Netzwerke 2 / 2007 (Mai 07)

update: 08.06.2007

INHALT

Editorial Seminarankündigung / Freie Seminarplätze
Bericht des Obmanns Literatur- und Filmtipps
Nachrufe Jour fixe Programm
Positionen "Wie lange warten wir noch zu?" Einladung Sommer-Abschluss-Fest
Connecting people Wir begrüssen / Wir gratulieren
Studentenfutter Schwarzes Brett

EDITORIAL

Liebe Mitglieder!

Ich möchte das aktuelle Editorial nutzen, um etwas über meine Vorstellungen, was die netzwerke sein sollen, zu schreiben – über die "Blattlinie" sozusagen.

Eine zentrale Funktion ist natürlich die Information der ÖAS-Mitglieder, sowohl über Vereinsinterna, als auch über berufspolitische Veränderungen, die relevant für systemische PsychotherapeutInnen sind.

Darüber hinaus, stellen die netzwerke aus meiner Sicht, ein Forum dar, in dem sich ÖAS-Mitglieder durch ihre Beiträge anderen Mitgliedern mitteilen können bzw. man sich von anderen Mitgliedern – zumindest über ihre schriftlichen Statements – ein Bild machen kann. Die netzwerke sollen damit (nomen est omen) eine Möglichkeit bieten, sich untereinander zu vernetzen (wenn man z.B. bestimmte Artikel/Positionen ansprechend findet), sowie den Raum für die Auseinandersetzung zu bestimmten Themen ermöglichen.

Dabei halte ich es für umso anregender, je mehr sich die Meinungen unterscheiden, da die netzwerke auf diese Weise vielfältige Stimmungen unter den Mitgliedern einfangen und vermitteln können und so verschiedene Entwicklungsmöglichkeiten der systemischen Therapie andeuten.

In dieser Ausgabe stellen z.B. aus meiner Sicht, der Beitrag von Eva Schebach (s. Positionen: „Wie lange warten wir noch zu?") und die Replik darauf von Dominik Rosenauer, ein gelungenes Beispiel hierfür dar. An dieser Stelle übrigens ein herzliches Dankeschön an alle, die uns Beiträge senden!

Was findet sich sonst in der aktuellen Ausgabe? Die Nachrufe nehmen kein Ende – Paul Watzlawick und Tom Andersen sind gestorben. Stefan Geyerhofer und Corina Ahlers haben dies auf eine persönliche und lesenswerte Weise kommentiert.

Dominik Rosenauer wagt es in seiner Rubrik "Studentenfutter" so manche angebliche Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit in der Therapieausbildung anzuzweifeln und es finden sich nette und hoffentlich anregende Literaturtipps und ein weniger netter, dafür umso wichtigerer, Filmtipp.

Die Jour Fixes für 2007 stehen fest - besonders hinweisen möchte ich auf das Sommerabschluss-Fest der ÖAS am  21. Juni. Wir freuen uns auf Dein Kommen!

Bis zur nächsten Ausgabe im September, ich wünsche Euch jetzt schon allen einen schönen Sommer und denkt daran: „Dass die Vögel des Kummers und der Sorge über unserem Haupt kreisen, können wir nicht verhindern, aber dass sie Nester in unser Haar bauen, dagegen können wir etwas tun".

Um uns den Ablauf zu erleichtern, ersuchen wir alle, die uns redaktionelle Texte für die Netzwerke schicken, diese bitte ausschließlich an Verena Kuttenreiter zu mailen: v.kuttenreiter@gmx.at

Für alle Anliegen und Termine der Regionen, sowie für Inserate ist Elisabeth Gmeiner unter office@oeas.at zuständig. Danke!

Redaktionsschluss der nächsten Netzwerke ist am 10. Sept. 2007.

Verena Kuttenreiter

BERICHT DES OBMANNS

Der Umbau der ÖAS ist ein wenig ins Stocken geraten, geht aber weiter!

Wiener Ausbildung und ÖAS-Verwaltung waren immer räumlich und personell ein Ganzes und wurden auch immer so verstanden. Was in der Anfangszeit gut war, führte in den letzten Jahren immer mehr dazu, dass man nicht gut kalkulieren konnte, nicht genau wusste, ob wir mit den eingenommenen Geldern auch wirklich zurecht kommen. Bei der letzten Generalversammlung hat sich dann gezeigt, dass die ÖAS-Verwaltung defizitär ist. Und es wurde auch bald klar, dass das Defizit im Zusammenhang mit ungenauen Definitionen der Verantwortlich- und Verbindlichkeiten der Zentrale, der Wiener und der Salzburger (Innsbrucker, Grazer) Ausbildung und der Weiter- und Fortbildungen gesehen werden kann. Ist überhaupt ein Defizit vorhanden und wenn ja, woher stammt es?

Der erste Lösungsversuch – der ja meist das Problem verstärkt – war, ein Programm anzuschaffen, das einen guten und einfachen Überblick verschafft. Die Anschaffung eines solchen Programms ist teuer und – noch schlimmer - bringt Folgekosten mit sich. Nach langen Diskussionen im Vorstand, im Sekretariat und mit den Anbietern, haben wir diesen Lösungsversuch wieder fallen gelassen. Wir suchen jetzt nach anderen Wegen, die Prozesse einfacher und übersichtlicher zu gestalten.

Erschwert wurde die Neustrukturierung der ÖAS durch den plötzlichen Rücktritt des Kassiers, Imre Remenyi, der sich durch mich über- und hintergangen fühlte. Das Ganze ist aus meiner Sicht ein großes Missverständnis gewesen. Imre sah aber unter diesen Umständen keine Möglichkeit mehr, weiter mit mir im Vorstand zu arbeiten. Es tut mir sehr leid, dass unsere Zusammenarbeit ein so abruptes und unerfreuliches Ende genommen hat. Ich möchte aber die Gelegenheit nutzen, mich – auch im Namen des gesamten Vorstands – für seine hervorragende Arbeit als Kassier zu bedanken. Er hat es verstanden, die Probleme im Budget sehr klar aufzuzeigen und begonnen, Lösungen zu erarbeiten. Vielen Dank für Deinen Einsatz, Imre!

In diesem Zusammenhang möchte ich mich auch ganz besonders bei Eva Reznicek bedanken, die sich mit ungeheurer Energie nach Imres Rücktritt in die Materie vertieft, sich einen Überblick verschafft hat und jetzt imstande ist, Entscheidungen zu treffen. Damit ist Eva eine der ganz zentralen Figuren der ÖAS geworden: Redakteurin der systeme ist sie seit sehr langer Zeit, jetzt auch noch Kassierin in einer so komplexen Situation, die enorm viel Arbeit verlangt. Eva ist jetzt also 1. Kassierin, 

Michaela Sit ist als 2. Kassierin neu hinzugekommen. Michaela hat lange Zeit in der Fortbildungsakademie des BÖP gearbeitet, war dort in einem sehr großen Büro und hat sehr viel Erfahrung dabei gesammelt, Fortbildungen für Psychologinnen zu organisieren. Wir haben also das Glück, diese wichtigen Posten mit zwei großartigen Frauen besetzen zu können. Michaela wird sich auch in das ÖAS-Fortbildungszentrum einschalten.

Wir werden demnächst eine Mitgliederbefragung starten, an welchen Fortbildungsseminaren AbsolventInnen der Ausbildungen interessiert sind, was gebraucht wird. Wir wollen auch – entsprechend dem Wunsch vieler AbsolventInnen – die Möglichkeit schaffen, Weiterbildungsseminare anzubieten, die von den Ausbildungsseminaren getrennt sind.

Weil ich so viel vom Geld geredet habe: Wir würden uns gerne Mahnungen ersparen. Sehr viele Mitglieder haben noch nicht ihren Mitgliedsbeitrag 2007 gezahlt!!! Jetzt kommt das doppelte Gehalt - bitte an den Beitrag für die ÖAS denken.

Bankverbindung: BAWAG Blz 14000, Kto-Nr.: 01110665365

Es gibt aber noch etwas sehr Erfreuliches: Die Ausbildungen erfreuen sich großer Nachfrage, was sich an der Anzahl neuer Mitglieder ablesen lässt. Herzlich willkommen!

Joachim Hinsch


NACHRUFE  

Paul Watzlawick 1921 - 2007

Paul Watzlawick ist tot. Der gebürtige Villacher starb am 31. März in seiner Wahlheimat Palo Alto in Kalifornien. 
Kein Österreicher hatte mehr Einfluss auf die Entwicklung der Systemischen Psychotherapie. Seine 18 Bücher (in 85 Sprachen übersetzt) und über 150 Artikel begeisterten Menschen weit über die Psychologie, Philosophie und Psychotherapie hinaus.
Er hat uns die Grundideen der Systemtheorie von GregoryBateson ebenso in einfachen Beispielen und Geschichten veranschaulicht,wie den Konstruktivismus zweier anderer Österreicher – Heinz von Foersters und Ernst von Glasersfelds. Denn Erzählen und Schreiben waren seine größte Stärke. Sie machten ihn zum „Popstar unter den Kommunikationsforschern und zum Bestseller unter den Philosophen"(Die Presse, 3.4.2007).

Ich erinnere mich noch gut an meine Studienzeit, als uns der Professor in der Lehrveranstaltung „Menschliche Kommunikation" Paul Watzlawicks Klassiker zum Thema Kommunikation als Pflichtlektüre aushändigte. Als ich selbst Adj. Professor für Psychologie an der Webster University wurde, gab es trotz Recherche noch kein besseres Buch zum Thema. Also wurde Watzlawicks „Menschliche Kommunikation" auch meine Kursunterlage. Und als mich vor einigen Monaten einer meiner ehemaligen Studenten aus Zagreb anrief um mir zu erzählen, dass er eine Lehrveranstaltung in Kommunikation unterrichtet und dafür Watzlawicks Buch verwenden werde, bestätigte sich eine Ahnung vieler KollegInnen: Wenn es um die menschliche Kommunikation und den Konstruktivismus geht, gibt es zu Watzlawick kaum etwas zu ergänzen.Wann hat schon ein Buch über drei Generationen von Lehrenden keinen adäquaten Ersatz gefunden…?

Dabei hatte alles anders begonnen: 1921 in Villach geboren studierte er zunächst Sprachen und Psychologie in Venedig, bevor er nach Zürich ging um dort seine Ausbildung zum Jung’schen Analytiker zu absolvieren. 1957 übernahm er einen Lehrstuhl für Psychotherapie in El Salvador, wo er erstmals von den Arbeiten der Bateson-Gruppe erfuhr. Anfang der 60er Jahre wollte er „nur einmal kurz in Kalifornien vorbeischauen" um Jackson, Haley, Weakland, Satir, Riskin und ihre Arbeiten mit Familien am Mental Research Institut - MRI in Palo Alto kennenzulernen. Er blieb bis zu seinem Tod in Palo Alto und am MRI.

Begeistert von den Arbeiten der Bateson Gruppe verzichtete er fortan auf die Analyse von Vergangenheit und Unbewusstem und konzentrierte sich auf die Entwicklung kurztherapeutischer, systemischer Interventionen. Die Interaktion rund um Probleme und Symptome und die versuchten Lösungen aller Beteiligten rutschten in den Fokus seiner Aufmerksamkeit. Bis vor einem Jahr war er in der Ausbildung und Supervision von KollegInnen aus der ganzen Welt tätig. Im März 2006 traf ich ihn ein letztes Mal – immer noch in seinem Büro in Palo Alto.

Seine weltweiten Vortragsreisen musste er vor einigen Jahren schon aus gesundheitlichen Gründen einstellen. Als er 1999 an der Webster University in Wien ein Ehrendoktorat entgegennehmen durfte, und Tags darauf am IST einen Workshop hielt, waren die Anzeichen seiner Erkrankung nicht mehr zu übersehen. Aber in einer ihm eigenen Demut und Bescheidenheit und in seinem uneingeschränkten Humor begegnete er auch diesem Schicksal. 

Titiana Verbitz und ich erinnerten uns letzte Woche mit einem weinenden und einem lachenden Auge an eine Szene während des ersten Europäischen Kongresses für Systemische und Strategische Therapie in Arezzo im Herbst 2003. Paul Watzlawick wurde per Satellitenübertragung für einen Vortrag vor über 700 TeilnehmerInnen ins Plenum geschalten. Nach dem Vortrag fragte eine begeisterte Teilnehmerin: „Prof. Watzlawick, wir haben Sie schon so lange nicht mehr bei uns in Italien gesehen. Wann werden Sie wieder kommen?" Denjenigen von uns, die ihn besser kannten und auch über seine Erkrankung Bescheid wussten blieb der Atem stocken, während er ganz ruhig, ohne Traurigkeit in der Stimme und mit einem Lächeln antwortete: „Mal schauen. Wahrscheinlich erst, wenn mir Prof. Alzheimer die Erlaubnis dazu gibt."

Er hat uns aufgezeigt, dass wir nicht nicht kommunizieren können, dass Probleme nicht unbedingt in der Entwicklung des Individuums, sondern in der zwischenmenschlichen Interaktion und der Bedeutungsgebung begründet sind. Er hat uns auf humorvolle, ironische Art gezeigt wie wir uns unglücklich machen können, falls wir das wollen, hat uns eine treffende Anleitung für Amerika hinterlassen, und uns die Konstruktion unserer Wirklichkeit in Geschichten und Beispielen näher gebracht.

Damit wurde er als Psychotherapeut, Psychologe, Kommunikationswissenschaftler und Philosoph weltweit bekannt. Als Mensch blieb er bescheiden, zurückhaltend und in der Öffentlichkeit meist höflich distanziert. Sabine Sommerhuber und ich erinnern uns an die Selbstverständlichkeit, mit der er den Aufbau unseres Institutes (Institut für Systemische Therapie – IST) in Wien unterstützte. Er schrieb ein Vorwort für unsere erste Publikation, hielt Workshops zu Freundschaftshonoraren und machte in der Mittagspause bescheiden sein Mittagsnickerchen auf einer alten, selbst gebastelten Matratzencouch in unserer Institutsküche. Dafür, und für Vieles mehr – ein herzliches Danke – einem Lehrer, Supervisor, Kollegen undFreund.

Stefan Geyerhofer www.geyerhofer.com


Tom Andersen 1936 - 2007

Tom Andersen ist am 15. Mai von uns gegangen und wir werden ihn sehr vermissen! Er ist der jüngste in einer langen Reihe von Pionieren: Steve de Shazer, Insoo Kim Berg, Paul Watzlawik, Ivan Boszormenyi Nagy, Lymann Wynne...

Er war - gerade in Österreich - durch die Entwicklung und Propagierung des Reflecting Teams - ein sehr wirksamer Geist. Darüberhinaus war er mit Harry Goolishian befreundet und beide vertraten die Ansicht, dass "Vorurteile" (Andersens deutsches Lieblingswort) systemisches Handeln eher einschränken als flexibilisieren. Tom Andersen hat in gewisser Weise das geistige Vermächtnis Harry Goolishians weiter verwaltet und in seiner ihm eigenen Bescheidenheit und besonderen Langsamheit, viele Menschen in seinen Bann gezogen. Ohne ihn wäre die ÖAS heute nicht das, was sie ist.

Wir werden in der September-Ausgabe einen ausführlichen Nachruf bringen.

Corina Ahlers


Leserbrief: Replik auf den Nachruf auf Boszormenyi-Nagy von Corina Ahlers

In der zuletzt erschienenen Nummer der netzwerke (1/07) wurde zum Mitreden angeregt. Gerne komme ich im Zusammenhang mit dem Nachruf auf Ivan Boszormenyi-Nagy darauf zurück. Hierin stand ein Satz, der mich einigermaßen verstört hat, nämlich: „Sein theoretisches Konstrukt baut auf Werte, von denen wir heute nicht mehr sprechen - Vertrauen, Loyalität, Bindung, Treue -, die aber dennoch als Mythen in unserem Zeitalter wirken."

Frau Dr. Ahlers, wen meinen Sie eigentlich mit „wir"? Und wie kommen Sie darauf, dass „wir" von diesen Werten nicht mehr sprechen? Sollte das ein persönlicher Standpunkt sein, so verwenden Sie bitte das „ich", ohne andere Personen zu vereinnahmen. Allein, damit eine therapeutische Beziehung gelingt, ist der Aufbau von Vertrauen und Vertragstreue von eminenter Bedeutung. Und so viel ich weiß, wünschen sich das viele Menschen von Partnerschaft und Familie, auch wenn sie ihre eigenen Wünsche nicht immer verwirklichen können.

Sie selbst relativieren ja Ihre Aussage im weiteren Text, wenn Sie von „unsichtbaren Loyalitäten" bei getrennten Familienformen sprechen.

Mit freundlichen Grüßen
Renate Riedler-Singer


 

POSITIONEN

Wie lange warten wir noch zu? - Ein Beitrag zur standespolitischen Lage im öffentlichen Raum 
von Eva Schebach

Hin und wieder gibt es Bewegung in unserem Psychotherapeutenlager:
Dort und da trauen sich Kollegen über den selbst definierten therapeutisch-heilerischen Tellerrand hinaus und zeigen öffentlich das Bewusstsein, in verschiedenen anderen Anwendungsbereichen (auch solchen, die nicht unmittelbar dem Auftrag der Gesunderhaltung und dem Gesundheitserwerb dienen) ihr Wissen, ihre Fähigkeiten und Mehrfachressourcen einsetzen zu können und zu wollen. Willkürlich gewählte Beispiele: Personalentwicklung und Unternehmensberatung, Schulentwicklung, usf. 
Viel zu verhalten noch, wie ich meine. Da gibt es eine breit gefächerte Erfahrung im kommunikativen Bereich samt profundem theoretischen Unterbau, da gibt es Wissen um psychodynamische Vorgänge in jeglichem sozialen Umfeld, da gibt es diagnostische Professionalität im Umgang mit breiten Bevölkerungsschichten.

Was es nicht (oder in viel zu geringem Maß) gibt, ist die Information eben dieser Bevölkerung über die Vielfalt der Anwendbarkeit psychotherapeutischen Fachwissens. Wo und in welchen Feldern gelingt es uns Psychotherapeuten tatsächlich, all dies mit seinem gesellschaftlichen Wert und seiner Bedeutung für die Alltagsgestaltung in vollem Umfang zu vertreten? Wem konnten wir bislang erfolgreich unsere kommunikationsrelevanten Zuständigkeiten vermitteln? Wie und in welchen Vernetzungsbemühungen widerspiegelt sich unser berufspolitisches Engagement zur Vertretung unseres Selbstwerts im öffentlichen Raum?

An dieser Stelle ergibt sich zwangsläufig die Frage, ob wir Psychotherapeuten diesen Wunsch überhaupt hegen, die offizielle Anerkennung und Wertschätzung unserer Qualifikation eigentlich anstreben, oder ob unser bescheidenes, allzu häufig in die Schublade der Birkenstocksandalen-Träger gedrängtes Image nicht die sicherere, weil weniger exponierte Daseinsform darstellt? Was hindert uns daran, zur eigenen beruflichen Qualität zu stehen?

Zur Illustration ein Beispiel: In unmittelbarer Zukunft steht die Geburt eines neu zu definierenden Berufsbildes ins Haus, das des Bildungsberaters, eingefordert von Bildungsträgern und Wirtschaft gleichermaßen, von Eltern und den Betroffenen in allen Altersgruppen. Wie in so vielen Fällen bislang wird der Froschkönig auch diesmal nicht an die Tür der Möchtegernprinzessin Psychotherapie klopfen. Ganz im Gegenteil, sie wird sich nach der berühmten Decke zu strecken haben, falls sie ihre Kompetenzen in diesem Zusammenhang den damit befassten Stellen zu signalisieren gedenkt. Oder wollen wir uns ein weiteres Mal im Nachhinein wundern, dass unsere Gilde niemand beachtet, vernachlässigt, dass man uns ungefragt lässt oder gar nicht um unseren Beitrag gebeten hat?

Selbstmitleid ist auch eine Form von Zuwendung …, eine von jenen mit hohem Preis und kleinem Wert, wie wir alle wissen, werte KollegInnen.Information und Aktivität (nicht etwa Aktionismus) bewähren sich à la longue nachhaltiger. Und als Systemiker dürfte uns gerade die Bedeutung der Vernetzungsaktivität besonders klar vor Augen stehen. Vernetzung über die gruppeneigenen Grenzen hinaus, hinein in politische und gesellschaftsgestaltende Berufsfelder. Oder hindert uns am Ende das Paradigma des - ach so beschützenden - Besser-wissens daran?


„Ist alles, was ein Psychotherapeut kann, Psychotherapie?" –
eine Replik von Dominik Rosenauer


Kollegin Schebach bricht die Lanze für die PsychotherapeutInnen dieses Landes, dass sie ihre „ach so selbstmitleidigen" Raunzecken, in denen sie es sich gemütlich gemacht haben, verlassen sollen. Sie kritisiert den selbst definierten Tellerrand, den das Gros der PsychotherapeutInnen nicht überblicken würde, was dazu führe, dass wir als Berufsgruppe, als Gilde, marginalisiert würden. Dies ist ein verführerischer Aufruf! 

Immerhin verheißt die Kollegin nicht weniger, als das Schlaraffenland, in dem man sich nur die Kohle holen müsste, um damit dann seine kleine Suppenschüssel zu erwärmen. Aber es stellt sich mir nun die Frage, wer diesen Rand wirklich definiert und was es auch bedeuten könnte, wenn man so wagemutig den Horizont erweitert. Mein Selbstverständnis von Psychotherapie ist das eine. Psychotherapie wird aber auch noch durch etwas anderes definiert, als den Markt: 
Das Gesetz.

§ 1. (1) Die Ausübung der Psychotherapie im Sinne dieses Bundesgesetzes ist die nach einer allgemeinen und besonderen Ausbildung erlernte, umfassende, bewußte und geplante Behandlung von psychosozial oder auch psychosomatisch bedingten Verhaltensstörungen und Leidenszuständen mit wissenschaftlich-psychotherapeutischen Methoden in einer Interaktion zwischen einem oder mehreren Behandelten und einem oder mehreren Psychotherapeuten mit dem Ziel, bestehendeSymptome zu mildern oder zu beseitigen, gestörte Verhaltensweisen und Einstellungen zu ändern und die Reifung, Entwicklung und Gesundheitdes Behandelten zu fördern.

Um diese Forderungen zu erfüllen und diese Qualifikationen zu erwerben, habe ich bereits einiges Geld investiert. Diese Berufstätigkeit übe ich mit Leidenschaft aus und hier fühle ich mich wohl, kompetent und anerkannt. Wäre mir also zu langweilig oder würde ich gerne den - durch das Gesetz definierten - Spiel- und Handlungsraum erweitern, müsste ich mir überlegen, wo ich noch Kompetenzen besitze. Das ist zum einen das Vortragen und zum andere das Lehren. Das könnte genauso gut aber auch Musizieren, Marathonlaufen oder Malen sein. Die Frage, die ich mir stellen müsste wäre also, was habe ich gelernt und wo fühle ich mich kompetent?

Neben meiner Ausbildung zum Psychotherapeuten habe ich noch Psychologie studiert. Ich könnte also auch testen, diagnostizieren, gesundheitspsychologisch beraten, in der Prävention arbeiten, Unternehmen in ihrer Personalentscheidung unterstützen usf. Allerdings wäre das alles keine Psychotherapie, sondern (Klinische, Arbeits-, Organisations- und Gesundheits-) Psychologie. Wenn ich allerdings so nachdenke, fühle ich mich in der Privatwirtschaft gar nicht so wohl. Vielleicht ist das mit ein Grund, warum ich lieber im klinischen Bereich arbeite (und deswegen die Psychotherapieausbildung angefangen habe?). Wäre ich sonst nicht vielleicht eher Arbeitspsychologe geworden, hätte vielleicht noch Wirtschaft studiert und würde heute nicht Psychotherapeut werden? 

Wenn ich als Psychotherapeut zu Hause Freunde bewirte und etwas koche, bin ich ebenso wenig psychotherapeutisch tätig, wie wenn ich im Rahmen eines Coachings, einer Supervision, einer Mediation, einer beratenden Tätigkeit bei einem Unternehmen usw. tätig bin. In diesen Fällen bin ich Supervisor, Coach, Trainer, Mediator usw. und auch Psychotherapeut - aber eben nicht psychotherapeutisch tätig. Psychotherapie ist für mich (im Verständnis von Psychotherapie iSd Gesetzes) die Behandlung von und Arbeit mit Menschen, die in verschiedenen Bereichen des täglichen Lebens Verhaltensweisen aufzeigen, die ihnen ein unbeschwertes, ungestörtes Leben nicht ermöglichen. In diesem Sinn ist Psychotherapie die Arbeit mit Personen, die etwas an sich verändern möchten, um im Leben besser zurecht zu kommen. Das Gleiche gilt synonym für Personen-Systeme.

Psychotherapie ist für mich mehr, als eine Kommunikationsmethode. Ich bin kein Kommunikationsberater. Die Kollegin fragt uns, „ob wir Psychotherapeuten diesen Wunsch überhaupt´ hegen, die offizielle Anerkennung und Wertschätzung unserer Qualifikation" anzustreben. Die Antwort darauf ist meines Erachtens ein lautes (selbstbewusstes, verständliches, aber nicht zu lautes, marktschreiendes!) „Ja!".

 Ich will als Psychotherapeut in der Öffentlichkeit durch die Qualifikation, die ich erworben habe, anerkannt werden. Ich wünsch mir, dass alles getan wird, was dazu führt, dass die Psychotherapie in einer immer breiteren Öffentlichkeit Anerkennung findet! Ich hoffe, dass wir PsychotherapeutInnen uns nicht mehr gesenkten Hauptes durch die Straßen schleppen müssen (mussten wir das je?), sondern erhobenen Kopfes, im Bewusstsein unserer Qualifikationen lustwandeln können.

Viel mehr noch, als all das, was letzten Endes nur mir als Person etwas bringt, wünsche ich mir, dass die KlientInnen da draußen, erkennen können, was Psychotherapie ist und wobei sie ihnen ganz persönlich helfen könnte. Ich bin überzeugt, dass es der falsche Weg ist, in der Angst, Nischen zu verlieren, alle besetzen zu wollen. Psychotherapie als Profession wird nicht davon profitieren, dass immer mehr PsychotherapeutInnen immer mehr psychotherapiefremde Tätigkeiten ausüben. 

Das Verwässern dessen, was die Kernkompetenz ist, wird dazu führen, dass Psychotherapie an Reputation verliert, so wie andere Berufsbezeichnungen auf dem weiten Feld des Psychomarktes, die in Ermangelung von Kompetenzen und im Wunsch nach größeren Jagdplätzen, ihre angestammten Bereiche verlassen haben. Viele unserer KlientInnen da draußen wissen nicht, was Psychotherapie von Psychiatrie und Psychologie unterscheidet. Da wird es wenig hilfreich sein, diese Unterschiede nicht deutlich zu machen? Und als Klientin würde mich ein Blick auf psyonline irritieren, wenn der Psychotherapeut meiner Wahl auch Mediator, Coach, Supervisor, Trainer, Aufsteller, Psychologe usw. ist. Ich könnte nicht umhin, an diese unsäglichen Maschinen zu denken, die faxen, kopieren, scannen, drucken und telefonieren können. Jemand der alles ein bisschen kann, kann nichts ganz, oder?


Anmerkung der Redaktion:

In der letzten Ausgabe ist uns allen nicht aufgefallen, dass im Text von Corina Ahlers („Europas Streben um Professionalisierung im Systemischen – die nationale Vertretung in der europäischen Familientherapie/ EFTA") aus Lettland plötzlich Lappland geworden war – wir möchten jenen Satz zur Richtigstellung nochmals abdrucken:

„Von den 27 Ländern, die derzeit in der EFTA erfasst worden sind, werden 11 gesetzlich reguliert (Deutschland, Frankreich, Österreich, Ungarn, Italien, Irland, Malta, Holland, Schweden, Finnland, U.K.); weitere 8 werden zumindest durch national verankerte Standards professionell gesichert (Dänemark, Spanien, Griechenland, Lettland, Polen, Portugal, Slowakei, Slowenien), das restliche Drittel untersteht keiner Art der Regulierung (Belgien, Bulgarien, Zypern, Tschechien, Litauen, Estland, Luxemburg, Rumänien)".

Corina Ahlers (Delegierte in der NFTO/EFTA)


Connecting People" und die Sozialmarie

Die Sozialmarie ist nicht nur ein Anerkennungspreis, ein Fest und eine monetäre Unterstützung geblieben. Sie ist in den 3 Jahren ihrer Existenz zu einer ansehnlichen sozialen Bewegung herangewachsen, zu der sich engagierte Sozialarbeiter und solche, die an sozialen Projekten Interesse zeigen und initiativ werden, gesellen.  Und sie ist eine Drehscheibe von Menschen geworden, die sich für gesellschaftliche Anliegen einsetzen: mit ihrem Geld, mit Engagement, mit ihrem Know-how. 

Die Unruhe Privatstiftung baut an einer sich ständig weiter entwickelnden Plattform zur Sichtbarmachung und Unterstützung von sozialem Engagement. Die Vernetzungstätigkeiten helfen ein Projekt mehr bekannt zu machen, wachsen zu lassen, damit es auch Früchte für andere, in anderen Städten und Ländern trägt. Das Vorstellen von 15 (von den beinahe 200 eingereichten) Projekten und Schilderungen der speziellen Leistungen für (notwendige) soziale Nischen sowie das Bekanntmachen deren Vertreter am Fest am 1. Mai im Radio-Kulturhaus in Wien und die Homepagepräsenz schuf eine Atmosphäre einer großen Familie. Ja, so mancher Gast mag sich fast heimlich geschämt haben, nicht ebenso initiativ im Sinne einer strukturellen Intervention gewesen zu sein. 

Ich konnte erfahren, dass es eine 2. Vereinssparkasse gibt, wo engagierte Bankangestellte für Menschen ohne Berechtigung zu einem Konto doch ein Konto eröffnen, was ihnen die Welt zu Arbeit und gesellschaftlichen Kommunikationsmitteln wieder zugänglich macht. Eine Vorarlberger Initiative schult Kinder im Umgang mit Geld. Ein Kunstprojekt für Schubhäftlinge in Salzburg verschafft Ansprache und Ausdrucksmöglichkeiten für viele der Wartenden, die in Ausstellungen eine öffentliche Stimme bekommen. Weibliche Sträflinge machen Kunst am Mittersteig, die Öffentlichkeit erreicht. Budapester verfolgen Pressemeldungen über Drogen und helfen Falschinformationen richtig zu stellen und Journalisten mit ExpertInnen zu vernetzen. Behinderte leisten selber Qualitätssicherung für behindertengerechte Vorkehrungen. Ein Frühstück für MigrantInnen wird zum Sprungbrett für Integration in vielerlei Weise. PC-Unterstützung zur Förderung und Gestaltung von Alltag für alte Menschen, die Anschluss an ihre Erfahrungen und Gewohnheiten aus alten Tagen ermöglichen, beleben Menschen in späten Jahren. Menschen mit schwarzer Hautfarbe gehen offensiv mit Plakaten an die Dekonstruktion von Vorurteilen. Und vieles mehr.

Im Oktober 2006 fand eine wissenschaftliche Tagung statt, die den Dialog mit den und unter den Projekteinreichenden ermöglichte. Und in den kommenden Monaten sind lokale workshops geplant, die engagierte Gruppen mit dem für sie nötigen Know-how versorgen helfen, um ihre Ideen (noch besser) zu installieren und zur Wirkung zu bringen. 

Der 1. Preis 2007 an Connecting people - eine Initiative, die Patenschaften mit unbegleiteten Flüchtlingen vermittelt -, steht wohl als Namen für die Bewegung um die Sozialmarie. Sie verbindet Menschen, die Menschen verbinden und die für andere und Systeme und Organisation sorgen.

Die ÖAS kann stolz darauf sein, dass Wanda Moser-Haindl, die mit ihrem im Dezember verstorbenen Mann diesen Preis und die Idee um den Preis ins Leben gerufen hat, auch ein ÖAS Mitglied ist. Mehr darüber finden Sie in „Systemische Grenzgänge" (hg von Mehta, Zika, Krammer-Verlag, 2006) und http://unruhestiftung.org

Gerda Mehta, Wien

 


STUDENTENFUTTER

Liebe Studentinnen und Studenten! 

Bei meinem ersten Beitrag habe ich von euch das Feedback bekommen, dass ich zu streichelweich, zu gestreamlined, zu beckenrandschwimmend und warmduschend in den Formulierungen war. Die andere Hälfte meinte, es wäre eine Zumutung, mir zuzuhören und meine miesmachenden, grantelnden Kommentare zu lesen. Ich möchte mich bei allen bedanken, die mir mit ihren Kritiken die Augen geöffnet haben und es mir so ermöglicht haben zu sehen, was ich nicht zu sehen imstande war!  Aus diesem Grunde möchte ich heute weder gemein noch lieb sein, sondern einfach ein paar Dinge zum Thema  „600 Stunden" sagen, die mir so einfallen.

Im Rahmen der Ausbildung zum Systemischen Psychotherapeuten ist es uns vorgeschrieben, dass wir im Ausmaß von 600 Stunden Psychotherapie machen. Diese muss im Ausmaß von 200 Stunden supervidiert werden. Die ÖAS-StudentInnen haben‘s ja gut: Hier haben wir 140 Stunden Supervision schon im Rahmen des zweiten Abschnitts. Quasi im Preis inbegriffen. Und wir müssen nur noch die restlichen 60 (zusätzlich) finanzieren. Gut. Aber hat sich eigentlich schon einmal wer gefragt, warum wir es - ohnehin schon schwer habend - nicht leichter gemacht bekommen? 

Warum müssen wir jetzt zusätzlich zu den ohnehin schon schwierig zu erreichenden 600 Stunden noch Zusatzfeatures erfüllen? Warum muss ein bestimmter Prozentsatz mit Paaren und Familien geschehen? Weil wir Systemische Einzel-, Paar- und Familientherapeuten werden wollen? Geschenkt! In welcher freien Praxis tummeln sich wirklich (!) die Paare und Familien? In welchem Verhältnis steht (Hand auf‘s Herz) in der Praxis von eingesessenen PsychotherapeutInnen die Zahl der Familien, die in Therapie kommen, zu den Einzeltherapien?

StudentInnen am Anfang ihrer Karriere haben Schwierigkeiten an *EinzelklientInnen* zu kommen - nicht zu sprechen von Paaren und Familien. Und da wollen wir einmal außer Acht lassen, dass manche unserer Praxen einfach nur ungeeignet für die Therapie von mehr als 2, 3 Personen ist. Ich werfe hier niemandem vor, dass wir diese 600 Stunden machen müssen. Doch: Der Ärztekammer… Aber im Ernst: Ich glaube, dass keineR von den LehrtherapeutInnen es wirklich so toll und notwendig gefunden hat, dass wir so eine absurde Zahl von Stunden brauchen, um unter Beweis zu stellen, dass wir unseren zukünftigen KlientInnen als PsychotherapeutInnen nicht Schaden zufügen. Dass es die Hälfte an Stunden auch tun würde ist eine Diskussion, die sinnlos ist, weil das Gesetz nun leider einmal so ist. Aber es ist doch durchaus von uns StudentInnen nicht zu viel verlangt, dass wir von den Vereinen unterstützt werden und dass uns nicht zusätzliche Steine in den Weg geräumt werden. 

Denn: Wie diese Stunden ausschauen sollen steht nirgends. Es wäre daher nicht nötig gewesen, noch schärfere und schwerer zu erfüllende Kriterien einzuführen, als durch das Gesetz vorgeschrieben. Gut. Was wird passieren? Es werden Protokolle noch kreativer ausgebaut werden als bisher. Das passiert natürlich nicht (!) in der ÖAS. Das hört man nur so von anderen Vereinen. Es wird weiter LehrtherapeutInnen geben (wiederum nicht ÖAS!), die ein oder zwei Augen zudrücken. Aber ist es im Sinn der Ausbildung, wenn sich die LehrtherapeutInnen und die StudentInnen bei kleinen Pikanterien auf ein Bankl haun? Soll es weiter zu Ungleichheiten kommen, weil es StudentInnen gibt, die das mehr und andere, die es gar nicht praktizieren? Oder weil es LehrtherapeutInnen gibt, die mehr oder weniger gewährend sind? 

Sollen StudentInnen wirklich dazu gezwungen werden, unsauber zu arbeiten, nur damit sie in einer annehmbaren Zeit wirklich zu arbeiten beginnen können? Pikantes Detail am Rande: Wenn wir dann einmal in der PsychotherapeutInnenliste eingetragen sein werden, werden wir Einzeltherapien abrechnen. Die Krankenkassa kennt nämlich so was wie Familientherapie oder Paartherapie nicht. Man hört, es sei den Systemischen Vereinen nicht gelungen, die Kostenträger davon zu überzeugen, dass auch Paare oder Familien Therapie brauchen und dass es nicht immer Einzelne sind, die diagnostiziert werden müssen. Also lernen wir weiter in der Ausbildung, dass Diagnosen pfui sind („aber natürlich wissen wir alle, dass das eine ziemliche Borderline-Persönlichkeitsstörung ist …") und in der Praxis schreiben wir dann dem Buben eine Diagnose auf‘s Papier, damit die Kassa die € 21,80 zahlt …

Also: Wie sollen wir das interpretieren? Welchen wohlmeinenden Hintergrund hat diese Erschwernis für unser StudentInnenleben? Wo ist die Unterstützung des Vereins bei der Suche von KlientInnen? Wo sind die einheitlichen Regeln? Entweder alle ein Auge zu oder keiner, right?

Liebe KollegInnen: Danke für euer Feedback! Ich hätte mich sonst sowas nie zu sagen getraut ;o)

Dominik Rosenauer


SEMINARABEGBOTE / 
FREIE SEMINARPLÄTZE  

Seminarangebot:

Theorieseminar: 
"Sex und Liebeskultur: Sex is beautiful ... Liebe ist - für immer?"

Leitung: Corina Ahlers (Klinische- und Gesundheitspsychologin, Systemische Familientherapeutin, 
Lehrtherapeutin der ÖAS)

Liebe ist nicht ohne körperliche Berührung, Zärtlichkeit und Erotik vorstellbar. Wir phantasieren täglich über Sexualität und Körperlichkeit, aber KlientInnen sprechen in der Therapie selten über so intime Themen.

Vieles muss unausgesprochen bleiben, weil die Gefahr der Grenzüberschreitung im therapeutischen Raum groß ist. Dennoch ist manches spürbar und wird zugänglich, vielleicht sogar verändert:

  • Welches therapeutische Ambiente und welche therapeutische Beziehung ermöglichen es, mit einem Paar über sexuelle Wünsche und deren Verwirklichung zu reden?
  • Wie lässt sich mit Mann und Frau über ihre Sexualität sprechen?
  • Welche Worte und Metaphern finde ich als TherapeutIn, um einladend und nicht grenzüberschreitend zu wirken?
  • Welche Methoden gibt es, sexuelle Wünsche und Bedürfnisse sprachlich zu erforschen?
  • Über welche Vorlieben und Praktiken lässt sich reden?
  • Wann sind "Hausaufgaben" angebracht bzw. unangebracht?
  • Auf welche Besonderheiten bei Frau und Mann muss ich als TherapeutIn achten, wenn ich über Körper und Sex rede?

In diesem Seminar werden wir viele praktische Fragen diskutieren, die uns in der Arbeit als systemische Einzel-, Paar- und Familientherapeuten beschäftigen. Fallsbeispiele werden im Detail angeschaut, Supervisioneigener Fälle ist möglich.

Datum: 25. - 26.01.2008
Ort: ÖAS - 1010 Wien
Kosten: € 160,- für StudentInnen der ÖAS, € 175,- für Mitglieder der ÖAS, € 190,- für Nicht-Mitglieder der ÖAS


Für folgendes ÖAS-Seminar gibt es noch einige wenige Restplätze:
Selbsterfahrungsseminar: 


"Vom Harmonisieren und der Lust am
Streiten - meine Konfliktmuster"

Leitung: Andrea Brandl-Nebehay

Ärger am Arbeitsplatz, Streit mit dem Partner, Konflikte mit den eigenen Kindern oder Eltern, sind in fast jeder Psychotherapie ein Thema - ganz besonders aber in Paar- und Familientherapien. 
Systemische PsychotherapeutInnen sind also in ihrer Arbeit ständig mit dem Konfliktverhalten ihrer KlientInnen (bzw. deren Erzählungen darüber) konfrontiert. Um Konfliktmuster erkennen und therapeutisch hilfreich damit arbeiten zu können, soll dieses Seminar Gelegenheit bieten, sich mit den eigenen Strategien im Konfliktfall und deren Vor- und Nachteilen auseinander zu setzen.

Termin: 5. - 7. Oktober 2007

Für Detailinformationen und Anmeldung wenden Sie sich bitte an das
ÖAS-Sekretariat Tel: 01/212 41 35, office@oeas.at

Überblick über alle Workshop-Angebote: hier


 

LITERATUR - und FILMTIPPS 
(zu den gesammelten Literatur Tipps aller bisherigen Netzwerknachrichten gelangt man hier)  

Konrad Paul Liessmann

Theorie der Unbildung. Die Irrtümer der Wissensgesellschaft

Der Wiener Philosoph Konrad Paul Liessmann hat ein gut lesbares, durch seinen polemischen Stil und treffsichere Formulierungen unterhaltsames Buch über Bildung/Unbildung und Wissen in unserer Zeit geschrieben. Warum das auch für PsychotherapeutInnen interessant ist, wird spätestens bei seinen Ausführungen über die sogenannten ECTSPunkte (die früher oder später vermutlich auch hierzulande die Therapieausbildungen vereinheitlichen werden) deutlich.

Eine Ausgangsthese Liessmanns ist, dass nicht die Wissensgesellschaft, wie häufig postuliert, die Industriegesellschaft ablöst, sondern wir vielmehr in einer Zeit leben, in der Wissen industrialisiert wird, damit es – modularisiert, vereinheitlicht - in die Zone der ökonomischen Verwertbarkeit transferiert werden kann. Vor dieser Folie kritisiert Liessmann pointiert die Ideologie des lebenslangen Lernens als Instrument der Anpassung sowie das Konzept des Lernen-Lernens, das keiner Idee von Bildung mehr verhaftet ist, sondern durch das Leerstellen offen gehalten werden sollen für rasch wechselnde Anforderungen der Märkte, Moden und Maschinen.

Anhand der PISA-Studie macht Liessmann den „Ranglistenwahn" deutlich – Rankings sowie Evaluierungen, so Liessmann, fungieren dabei als wirksame Steuerungs- und Kontrollmechanismen, die verinnerlicht werden und den Phantasmen der Effizienz, der Verwertbarkeit, der Spitzenleistung und der Anpassung verpflichtet sind.

„Was die Bildungsreformer aller Richtungen eint, ist ihr Hass auf die traditionelle Idee von Bildung. Dass Menschen ein zweckfreies, zusammenhängendes, inhaltlich an den Traditionen der großen Kulturen ausgerichtetes Wissen aufweisen könnten, das sie nicht nur befähigt, einen Charakter zu bilden, sondern ihnen auch ein Moment von Freiheit gegenüber den Diktaten des Zeitgeists gewährt, ist ihnen offenbar ein Greuel. Gebildete nämlich wären alles andere als jene reibungslos funktionierenden flexiblen, mobilen und teamfähigen Klons, die manche gerne als Resultat ihrer Bildung sähen." Immanuel Kant, so ein griffiges Beispiel, der 10 Jahre an seiner „Kritik der reinen Vernunft" schreibt und Königsberg nie verlassen hat, wäre im Universitätsbetrieb unserer Zeit nicht mehr möglich.

Über den Begriff von Charakter ließe sich natürlich – gerade unter PsychotherapeutInnen – diskutieren. Anzurechnen ist Liessmann jedenfalls, dass sich seine Angriffe sowohl gegen Rechts als auch gegen Links richten und er es wagt, auch unpopuläre Positionen zu vertreten. Und nicht zuletzt bei der Polemik gegen Power-Point-Präsentationen („Überhaupt lässt sich bei derartigen Gelegenheiten ein generelles Missverhältnis zwischen dem technischen und medialen Aufwand und dem geistigen Gehalt des Gebotenen konstatieren") und dem Hinweis auf Scheinrealitäten, in denen schneller Nutzen in Hochglanzformat versprochen wird („Potemkinsche Dörfer, allesamt!") drängt sich so mancher Vergleich mit der Psychotherapieszene auf.

Verena Kuttenreiter


 

Wilfried Ohms

Abschied vom Spiegelbild
Verlag C.H.Beck, München 2000, € 15,40

Die Stuttgarter Zeitung kommentiert: Das faszinierende Psychogramm einer ganz besonderen Beziehung: die ungewöhnliche Verbindung zwischen Zwillingen.

Es geht um Tod und Nähe, Vertuschen, Züchtigung und den Schein wahren – die Gutbürgerlichkeit der 60er Jahre in einer österreichischen Kleinstadt. Und es geht um die ungeheure brüderliche Nähe von eineiigen Zwillingen – mit all ihren Vor- und Nachteilen, all den Zuwendungen aber auch den Grausamkeiten. Untrennbar, ja lange Zeit ununterscheidbar, so waren die beiden Brüder im gutbürgerlichen Elternhaus aufgewachsen – mit der immer wieder Realität werdenden Demütigung der Verwechslung, der „Gleichartigkeit des Aussehens, an dem sich die halbe Stadt zu stoßen schien".

Wilfried Ohms erzählt in ständig wechselnden Rückblenden und Schilderungen der Gegenwart die Geschichte und die Beziehung der Zwillingsbrüder, die scheinbar unausweichlich dem zu Beginn angedeuteten Ende zustrebt. Der eine Bruder scheitert beruflich und privat, schreitet von einer Katastrophe in die andere und landet letztendlich in Afrika, wo er nur noch einen Ausweg sieht – und was macht das mit dem anderen? Er, der in geordneten Verhältnissen erzählt. Das „Unausweichliche" gleich zu Beginn – beinahe scheint es emotionslos, unterkühlt erzählt – unterkühlt ist auch der Erzählton, der sich wie der „Rote Faden" durch alle 125 Seiten zieht.

Vielleicht war es auch diese unausgesprochene Frage, die in der Erzählung für mich mitschwingt und mich zum Dranbleiben anregte – was geschieht mit dem Erzähler? Was wird aus dem anderen Bruder? Das bleibt der Autor schuldig, offen ist der Schluss, der auch der Erzählung den Titel gibt: „Ich stehe vom Schreibtisch auf und schleiche auf Zehenspitzen ins Bad (Die Frau und die Tochter sind in der Küche und wissen nichts vom Anruf, der dem Erzähler mitteilte, dass sein Bruder den Freitod gewählt hat. Anm. AH) Ich bleibe vor dem Spiegel stehen und schaue mir in die Augen, während meine Lippen lautlos ein Wort formen, das sie wiederholen: ja". Ja wozu? Leben, Freitod - ja zum ICH?

Zum Teil mit Gänsehaut, zum Teil aber auch versucht das Buch zu schließen ohne es ausgelesen zu haben, habe ich doch durchgehalten und ich habe – für mich gesehen - vermutlich neue Ressourcen gefunden. Also für alle, die auch für Erzählungen ohne (?) Happy End Zeit haben - ein Buch, das einem irgendwann begegnen sollte. Keine Fachliteraturund doch interessant – finde ich.

Andreas Hainz


Nina Ruge und Elmar Bartel

Liebeszaube
Verlag Ehrenwirth, 2007, ca. € 13,-

Nina Ruge (geb.1956), Fernseh-Moderatorin und Buchautorin, war schon als kleines Mädchen romantisch. "Ich habe mich an Fasching als Prinzessin verkleidet und gewünscht, dass der Prinz kommt", sie habe eine sehr romantische Ader. "Wenn man einmal erlebt hat, wie schön es ist, den Partner mit romantischen Ideen zu überraschen, dann will man es immer wieder." sagte Ruge der dpa bei der Vorstellung ihres neuen Buchs. 

Die Münchnerin moderierte zehn Jahre lang bis Anfang Februar das ZDF-Magazin "Leute heute". Den „Romantik-Ratgeber" schrieb sie gemeinsam mit ihrem Kollegen, dem ZDF-Nachrichtensprecher Elmar Bartel. Nina Ruge, eine ehemalige Lehrerin, war auch lange Zeit als Kinderbuchautorin tätig.

Wenn eine Autorin ihr Lebensmotto „Alles wird gut ...." zum Titel von 4 Büchern macht und dann noch eines drauf setzt, indem sie ein weiteres Buch mit dem verheißungsvollen und viel versprechendem Titel „Alles wird besser...."schreibt, dann verspricht das letzterschienene mit dem Titel „Liebeszauber" nichts Gutes - noch dazu wenn es am Valentinstag veröffentlicht wird.

Und doch hat diese Ansammlung von Ideen und Anregungen, die das Leben romantischer und eine Partnerschaft lebendiger machen sollen – so die AutorInnen – seinen Charme. Es ist ein Buch mit zum Teil witzigen Ideen! Wer seine/n PartnerIn mal überraschen will, findet hier manch ansprechenden Tipp. Einiges, was hier vorgeschlagen wird, können viele sich finanziell wohl nicht leisten, anderes aber hat mit Geld gar nichts zu tun.

Vielleicht findet die/der eine oder andere auch Anregungen für seinen beruflichen Kontext – und wenn nicht, dann ist es doch ein „leicht verdauliches" Lesebuch und vielleicht für manche/m zum Schmunzeln.

Andreas Hainz


FILMTIPPS
„Man wird nicht als Mann geboren…"

Dokumentarfilm, Frankreich / Belgien 2004, Regie: Agnes Bert

In den Bergen Nordalbaniens gilt die aus dem Mittelalter stammende Gesetzessammlung "Kanun" bis heute. Sie regelt den Alltag und das gesellschaftliche Leben der Menschen. Die Dokumentation berichtet über eine besondere Bestimmung der "Kanun", nach der eine Frau als Man

leben darf, wenn sie auf die Ehe verzichtet und ein dauerhaftes Keuschheitsgelübde ablegt. Um ihrem Schicksal als Frau zu entgehen, verpflichten sich manche Mädchen bereits mit zehn Jahren, wie Jungen erzogen zu werden. Als Erwachsene werden diese Mann-Frauen hoch geachtet und haben in der Familie großen Einfluss.

Hier wird ein anschauliches Beispiel von der Konstruktion von Geschlechterrollen gezeigt, die so weit geht, dass bei einem als Bub erzogenen Mädchen niemals die Menstruation einsetzt. Eine Erweiterung zur Diskussion um biologisches versus gesellschaftlich konstruiertesGeschlecht.

Traude Tauber/Margret Wantoch

PS: Dieser Film ist in der ÖAS-Videothek verfügbar!!

Identities 2007 - Queer Film Festival

Seit inzwischen 15 Jahren präsentiert dieses Festival Filme zu den Themen Gender, Queere Identitäten und Diversity an. Es werden Kurzfilme, Dokumentationen und Spielfilme, viele davon sind österreichische Premieren, an insgesamt vier Spielstätten gezeigt.

Heuer findet das Festival vom 7. bis 15. Juni 2007 (wie immer in Wien) statt.
Informationen zum Programm findet mensch unter www.identities.at

Erik Zika


Jour Fixe - Vorträge und Diskussion

WienSteiermark  • SalzburgTirol •  Vorarlberg •  
Kärnten


Heuer gibt es endlich wieder ein

Sommer-Abschluss-Fest der ÖAS

Und zwar am

Donnerstag, 21. Juni 2007 ab 18.00 Uhr

beim Heurigen Kierlinger
Kahlenbergerstraße 20, 1190 Wien
Garteneingang Zahnradbahnstraße 
(direkt bei der Endstation der Straßenbahnlinie D), 
Näheres unter: www.kierlinger.at

Wir freuen uns auf Euer zahlreiches Kommen und einen schönen Sommer!


WIR BEGRÜSSEN

In den Reihen der ÖAS heißen wir herzlich jene willkommen, die im Zuge der Ausbildung neue ÖAS-Mitglieder geworden sind und wünschen gute und erfolgreiche Ausbildungsjahre:

Monika Ebner, Nadja Geretschnig, Cornelia Heinzle, Gabriele Köhldorfer-Trummer, Sabine Kopeinigg, Andrea Lechner, Elisabeth Marauschek, Sandra Möstl, Bianca Neururer, Dietmar Ortner, Margit Pabst, Silke Pfeifer, Juliana Primas, Katarina Pungercic, Barbara Rogan, Katrin Schmölzer, Manuela Tokatli, Werner Walisch, Brigitte Wallner, Monika Wallner, Monika Wogrolly-Domej, 
Dagmar Baumgartner, Daniela Berger, Doris Flotzinger, Gabriele Gruber, Stefanie Herzog, Barbara Eichwaldner-Schadinger, Helmut Egger, Lydia Gorofsky, Sabine Hofbauer, Verena Irger, Helga Jochum-Burgstaller, Christine Karrer, Andrea Kreuzer, Peter Lindner, Renate Niedereder, Silvia Rabl, Astrid Rausch, Johannes Rubenz, Andrea Taglinger, Lisa Steger,Martin Wagner


WIR GRATULIEREN

Folgende KandidatInnen haben Ende 2006 ihre Ausbildung bei der ÖAS abgeschlossen - wir freuen uns mit ihnen und wünschen viel Glück auf ihrem weiteren Weg:  

Ilse Berger, Sigrun Eder, Werner Eder, Theresia Gabriel, Nathalie Genser, Salvatore Giacomuzzi, Eva Gruber, Michaela Mühl, Doris Psenner, Johanna Schwetz-Würth, Evelyn Zeilinger, Erik Zika


Schwarzes Brett  
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