusstsein und damit die Aufmerksamkeit verstören wiederum das organische (das dann wieder neu lernt, neue synaptische Verbindungen herstellt) und das kommunikative System. Diese reagieren wiederum autopoietisch und verstören wiederum das psychische System, das Bewusstsein, usw. Hüther sagt also, dass die gesellschaftlichen Bedingungen - die Kultur - das Bewusstsein entsprechend den Möglichkeiten der betroffenen Hirnregionen konstituieren. Ein System kann dabei das andere nicht instruieren, sondern nur anstoßen. Das Bewusstsein reagiert dann entsprechend seiner Struktur, z.B. seiner Vorerfahrungen. Dasselbe gilt dann für die Beziehung zwischen Bewusstsein und Organismus. PsychotherapeutInnen haben es mit diesem Bewusstsein zu tun: dem eigenen und dem ihrer KlientInnen. Dieses Bewusstsein verändert sich dann in Relation zur jeweiligen Umwelt, zur jeweiligen Interaktion, kann so wie Identität nicht als Entität sondern nur als relational verstanden werden, weil die jeweilige Interaktion die Aufmerksamkeit wiederum lenkt. Das Bewusstsein ist also in einer Sandwich-Position: hier die Bewertungen der Gesellschaft, des Kontextes, denen sich das Individuum anschließt, dort die nicht bewusstseinsfähigen Regionen, die ununterbrochen aufgrund der Erfahrungen, des Erlernten und der jeweiligen genetischen Ausstattung feuern. Aus dieser Sandwich-Position zwischen Gesellschaft und Organischem ergibt sich zwingend die Aufmerksamkeit auf ein bestimmtes Gefühl. Erst in einem weiteren Schritt kann die bewusste, willentliche Entscheidung fallen, die Aufmerksamkeit auf ein Gefühl zu richten, das auch der Situation entspricht aber andere Handlungsmöglichkeiten eröffnet. Ein banales Beispiel: Ich habe mir gerade einen Gebrauchtwagen gekauft, der bei der ersten Fahrt ins Ausland kaputt ging, die Dieselzufuhr war geplatzt. Das Diesel spritzte, das Elend war perfekt, besonders als sich herausstellte, dass die Ersatzteile nicht verfügbar waren. Ich fühlte mich als Opfer der Situation, des Verkäufers und der Werkstatt. Dieses Verstehen hätte jetzt meine Stimmung und den Urlaub verdorben. Die bewusste Entscheidung, mich gegen diese Opferhaltung zu wehren, ließ mich sehr schnell umdenken, mich wieder auf den Urlaub freuen und neue Möglichkeiten entdecken, das Auto irgendwie zu managen. Ich war erleichtert. So können wir – manchmal nur mit Hilfe einer PsychotherapeutIn – unsere Aufmerksamkeit auf andere Gefühle lenken und damit den Gefühlen ihren zwingenden Charakter nehmen. Damit ist Willensfreiheit – zumindest in einem gewissen Ausmaße - wieder gegeben. Die Neuroplastizität ermöglicht lebenslange Veränderungen der neuronalen Strukturen, Veränderungen im organischen System und damit Verstörung des psychischen Systems, des Erlebens. Also hilft es, neue Erfahrungen zu machen, den KlientInnen zu helfen, sich bei Ängsten und Traumata nicht für das Denken, Fühlen, Handeln des verletzten oder traumatisierten Kindes, seiner schmerzhaften Erfahrungen in der Vergangenheit - zu schämen, es nicht weiter abzulehnen sondern ihm – diesem Kind - durch sich selbst und andere Akzeptanz, Trost und Wärme zu geben. Dabei kann nur im kommunikativen System, also im Hier und Jetzt die Voraussetzung für neue Erfahrungen geschaffen werden, aber diese kann die alte Erfahrung eventuell erweitern, neue neuronale Verbindungen herstellen, wenn es auch heißt: die Amygdala vergisst nie. Weitere Folgerungen für die Psychotherapie:

• Wenn man in ein Problem verwickelt ist, beobachtet man hauptsächlich sein eigenes Denken. Hilfreich scheint es aber auch, nicht nur sein Denken sondern auch sein Verhalten zu beobachten (unabhängig von dem, was ich darüber denke, wie verhalte ich mich eigentlich) und die Körperhaltung, da das Verhalten weniger der Kontrolle des kognitiven Apparates unterliegt und stärker von den nicht bewusstseinsfähigen Regionen organisiert ist. Beobachtungsaufgaben könnten sich also ganz stark auf die Selbstbeobachtung des Verhaltens beziehen.

• Wenn Verbote von Eltern bei einem Kind nicht bewältigbare Angst auslösen, stellt es im weitesten Sinn für die Existenz dieses Kindes eine Gefahr dar, wenn ein Verbot aber neue Lernprozesse ermöglicht, ist es für die Weiterentwicklung, für das Initiieren von Lernprozessen hilfreich und wichtig.

• Wir können uns sinnvoller Weise immer nur um die Herstellung günstiger Randbedingungen für Veränderung bemühen, wie Ludewig betont. Diese günstigen Randbedingungen sollten aber in stärkerem Ausmaß, als wir es bisher gesehen haben, die leidvolle Geschichte der KlientIn berücksichtigen, akzeptieren, dass längst vergangene Erfahrungen noch immer für die KlientIn aktuell sind, das limbische System sich aus seinen Lernerfahrungen in die Bewertung des Jetzt kräftig einmischt. PsychotherapeutInnen sollten immer versuchen zu bedenken, unter welchem neuronal gesteuerten Einfluss das Bewusstsein der KlientIn steht. Bücher und Artikel, auf die ich mich hier beziehe: Fischer H R (2004) Neurobiologie und Psychotherapie - Lost inTranslation? Ein kritischer Überblick zur neueren Literatur in Familiendynamik, Heft 4 Hirn – Psyche – Bewusstsein, Klett-Cotta , Stuttgart, S. 363-403 Roth G (1994) Gehirn und Wirklichkeit. Frankfurt, Suhrkamp Hüther G (2005) Bedienungsanleitung für ein menschliches Gehirn, Vandenhoek & Ruprecht, Göttingen Hüther G (2006) Wo genau passiert es? Die vergebliche Suche der Hirnforscher nach der Region im menschlichen Gehirn, in der dasBewusstsein entsteht. In: die Drei, mercurial-publications,Frankfurt/Main, S 52-60 Ludewig K (2005) Einführung in die theoretischen Grundlagen der systemischenTherapie, Heidelberg, Carl Auer Joachim Hinsch

Antwort von Sabine Klar auf Joachims Beitrag

Joachim benennt hier, was er aus den Ergebnissen der Neurobiologie für die therapeutische Arbeit gewonnen hat. Vieles davon kann ich nachvollziehen, ja es freut mich sogar, dass nach all diesen Jahren der Fokussierung auf Sprachliches dem Biologischen und damit dem Körper und seinen Verarbeitungs- und Ausdrucksformen wieder mehr Aufmerksamkeit gegeben werden soll. Was mich ein wenig überrascht ist, dass es zu einem so späten Zeitpunkt geschieht – ich frage mich: Warum gerade jetzt? Was lässt dieses Interesse, das von der Erkenntnislage zumindest seit den 80er Jahren, wenn nicht schon viel früher, möglich gewesen wäre, zum jetzigen Zeitpunkt so faszinierend erscheinen? Soviel ich noch aus meinem Studium der Ethologie, das auch die Neuro- und Sinnesphysiologie einbezog weiß, hat sich am Grundverständnis neuronaler Verarbeitungsformen inhaltlich seitdem recht wenig verändert – was sich verbessert hat, sind u.a. die bildgebenden Verfahren. Man „sieht“ also genauer, wo und wann das Gehirn aktiv ist. Und das macht mich ein wenig misstrauisch. Wollen wir uns wieder „ein Bild machen“? Sind wir wieder auf der Suche nach „Objektivität“? Wollen wir wieder wissen, was „wirklich“ wirkt? Wollen es unsere Auftraggeber (z.B. der medizinische Kontext, die Krankenkassen) wieder wissen? Und was bedeutet das für den Freiraum der Psychotherapie innerhalb all des verbreiteten Geredes über „Funktionalität“? Doch zuvor möchte ich ein paar kurze Bemerkungen zum „menschlichen Tier“ machen. Als Ethologin teile ich Joachims Meinung natürlich: Menschen sind auch Tiere, keine Frage. Ich habe allerdings den Eindruck, dass sie aus der Sicht der Neurobiologie eher als „Gehirne“ erscheinen. Das „menschliche Viech“, so wie wir es in unserem IAM-Konzept (http://iam.or.at//) verstehen, ist weit mehr als bloß die diversen Stammund Mittelhirnbereiche, die unter der Rinde ihre subversiven Aktivitäten entfalten. Das „Viech“ ist eine Verarbeitungsdynamik, die sich in einem ganzen Körper vollzieht, der etwa auch vom endokrinen System massiv beeinflusst wird. Der Fokus auf die genannten Hirnbereiche ist einfach ein sehr reduktionistischer. Die zitierte Meinung von Roth, Menschen seien bei der Verteilung ökologischer Nischen zu kurz gekommen und hätten deshalb lernen müssen, empfinde ich aus ethologischer Sicht als sehr fragwürdig. Zum einen werden ökologische Nischen nicht verteilt, sie bleiben auch nicht übrig. Tiere versuchen unter bestimmten Gegebenheiten zu überleben und schaffen sich damit gleichzeitig auch die Gegebenheiten, unter denen sie das können. Nische und Tier stehen in einem Interaktionszusammenhang. Außerdem ist die Savanne ein nicht so schwieriges Umfeld, dass es unbedingt dieses Maß an Lernen hervorrufen hätte müssen. Ich möchte wieder einmal die lästige Bemerkung machen, dass das alles nichts Neues ist – und in diesem Zusammenhang nicht nur auf die Ethologie oder auf Freud´s Unbewusstes verweisen, sondern v.a. auf den aus meiner Sicht von der Psychotherapie viel zu wenig beachteten Friedrich Nietzsche, der meinte, das „höhere Selbst“ des Menschen sei der Leib – dieser produziere in seinem Interesse alles was sonst als so spezifisch menschlich gelte – das „Ich“ z.B.: „Hinter deinen Gedanken und Gefühlen (…) steht ein mächtiger Gebieter, ein unbekannter Weiser - der heißt Selbst. In deinem Leibe wohnt er, dein Leib ist er. (…) Dein Selbst lacht über dein Ich und seine stolzen Sprünge. »(…) Ich bin das Gängelband des Ichs und der Einbläser seiner Begriffe.«.“ (F. Nietzsche: Also sprach Zarathustra, Reclam, S. 33f). Natürlich halte ich das, was die Neurobiologie herausfindet für wichtig, nur teile ich manche der Schlussfolgerungen nicht, die sie zieht – oder vielleicht besser jene, die sie in der Öffentlichkeit vertreten. Ich habe darüber hinaus den Verdacht, dass diese Schlussfolgerungen Teil eines dominanten Geredes über Menschen sind, das dabei hilft, bestimmte gesellschaftliche Gegebenheiten aufrecht zu erhalten. Die „Neuroplastizität“ etwa, simpel formuliert: wir sind durch unsere Amygdala und unser limbisches System festgelegt, doch wenn wir „lebenslang lernen“, können wir diese Festlegung überwinden. Heißt das jetzt, dass wir keine Gewohnheiten mehr haben dürfen, dass wir manche Übungen, die sich oft über Jahrzehnte immer wieder gleich vollziehen und gerade daraus ihren Wert schöpfen (z.B. Zen, japanische Kampfsportarten), nicht mehr machen sollen? Geht es um „Neues um jeden Preis“ – vor dem Hintergrund der Angst, sonst zu erstarren? Womit ich große Schwierigkeiten habe, ist das aus meiner Sicht potentiell ohnmächtige Menschenbild, das es sowieso bereits als dominantes Gerede gibt und das durch die Interpretationen der Erkenntnisse der Neurobiologie nun noch mehr gefördert werden könnte. Joachim beschreibt es metaphorisch als „Sandwichposition“ – da ist zum einen die nunmehr „objektiv“ durch Bilder beweisbare Festgelegtheit durch neuronale Bahnungen, da ist zum anderen das uns als SystemikerInnen schon bekannte angebliche Aufgelöstsein der Person im Gerede (Stichwort relationale Persönlichkeit). Bewusstsein kommt im Hirn eigentlich immer zu spät (es tritt erst hinzu, wenn die Verarbeitung und Bewertung bereits erfolgt ist) – oder es gilt als Kulturleistung und im hohen Grad durch andere Menschen beeinflussbar. Ich behaupte einmal in einer durchaus narrativen Diktion, dass es sich bei diesen Interpretationen und Bildern über das Bewusstsein (und die menschliche Freiheit) auch um eine Geschichte handelt, die allerdings wirkt und deshalb gerade in unserem Bereich nicht unwesentlich erscheint. Demgegenüber ist es mir persönlich in meiner Arbeit und in meinem Leben wichtig geworden, das menschliche Bewusstsein eben nicht als zwischen Hirn und Gerede eingequetschten Restbereich zu behandeln, sondern als Zwischenraum (sozusagen Ort der Freiheit), den ich in Besitz nehmen kann, um mich – trotz aller Beeinflussung – letztendlich mit dem identifizieren zu können, mit dem ich mich identifizieren möchte.

Ob es diese Freiheit physiologisch oder soziologisch „gibt“ oder nicht, erscheint mir in diesem Zusammenhang dann eigentlich gleichgültig. Wenn ich glaube, dass es sie gibt, werde ich mich mit dem, was mir vorgegeben ist, auf andere Weise befassen. Wenn organisches und gesellschaftliches System das psychische System (Bewusstsein) verstören – und nicht instruieren - dann impliziert der Begriff eigentlich auch jenen der Freiheit. Bewusstsein konstituiert sich gemäß seiner Selbstorganisation – Hirn, Körper, Gerede liefern bloß das ihm vorgegebene Material, aus dem es dann das ihm Gemäße gestalten kann. Das Phänomen Bewusstsein nur als Ergebnis von neuronalen oder auch von sozialen Prozessen zu sehen, hat für mich reduktionistischen Charakter. Joachim nimmt darauf auch Bezug, wenn er betont, dass sich zwar die Aufmerksamkeit z.B. auf ein bestimmtes Gefühl zwingend ergibt (also schon vorhanden ist) – dass es aber möglich ist, sich willentlich einem anderen Aufmerksamkeitsfokus zuzuwenden, sich also mit den quasi vorgegebenen Interpretationsschienen zu identifizieren oder nicht. Mit seinen Folgerungen für die Psychotherapie kann ich deshalb gut leben – besser als mit den Interpretationen, die manche Neurobiologen und ihre Nachfolger über die menschliche Freiheit verbreiten. Aus meiner Sicht sieht es so aus: wir finden uns in einer bestimmten Lage vor, die wir auf eine bestimmte Weise wahrnehmen und interpretieren. Zu dieser Lage gehören der Zustand und die Impulse des „menschlichen Viechs“ genauso dazu wie die Umgebungsbedingungen und das diverse mitredende innere und äußere Gerede. Wenn wir uns unserer Lage und dessen, wie wir sie interpretieren bewusst werden, können wir uns dazu auf unterschiedliche Weise positionieren – wir können z.B. „glauben“, was uns unsere Bedürfnisse, Impulse und das umgebene Gerede sagen oder auch nicht. Wir können uns mit unseren Interpretationen identifizieren oder an ihnen zweifeln. Und wir können uns in dieser vorgegeben inneren und äußeren Lage für sehr unterschiedliche Dinge interessieren. Ich behaupte, dass es gerade in dem uns momentan umgebenden postmodern und neoliberalistisch geprägten Interpretationsmilieu wichtig ist, die Idee der menschlichen Freiheit zu pflegen und zu erhalten, weil wir sonst als Menschen über kurz oder lang verkauft und verloren sein könnten.

Hinweis: Wir werden diese Thematik beim TIRAM-Treffen am 10.12.07 - 18h im Anschluss an ein Kurzreferat von Michi Sit („Was Psy- TherapeutInnen übers Gehirn wissen sollten“) diskutieren und auch auf unserem Internet-Forum die Möglichkeit bieten, dazu Stellung zu nehmen (IAM-Homepage siehe oben). Sabine Klar


Repliken zum  STUDENTENFUTTER aus den Netzwerken 2/07

Antwort auf das StudentInnenfutter der letzten Ausgabe von Hedi Wagner

Lieber Herr Rosenauer, ich schätze es sehr, dass Sie Ihre persönlichen Meinung und die Kritik Ihrer KollegInnen in den ÖAS Netzwerken publizieren und stimme Ihnen auch zu, dass der Ausbildungsweg viel Ausdauer und Anstrengung erfordert, hoffe aber auch, dass Sie unterstützt wurden, eine umfassende Kompetenz für ihre zukünftige Praxis zu erwerben. Vermutlich sehe ich das Ziel unsere Ausbildung komplexer, vielleicht auch idealisierter. Systemisches Denken und die daraus resultierenden Konzepte und Methoden eignen sich ja nicht ausschließlich für die psychotherapeutische Praxis, sondern für viele psychosoziale, pädagogische und wirtschaftliche Bereiche und mir ist es ein Anliegen, den ÖAS-StudentInnen zu vermitteln, dass sie auch berufliche Kompetenzen für diese Praxisfelder erwerben. Wir wollen nicht vermitteln, dass Diagnosen verpönt oder grundsätzlich falsch oder abzulehnen sind. Wir versuchen aufzuzeigen, dass Diagnosen auch unter kontextuellen Prämissen betrachtet werden können und damit auch neue Lösungsideen entstehen. Das Psychotherapiegesetz und die Standpunkte der Krankenkassen beziehen sich vor allem auf Behandlung als krank definierter Menschen und schließen sich dabei leider nicht der sehr umfassenden und allgemeinen Definition der Weltgesundheitsorganisation an, die Gesundheit als einen Zustand vollständigen physischen, geistigen und sozialen Wohlbefindens versteht, der sich nicht nur durch die Abwesenheit von Krankheit oder Behinderung auszeichnet. Die Krankenkasse bezahlt auch im somatischen Bereich viele Behandlungen nicht, die eindeutig unserem Wohlbefinden entsprechen, sie übernimmt auch keine Kosten, wenn soziale Unzulänglichkeiten Leidenszustände verursachen (was ich in meinem Quellenberuf als Sozialarbeiterin oft als sehr ungerecht erlebt habe). Dies ist der Hintergrund, auf dem sich auch Paar- oder Familientherapie schlecht in die Codes des Gesundheitssystems einordnen lässt, obwohl sie Leidenszustände effizient beeinflusst. Ein Paar, das unter häufigen, eskalierenden Konflikten leidet, sieht möglicherweise keinen Zusammenhang mit somatischen Symptomen wie Schlaflosigkeit, Gastritis u.ä. Für den Leidenszustand einer allein erziehenden Mutter, die in einer ökonomisch engen Situation ein verhaltensoriginelles oder leistungsschwaches Kind aufzieht, erklärt sich die Krankenkasse nicht als zuständig. Für Supervision und Organisationsberatung, ein Feld in dem systemische Konzepte dominieren wird von Institutionen oder Arbeitgebern bezahlt. Die Verhandlungen mit den Krankenkassen wurden nicht von den Ausbildungsvereinen geführt, sondern von den von PsychotherapeutInnnen gewählten und damit offiziell legitimierten VertreterInnen des Berufsverbands (ÖBVP). Die haben übrigens im ersten Anlauf einen Kostenersatz von damals ca. € 31,- verhandelt (für alle Psychotherapieschulen, ohne zusätzliche Kriterien), der in einer demokratischen Abstimmung mit einer geringen Mehrheit von den PsychotherapeutInnen abgelehnt wurde. Die ÖAS als Ausbildungsverein versucht die StudentInnen mit der Vermittlung von systemischen Konzepten und Methoden zu unterstützen und mit dem Angebot von Praktika und Praxismöglichkeiten in der Beratungsstelle des VFB und des Vereins TIRAM Starthilfe zu geben. Ich denke, Einiges an der Erschwernis des StudentInnen-Weges müsste von berufspolitischen Vertretungen geregelt werden, die Ausbildungsvereine können dabei unterstützende Funktion haben. Das kann auch ruhig als Appell an die ÖAS-StudentInnen und KollegInnen verstanden werden, sich stärker für diesen Bereich zu engagieren.

Antwort auf das StudentInnenfutter der letzten Ausgabe von Corina Ahlers Lieber Herr Rosenauer, „Manche mögen´s heiß“ - Du offensichtlich auch! Ich stelle mir die Frage: Wie behandelt man heiße Themen, wenn man sich und andere nicht verbrennen möchte. Meine Antwort: Das ist wahrscheinlich nicht möglich, allerdings einen Versuch wert.

Zu den Protokollen: Gott sei gedankt, dass wir (die LehrtherapeutInnen) nicht alles überprüfen können (Gott und der Beirat müssen es können, um vor uns allen zu bestehen). Und so bleibt Euch (StudentInnen) jede Autonomie im Kontext der Ausbildung erhalten, die zum systemischen Repertoire gehört.

Zu den „diversifizierten“ KlientInnen (Paare, Familien) ein Date up in der ÖAS: Noch während meiner Amtszeit als Obfrau der ÖAS habe ich zusammen mit Gerda Mehta den ÖBVP dahingehend beeinflussen wollen, dass anerkannt wird, dass das systemische Fachspezifikum von sich aus zur Arbeit mit Familien und Paaren befähigt, was eine Zusatzausbildung als Kinder- und JugendpsychotherapeutInnen unnotwendig erscheinen lässt. Im Rahmen dieser Strategie war es für uns wichtig, nach außen zu vermitteln, dass unsere StudentInnen nicht nur Einzeltherapien mit Erwachsenen machen. Vielleicht geht diese Idee heute an den aktuellen Entwicklungen der „Ausbildungsverlängerung“ vorbei – anscheinend setzt sich die „Zusatzbezeichnung zum Kinder- und Jugendpsychotherapeuten“ im ÖBVP durch. Unser Plan war damals, die ÖAS Ausbildung durch die Diversifizierung der KlientInnenprotokolle aufzuwerten und nicht, wie ich von Dir, Dominik, rückgemeldet bekomme, sie dadurch zu verlängern. Ein weiterer Hintergrund: In Wien gilt immer noch die Handhabung, dass in Familienberatungsstellen vornehmlich SystemikerInnen angestellt werden. Begründet wird das damit, dass diese Methode am besten zur Arbeit mit Familien ausbildet. Familientherapie ist weltweit durch die Ausweitung vom Einzelnen auf das größere System (Paar, Angehörige) entstanden, erst später erfolgte die Rückkehr aufs Subjekt. Dass unsere Methode von der Krankenkasse immer noch nicht in ihrer Effektivität wahrgenommen und somit runterlizitiert wird, hat etwas mit dem professionellen Lobbyismus zu tun, der möglicherweise durch die Anpassungsbereitschaft unserer systemischen Community nicht gerade gefördert wird. Vieles ist in der Kontextualisierung von Psychotherapiegesetz und institutioneller Auslegung Systemischen Denkens und Handelns nicht kongruent mit den vollzogenen Handlungen, aber wer, wenn nicht Du, Dominik, in Deiner neu gewonnenen Funktion im ÖBVP, könnte sich mehr dafür einsetzen? Vielleicht schaffst Du es ja, einen Kreis junger, politisch interessierter KollegInnen dazu zu gewinnen?

Leserbrief - Replik auf Dominik Rosenauers Studentenfutter in der letzten Ausgabe von Sigrun Eder Dominik Rosenauer macht sich erneut öffentlich Gedanken über unverrückbare, bekannte Tatsachen. Nichts Neues also. Denn darüber haben sich bereits unzählige Auszubildende den Mund fusselig geredet. Reine Zeitverschwendung. Die Richtlinien der Ausbildung sind bekannt. Der zu betreibende Aufwand und die beruflichen Optionen ebenso. Und wer weiß nicht, dass die Ausbildungsmaschinerie für Psychotherapeuten eine dezente Affinität zum Pyramidenspiel hat? Wer etwas verändern will, braucht kluge Ideen. Wer etwas zu sagen hat, kann dies auch prägnanter tun. Dafür bietet der Journalismus Glossen und Kommentare an, um den Leser nach 20 Zeilen wieder in Ruhe zu lassen.


SEMINARANGEBOTEFREIE SEMINARPLÄTZE

Für folgende ÖAS-Seminare gibt es noch einige Restplätze:

Theorieseminar: “Die Berufspflichten der PsychotherapeutInnen mit dem Fokus auf die gesetzliche Verschwiegenheitspflicht.”

Vortragende: Dr. Paula Lanske Für StudentInnen des 2. Abschnittes kostenfrei!
Teilnahmegebühr für alle anderen: € 20,-. 
4 Stunden anrechenbar.
Termin: 11. Oktober 2007, 16-20 Uhr

Theorieseminar: “Systemische Therapie und Psychosomatik.”
Leitung: Ferdinand Wolf und Inge Frech
Termin: 12.-13. Oktober 2007

Theorieseminar: “Gendertheorien - Überblick und Relevanz für die Arbeit mit KlientInnen.”
Leitung: Gabriele Lang
Termin: 9.-10. November 2007

Für Detailinformationen und Anmeldung wenden Sie sich bitte an das ÖAS-Sekretariat Tel: 01/212 41 35, office@oeas.at


EINE KURZE UND BÖSE VERSION VON ULRICH CLEMENTS SYSTEMISCHER

SEXUALTHERAPIE

(Literatur: Clement U (2004) Systemische Sexualtherapie. Klett Cotta, Stuttgart)

Grundlegendes:

Bei sexuellen Problemen handelt es sich in der Regel um mehr oder weniger verdeckte Machtkämpfe unter Einsatz zahlreicher subtiler Strategien, die für die Partner selbst nicht erkennbar sind, weil es sich um verschleierte Strategien handelt. Der erfahrene Therapeut durchblickt das Geschehen schell, und so weiß er lange vor den Klienten, was sie fühlen und wodurch ihr Verhalten motiviert ist: Das erste Motiv besteht in dem Wunsch, gegen den anderen zu gewinnen. Hierbei verwendete Strategien sind u. a. das Täuschen, das Tarnen, die Lüge, das Geheimhalten, ein Rätsel zu sein, zu hintergehen und zu depotenzieren. Das zweite Motiv ist der Wunsch, Angst zu vermeiden. Aber ohne Angst gelingt keine Therapie. Gemeint ist natürlich die Angst der Klienten. Das Paar hält also einen balancierten Scheinfrieden mit faulen Kompromissen aufrecht und bezahlt dafür mit dem Symptom. Der Therapeut hat nun die Aufgabe, sie durch den Dschungel der Unwissenheit dorthin zu navigieren, wo die richtige Lösung liegt. Woher weiß nun der Therapeut, welche Lösung die richtige für ein bestimmtes Paar ist? Die Antwort ist denkbar einfach: weil es immer dieselbe Lösung ist!

Männer sollen lernen, ihre Dominanzwünsche wahrzunehmen und durchzusetzen und sich nicht hinter dem schlaffen, aber gutmütigen Penis zu verstecken; sie dürfen – auf sexueller Ebene – erhobenen Gliedes auch mal richtig böse sein und sollen auch dann stolz auf sich sein, wenn es keinen ersichtlichen Grund dafür gibt. Frauen sollen lernen, dass ein „Nein“ von ihnen – wozu auch immer – kein echtes „Nein“ ist, weiters sich hinzugeben und ihren Hass bzw. ihre Entwertungen nicht mit Lustlosigkeit zu tarnen. Sie sollen lernen, sexuell initiativ zu werden, statt etwas von ihrem Partner zu erwarten und ihm damit Angst zu machen bzw. ihn zu depotenzieren.

Auf den ersten Blick gleichen sowohl die Lösungen für Männer als auch die für Frauen den Wünschen vieler Männer von einst und jetzt. Auf den zweiten auch. Das macht nichts, weil die Blütezeit des Feminismus bereits erfolgreich überwunden ist. Exkurs: Der Mann und sein PenisNatürlich bin ich mir dessen bewusst, dass zum Themenkreis Penis, Potenz und Versagensangst im Rahmen früherer sexualtherapeutischer Ansätze bereits sehr viel, ausführlich, langweilig und wenig zielführend geschrieben wurde. Auch dieser Artikel soll darin keine Ausnahme darstellen, obwohl betont werden muss, dass mein Ansatz mit den früheren nichts gemein hat. Ich kann und will mich jedoch meinen Neigungen zu Gemeinplätzen, Verallgemeinerungen sowie zu mäßig interessanten und aufschlussreichen Tabellen (siehe unten) nicht verschließen. Die alten Ansätze gehen von der Idee aus: „Ich habe einen Penis, der nicht macht, was ich will.“ Die neue Idee ist nun: „Ich bin mein Penis“ oder genauer: “Ich bin mein ambivalierender Penis und trage eine boshafte Botschaft, wenn ich behaupte, leider nicht zu können.“ Dies alles gilt ebenso für die Frau bzw. die Scheide, wenn auch nicht zu 100%. Ich halte es für wichtig, das festgestellt zu haben, um zu zeigen, dass mir sehr bewusst ist, dass es neben der männlichen auch eine weibliche Sexualität gibt. Zum Ablauf:Zu den professionellen Pflichten eines Therapeuten gehört es, schon zu Beginn der Therapie klar zu machen, wer das Wissen und die Erfahrung hat (nämlich er selbst) und wer nicht (nämlich die Klienten). Dies fällt nicht schwer, da sich die Partner in der Regel naiv und harmoniesüchtig zeigen, und auf ihren tendenziell sehr oberflächlichen Konflikten bestehen. Eine weitere professionelle Pflicht besteht darin, darauf hinzuweisen, wer die alleinige Verantwortung für Veränderung und das alleinige Risiko bezüglich des Gelingens der Therapie trägt (nämlich das Paar) und wer eventuell bereit ist, Prozesskompetenz beizusteuern für den Fall, dass die Klienten bereit sind, sich unterzuordnen (nämlich der Therapeut). Der Therapeut könnte etwa folgendermaßen beginnen:

„Leider muss ich feststellen, dass Sie auf einem ganz niedrigen Differenzierungsniveau sind, doch das Gute an der Sache ist, dass ich mich zu Ihrem Glück auf einem sehr hohen Differenzierungsniveau befinde und daher, falls Ihr guter Wille dazu vorhanden ist, in der Lage bin, Ihnen zu helfen. Sie müssen damit rechnen, im Verlauf der Therapie von großer Angst überflutet zu werden und durch Schmerzen am Rande des Erträglichen zu gehen. Seien Sie trotzdem entspannt und offen, damit es nicht unnötig kompliziert für mich wird. Es darf Sie nicht verwundern, wenn ich distanziert oder gar kühl auf Sie wirke. Ich nutze diese Haltung, um meinen Überblick über Sie zu behalten und regelmäßig über Sie urteilen zu können. Außerdem würde ein Übermaß an Anteilnahme dies hier womöglich zu einem Ort der Geborgenheit und Wärme machen, und wir wollen doch nicht ein zweites dummes Nest, in dem wir uns verstecken können, nicht?“ Auch folgende Sätze bieten sich an:

„Hier bietet sich Ihnen die Gelegenheit, sich zu differenzieren und zu entwickeln, und wenn Sie sich anstrengen, mir alles glauben und keine Schmerzen und Kosten scheuen, werden Sie vielleicht irgendwann so gut sein wie ich. Was ,sich differenzieren’ bedeutet, wird für immer mein kleines Geheimnis bleiben.“ Jene Klienten, die nicht die entsprechende Bereitschaft vorweisen, werden mit einer angemessenen Entwertung und /oder Beleidigung verabschiedet; sie wären der Selbstbestätigung des Therapeuten ohnehin nicht dienlich gewesen. Doch auch denjenigen, die so tun, als ob sie sich von ihrem Symptom verabschieden wollen, empfehle ich, mit großem Misstrauen zu begegnen. Überhaupt ist das ein guter Zeitpunkt, das Gegenüber nicht mehr als erwachsene Personen anzusehen (sofern man sich bis dahin dazu verführen ließ), sondern als geist- und willenlose Träger von Ambivalenzen. Das schöngeistige und steuernde Moment des therapeutischen Prozesses soll mir, dem Therapeuten, vorbehalten bleiben. Das schützt den Therapeuten vor Empathie für die Klienten und in der Folge auch davor, auf deren Niveau zu sinken. Doch zurück zu den Klienten, die vorgeben, eine Veränderung anzustreben. In der Regel sind sie durch trotzige Beharrungstendenzen gekennzeichnet, die in der bequemen, man könnte fast sagen: faulen Natur dieser Menschen liegen. Erst machen sie es sich bequem, und dann wollen sie auch noch schönen Sex. - Was die Klienten nun verändern wollen, schieben sie ganz einfach bösartig und feig dem Partner unter, eine Strategie, die eine interessante Parallele zu meiner eigenen Arbeitsweise aufweist: Auch ich delegiere alles Unangenehme an meine Klienten (s.o. zu den professionellen Pflichten eines Therapeuten). Aber gleich vorweg: Es geht nicht darum, die Klienten zur Einsicht in ihre Ambivalenz zu bewegen - sie wären dazu gar nicht in der Lage. Das Denken, die Einsicht, das richtige Bewerten usf. fallen allein in den Bereich des Therapeuten. Tabelle 1 beschreibt Sexualität umfassend; die Quadranten A, C und D zeigen

problematische Sexualität, in Quadrant B liegt die Lösung.

Tabelle 1: Sexualität Zum besseren Überblick lässt sich das Konfliktmuster sexueller Probleme etwa so darstellen

(Tabelle 2): idealtypischer Verlauf des therapeutischen Prozesses in Pfeilrichtung

Tabelle 2: Konfliktmuster sexueller Probleme Im Laufe des therapeutischen Prozesses wird nun das unreife Versteckspielbeendet. Die Partner verschonen einander nicht mehr vor ihrer wahren

Identität, die sich möglichst nur noch auf sich selbst bezieht. Dabei braucht man auch nicht mehr zu fürchten, dass sich der eine oder andere Kompromiss oder versehentliches Einfühlen einschleicht. In aller Bescheidenheit darf ich von mir sagen, dass ich es diesbezüglich zur Meisterschaft gebracht habe. Natürlich ist bei den Klienten mit einigen unvermeidlichen Rückfällen in Verständnis, Freundlichkeit, Wärme und andere verkleidete Botschaften von Hass, Rache und dergleichen zu rechnen. Geduld ist jedoch auch hier nicht angebracht, weil es sich dabei – wie auch bei der Hoffnung - um eine veraltete Tugend handelt. Nach den enormen interaktiven Anstrengungen, passagere Symptome (wie gelegentliche Lustlosigkeit) zu chronifizieren (in dieser Formulierung zeigt sich einmal mehr mein unheimlich origineller Humor) und dafür die Paarstruktur zu festigen, kann man von den Partnern wohl erwarten, dass sie sich auch im therapeutischen Kontext anstrengen und - selbst wenn es ihnen schwer fällt – tun, was ich sage. Wie gesagt: Ohne klare Fronten und ohne Angst verändert sich nichts – meine Therapien verlaufen nämlich immer so.

Katharina Hinsch


STUDENTENFUTTER

Bei meiner letzten Kolumne wurde ich gefragt, in welcher Funktion ich eigentlich hier schreibe und dass ich gefälligst deklarieren möge, woher ich das alles nehme, was ich da verfasse. Ich hatte gedacht, dass das dadurch klar wird, dass unter dem was ich schreibe mein Name steht, aber ich mache es gerne noch klarer, da wir in der Psychotherapieszene ja gewohnt sind, uns zu deklarieren und unsere Rollen klar zu machen. Also: Ich schreibe als Dominik. In meiner Person vereint sind derzeit die Vertretung der StudentInnen der ÖAS im ÖBVP, bis Ende diesen Monats der Vorsitz im KFO (KandidatInnenforum des ÖBVP) und seit Juni diesen Jahres auch die des Kassiers im ÖBVP-Präsidium. Darüber hinaus bin ich selbst Psychotherapeut i.A.u.S. in der ÖAS und erlebe das, worüber ich schreibe persönlich mit. Ganz abgesehen von diesen Funktionen bin ich auch ein (manche sagen emotionaler) Mensch, der das, was rund um ihn herum passiert, wahrnimmt, in seinem Hirn verarbeitet und dann daraus so was formt, wie einen “Golem der eigenen Meinung“. Und bevor ich es vergesse, bin ich auch Redaktionsmitglied dieses Blattes.

Es ist also gar nicht so einfach, manch einfach erscheinende Frage zu beantworten, aber ich hoffe, dass ich das an dieser Stelle getan habe und dass Unklarheiten in Hinkunft dahingehend vermieden werden können, dass ich hier nicht die Stimme des ÖBVP oder die der KandidatInnen bin, sondern sowohl als auch, als auch, als auch… Ich will aber auch noch kurz zu dem Thema kommen, das mich momentan am meisten beschäftigt: Wie kommen wir (und damit auch ich) an KlientInnen. Keine Angst, jetzt kommt nicht das übliche Jammern. Ich glaube nämlich, dass das alles zwar wichtig ist, aber im Endeffekt zählen zwei Dinge: Man muss gut sein und Geduld haben. Und: Man muss den Schneeballeffekt ausnützen. Macht euch einen Namen, netzwerkt, druckt Folder und Visitkarten, bestückt die Hauseingänge mit Tafeln, macht Kooperationen mit anderen Gesundheitsberufen, geht auf Kongresse. (Warum letzteres? Meiner Erfahrung nach, ist der wichtigste Effekt von Kongressen, das socialising, nicht der wissenschaftliche Informationsgewinn.) All das ist sattsam bekannt und wird ohnehin von allen gemacht. Kein Mensch den ich kenne, setzt sich in sein dunkles Kämmerlein und wartet auf die vielen KlientInnen, die sie/ihn bestürmen werden. Trotzdem funktioniert das mit dem Klienten-“stock“ manchmal nicht so gut, wie man möchte. Ich bin ja auch kein alter Hase und kann daher nicht aus Erfahrung sprechen. Das einzige was ich mir so zusammenreime (oder der Golem mir souffliert) ist, dass die meisten der PsychotherapeutInnen, die ich kenne und die in freier Praxis arbeiten, nichts anderes gemacht haben als geduldig, fleißig und gut arbeiten und nach ein paar Jahren die ersten Zuweisungen über Mundpropaganda und Empfehlungen ehemaliger KlientInnen zu bekommen. Das funktioniert bei Medikamenten und Krankheiten aller Art („Da hab ich was Gutes verschrieben bekommen, das hilft sofort“). Und ich denke, die beste Empfehlung in unserem Feld ist immer noch die von zufriedenen bekannten Menschen (aka Freunde). Die kennt man und denen vertraut man. Was ich auch wichtig finde und mache ist, dass alle meine Freunde und Bekannten erfahren, dass ich Psychotherapeut in Ausbildung unter Supervision bin. So, als wäre ich Botschafter der Psychotherapie. Aber nicht aus einer Übermannung durch meinen übermäßigen Narzissmus heraus, sondern weil ich glaube, dass wir alle das sind. Repräsentanten unseres Berufs nach außen. Nebenbei: Es gibt mehr als 6.000 PsychotherapeutInnen in Österreich,aber nur rund 2/3 üben den Beruf auch aus. Es besteht also noch Hoffnung - meint:

Dominik M. Rosenauer


WIR BEGRÜSSEN

In den Reihen der ÖAS heißen wir herzlich jene willkommen, die im Zuge der Ausbildung neue ÖAS-Mitglieder geworden sind und wünschen gute und erfolgreiche Ausbildungsjahre:

Susanne Baumgartner, Verena Bell, Marion Danzl, Barbara Edlinger, Eveline Frenademetz, Christian Gredler, Verena Grimm, Nicole Groth, Sabine Hartmann, Claudia Hauser, Bettina Hofer, Bernhard Hungsberger, Norbert Menzinger, Markus Müller, Christina Pale,Danja Podest, Susanne Scheiber, Bernadette Schönherr,

Nicola Sohm, Julia Spieler, Leonhardt Werth


WIR GRATULIEREN

Folgende StudentInnen haben mit Juni 2007 ihre Ausbildung bei der ÖAS abgeschlossen - wir freuen uns mit ihnen und wünschen viel Glück auf ihrem weiteren Weg: Alexandra Ampferthaler, Heidi Dejakum, Elisabeth Fandler, Birgit Haag, Monika Leitner, Sonja Libiseller, Josef Missethon, Marieluise Oberoi,Elisabeth Ritter-Venier, Daniel Schmidl, Tanja Simon, Sigrid Van

Bossche, Thomas Vey


LITERATURTIPPS

(zu den gesammelten Literatur Tipps aller bisherigen Netzwerknachrichten gelangt man hier)

Renate Hutterer-Krisch “Grundriss der Psychotherapieethik. Praxisrelevanz, Behandlungsfehlerund Wirksamkeit.”

Unter Mitarbeit von: Renate Riedler-Singer, Thomas Gutmann, Veronika Hillebrand, Erwin Parfy, Andrea Schleu, Josef Vetter;

Springer 2007, 521 Seiten, € 59,90 Ich habe mich sehr gefreut, dieses umfassende Werk auf Wunsch meiner Kollegin Renate Riedler-Singer rezensieren zu dürfen, da es sich bei dieser Thematik seit Jahren um einen ihrer Haupt-Interessensschwerpunkte handelt, den sie auch im universitären Bereich vermittelt. Zum einen bietet das Buch eine grundlegende Einführung in ethische Fragen und Positionen (ethische Begründungsmuster, Begriffsklärungen, Unterscheidung zwischen Ethik und Moral usw.), die unmittelbar mit der Thematik der Psychotherapie verknüpft werden. Bei der ethischen Reflexion psychotherapeutischen Handelns wird auf die Pluralität der unterschiedlichen psychotherapeutischen Schulen und die von ihnen vertreten Menschenbilder und Methoden eingegangen (dieses Kapitel vermittelt so ganz nebenbei auch einen Überblick über die verschiedenen Schulen). Ein sehr umfassender Teil befasst sich mit Auffassungen zur Verantwortung des Psychotherapeuten/der Psychotherapeutin im Zusammenhang mit therapierelevanten Themen (Setting, Rahmenbedingungen, Diagnostik, Beendigung der Therapie usw.) sowie sehr ausführlich mit allen möglichen Behandlungsfehlern (kulturbedingte Fehlerquellen, sexueller und narzisstischer Missbrauch, diverse Verstrickungen, unsichere Bindung usw.). Im letzten Teil werden Berufskodices unterschiedlicher Länder (Österreich, Deutschland, Schweiz, USA ) beschrieben und analysiert. Das Buch scheint tendenziell einen leicht analytischen Schwerpunkt zu haben, bezieht aber andere Schulrichtungen (v.a. die systemische) ausführlich mit ein. Aus meiner Sicht sollte es in keiner Praxis einer Psychotherapeutin (Männer sind mit gemeint) und in keiner Bibliothek eines Ausbildungsvereins fehlen. Es wird aufgrund seines Umfangs wahrscheinlich eher den Charakter eines Nachschlagewerks haben. Liest man es von Anfang bis Ende durch (was allerdings auch mir nicht ganz gelungen ist), so gewinnt man einen Eindruck davon, wie relevant und komplex sich ethische Fragen im Kontext der Psychotherapie erweisen können. Ich hatte den Eindruck, dass eine Gefahr darin bestehen könnte, dass man sich (wenn man dann von dieser Relevanz weiß) zu sehr mit den eigenen „Richtigkeiten“ beschäftigen könnte, also damit, dass man auch ganz sicher ethisch korrekt handelt – und weniger mit dem Gegenüber und seinen Bedürfnissen. Und dass man über der Beschäftigung mit diesen „Richtigkeiten“ dann übersehen könnte, dass es gerade auch in diesem Kontext Graubereiche gibt, in denen man im Dienst der Herstellung von Rahmenbedingungen für Therapie und des Zugangs zu den Klienten vielleicht fallweise von der einen oder anderen ethischen Norm abweichen muss, die man grundsätzlich als bedeutsam und angemessen anerkennt. Wenn man sich den Kopf nicht allzu voll machen und damit handlungsunfähig werden lässt, erscheint mir das Buch für eine persönliche Reflexion der ethischen Thematik in der Psychotherapie aber sehr wesentlich zu sein. INFO: Die Buchpräsentation findet unter dem Titel “Zwickmühlen in der Psychotherapie” am 20.11.07 um 20.15 Uhr im Cordial Theaterhotel, Josefstädterstraße 22, 1080 Wien stattt!

Sabine Klar


Iris Radisch „Die Schule der Frauen. Wie wir die Familie neu erfinden.“

München, DVA, 2007, € 14,95 Die Kapitel-Titel „Heldendämmerung“, „Die Welt ohne Kinder“, „Die Liebeskatastrophe“, „Das Familien-Patt“, „Die Welt mit Kindern“, „Der Mann als Vater“, „Die Frau als Mutter und das Märchen von der Vereinbarkeit“ und „Was uns fehlt“ lassen schon erahnen, womit sich Radisch in diesem Band beschäftigt - durchaus quer zu laufenden Diskursen. Sie analysiert „das Zerbrechen der Liebe an der Arbeit“, dass sich bis dato die 3: Liebe, Arbeit und Kinder ausschließen. In ihren Überlegungen bleibt Iris Radisch als Person mit ihren eigenen Ausbildungs-, Emanzipations-, Liebens-, Scheiterns-, Mutterseins-… Geschichten immer im Blick. Sie nimmt von ihrem subjektiven Standpunkt aus Stellung zu u.a. biologistischen Ansätzen, gesellschaftlichen Rollenerwartungen, zur demografischen Entwicklung und beschreibt strukturelle wirtschaftliche und politische Determinanten dieses Scheiterns.Allerspätestens auf der letzten Seite wird deutlich, dass es um das Erklären und die Forderung des Abschaffens von Leid geht, um Leid von Menschen, die versuchen gegen alle Widerstände ein Leben mit Liebe, Arbeit und Kinder zu leben. Der persönliche und gleichzeitig komplex bleibende Zugang sowie die Unnachgiebigkeit, mit der Radisch sozusagen am Lösungen-neu-erfindendran bleibt, machen dieses Buch - jedenfalls aus meiner Sicht -

lesenswert. Theresia Gabriel


Renate Daimler „Verschwiegene Lust“

Piper (2. Auflage 2004), € 9,20 Vielleicht ist dieses Taschenbuch vielen nicht unbekannt – denn es istschon 2002 erschienen, wenn doch, dann wäre es schade. Beschäftigt

es sich doch sehr beispielhaft mit einer „Tabuzone“. Sexualität im Alter – gibt es das überhaupt und ist es noch erlaubt? Nicht zu glauben, dass unsere Eltern oder Großeltern noch so erleben. Die schönen, erlebnisreichen und gefühlsstarken Geschichten „der Frauen über 60“, sind es wert gelesen zu werden. – Nicht nur da wir alle einmal alt werden könnten. Eine wahre „Secondhandressource“. Andreas Hainz


Joachim Bauer „Das Gedächtnis des Körpers“
Piper, München 2007, € 9,95 und

Sven Max Litzcke, Horst Schuh „Stress, Mobbing und Burn-out am Arbeitsplatz“

Springer, Heidelberg 2007, € 20,60 Erfreulich und erwähnenswert ist die explizite Integration der Psychotherapie als wiederholt empfohlene Heil- und Gesundheitsmaßnahme in wissenschaftlichen Texten, in leserfreundlich aufbereiteten wissenschaftsbezogenen Taschenbuch-Publikationen und in Zeitschriften. Ich beziehe mich auf zwei rezente Bucherscheinungen und einen Artikel des Vorjahres in der italienischen Zeitschrift „per Me“ (siehe unten), die im Bereich Trauma- und Stressbewältigung auf die Psychotherapie wiederholt als Mittel der Wahl verweisen. Wenn auch J. Bauer in: „Das Gedächtnis des Körpers“ mit der stellenweise expliziten Nennung spezieller therapeutischer Richtungen in der Informationsweitergabe etwas über das Ziel hinaus agiert ist z.B. die Auflistung psychotherapeutischer Wirkbereiche in Litzcke, Schuh („Stress, Mobbing und Burn-out am Arbeitsplatz“) generell sehr brauchbar. Der Leser, zumeist entweder Betroffener oder psychologisch orientierter Fachmann, erhält in beiden Fällen konkrete Anhaltspunkte für die Einsetzbarkeit psychotherapeutischer Arbeit. Litzcke und Schuh (siehe oben) geben einen groben Überblick, wozuPsychotherapie dient.
Sie listen auf (S. 81): 


• sozialer Schildeffekt
• kognitiver Schildeffekt
• emotionaler Erleichterungs- und Puffereffekt
• kognitiver Bewältigungseffekt
• soziale Bewältigung Schon im September 2006 wurde in der italienischen Zeitschrift „per Me“ ein seitenfüllender Artikel über die Gehirnveränderungen durch Psychotherapie veröffentlicht. Darin geht es um Wirksamkeitsnachweise mittels Magnetresonanzaufnahmen am Mandelkern, die der Psychotherapie dieselbe Veränderungsaktivität wie Psychopharmaka bestätigen. Interdisziplinären Teams bestehend aus Neurologen, Psychologen, Psychiatern und Radiologen der Universitäten Montreal und Jena sind Aufnahmen gelungen, die die Spuren psychotherapeutischer Behandlung dokumentieren. Sie konnten die Auswirkung von Neuronenaktivität nachweisen, die jener nach Psychopharmakaverabreichung stark ähneln. Vgl. Elle Bandit. «La psicoterapia modifica il cervello?” in: per Me, September 2006

Eva Schebach


Harriet Lerner „Wohin mit meiner Wut“

Fischer Taschenbuch Verlag, 11. Auflage, 1996, € 8,90 „Alarmstufe ROT“ - Es wird eng, am liebsten würde ich um mich schlagen, empfinde die Situation unerträglich, möchte schreien …und manchmaltue ich es auch ... und dann plagen mich Schuldgefühle!

Wut – eine Emotion, die mich „unheimlich“ kraftvoll macht … und was nun? Meiner Ansicht und meinen persönlichen und beruflichen Erfahrungennach, hat Harriet Lerner in ihrem Buch etwas Wichtiges angesprochen:

„Wut ist ein Signal, auf das wir hören sollten.“ Wut, ein Gefühl, das eng mit unseren Bedürfnissen gekoppelt ist und meist dann aktiviert wird, wenn diese zu wenig Beachtung finden, das notwendige, schützende „NEIN“ nicht oder zu spät ausgesprochen wird bzw. kein Gehör findet. Häufig wird, vor allem von Frauen, auf Grund tradierter, gesellschaftlich weit verbreiteter Rollenzuschreibung, dieses Gefühl und im speziellen das Ausleben der Aggression als ungehörig, als ein Versagen, als unweiblich und unattraktiv erlebt, da doch die Aufgabe der Frauen u. a. darin besteht, der Welt zu gefallen, zu beschwichtigen und zu bewahren.Um der ungeliebten Rolle zu entgehen, kann es hilfreich sein, weniger

„gefährlichen“ Gefühlen wie Selbstzweifel, Selbstanklagen, Schuldgefühle und in weiterer Folge depressiven Zustände Raum zu geben. Damit richtet sich die Kritik in erster Linie gegen uns selbst und die mögliche Gefahr eines offenen Konfliktes und einer sich vielleicht daraus ergebenden persönlichen oder sozialen Veränderung ist gebannt. Die andere Seite der Medaille ist, der Wut freien Lauf zu lassen und - volle Kraft voraus - die empfundenen Ungerechtigkeiten anzuprangern, sich lauthals zu wehren in der Hoffnung und dem Bemühen andere zu verändern. Meist ein wirkungsloses Unterfangen! Häufig stellen sich auch hier Selbstzweifel und Schuldgefühle als Folge eines erfolglosen Kraftaktes ein und sind damit recht erfolgreiche Gegenspieler der Wut. Beide Varianten sind gleichermaßen gut dazu geeignet, andere zu schützen, die eigene klare Selbsteinschätzung zu vernebeln und in beiden Fällen bleibt meist alles wie gehabt und die nächste Runde kann beginnen. Dieses Buch geht davon aus, dass wir lernen können, unsere Wut im eigenen Sinn zu nützen und zum Ausgangspunkt von Veränderungen zu machen. (Harriet Lerner, geb. 1944, ist Psychologin und Psychotherapeutin bei der Menninger Foundation in Topeka, Kansas).

Claudia Renner


Serghij Zhadan „Depeche Mode“

Editon Suhrkamp. ca. € 10,- Charkiw-Ukraine, 4 Tage im Juni 1993. Es gibt keine Orientierungshilfe- ob die heutigen Biznesmeny, Polizeikommissare, Dealer, Generalstöchter...auch morgen noch Dieselben sind, weiß man in der Anarchieder postkommunistischen Umbruchszeit nicht so genau. Serhij Zhadan und seine Freunde Dog Pawlow, Wasja Kommunist, alle19 Jahre jung, arbeitslos, organisieren mit abenteuerlichen Mitteln undErfindungsgabe den Kampf ums Überleben, die tägliche Schnaps- und Wodkaration, jetzt sollen sie auch noch ihren Freund Sascha Zündkerzefinden, um ihm ein traurige Nachricht zu überbringen. Sie irren durchaufgelassene Komsomolskhallen, in denen nun amerikanische Predigerauftreten, verrottendes Fabriksgelände, desolate Bahnhöfe, durch dasganze Chaos, das sie umgibt. Serhij Zhadan veröffentlichte bisher fast nur Lyrik, er schreibt diesen teilweiseautobiografischen Roman in einer unglaublich poetischen undrhythmischen Sprache. Margret Wantoch


„Bewegungsstörungen bei psychischen Erkrankungen“

Verlag Springer, Berlin, 2004, € 20,60€ Nicht selten, so die Autoren, leiden Personen mit psychischenErkrankungen unter Störungen der Motorik bzw. Psychomotorik – werkennt nicht aus den Lehrbüchern das klinische Bild des bipolarenStörungskreises – deren veränderte Mimik. Nun, die AutorInnen dieses Fachbuchs sehen Bedarf diesen Bewegungsstörungenmit wissenschaftlichen Mitteln auf den Grund zu gehenund in den Quellen der Wissenschaft nach möglichen Erklärungen zusuchen.Ist das klinische Bild Ausdruck der Therapie, einer Medikamentennebenwirkungoder der Krankheit selbst? Kann man möglicherweise bereitsdiskrete Erscheinungen als Indikatoren der späteren Erkrankung sehenund möglicherweise dadurch auch Risikogruppen identifizieren? – DieAutorinnen versuchen an Hand dieser Fragen und der Kenntnis über dieBewegungsstörungen der psychisch Erkrankten die Quellen vonForschung für den PraktikerIn zu erschließen, verständlicher zu machenund dadurch die Behandlung zu erleichtern. Was besonders erfreulich ist: sie sparen auch nicht mit zum Teil bildhaften Fallgeschichten und es gibt einen ausführlichen Anhang, der auchMethoden und Skalen für die Klinische Diagnostik bereit hält.Für alle, die in der Klinik mit psychisch Kranken konfrontiert sind, ist dasBuch eine zusätzliche Ressource die psychomotorische und motorische Störungen in neuem Blickwinkel zu sehen – ganz besonders das Kapitel er pharmazeutischen Nebenwirkungen sei allen Klinikern ans Herz gelegt.

Als besonderes „Zuckerl“: Schreibkrampf und Hysterie (besonders die Diskussion, ob sie wirklich schon verschwunden sei).Ein Buch für Fortgeschrittene in der Psychiatrie und Psychosomatik undfür die klinisch diagnostische Neuro-Psychologie - für alle die auch „schwere Kost“ lieben.

Andreas Hainz


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