netzwerke 2/ 2008 (Juni 08)
INHALT
| EDITORIAL |
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Liebe Mitglieder!
frau könnte jetzt kein Wort über die EM
verlieren. Oder aber doch schreiben, dass Ausnahmezustände
dieser Art auch ihren Reiz haben, z.B., als ich gestern nach Hause
spaziert bin, Richtung Schwedenplatz, und die Österreicher
gerade ein Tor(!) geschossen haben. War eigentlich nett. Wenn
Ihr/Sie die netzwerke in den Händen habt, wird die EM schon
wieder fast
vorbei sein. Vielleicht sind auch schon einige – hoffentliche nette
–
Sommerabschlussfeiern vergangen und es hat sich ein leichtes Wohlgefühl
eingestellt, verursacht durch antizipatorisches Runterschrauben
des Arbeitspensums vor dem Urlaub. Da kommen die netzwerke gerade
recht: keine Leseanstrengung, sondern ein bisschen schauen, was
es so Neues gibt in der ÖAS.
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Das wären: Drei lesenswerte Positionen
von Alfred Aichinger, Joachim Hinsch und Susanne Klingan, inspiriert
durch die Beiträge in der letzten Ausgabe zum Thema der Konzeptlosigkeit
bzw. der Frage, worauf man sich in seiner therapeutischen Arbeit
beruft.
Dann der Versuch, eine Diskussion, die von vielen nur mehr als „leidig“bezeichnet
wird, nachzuzeichnen: es geht um die Auseinandersetzungen zwischen
WLP und ÖBVP, die auch vor den Toren der ÖAS nicht Halt
machen und daher ihren Platz in den netzwerken finden sollen.
Zum Tod von Michael White, einem der einflussreichsten narrativen
Therapeuten, bringen wir einen Nachruf von Rudi Kronbichler.
Bei den Literatur- und Filmtipps sind erfreulicherweise gleich zwei
Werke von ÖAS-Mitgliedern dabei, die wir vorstellen können:
Ein Buch u.a. von Sigrun Eder über das Einkoten bei Kindern
und eine DVD über Anorexie unter der maßgeblichen Beteiligung
von Carmen Unterholzer.
So, dann wünsche ich Euch allen, dass das Gröbste vor
dem Sommer erledigt ist und der wohlverdiente Urlaub in nicht allzu
weiter Ferne. Und falls jemand nicht wegfährt, sondern in seinem
Garten liegt, unter dem selben Marillenbaum wie jedes Jahr, oder
aber ins gleiche Hotel in Italien fährt, wie die letzten 6
Jahre, sei ihm/ihr eine Weisheit von Paul Valery mitgegeben:
„Man kann sich nicht sattsehen am Immergleichen – was eine paradoxe
Überraschung ist, Überraschung durch das Erwartete“.
(Alles klar?) -
Schönen Sommer!
Verena Kuttenreiter |
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Wir haben mit dem Erscheinen dieser Nummer so lange
gewartet, weil wir die Generalversammlung abwarten wollten. Einen
genaueren Bericht werde
ich aber trotzdem erst in der nächsten Nummer bringen. Das
Wichtigste kurz:
Der alte Vorstand wurde entlastet und ein neuer gewählt, der
dem alten
verdammt ähnlich sieht:
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| Obmann: Joachim Hinsch
stv. Obmann: Gerhard Walter,
Schriftführerin: Ruth Kronsteiner
stv. Schriftführerin: Helga Fasching
Kassierin: Michaela Sit
stv. Kassierin: Eva Reznicek
und zusätzlich ganz neu: Ingrid Egger,
die sich um die ÖAS in den Bundesländern kümmern
wird.
Der Dank der bei der Generalversammlung Anwesenden galt vor allem
Eva Reznicek, Margret
Wantoch, Liesi Gmeiner und Thea Meinharter
für die riesige Arbeitsleistung, die sie in der Umstellung
des Rechnungswesens und der Neugliederung der ÖAS in Regionen
zu leisten
hatten.
Kontrovers bis fast hitzig wurde der Bericht diskutiert, dass die
ÖAS ein Kooperationsabkommen mit der SFU abgeschlossen hat.
In der nächsten Nummer wird auch dazu ein ausführlicher
Bericht erscheinen.
Vor der GV gab es einen open space, der von Erwin
Rössler großartig in Szene gesetzt wurde. Die
- leider nur - 15 Mitglieder haben 4 Stunden sehr offen, sehr engagiert
diskutiert, was sich in der ÖAS ändern müsste, um
sie besser als Verein erkennbar zu machen, dem man angehören
möchte. Also anders als Groucho Marx sagte: “Es würde
mir nie im Traum einfallen, einem Klub beizutreten, der bereit wäre,
jemanden wie mich als Mitglied aufzunehmen.”
Die Ergebnisse werden noch bearbeitet, werden aber auch demnächst
- wahrscheinlich auf der homepage - öffentlich gemacht werden.
Ich wünsche Euch bzw. Ihnen einen schönen Sommer
Joachim Hinsch |
Grenzgehen in guter Gesellschaft
Die Beiträge von Verena Kuttenreiter, Sabine Klar und Andrea Brandl-Nebehay
in den letzten netzwerken haben mich allesamt sehr angesprochen und auch
inspiriert, ein paar eigene Gedanken zu formulieren:
Sicher wöchentlich bin ich mit der Frage von interessierten potenziellen
KlientInnen konfrontiert, welche Art von Psychotherapie ich denn praktiziere.
Ich merke bei der Beantwortung dieser Frage, dass ich manchmal etwas ungeduldig
werde. Dennoch antworte ich erwartungskonform, meiner fachspezifischen
Ausbildung entsprechend, klar und deutlich mit:„Systemische Familientherapie“.
Seltener, aber doch werde ich (meist von AusbildungskandidatInnen, die
Einzelselbsterfahrung brauchen) gefragt, ob ich wohl nach dem narrativen
Ansatz arbeite. Auch diese Frage ist mir nicht besonders angenehm. Ich
antworte dennoch freundlich mit: „Ja - sicher, auch.“ Richtig unbehaglich
wird es, wenn Menschen – was wiederum häufiger vorkommt - fragen:
„Sind Sie systemischer Therapeut? Arbeiten Sie mit Aufstellungen?“ Mit
leicht gereiztem Tenor in der Stimme antworte ich
dann: „Wenn es die Themenstellung und der Kontext erfordern, arbeite ich
unter Umständen auch mit Aufstellungen. Und es gibt außerdem
viele Möglichkeiten der Aufstellungsarbeit.“
Die allermeisten KlientInnen jedoch, stellen keine derartigen Fragen,
worüber ich sehr froh bin. Ich kann ihnen nämlich beim Orientierungsgespräch
meine liebste Version darbringen, die da lautet: „Ich bin seit fast 30
Jahren in unterschiedlichsten Kontexten und Funktionen im psychosozialen
Feld tätig. Wir können hier gemeinsam erforschen, ob ich hilfreich
für Sie sein kann.“ Dabei fühle ich mich wohl und erlebe mich
in einer kreativen Spannung.
Aber warum sind mir die anderen Fragen irgendwie unangenehm? Aus KlientInnensicht
sind sie natürlich hochlegitim und diese haben klarer Weise ein Recht
darauf, dass sie eine „wahre“ Antwort bekommen. Nur mit der „Wahrheit“
ist das so ein Sache – und da kommen wir meinem diffusen Unbehagen schon
etwas näher.
Ich sehe nämlich nur eine sehr bedingte Korrelation zwischen meiner
eigenen, vermuteten therapeutischen Kompetenz bzw. Wirksamkeit und meinen
Ausbildungsgraduierungen. Ich verorte die Entwicklung meiner Kompetenz
auf weiten Strecken woanders.
Am hilfreichsten und kompetenz-förderndsten für mein psychotherapeutisches
Tun waren und sind für mich nämlich hochpersönliche, intime
Erfahrungen, die mich an und über meine Grenzen geführt haben.
Erfahrungen von Schmerz, Ekstase, Verlust, Geburt, Rausch und Zu-Grunde-Gehen.
Hier wurde und werde ich vor allem gebildet.
Viele meiner Aus- und Fortbildungen habe ich als Neuordnungs- und Reflexionsmöglichkeit
meines manchmal durchaus risikioreichen, grenzgängerischen Lebens
genützt. Sie haben wesentlich dazu beigetragen, in mir eine tragende
therapeutische Haltung und eine sinnstiftende Identität für
mein Tun zu entwickeln. Dafür bin ich dankbar. Methodische und konzeptionelle
Labels und Interventionstechniken verändern sich hingegen laufend
und müssen kompatibel zur persönlichen Entwicklung sein. Sie
können in Ausbildungen bestenfalls ein Angebot sein, aus dem wir
auswählen.
Mit Sorge beobachte ich, dass nachkommende KollegInnen durch gesetzlich
formalisierte und möglichst quantifizierbare Ausbildungsstandards
zum Stundensammeln und zum Tricksen (Wie komme ich möglichst schnell
zu meiner Graduierung?) ausgebildet werden. Das bedeutet in letzter Konsequenz
das Aus (=Ende) von Bildung.
Zuversichtlich stimmen mich die immer wieder anzutreffende, widerspenstige
Kreativität, sowie der breite Wissensdurst und Lebenshunger vieler
AusbildungskandidatInnen und die Beiträge von Wild- und FremdgeherInnen
in ÖAS Bildungskontexten. Ausbildungsinstitute und LehrtherapeutInnen
haben Verantwortung im Geben von wirklichen Freiräumen für persönliches
und fachliches Lernen, sowie im Konfrontieren von immer häufiger
anzutreffenden Machbarkeitsfantasien der Methoden- und Technikgläubigkeit.
Nichts ist bedeutsamer, als dass wir in psychotherapeutischen Bildungskontexten
unserem ureigensten Anliegen und der wichtigsten therapeutischen Aufgabe,
nämlich der Entwicklung von persönlichen und individuellen Potenzialen,
treu bleiben.Ist im Übrigen auch viel spannender und befriedigender
als der Uniformiertheit einer Leistungs- und Graduierungshybris zu erliegen.
Alfred Aichinger
Replik von Joachim Hinsch auf „Kein Konzept ist auch ein Konzept“
von Verena Kuttenreiter (siehe letzte Ausgabe)
Verena nimmt die, die ihrer Meinung nach ohne Konzept arbeiten, in Schutz.
...„viele viele einfühlsame, kompetente, gut ausgebildete PsychotherapeutInnen...,die
nicht nach einer bestimmten Therapiemethode arbeiten.“ Das sind die, die
„(nicht ausschließlich) lösungsorientiert, nicht (ausschließlich)
narrativ ...“ (und dann kommt in einer Reihe Nardone, Furman und de Shazer)
arbeiten. Natürlich nimmt Verena nicht wirklich die Angesprochenen
in Schutz sondern kämpft
gegen die Gurus, weniger gegen die Guruinnen.
Aber vor wem schützt sie wen? Wer arbeitet schon ausschließlich
nach Nardone? Ich kenne mich bei Nardone nicht aus; was ich von ihm bei
einem Workshop mal mitbekommen habe, war eher verhaltenstherapeutisch,
aber mit de Shazer habe ich mich doch einige Zeit beschäftigt. DeShazer
bezieht sich radikal auf systemische Konzepte: Kommunikationen zum Thema
Lösungen, erarbeitet über Ziele, Vorstellungen einer Lösung
und so weiter.
Narrative Therapie beschäftigt sich, kompetentere KollegInnen mögen
mir meine Oberflächlichkeit verzeihen, mit neuen Geschichten und
Verknüpfungen, die KlientInnen über sich erzählen. Auch
wieder Ableitungen und Anwendungen klinischer Theorie. Nicht Furman, sondern
Milton Erickson hat, so viel ich weiß, gesagt: „Es ist nie zu spät,
eine glückliche Kindheit gehabt zu haben.“ Wir arbeiten vielleicht
nicht nach Nardone etc., aber doch mit der Idee, dass Menschen in einem
Netzwerk von Kommunikationen eingebettet sind, das aus Erwartungen und
bewertetem und erklärtem Verhalten besteht, das wiederum Gefühle
und Denken in irgendeiner Weise beeinflusst und KlientInnen leiden lässt.
Meine Erklärung systemischen Verständnisses ist wohl zu oberflächlich,
einseitig und damit falsch. Was ich aber sagen möchte, ist, dass
Verena hier Anwendungen und Werkzeuge mit Konzepten gleich setzt. Anwendungen
und Werkzeuge muss man aber nicht verwenden, wenn sie nicht hilfreich
bei dem Werk sind, das ich tun möchte. Nur wenn ich keinen Schraubenzieher
habe, werde ich ein anderes Werkzeug benutzen, um eine Schraube aus einem
Loch zu bringen. Vielleicht finden wir aber noch viel bessere Schraubenzieher
als bisher, vielleicht ist er längst vielfach erfunden und nur nicht
publiziert, vielleicht hat jeder seinen eigenen Dreh, um das zu tun, was
er/sie tun möchte. Die Frage ist nicht, ob ich auch wirklich narrativ,....
arbeite, sondern in welchem theoretischen
Verständnis von systemischer Therapie.
Joachim Hinsch
Kommentar von Susanne Klingan:
Überlegungen zum Zusammenspiel von Methode und Haltung
Das Lesen der Positionen bzw. Kommentare zum Thema “Kein Konzept ist auch
ein Konzept”, haben mich angeregt, der Frage nachzugehen, woran ich mich
orientiere, wenn ich mit KlientInnen im Gespräch bin.
Dieses Nachdenken führt mich zurück in meine Ausbildungszeit;
Erinnerungen kommen hoch, an das erste Ausprobieren diverser Fragetechniken
und Interventionen. Viel Nervosität war da im Spiel, und manches
hat sich sehr fremd angefühlt für mich und vermutlich dadurch
erst recht für die KlientInnen. Es eröffneten sich dadurch aber
auch neue Perspektiven: das Verwenden therapeutischer Methoden im Gespräch
mit KlientInnen erleichterte mir, mich von Personen aus ihrem privaten
Umfeld (Verwandten oder der guten Freundin) zu unterscheiden, deren Fehlen
ich zwar in manchen Fällen kompensierte, zu denen ich aber nicht
werden sollte und wollte.
Methodisches Handeln gestaltet also die Beziehung, definert die Rollen
der am Gespräch beteiligten Personen: ich mache für mich und
KlientInnen sichtbar, dass es sich um eine professionelle Beziehung handelt,
kontextualisiere unsere Begegnung damit (und schließe andere Beziehungsformen
aus). Je länger ich weiter überlege, welchen Stellenwert Methoden
und Konzepte für mein therapeutisches Handeln haben, desto größer
wird die Lust, an ihrer Bedeutung und Wichtigkeit zu kratzen. Beim Lesen
über die Ergebnisse von Wirksamkeitsstudien fühle ich mich in
meiner Lust vorerst bestärkt:
KlientInnen und nicht TherapeutInnen werden als die eigentlichen „HeldInnen“
von Therapie beschrieben, von ihnen und nicht von therapeutischen Methoden
komme die Kraft für Veränderungen. Es können weiters keine
eindeutigen Unterschiede die Wirksamkeit betreffend zwischen Therapie-
und Selbsthilfeverfahren ausgemacht werden, und in Vergleichsstudien mit
sogenannten Placebo-Kontrollgruppen wird beobachtet, dass auch „Placebo-behandelte“
KlientInnen bedeutsame Verbesserungen zeigen (vgl. Konrad P. Grossmann:
„Die Selbstwirksamkeit von Klienten. Ein Wirkverständnis systemischer
Therapien.“ Carl-Auer-Systeme Verlag, Heidelberg 2005, S 183ff.).
Was nun? Ein bisschen Kratzen und schon bricht ein mühsam erlerntes
(und teuer bezahltes) Methoden- und Theoriegebäude zusammen? War
all die Aufregung umsonst, mit der ich mich anfangs in dieser mir sehr
fremden Therapiesprache übte?
Die Erkenntnisse aus der Evaluationsforschung zur Wirksamkeit von Psychotherapie
führen einerseits den Schulen- und Methodenstreit ad absurdum, bestätigen
andererseits aber auch eine therapeutische Positionierung, die sich sehr
vertraut anfühlt: Nicht bestimmte Methoden machen mich zu einer Gestalterin
wirksam erlebter Therapiegespräche, sondern die Haltung, mit der
ich KlientInnen begegne. Erfahren KlientInnen in der Beziehung mit mir
Wertschätzung und Empathie, so gelingt es ihnen eher, wieder in Kontakt
mit ihren Ressourcen zu kommen und sich auf Neues einzulassen (vgl.Grossmann
ebd., S 193ff).
Klingt einfach, ist aber unter Umständen harte Arbeit. Ich bin emotional
sehr gefordert, „Haltung zu bewahren“, wenn Familienmitglieder einander
in sehr abwertender und respektloser Art begegnen; ich muss auf eine gute
Balance von Nähe und Distanz achten, wenn ich mich beispielsweise
in das depressive Erleben einer Klientin einfühle und mich nicht
vom Sog der Ausweglosigkeit anstecken lassen möchte. Methoden sind
mir dabei hilfreiche Begleiter. Skalierungsfragen erinnern mich daran,
mit KlientInnen über positive Veränderungen zu reden und ihnen
dafür Anerkennung zu geben. Zirkuläres Fragen lässt mich
andere Sichtweisen entdecken etc. Und schon gelingt es mir wieder leichter,
mich den KlientInnen respektvoll und interessiert zuzuwenden... .
Susanne Klingan
FREIE SEMINARPLÄTZE
Folgendes Theorie-Seminar wird zusätzlich angeboten:
“Chaostheorie und systemisches Arbeiten”
Systemisches Arbeiten fußt auf der Überzeugung, dass Menschen
sich wie nicht-triviale Maschinen verhalten und steht damit im krassen
Widerspruch zum Alltagsverständnis, das hartnäckig davon ausgeht,
dass letzlich alles als triviale Maschine verstanden werden kann.
Welche Argumente besitzen nun aber SystemikerInnen um ihre Überzeugung
zu begründen? Warum sollte sich irgendeine Art von Maschine nicht
trivial verhalten? Warum sollte ein System, das sich nach
Naturgesetzen verhält, nicht auch vorhersagbar sein? Wie kann sich
ein kausales Systemn, nicht kausal verhalten?
Vortragender: Guido Strunk
Datum: 13.-14.03.2009
Detailinformationen und Anmeldung hier: www.oeas.at/weiterbildung/
oder im ÖAS-Sekretariat Tel: 01/212 41 35,office@oeas.at
Das ÖAS-FORTBILDUNGSZENTRUM bietet am 28.11.2009
für AbsolventInnen der Ausbildung“Systemische Familientherapie” folgendes
eintägige Seminar an:
„Narrative Therapie”
Vortragende: Andrea Thomanetz und Klaus Schmidsberger
Es wird ein Überblick über narrative Ideen gegeben und grundlegende
Praktiken der narrativen Therapie vorgestellt.
Detaillierte Infos unter: www.oeas.at/weiterbildung/weitere
workshops
bzw. im ÖAS-Sekretariat unter 01/212 41 35
Stellungnahme zu den jüngsten Entwicklungen
in WLP und ÖBVP
Vorgeschichte: Seit Jahren gibt es zwischen WLP-Vorstand
und ÖBVPPräsidium auf Grund von unterschiedlichen berufspolitischen
Ideen und Vorstellungen von deren Umsetzung große Schwierigkeiten.
Diese gipfelten zuletzt darin, dass der WLP budgetäre Kürzungen
seitens des ÖBVP zugunsten der anderen Bundesländer nicht akzeptierte
und seine Mitglieder aufforderte, die WLP-Mitgliedsbeiträge direkt
an den WLP (statt wie bisher an den ÖBVP) einzuzahlen. Darauf reagierte
das ÖBVP-Präsidium und der Bundesvorstand (das entscheidende
Gremium im ÖBVP) mit Ausschluss des gesamten WLP-Vorstandes aus dem
ÖBVP sowie der Sperrung der Konten des WLP-Vorstandes.
Beide Seiten stützen sich auf die Rechtsmeinung von ExpertInnen.
Vor einigen Monaten sendete Joachim Hinsch nachfolgende e-mail. Luigi
Trenkler reagierte mit dem Wunsch einer veröffentlichten Stellungnahme
in den netzwerken, worauf wir Regina Hilbert, Dominik
Rosenauer und Gerhard Walter ebenfalls um kurze Stellungnahmen baten:
An die Wiener, die gleichzeitig Mitglied des ÖBVP und der ÖAS
sind, den anderen zur Kenntnisnahme:
Liebe Mitglieder!
Ich wende mich heute an Sie/Euch mit einem sehr schwierigen Anliegen:
Das Präsidium des ÖBVP und der Vorstand des WLP haben sich in
eine ziemlich aussichtslose Lage manövriert. Ich kann und möchte
hier keine Stellungnahme abgeben, wer im Recht, wer im Unrecht ist. Dazu
haben Sie sich/habt Ihr Euch sicherlich selbst eine Meinung gebildet und
braucht nicht meinen Senf dazu. Dennoch verlasse ich in dem Bewusstsein,
damit nicht die Meinung aller Mitglieder vertreten zu können, meine
Position der Neutralität, weil ich eine Initiative des Präsidiums
unterstütze.
Es braucht Lösungsideen und ich denke, dass es ohne Positionierung
auch nicht geht. Eine Lösungsidee ist vom Präsidium des ÖBVP
gekommen und scheint mir in der gegenwärtigen fatalen Situation einen
Ausweg zu bieten.
Eine Reihe von Personen, die sich weder dem Präsidium noch dem WLP
direkt verbunden fühlen, haben sich bereit erklärt, eine Neuwahl
des Vorstandes des WLP zu organisieren. Damit besteht die Chance, dass
ein Schlussstrich unter die mehr als unbefriedigende Diskussion gezogen
werden kann. Ob es gelingt, steht in den Sternen, weil der Plan einer
Neuwahl eine Gegenposition zu den bestehenden Verhältnissen darstellt.
Ich kenne Pawlowsky, Spielhofer und Manfredini persönlich und
denke, dass sie daran interessiert sind, gute Bedingungen für einen
arbeitsfähigen Vorstand zu schaffen, und nicht Abhängige der
einen oder anderen Seite. Ihnen gilt mein ganzes Vertrauen und daher habe
ich die beigefügte Liste unterschrieben. Es braucht eine große
Anzahl von Unterschriften, um eine Wahlversammlung einzuberufen. Ich denke
eine Unterschrift ist sinnvoll. Wer dann zur Wahl antritt, wer dann gewählt
wird, sind ja weitere Schritte.
Herzlichen Dank für Ihre/Eure Aufmerksamkeit
Joachim Hinsch
Stellungnahme von Luigi Trenkler
Liebe ÖAS-Mitglieder,
bei Hannah Arendt lese ich über den „Fluch der Gleichgültigkeit“.
Sie meint damit unter anderem das Unvermögen der deutschen Bevölkerung
während der Adenauer-Ära, sich mit dem auseinander zu setzen,
was zwischen 1933 und 1945 passiert ist. Statt dessen ging man schnell
zur Tagesordnung über.
Ähnliches erlebe ich derzeit, auf einer historisch und politisch
fraglos ungleich weniger wichtigen Bühne stattfindend, in den jüngsten
Vorgängen rund um den ÖBVP/WLP. Ein Mail erreicht mich vom ÖAS-Büro.
Es geht um Lösungsideen, einen Ausweg aus der gegenwärtig fatalen
Situation und um einen Schlussstrich. Eine Liste soll unterschrieben und
schnell ein neues WLP-Präsidiumgewählt werden.
Was ist geschehen? Der WLP-Vorstand hat den Mitgliedsbeitrag seiner Wiener
Mitglieder selbst eingehoben, aus Protest gegen eine jahrelange ungerechte
Geldverteilungspolitik des Bundespräsidiums. Das hat vor Jahren,
so hört man von einem früheren Kassier des ÖBVP bei der
Versammlung am 16.4. im Hotel Wimberger, auch schon ein anderer Landesverband
so gemacht. Das ÖBVP-Präsidium nennt das den Griff in die Kassa.
Diebstahl oder was meint es damit? Paradoxie am Rande: Das ÖBVP–Präsidium
sperrt das Konto des WLP und macht ihn so finanziell handlungsunfähig.
Seit Jahren gibt es immer wieder heftige Streitereien zwischen Bundes-
und Landesvorstand. Nun sollen die Köpfe der WLP-Vorstandsmitglieder
rollen und ein Interimsvorstand zügig die Neugestaltung des WLP in
die Hand nehmen. Dass ein Großteil der Kollegen bei der Versammlung
damit nicht einverstanden ist und heftig Kritik übt, lässt die
horizontal hinter der Präsidiumstafel aufgefädelten Kollegen
kalt. Gespielte Gleichgültigkeit. Stoisch kehrt man zur Tagesordnung
zurück. Der Ausschluss wichtiger und verdienstvoller WLP/ÖBVP–Mitglieder,
die spürbar Positives auf den Weg gebracht haben, ist für mich
völlig inakzeptabel und basiert auf zweifelhaften ethischen Grundsätzen.
Auch die rechtliche Situation ist verdreht. Bevor die einzelnen WLPVorstandsmitglieder
aus dem ÖBVP ausgeschlossen werden können, muss sich zuerst
ein Schiedsgericht mit der Sache befassen. Zur Tagesordnung überzugehen,
eine Liste zu unterschreiben, die hilft, alles was vorgefallen ist, einfach
unter den Tisch zu wischen, ist gleichbedeutend mit der anfangs erwähnten
Gleichgültigkeitsmentalität.
Als ÖAS-Mitglied halte ich es für meine Pflicht, dieser politisch
bedenklichen Kultur entgegenzuwirken und an Kollegen zu appellieren, sich
mit dieser Sache auseinanderzusetzen.
Luigi Trenkler
Stellungnahme von Joachim Hinsch
Das Ganze habe ich wohl eingebrockt, weil ich diesen Aufruf zum Leisten
einer Unterschrift verfasst habe. Meine Haltung war die, dass es keine
andere Lösung gibt, als einen Schlussstrich unter das Ganze zu ziehen,
die Initiative von Pawlowsky & Co zu unterstützen, einen neuen
Vorstand zu finden. Das hat sicherlich den zweifelhaften Charme des gordischen
Knotens und seiner Bewältigung, aber es wäre eine Lösung,
die auf der Idee basiert, man sei dem ÖBVP beigetreten und dem WLP
zugeteilt worden, was sicherlich auch falsch sein kann. Was ich von der
ÖAS fern halten wollte, aber offensichtlich in Luigis Augen richtig
hineingebracht habe, ist die Frage der Schuld: Hie die von mir sehr geschätzte
Jutta Fiegl, Regina Hilbert, Luigi Trenkler, die Albrechts und viele andere
...- hie die ebenso geschätzten Ina Manfredini, Eva Mückstein,
Dominik Rosenauer, Gerhard Walter, Andreas Hainz und Ingrid Farag.
Beide Seiten haben gute Argumente, beiden Seiten unterstelle ich, das
Beste zu wollen. Aber auf jeden Fall finde ich es deprimierend, dass die
beiden Vorstände es in all den Jahren nicht geschafft haben, ins
Gespräch zu kommen. Wir SystemikerInnen haben die Idee, dass die
Einteilung in gut und böse, richtig und falsch und andere Dichotomien,
weniger mit dem Verhalten der Betrachteten als mit der Sichtweise der
Betrachter zu tun haben. Luigi macht aber einen etwas untergriffigen Schachzug
in der Verteilung von Dichotomien, wenn er gewisser Maßen als seine
Zeugin, den Inbegriff der politischen Ethik - Hannah Arendt - zitiert.
Damit macht ein Parteigänger seine Meinung zur Wahrheit oder versucht
es zumindest. Die Gegenseite hat auch ganz gute Argumente. Aber trotz
meines Ärgers: Es ist sehr gut, dass durch Luigis Stellungnahme in
der ÖAS eine Diskussion losgegangen ist.
Joachim Hinsch
Replik auf Luigi Trenkler oder „Wie Metaphern Realitäten
machen“ von Dominik Rosenauer
Man liest diesen Brief und es wird einem ganz schwindlig. Es herrscht
Krieg im ÖBVP. Es rollen Köpfe. Sogar Parallelen zum Zweiten
Weltkrieg, einer der größten Katastrophen der Menschheit, werden
gezogen. Wenn man das liest und diese Stimmung, die zwischen den Zeilen
mittransportiert wird spürt, kann man gar nicht anders, als sich
so richtig zu fürchten. Bei genauerer Betrachtung spricht das aber
nicht nur für sich und den Stil, in dem Berufspolitik in Wien in
den letzten Jahren gemacht wurde, es wird auch klarer, warum dieser Konflikt
so hochgeschaukelt wird. Es geht darum, in den Mitgliedern, die das berechtigterweise
nur peripher interessiert, Emotionen für die einen und gegen die
anderen zu schüren. So wie auf dem Fußballplatz.
Ganz so, wie bei einem Thriller die Musik oft das einzig Gespenstische
ist, ist es auch hier der Ton, in dem der Konflikt am Kochen gehalten
wird. Dabei ist das meiste daran so schrecklich banal, dass es langweilig
sein könnte. Strenggenommen müsste man erwarten, dass bei solch
einem Vorfall spätestens nach zwei Wochen eine Entschuldigung erfolgt
und alles wieder gut ist. Tja. So kann man sich täuschen.
Was dabei naturgemäß auf der Strecke bleiben muss, ist die
nüchterne Realität. Wie jeder Verband hat auch der ÖBVP
Statuten und eine Organisationsstruktur, die demokratische Entscheidungsabläufe
regelt. Das von den ehemaligen Vorstandsmitgliedern in bester NLP-Manier
wiedergekäute Argument des verhungernden Wien („Nur ein totes Wien
ist ein gutes Wien“, Jeanne d‘Arc usw.), des Bösen Bundes („Achse
des Bösen“?) personifiziert durch das besonders übelwollende
Präsidium ( das lediglich die ausübende Funktion des Bundesvorstandes
hat), der undemokratischen Fesselung eines arbeitswütigen Wiener
Teams usw. wird so oft repetiert, dass man beinahe selbst glauben könnte,
dass es stimmt. Alleine, ein Blick in den letzten veröffentlichten
Jahresabschluss des WLP (2006) zeigt, dass ein Minus von rund EUR 4.000
erwirtschaftet wurde. Davon geht aber bei Einnahmen von mehr als EUR 100.000
die Welt nicht unter. Wenn es also nicht das Geld ist (denn natürlich
sind
die Geldflüsse dem WLP in den letzten Jahren nachweislich nicht reduziert
worden), was ist es dann?
Die ehemaligen Vorstandsmitglieder des WLP wettern aktuell gegen die „illegitim
zustande gekommene“ außerordentliche Landesversammlung am 24.6.
in Wien und schreiben allen Ernstes, dass diese Landesversammlung nichtig
ist, weil sie nicht vom Vorstand einberufen wurde. Ein Blick in die eigenen
Statuten hätte so leicht klären können: so haben gemäß
den Statuten des WLP selbst und gemäß dem geltenden österreichischen
Vereinsrecht die erforderliche Anzahl an Mitgliedern diese
Landesversammlung gefordert. Dies zeigt meines Erachtens in die Richtung,
in der das Problem liegt: Was nicht im Sinne des ehemaligen Vorstandes
ist, ist nicht demokratisch und damit rechtens.
Noch ein letztes Wort zu den oft geforderten Fähigkeiten von PsychotherapeutInnen,
Konflikte zu lösen: Wenn ein Ehepaar in Paartherapie kommt und sich
im Lauf einer langen und schwierigen Paartherapie immer deutlicher zeigt,
dass dieses Paar konträre und unvereinbare Ansichten über ein
gemeinsames Leben hat und vielleicht auch noch Kinder da sind, ist dann
nur eine Versöhnung und ein Happy End ein Erfolg? Oder ist es auch
denkbar, dass manche Menschen einfach nicht zusammen leben können?
Ist eine Scheidung ein illegitimes Instrument, um eine jahrelange konfliktträchtige
Beziehung zu beenden? Sind die Eltern deswegen schlechte Eltern und würden
sie nicht alles für ihre Kinder tun? Ich denke, all diese Fragen
sind mit „nein“ zu beantworten. Warum erwarten wir uns aber dann, dass
in dieser Arbeitsbeziehung nur ein Alleswiedergut ein Zeichen professioneller
Arbeit ist?
Ich wünsche mir als ÖAS-Mitglied und als Psychotherapeut, dass
der ÖBVP eine starke Berufsvertretung bleibt und ich werde als Funktionär
alles in meiner Macht Stehende unternehmen, damit das gewährleistet
ist. Denn dafür wurde ich von mehreren Hundert WienerInnen gewählt.
Dominik M. Rosenauer
Stellungnahme von Regina Hilbert
Lieber Herr Dr. Hinsch, liebe Kolleginnen und Kollegen, da ich vier Jahre
im Vorstand des WLP und auch einige Zeit Delegierte im Bundesvorstand
war (als KandidatInnenvertreterin) möchte ich zu dem Mail von heute
kurz meine Meinung schreiben:
Ja, für die Situation in der sich ÖBVP und WLP befinden braucht
es Lösungen! Tatsache ist, dass unsere Berufsgruppe sehr heterogen
ist und sich das auch in der Berufspolitik widerspiegelt. Es gibt sehr
unterschiedliche Meinungen, welche - mehr aber noch - auf welche Weise,
Ziele verfolgt werden sollen. Diese Konflikte werden immer mehr an Personen
festgemacht, die inhaltliche Auseinandersetzung bleibt zunehmend auf der
Strecke.
Ob eine Neuwahl im WLP wirklich etwas ändern kann ist für mich
fraglich - es wird sicher noch weitaus mehr zu tun sein um die Situation
zu verbessern als Personen auszutauschen. Sollte aber eine qualifizierte
Mehrheit im WLP für Neuwahlen sein, so wäre es mir wichtig,
dass diese auf dem Boden der WLP Statuten stattfinden. Hier beschäftigt
die Auslegung der Statuten beider Vereine (ÖBVP und WLP) wegen des
Ausschlusses des Wiener Vorstandes durch den Bundesvorstand derzeit die
Rechtsanwälte. Klar ist aber, dass nur WLP-Mitglieder ihre Vertreter
wählen können.
Die rechtliche Grundlage, die den ÖBVP Bundesvorstand ermächtigen
würde, das Präsidium zu beauftragen, eine Interimsleitung im
WLP (einem eigenständigen Zweigverein) einzusetzen, ist mir unbekannt
und wird auch von Seiten des Präsidiums nirgends angeführt.
Es stellt sich also die Frage, ob das unten erwähnte Gremium (bei
aller Wertschätzung der Personen und ihres Engagements) rechtskonform
zustande gekommen ist und handeln kann.
Die Zukunft wird zeigen, ob der Beschluss des Bundesvorstands den Vorstand
des WLP auszuschließen die Erreichung berufspolitischer Ziele fördert.
Regina Hilbert
Der österreichische PsychotherapeutInnenverband und sein
Wiener Zweigverein –
Eskalation eines Konfliktes. Von Gerhard Walter
Eingeladen, quasi als „Insider“, meine Wahrnehmungen zur konfliktreichen
Entwicklung zwischen Vorstandsmitgliedern des WLP und den Gremien des
ÖBVP zu beschreiben, merke ich schon zu Beginn, dass ich nicht umhin
kann, einen Standpunkt zu beziehen. Standpunkte ergeben sich logischerweise
aus der jeweiligen Position. Insofern wird der hier von mir kommentierte
Konflikt natürlich von meiner Position als Mitglied im Ausbildungs-
und Methodenforum und im Vorstand des ÖBVP bestimmt sein. Auf dieser
Position wurde ich teilnehmender und emotional heftig miterlebender Beobachter
einer Entwicklung, die uns PsychotherapeutInnen m.E. wieder einmal vor
Augen führt, dass wir ganz offensichtlich mit denselben Problemen
und Lösungen zu tun haben wie alle anderen Menschen. Die Eskalation
des schweren Konfliktes zwischen FunktionärInnen des Wiener Landesverbandes
für Psychotherapie und den Entscheidungsgremien des Bundesverbandes,
die schließlich zum Ausschluss der Wiener Vorstandsmitglieder aus
dem ÖBVP führte, stellte und stellt für alle Beteiligten
seit Monaten eine wahre Zerreißprobe dar. Die Eskalationsetappen
aus meiner Sicht:
Seit langem schwelende Unzufriedenheit des Wiener Vorstandes mit den durch
Mehrheitsbeschlüsse im dafür zuständigen Länderforum
herbeigeführten Budgetaufteilungen, die vom Wiener Vorstand als Benachteiligung
erlebt wurden auf der einen Seite, das Bestehen auf Gültigkeit von
demokratisch zustande gekommenen Mehrheitsbeschlüssen eben auch bezüglich
der Budgetaufteilung bei den VereinsfunktionärInnen auf der anderen
Seite, war Auslöser zu diesem scheinbar unlösbaren Konflikt.
Zu betonen ist hier Auslöser. Konflikte zwischen dem Wiener Vorstand
und den Gremien des ÖBVP haben ja eine viel längere Geschichte,
die seit Jahren in Stil und Inhalten der Auseinandersetzungen im ÖBVP
Vorstand zu erleben sind.
Die nächste Eskalationsstufe wurde durch die Aufforderung der WienerVorstandsmitglieder,
die ÖBVP-Mitgliedsbeiträge auf das Konto des Wiener Landesverbandes
einzuzahlen, eingeleitet. In der Folge konnte in vielen Gesprächen
nicht einmal Einigkeit darüber erzielt werden, wie die Statuten des
ÖBVP und des WLP in diesem Punkt zu interpretieren wären bzw.
ob sie sich widersprechen. Das Thema berührt natürlich auch
eine rechtliche Seite, und so gab es auch prompt gleich zwei unterschiedliche
Rechtsmeinungen der von der jeweiligen Seite beauftragten Rechtsanwälte.
Detail am Rande: das von mir und anderen immer wieder angeregte Gespräch
der beiden Anwälte zur Klärung oder sogar
Ausräumung der Interpretationsdifferenzen wurde nach meinen Informationen
vom Anwalt des Wiener Vorstandes verweigert.
Mit mir haben sich auch die meisten FunktionärInnen gefragt, welchen
Ausweg es aus einer Situation geben kann, in der die Wiener Vorstandsmitglieder
ein den Statuten des ÖBVP widersprechendes Inkasso der Mitgliedsbeiträge
durchführen. Monatelang waren die ÖBVP-Gremien weitgehend von
diesem Thema bestimmt – eine unerträgliche Situation für alle
an einer konstruktiven berufspolitischen Arbeit Interessierten (wir sitzen
nach meinem Verständnis in diesen Gremien, um für die Interessen
unseres Ausbildungsvereines und die der PsychotherapeutInnen zu arbeiten
und nicht um monatelang interne Querelen auszutragen).
Der schließlich einstimmig zustande gekommene Vorstands- und Präsidiumsbeschluss,
wonach die statutenwidrig eingehobenen Beiträge zurückzuzahlen
seien, wurde von den Wiener Vorstandsmitgliedern ignoriert. Jetzt wurde
es natürlich brenzlig und schwierig, ein neues Eskalationsniveau
war damit erreicht:
Was soll ein Vereinsvorstand tun, wenn demokratisch herbeigeführte
Mehrheitsbeschlüsse nicht beachtet werden? Überhaupt wenn dieser
Vereinsvorstand aus PsychotherapeutInnen besteht, die möglicherweise
den Anspruch haben, professionell, menschlich und statutenkonform zu handeln?
Richtig geraten – man organisiert ein moderiertes oder wie es in diesem
Fall hieß „mediiertes“ Gespräch. Die Mediatoren bemühten
sich und alle Regeln der Kunst. Die große Frage am Beginn dieses
Gespräches: kann sich an diesem Punkt noch irgendjemand bewegen?
Und was würde es dazu brauchen? Gespräche enden oftmals so,
wie sie angefangen haben. Und dieses hat nicht gut begonnen. Kam bei diesem
Gespräch etwas heraus? Ich denke schon: es wurde für mich und
andere
ziemlich deutlich, dass die Basis für eine weitere Zusammenarbeit
äußerst dünn bis nicht mehr vorhanden war. Das professionell
geleitete Gespräch endete ohne Vereinbarungen.
Die Diskussion, die im Vorstand auf dieses Gespräch folgte, war –
nicht nur für mich – extrem schwierig und belastend. Ein Ausschluss
der Wiener Vorstandsmitglieder als letzte Konsequenz für Funktionäre,
die sich nicht an Statuten und Vereinsbeschlüsse halten, stand dabei
die
ganze Zeit im Raum. Allerdings: der Gedanke, KollegInnen, die seit vielen
Jahren für berufspolitische Belange arbeiten aus unserem Verein auszuschließen,
bereitet mir massives Unbehagen. Der zündende
Funke der immer wieder beschworenen kreativen Alternative zu dieser „Lösung
2. Ordnung“ wollte sich nicht zeigen. Zuviel war offenbar schon geredet,
versucht worden (kommt uns das nicht aus unserer Arbeit irgendwie bekannt
vor?). Schließlich setzte sich bei den beteiligten Vorstands- und
Präsidiumsmitgliedern der „Standpunkt“ durch, dass eine weitere Zusammenarbeit
inhaltlich und emotional nicht mehr möglich ist und dass sich uns
allen zu diesem Sch(r)nitt keine Alternative auftut.
Die weiteren Folgen dieser Entwicklung sind für mich noch nicht absehbar.
Ich wünsche uns allen sehr einen gelingenden Neubeginn in Wien –
mit FunktionärInnen, die das Gesamtinteresse aller PsychotherapeutInnen
in Österreich im Auge haben. Schritte dazu sind eingeleitet.
Ich kann auch nachvollziehen, dass viele ÖAS-Mitglieder mit Unverständnis
auf diese Ereignisse blicken. Ich kann für mich in Anspruch nehmen,
dass ich mit vielen anderen KollegInnen monatelang um eine Lösung
gerungen habe. Herausgekommen ist eine Trennung – wie wir wissen ist natürlich
auch das eine Lösung in einem Konflikt - sie tut oft sehr weh.
Gerhard Walter
Ausschreibung Forschungspreis
“MARIANNE-RINGLER-PREIS FÜR FORSCHUNG
IN DER PSYCHOTHERAPIE 2008
Im Sinne seiner Zielsetzungen verleiht der Marianne Ringler Forschungsförderungsverein
im Jahr 2008 einen Forschungspreis in der Höhe von € 4.000,-.
Der Forschungspreis wird am 11. November 20008 verliehen.
Einsendeschluß für wissenschaftliche Projektanträge ist
der 30. September 2008
Für Nachfragen und weitere Informationen:
Marianne Ringler Forschungsförderungsverein
Schriftführerin: Mag. Marie Ringler
1010 Wien, Gonzagagasse 19/14
office@marieringler.at
Ausschreibungsunterlagen auch unter: www.sfu.ac.at
DIE ÖAS-FORSCHUNGSFÖRDERUNG
Seit 2002 fördert auch der ÖAS-Vorstand Forschungsaktivitäten
im Bereich Systemischer Therapie. Vereinsmitglieder, die im Bereich der
Systemischen Therapie eine Forschungsarbeit (z.B. Entwicklung und Erprobung
neuer Praxis- und Theorie-Ansätze, Evaluation und Erfolgskontrolle,
etc.) planen, können beim Vorstand einen Antrag auf finanzielle Förderung
einreichen. Der Vorstand sammelt die Anträge und entscheidet zweimal
im Jahr darüber (31. Mai und 30. Nov.),
welche Forschungsarbeiten gefördert werden und wie hoch die Förderung
sein kann. Leider können keine groß angelegten Forschungsprojekte
zur Gänze gefördert werden, auch soll die Förderung auf
Sach- und
Materialkosten beschränkt bleiben, dennoch sollte sich kein ÖASMitglied
scheuen, einen Antrag zu stellen.
Der Antrag sollte eine Kurzbeschreibung der Forschungsarbeit (ca. 1-2
DinA4-Seiten), eine
Aufstellung der zu erwartenden Kosten und eine inhaltliche Begründung
der Kosten enthalten.
Gefördert werden nur solche Arbeiten, bei denen erkennbar ist, dass
sie auch tatsächlich durchgeführt werden. Nach Durchführung
der Forschungsarbeit sind die Kosten durch Rechnungen zu belegen. Weitere
Infos im ÖAS-Sekretariat unter 01/212 41 35 oder office@oeas.at.
(zu den gesammelten Literatur Tipps aller bisherigen Netzwerknachrichten
gelangt man hier)
Thomas Friedrich-Hett (Hrsg.)
“Positives Altern. Neue Perspektiven für Beratung
und Therapie älterer Menschen.”
transcript Verlag, Bielefeld 2007, € 23,80
Lange hielt sich das Vorurteil, Psychotherapie sei nichts für ältere
Menschen. Man hielt es mit Sigmund Freud, der meinte, eine Behandlung
bei älteren PatientInnen sei nur von begrenztem Nutzen, da Menschen
mit zunehmendem Alter geistig rigider werden, was Veränderungen erschwere.
Heute gilt diese Einschätzung als überholt und die Forschung
in der Gerontopsychotherapie boomt. Die Zahl der PsychotherapeutInnen,
die mit älteren Menschen arbeiten, nimmt zu. Trotzdem herrscht immer
noch ein vorwiegend defizitorientiertes Verständnis vom Altern. Es
wird mit Abbau gleichgesetzt. Thomas Friedrich-Hett setzt auf Umdeutung.
Statt sich auf Defizite zu konzentrieren, sollten Ressourcen beachtet
werden, statt von Abbau sollte man von Umbau reden, statt von Vergesslichkeit
von Konzentration auf das Wesentliche. Alt werden bedeutet nicht zwangsläufig
unselbständig, hilfsbedürftig und krank zu werden. Die Mehrheit
der älteren Menschen ist zufrieden, selbständig, gesund und
aktiv. „Zahlreiche Forschungsergebnisse belegen, was nach wie vor wenig
bekannt ist: Dass die bestehenden Altersvorurteile unangemessen sind und
längst in den Bereich der Mythen gehören“ (16), schreibt der
Herausgeber Thomas Friedrich-Hett in „Positives Altern“.
Der Psychologe und Lehrtherapeut für systemische Therapie in Marburg
hält sich bei seiner Auseinandersetzung mit dem Alter an die wörtliche
Bedeutung von altern, nämlich sich wandeln, sich verändern.
So geht es ihm in „Positives Altern“ um die Dekonstruktion unserer vorherrschenden
Bilder von alten Menschen. Überzeugend und faktenreich stellt er
im einleitenden, theoretischen Beitrag dar, wie ältere Menschen zu
dem gemacht werden, was wir in ihnen sehen. Diesem Bild stellt er empirische
Untersuchungen gegenüber und es wird schief. Trotz körperlicher
Beschwerden sind ältere Menschen genauso glücklich und zufrieden
wie jüngere. Sie erleben Gefühle intensiver, komplexer und erfüllender
als jüngere. Mit angenehmen Erlebnissen, mit positiven Emotionen
gehen sie effizient um, während sie sich von negativen schneller
verabschieden. Vielfach ist nachgewiesen, dass die Lernfähigkeit
älterer Menschen langsamer und störungsanfälliger geworden
ist, aber auch genauer.
Noch eine Revision: „Entgegen der Annahme von höherer Rigidität
im Alter, sind Ältere nach wissenschaftlichen Untersuchungen hinsichtlich
schützender Selbsttransformation flexibler als Jüngere, was
sich positiv auf ihre Zufriedenheit auswirkt.“ (26) Thomas Friedrich-Hett
analysiert die fatalen Folgen unserer negativen Altersbilder. Sie werden
für ältere Menschen zu Belastungsfaktoren, die sie in bestimmten
Lebenssituationen in die Krise führen, zB. dann, wenn die Zuschreibung
von Abhängigkeit alte Menschen besonders vorsichtig werden lässt,
um niemandem zur Last zu fallen, und sie so in soziale Isolation geraten.
Nach der theoretischen Erörterung rückt Thomas Friedrich-Hett
die Beratung und Therapie älterer Menschen ins Zentrum seiner Analyse.
Haltungen, Gesprächsführung, Ziel- und Zukunftsorientierung,
aber auch Stolpersteine konkretisiert er anhand eigener Praxisbeispiele.
Dieser erste, umfangreiche Beitrag – überschrieben mit „Ressource“
– ist die Grundlage für die darauf folgenden Berichte aus der Praxis,
die unter „Diskurs“ subsumiert werden. Erlebnistherapeutische Methoden
in der Arbeit mit älteren Menschen werden vorgestellt, sowie Paarberatung
im Alter oder Beratung für schwule Senioren. Renate Rubin schreibt
in „Entwicklung und Bildung in der 4. Lebensphase“ über ihre poesie-
und bibliotherapeutische Arbeit mit hoch betagten Frauen. Ausgehend von
einem „Kompetenzmodell des Alters“ orientiert sie sich an den Ressourcen
alter Menschen, die diese bis an ihr Lebensende weiterentwickeln. Sie
zeigt, wie die negativen Altersstereotype den schreibenden Frauen im Projekt
„Schreibstube“ zunächst im Wege standen und wie im Laufe des Schreibprojekts
der Selbstwert und die Selbstwirksamkeit der Teilnehmerinnen zunahmen.
So fanden die schreibenden Frauen am Ende des Projekts selbstbewusst,
dass der Begriff „Schreibstube“ der Qualität ihrer Texte nicht entspräche.
In ihrem Beitrag zeigt die Schweizer Literaturpädagogin immer wieder,
wie sich die theoretischen Postulate in der konkreten Praxis umsetzen
lassen.
Alt wird, wer gesund und zufrieden ist, in wessen Leben das Positive überwiegt.
Wer sich überflüssig fühlt, wer verbittert und griesgrämig
ist, stirbt im Schnitt sieben Jahre früher. Psychotherapie kann körperliches
Leiden älterer Menschen zwar nicht beheben, aber erträglicher
machen. „Positives Altern“ trägt dazu bei, die Sicht auf das Altern
entscheidend zu verändern und ist somit ein wichtiger Beitrag für
die Gerontopsychotherapie. Allen, die mit älteren KlientInnen arbeiten,
allen, die das Altern
beschäftigt, ist es wärmstens zu empfehlen.
Carmen Unterholzer
Natascha Wendt, Michael Ensle
„Stress- und Burnout-Prävention“ – Handbuch für
Führungskräfte, Betriebsräte und Abeitsmediziner“
ÖGB Verlag, 2008, ISBN: 97837003513276, € 21,-
Wer ein Lehrbuch erwartet, wird enttäuscht sein. Ein solches ist
es nicht. Es ist, wie der Untertitel schon ankündigt, ein Handbuch.
Auch wenn die PsychotherapeutInnen nicht als Zielgruppe angeführt
sind – leider –, so ist es doch ein Tool, das man guten Gewissens empfehlen
kann.
Stress und Burnout sind zurzeit in aller Munde und meist wird die Ursache
nur beim Betroffenen gesucht. Hier wird das Thema von vielen Seiten beleuchtet
und es kommen ExpertInnen aus verschiedenen Bereichen zu Wort. Neben den
psychischen Ursachen und Auswirkungen werden auch die volks- und betriebswirtschaftlichen
Auswirkungen beleuchtet. Die vielfältigen Ursachen und Auslöser
werden nicht nur an der Person selbst, sondern auch in den Unternehmen
und im privaten Umfeld der Betroffenen geortet. Daher werden auch dort
Präventionsmöglichkeiten und Handlungsebenenbeschrieben. So
widmen die AutorInnen auch ein Kapitel der betrieblichen Gesundheitsförderung
und dem ArbeitnehmerInnenschutzgesetz.
Wolfgang Katzian, Bundesgeschäftsführer der GPA-DJP (Gewerkschaft
der Privatangestellten), schreibt in seinem Vorwort: „…da die Ursachen
für Stress und Burnout vielfältig sind, reicht es zu deren Bekämpfung
nicht mehr aus, einzelnen Menschen Unterstützung in Form von Beratungen
oder Entspannungstechniken anzubieten. Solche Maßnahmen helfen zwar
dem Betroffenen weiter, die Ursachen bleiben aber bestehen. Denn wem nützen
die Entspannungs-techniken, wenn sich am
Arbeitsdruck und an der Organisationsstruktur im Unternehmen nichts ändert…“
– Das Buch gibt Anstöße zu diesen Handlungsmöglichkeiten.
Dass das Buch zur trockenen Ansammlung von theoretischen Abhandlungen
und Ratschlägen wird, verhindert unter anderem Ingeborg Saval, systemische
Psychotherapeutin, die mit Ihren Beiträgen anschaulich in Fallgeschichten
die Burnout Problematik darstellt. Für alle, die sich fragen: Wo
steh ich? Ist ein kurzer Fragebogen zur
„Selbstdiagnose“ eingearbeitet.
Alles in allem ein Handbuch für all jene, die nicht nur betriebsblind
eine Seite der Medaille betrachten wollen, sondern auch an weiteren Aspekten
der Burnout-Problematik interessiert sind. Da die Beiträge der ExpertInnen
kurz gehalten sind, gerät man bei der Lektüre des Handbuchs
auch nicht in Gefahr auszubrennen.
Andreas Hainz
Sigrun Eder, Daniela Klein, Michael Lankes
„Volle Hose – Einkoten bei Kindern: Prävention
und Behandlung”
edition riedenburg, Mai 2008, 67 Seiten, €19,90
Im deutschsprachigen Raum finden sich kaum Ratgeber bzw. Kindersachbücher,
die sich ausschließlich dem Thema Einkoten widmen. „Volle Hose“
füllt eine Nische in diesem Bereich. Es ist den AutorInnen gelungen,
ein informatives, witziges, ansprechend illustriertes und sicherlich hilfreiches
Buch zu verfassen.
Der erste Teil von „Volle Hose“ richtet sich an betroffene Kinder. Es
erinnert an die Machart eines verhaltenstherapeutischen Manuals mit einer
pädagogischen, jedoch deutlich systemisch orientierten Haltung und
Herangehensweise. In einer kindgerechten, deutlichen Sprache sowie spielerischen,
interaktiven Art und Weise (Kinder dürfen in das Sachbuch schreiben
und zeichnen) erzählen die AutorInnen die Geschichte vom „Familienstinktier“,
das aufhören will zu stinken. Sie verführen
zu einer Entdeckungsreise in den Verdauungstrakt und regen an, über
die unterschiedlichen Formen unseres Verdauungsendproduktes zu diskutieren.
Sie befragen Kinder über ihre Gefühle und über die
Auswirkung des Einkotens auf die Familie, lassen das Gelesene und das
neu Erfahrene im Sinne eines Quizspieles kognitiv festigen und bieten
letztendlich ein Lied an („Das Kacklied“ in Furz-Dur). Viel Information
für Kinder und viele Anregungen, damit Eltern mit ihren Kindern in
Kommunikation treten können. Die Idee dahinter ist die Enttabuisierung
des Fäkalischen. Das Problemthema Einkoten, das oft nur mehr Schwere
und Scham verursacht, soll mit einem Hauch von Leichtigkeit und unter
Umständen mit Humor und Offenheit besetzt werden.
Der zweite Teil ist den Eltern gewidmet und enthält allgemeine und
psychologische Sachinformationen und Instruktionen bezüglich einer
günstigen elterlichen Haltung. Im dritten Teil richten sich die AutorInnen
direkt an PsychologInnen und PsychotherapeutInnen. Sie unterstützen
darin, manch vergessenes Symptomwissen wieder upzudaten und geben einen
groben Überblick dessen, wie PsychotherapeutInnen vorgehen könnten.
Im Kontext mit systemischer Therapie sei zu erwähnen, dass sich „Volle
Hose“ prinzipiell gut in einen Therapieprozess mit Kindern und deren Eltern
integrieren läßt, jedoch kein Therapiemanual oder therapeutisches
Fachbuch ist, sondern ein gelungenes Kindersachbuch mit viel
Inhalt und vielen nützlichen Anregungen.
Andi Höher
DVD-tipp:
Institut für Systemische Therapie
„Ana Ex. Wie die Magersucht siegt und wie sie scheitert”.
DVD
Carl-Auer-Verlag, 2008 (erscheint in Kürze), im Moment erhältlich
über das IST Wien, € 19,90
Nach dem gestrigen Jour Fixe von Carmen Unterholzer und Ingrid Farag,
wo die beiden die DVD „Ana Ex. Wie die Magersucht siegt und wie sie scheitert“
präsentiert haben, ist es mir eine Freude, heute eine Rezension darüber
zu schreiben.
Die halbstündige DVD wurde vom Institut für Systemische Therapie
in Wien (IST) produziert
und ist meiner Ansicht nach vielseitig verwendbar: einerseits in der Arbeit
mit KlientInnen sowie deren Familien und sämtlichen Betroffenen,
aber auch mit Auszubildenden oder zur Prävention an
Schulen und allen Institutionen, die mit dem Krankheitsbild der Magersucht
konfrontiert sind oder es werden könnten.
Ana Ex ist die externalisierte Anorexie. Sie wird von einer Puppe dargestellt,
die sich freundlicherweise einem Gespräch mit einer Psychotherapeutin
aussetzt. Zuerst macht es noch Spaß, die interessierten
Fragen der Therapeutin nach ihrer Macht zu beantworten. Sehr eindrucksvoll
erlebt man als ZuseherIn die große suggestive Kraft der Ana Ex,
die einige Unterstützer auf ihrer Seite hat: gesellschaftliche Diskurse
wie jener, dass Schlanksein gleichbedeutend ist mit Schönheit/Gesundheit/
Erfolg oder jener über die Minderwertigkeit der Frau („Willst Du
vielleicht werden wie Deine Mutter?“); Rolemodels wie Kate Moss oder Victoria
Beckham, die einfach cooler sind als diejenigen, die einen zum Essen überreden
möchten; ein familiäres Umfeld, in dem u.a. Harmonie, Aufopferung,
Leistungsorientierung, Disziplin, Unterordnung unter familiäre Traditionen
hohe Werte darstellen; und vor allem: das Versprechen, dass durch die
Kontrolle über den Körper Autonomie, Stärke und Selbständigkeit
zu erlangen sind.
Aber Ana Ex hat auch Gegenspieler, die ihre Macht untergraben. Und auch
diese gibt sie, – unter zunehmendem Protest - der Therapeutin auf deren
hartnäckiges Fragen hin, preis: Ein Klima, in dem die oder der sich
anorektisch verhaltende Jugendliche Ernst genommen wird; in dem familiäre
Konflikte ausgesprochen und ausgetragen werden; in dem Anerkennung und
Interesse für die Themen der Jugendlichen besteht.
Wo die Verantwortung von Eltern geteilt wird mit ÄrztInnen und vor
allem: wo nicht ständig über`s Essen geredet wird, wo auch andere
Seiten der Person – nicht nur die Magersucht – Platz haben, wo Lebenslust
vermittelt wird und Zukunftsperspektiven entwickelt werden können.
All dies bringt Ana Ex gehörig in Bedrängnis, bis sie schließlich
abtritt. Sie weicht der Entscheidung, Selbständigkeit auf anderem
Weg zu erlangen als über eine lebensbedrohliche Krankheit.
Ein toller Jour Fixe, eine tolle DVD.
Verena Kuttenreiter
Filmtipp:
“Schmetterling & Taucherglocke”
Regie: Julian Schnabel
Wie, bitteschön, soll ein Film über einen Mann, der von Kopf
bis Fuß gelähmt ist, sich nicht bewegen, nicht sprechen kann,
ein Film der noch dazu auf einer wahren Begebenheit beruht, Mut machen
und eine Liebeserklärung an das Leben sein? Einzig sein linkes Auge
gehorcht dem Gehirn, wo das Leben gefangen gehalten wird, und dessen Macht
über den Körper verloren ging. Ein ewiger Horrorfilm, oder nicht?
Es erschien seltsam, dass Filmkritiker darin so viel Positives finden
konnten. Ich war verwirrt und gespannt.
Der New Yorker Maler und Regisseur Julian Schnabel verfilmte den gleichnamigen
autobiografischen Roman des ehemaligen „Elle“-Chefredakteurs Jean-Dominique
Bauby ohne Klischees. Und eigentlich sollte es ein Werk über die
weibliche Rache werden, doch es kam anders. Gefangen in einer Taucherglocke
bekommt Bauby vom Verlag eine Übersetzerin zur Seite gestellt, der
er seine Memoiren diktiert. Ein Zwinkerkommunikationssystem zur Verständigung
ist bald gefunden – denn das,
was sich in der Taucherglocke bewegen lässt, ist sein linkes Auge.
„Ich will sterben“ ist der erste Satz, den Bauby mittels dieses einzigartigen
Systems hervorbringt. Doch Jean-Do überlegt es sich schließlich
anders und entdeckt, dass zwei weitere Aspekte seines Menschseins nicht
gelähmt sind - seine Fantasie und sein Gedächtnis. Erst ab diesem
Zeitpunkt sieht man Jean-Dominique Bauby auch als Person – der Blickwinkel
wechselt. Waren zu Beginn des Films verschwommene, wirre Bilder aus der
Perspektive des lebenden Auges vorherrschend, wird man nun wie durch einen
Sog in eine Welt von Bildern gezogen, die durch ihre Gewalt und zugleich
ihre Zärtlichkeit überwältigend sind. Jean-Do reist mit
uns durch Erinnerungen und erfindet seine eigenen
Welten. Er schlürft sinnlich mit seiner bezaubernden
Übersetzerin Austern in einem Nobelrestaurant während in der
Realität künstliche Nahrung durch die angehängten Schläuche
langsam seinen Magen füllt. Der Film thematisiert das Finden und
Erfinden von Möglichkeiten. Bauby, der seinen Kindern nie wieder
durchs Haar streichen wird können, der erfüllt von Trauer über
diese Tatsache ist. Der sich aber auch denkt, dass ein kaputter Vater
besser als gar keiner ist. Ein Vater, der immerhin mit
seinen Kindern das „Galgenspiel“ (das mit den Buchstaben!) spielen kann.
Was hier entstanden ist, fühlt sich letztlich an wie das Gegenteil
von Rache. Ein großartiges Vermächtnis über die Versöhnung
mit dem Schicksal und mehr – es ist tatsächlich eine wunderschöne
Liebeserklärung an das Leben. Ein Leben, das intensiver nicht sein
könnte. Voller Träume, Erinnerungen, Sehnsüchte und Selbstironie
und dabei so gar nicht kitschig.
Ein Film, der sich schwer in Worte fassen lässt, den man spüren
muss. Der die Frage „Und, wie hast du den Film gefunden?“ (die man tatsächlich
niemanden stellen hört) am Ende der Vorführung unnötig
macht. Der erstmal sprachlos macht. Ein Film, bei dem unsere nüchternen
Therapiejargonausdrücke „Ressourcenorientierung“ oder „Reframing“
absolut nichts verloren haben, obwohl mir kein besseres Beispiel dafür
einfällt, das eindrücklicher zeigt, was diese Begriffe eigentlich
bedeuten
können!
Beflügelnd und tiefgehend – Schmetterling und Taucherglocke eben.
Kerstin Klambauer
PS: Das Buch zum Film ist übrigens im dtv-Verlag erschienen und um
€ 8,20 erhältlich.
Jour Fixe - Vorträge und Diskussion
Wien • Steiermark
• Salzburg • Tirol
• Vorarlberg • Kärnten
weitere News & Termine
WIR GRATULIEREN
Folgende StudentInnen haben im Frühjahr 2008 ihre Ausbildung (Curriculum
bzw. Supervisionscurriculum) bei der ÖAS abgeschlossen - wir freuen
uns mit ihnen und
wünschen viel Glück auf ihrem weiteren Weg:
Georgina Brader, Irmgard Hauer, Waltraud Timischl, Ingrid Mantscheff,
Maria Radlspöck, Mag. Ursula Wirth, Charlotte Ruminak, Klaus Gruber,
Dominik Rosenauer, Christian Reininger, Regina Gfatterhofer,
Gudrun Hagen, Ingrid Strennberger, Claudia Winklhofer
NETZWERKE-REDAKTION:
ACHTUNG! ab September 2008 gelten für die netzwerke neue
Anzeigenpreise:
Die netzwerke werden 4 x jährlich an alle ÖAS-Mitglieder (österreichweit
etwa 650) per Post versendet. Die Formatangaben betreffen Breite x Höhe.
Inserate bitte als Text oder pdf-File spätestens bis zum jeweiligen
Redaktionsschluss an: office@oeas.at
senden. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an das ÖAS-Sekretariat.
Um uns den Ablauf zu erleichtern, ersuchen wir alle, die uns redaktionelle
Texte für die Netzwerke schicken, diese bitte ausschließlich an Verena
Kuttenreiter zu mailen: v.kuttenreiter@gmx.at
Für alle Anliegen und Termine der Regionen, sowie für Inserate ist Elisabeth
Gmeiner unter office@oeas.at zuständig.
Danke!
Redaktionsschluss der nächsten Netzwerke ist am 15. September
2008.
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