Netzwerke

netzwerke 2/ 2008 (Juni 08)

update: 02-Jul-2008

INHALT


EDITORIAL  

Liebe Mitglieder!

frau könnte jetzt kein Wort über die EM verlieren. Oder aber doch schreiben, dass Ausnahmezustände dieser Art auch ihren Reiz haben, z.B., als ich gestern nach Hause spaziert bin, Richtung Schwedenplatz, und die Österreicher gerade ein Tor(!) geschossen haben. War eigentlich nett. Wenn
Ihr/Sie die netzwerke in den Händen habt, wird die EM schon wieder fast
vorbei sein. Vielleicht sind auch schon einige – hoffentliche nette –
Sommerabschlussfeiern vergangen und es hat sich ein leichtes Wohlgefühl eingestellt, verursacht durch antizipatorisches Runterschrauben des Arbeitspensums vor dem Urlaub. Da kommen die netzwerke gerade recht: keine Leseanstrengung, sondern ein bisschen schauen, was es so Neues gibt in der ÖAS.

Das wären: Drei lesenswerte Positionen von Alfred Aichinger, Joachim Hinsch und Susanne Klingan, inspiriert durch die Beiträge in der letzten Ausgabe zum Thema der Konzeptlosigkeit bzw. der Frage, worauf man sich in seiner therapeutischen Arbeit beruft.

Dann der Versuch, eine Diskussion, die von vielen nur mehr als „leidig“bezeichnet wird, nachzuzeichnen: es geht um die Auseinandersetzungen zwischen WLP und ÖBVP, die auch vor den Toren der ÖAS nicht Halt machen und daher ihren Platz in den netzwerken finden sollen.
Zum Tod von Michael White, einem der einflussreichsten narrativen Therapeuten, bringen wir einen Nachruf von Rudi Kronbichler.
Bei den Literatur- und Filmtipps sind erfreulicherweise gleich zwei Werke von ÖAS-Mitgliedern dabei, die wir vorstellen können: Ein Buch u.a. von Sigrun Eder über das Einkoten bei Kindern und eine DVD über Anorexie unter der maßgeblichen Beteiligung von Carmen Unterholzer.

So, dann wünsche ich Euch allen, dass das Gröbste vor dem Sommer erledigt ist und der wohlverdiente Urlaub in nicht allzu weiter Ferne. Und falls jemand nicht wegfährt, sondern in seinem Garten liegt, unter dem selben Marillenbaum wie jedes Jahr, oder aber ins gleiche Hotel in Italien fährt, wie die letzten 6 Jahre, sei ihm/ihr eine Weisheit von Paul Valery mitgegeben:
„Man kann sich nicht sattsehen am Immergleichen – was eine paradoxe
Überraschung ist, Überraschung durch das Erwartete“.
(Alles klar?) -

Schönen Sommer!
Verena Kuttenreiter




BERICHT DES OBMANNS

Wir haben mit dem Erscheinen dieser Nummer so lange gewartet, weil wir die Generalversammlung abwarten wollten. Einen genaueren Bericht werde
ich aber trotzdem erst in der nächsten Nummer bringen. Das Wichtigste kurz:
Der alte Vorstand wurde entlastet und ein neuer gewählt, der dem alten
verdammt ähnlich sieht:

Obmann: Joachim Hinsch
stv. Obmann: Gerhard Walter,
Schriftführerin: Ruth Kronsteiner
stv. Schriftführerin: Helga Fasching
Kassierin: Michaela Sit
stv. Kassierin: Eva Reznicek
und zusätzlich ganz neu: Ingrid Egger, die sich um die ÖAS in den Bundesländern kümmern wird.
Der Dank der bei der Generalversammlung Anwesenden galt vor allem Eva Reznicek, Margret Wantoch, Liesi Gmeiner und Thea Meinharter für die riesige Arbeitsleistung, die sie in der Umstellung des Rechnungswesens und der Neugliederung der ÖAS in Regionen zu leisten
hatten.

Kontrovers bis fast hitzig wurde der Bericht diskutiert, dass die ÖAS ein Kooperationsabkommen mit der SFU abgeschlossen hat. In der nächsten Nummer wird auch dazu ein ausführlicher Bericht erscheinen.

Vor der GV gab es einen open space, der von Erwin Rössler großartig in Szene gesetzt wurde. Die - leider nur - 15 Mitglieder haben 4 Stunden sehr offen, sehr engagiert diskutiert, was sich in der ÖAS ändern müsste, um sie besser als Verein erkennbar zu machen, dem man angehören möchte. Also anders als Groucho Marx sagte: “Es würde mir nie im Traum einfallen, einem Klub beizutreten, der bereit wäre, jemanden wie mich als Mitglied aufzunehmen.”
Die Ergebnisse werden noch bearbeitet, werden aber auch demnächst - wahrscheinlich auf der homepage - öffentlich gemacht werden.

Ich wünsche Euch bzw. Ihnen einen schönen Sommer
Joachim Hinsch



NACHRUF auf MICHAEL WHITE


POSITIONEN

Grenzgehen in guter Gesellschaft
Die Beiträge von Verena Kuttenreiter, Sabine Klar und Andrea Brandl-Nebehay in den letzten netzwerken haben mich allesamt sehr angesprochen und auch inspiriert, ein paar eigene Gedanken zu formulieren:
Sicher wöchentlich bin ich mit der Frage von interessierten potenziellen KlientInnen konfrontiert, welche Art von Psychotherapie ich denn praktiziere. Ich merke bei der Beantwortung dieser Frage, dass ich manchmal etwas ungeduldig werde. Dennoch antworte ich erwartungskonform, meiner fachspezifischen Ausbildung entsprechend, klar und deutlich mit:„Systemische Familientherapie“.

Seltener, aber doch werde ich (meist von AusbildungskandidatInnen, die Einzelselbsterfahrung brauchen) gefragt, ob ich wohl nach dem narrativen Ansatz arbeite. Auch diese Frage ist mir nicht besonders angenehm. Ich antworte dennoch freundlich mit: „Ja - sicher, auch.“ Richtig unbehaglich wird es, wenn Menschen – was wiederum häufiger vorkommt - fragen: „Sind Sie systemischer Therapeut? Arbeiten Sie mit Aufstellungen?“ Mit leicht gereiztem Tenor in der Stimme antworte ich
dann: „Wenn es die Themenstellung und der Kontext erfordern, arbeite ich unter Umständen auch mit Aufstellungen. Und es gibt außerdem viele Möglichkeiten der Aufstellungsarbeit.“

Die allermeisten KlientInnen jedoch, stellen keine derartigen Fragen, worüber ich sehr froh bin. Ich kann ihnen nämlich beim Orientierungsgespräch meine liebste Version darbringen, die da lautet: „Ich bin seit fast 30 Jahren in unterschiedlichsten Kontexten und Funktionen im psychosozialen Feld tätig. Wir können hier gemeinsam erforschen, ob ich hilfreich für Sie sein kann.“ Dabei fühle ich mich wohl und erlebe mich in einer kreativen Spannung.

Aber warum sind mir die anderen Fragen irgendwie unangenehm? Aus KlientInnensicht sind sie natürlich hochlegitim und diese haben klarer Weise ein Recht darauf, dass sie eine „wahre“ Antwort bekommen. Nur mit der „Wahrheit“ ist das so ein Sache – und da kommen wir meinem diffusen Unbehagen schon etwas näher.

Ich sehe nämlich nur eine sehr bedingte Korrelation zwischen meiner eigenen, vermuteten therapeutischen Kompetenz bzw. Wirksamkeit und meinen Ausbildungsgraduierungen. Ich verorte die Entwicklung meiner Kompetenz auf weiten Strecken woanders.
Am hilfreichsten und kompetenz-förderndsten für mein psychotherapeutisches Tun waren und sind für mich nämlich hochpersönliche, intime Erfahrungen, die mich an und über meine Grenzen geführt haben. Erfahrungen von Schmerz, Ekstase, Verlust, Geburt, Rausch und Zu-Grunde-Gehen. Hier wurde und werde ich vor allem gebildet.

Viele meiner Aus- und Fortbildungen habe ich als Neuordnungs- und Reflexionsmöglichkeit meines manchmal durchaus risikioreichen, grenzgängerischen Lebens genützt. Sie haben wesentlich dazu beigetragen, in mir eine tragende therapeutische Haltung und eine sinnstiftende Identität für mein Tun zu entwickeln. Dafür bin ich dankbar. Methodische und konzeptionelle Labels und Interventionstechniken verändern sich hingegen laufend und müssen kompatibel zur persönlichen Entwicklung sein. Sie können in Ausbildungen bestenfalls ein Angebot sein, aus dem wir auswählen.

Mit Sorge beobachte ich, dass nachkommende KollegInnen durch gesetzlich formalisierte und möglichst quantifizierbare Ausbildungsstandards zum Stundensammeln und zum Tricksen (Wie komme ich möglichst schnell zu meiner Graduierung?) ausgebildet werden. Das bedeutet in letzter Konsequenz das Aus (=Ende) von Bildung.

Zuversichtlich stimmen mich die immer wieder anzutreffende, widerspenstige Kreativität, sowie der breite Wissensdurst und Lebenshunger vieler AusbildungskandidatInnen und die Beiträge von Wild- und FremdgeherInnen in ÖAS Bildungskontexten. Ausbildungsinstitute und LehrtherapeutInnen haben Verantwortung im Geben von wirklichen Freiräumen für persönliches und fachliches Lernen, sowie im Konfrontieren von immer häufiger anzutreffenden Machbarkeitsfantasien der Methoden- und Technikgläubigkeit. Nichts ist bedeutsamer, als dass wir in psychotherapeutischen Bildungskontexten unserem ureigensten Anliegen und der wichtigsten therapeutischen Aufgabe, nämlich der Entwicklung von persönlichen und individuellen Potenzialen, treu bleiben.Ist im Übrigen auch viel spannender und befriedigender als der Uniformiertheit einer Leistungs- und Graduierungshybris zu erliegen.

Alfred Aichinger


Replik von Joachim Hinsch auf „Kein Konzept ist auch ein Konzept“ von Verena Kuttenreiter (siehe letzte Ausgabe)
Verena nimmt die, die ihrer Meinung nach ohne Konzept arbeiten, in Schutz. ...„viele viele einfühlsame, kompetente, gut ausgebildete PsychotherapeutInnen...,die nicht nach einer bestimmten Therapiemethode arbeiten.“ Das sind die, die „(nicht ausschließlich) lösungsorientiert, nicht (ausschließlich) narrativ ...“ (und dann kommt in einer Reihe Nardone, Furman und de Shazer) arbeiten. Natürlich nimmt Verena nicht wirklich die Angesprochenen in Schutz sondern kämpft
gegen die Gurus, weniger gegen die Guruinnen.

Aber vor wem schützt sie wen? Wer arbeitet schon ausschließlich nach Nardone? Ich kenne mich bei Nardone nicht aus; was ich von ihm bei einem Workshop mal mitbekommen habe, war eher verhaltenstherapeutisch, aber mit de Shazer habe ich mich doch einige Zeit beschäftigt. DeShazer bezieht sich radikal auf systemische Konzepte: Kommunikationen zum Thema Lösungen, erarbeitet über Ziele, Vorstellungen einer Lösung und so weiter.

Narrative Therapie beschäftigt sich, kompetentere KollegInnen mögen mir meine Oberflächlichkeit verzeihen, mit neuen Geschichten und Verknüpfungen, die KlientInnen über sich erzählen. Auch wieder Ableitungen und Anwendungen klinischer Theorie. Nicht Furman, sondern Milton Erickson hat, so viel ich weiß, gesagt: „Es ist nie zu spät, eine glückliche Kindheit gehabt zu haben.“ Wir arbeiten vielleicht nicht nach Nardone etc., aber doch mit der Idee, dass Menschen in einem Netzwerk von Kommunikationen eingebettet sind, das aus Erwartungen und bewertetem und erklärtem Verhalten besteht, das wiederum Gefühle und Denken in irgendeiner Weise beeinflusst und KlientInnen leiden lässt.

Meine Erklärung systemischen Verständnisses ist wohl zu oberflächlich, einseitig und damit falsch. Was ich aber sagen möchte, ist, dass Verena hier Anwendungen und Werkzeuge mit Konzepten gleich setzt. Anwendungen und Werkzeuge muss man aber nicht verwenden, wenn sie nicht hilfreich bei dem Werk sind, das ich tun möchte. Nur wenn ich keinen Schraubenzieher habe, werde ich ein anderes Werkzeug benutzen, um eine Schraube aus einem Loch zu bringen. Vielleicht finden wir aber noch viel bessere Schraubenzieher als bisher, vielleicht ist er längst vielfach erfunden und nur nicht publiziert, vielleicht hat jeder seinen eigenen Dreh, um das zu tun, was er/sie tun möchte. Die Frage ist nicht, ob ich auch wirklich narrativ,.... arbeite, sondern in welchem theoretischen
Verständnis von systemischer Therapie.

Joachim Hinsch

Kommentar von Susanne Klingan:
Überlegungen zum Zusammenspiel von Methode und Haltung

Das Lesen der Positionen bzw. Kommentare zum Thema “Kein Konzept ist auch ein Konzept”, haben mich angeregt, der Frage nachzugehen, woran ich mich orientiere, wenn ich mit KlientInnen im Gespräch bin.

Dieses Nachdenken führt mich zurück in meine Ausbildungszeit; Erinnerungen kommen hoch, an das erste Ausprobieren diverser Fragetechniken und Interventionen. Viel Nervosität war da im Spiel, und manches hat sich sehr fremd angefühlt für mich und vermutlich dadurch erst recht für die KlientInnen. Es eröffneten sich dadurch aber auch neue Perspektiven: das Verwenden therapeutischer Methoden im Gespräch mit KlientInnen erleichterte mir, mich von Personen aus ihrem privaten Umfeld (Verwandten oder der guten Freundin) zu unterscheiden, deren Fehlen ich zwar in manchen Fällen kompensierte, zu denen ich aber nicht werden sollte und wollte.

Methodisches Handeln gestaltet also die Beziehung, definert die Rollen der am Gespräch beteiligten Personen: ich mache für mich und KlientInnen sichtbar, dass es sich um eine professionelle Beziehung handelt, kontextualisiere unsere Begegnung damit (und schließe andere Beziehungsformen aus). Je länger ich weiter überlege, welchen Stellenwert Methoden und Konzepte für mein therapeutisches Handeln haben, desto größer wird die Lust, an ihrer Bedeutung und Wichtigkeit zu kratzen. Beim Lesen
über die Ergebnisse von Wirksamkeitsstudien fühle ich mich in meiner Lust vorerst bestärkt:

KlientInnen und nicht TherapeutInnen werden als die eigentlichen „HeldInnen“ von Therapie beschrieben, von ihnen und nicht von therapeutischen Methoden komme die Kraft für Veränderungen. Es können weiters keine eindeutigen Unterschiede die Wirksamkeit betreffend zwischen Therapie- und Selbsthilfeverfahren ausgemacht werden, und in Vergleichsstudien mit sogenannten Placebo-Kontrollgruppen wird beobachtet, dass auch „Placebo-behandelte“ KlientInnen bedeutsame Verbesserungen zeigen (vgl. Konrad P. Grossmann: „Die Selbstwirksamkeit von Klienten. Ein Wirkverständnis systemischer Therapien.“ Carl-Auer-Systeme Verlag, Heidelberg 2005, S 183ff.).

Was nun? Ein bisschen Kratzen und schon bricht ein mühsam erlerntes (und teuer bezahltes) Methoden- und Theoriegebäude zusammen? War all die Aufregung umsonst, mit der ich mich anfangs in dieser mir sehr fremden Therapiesprache übte?

Die Erkenntnisse aus der Evaluationsforschung zur Wirksamkeit von Psychotherapie führen einerseits den Schulen- und Methodenstreit ad absurdum, bestätigen andererseits aber auch eine therapeutische Positionierung, die sich sehr vertraut anfühlt: Nicht bestimmte Methoden machen mich zu einer Gestalterin wirksam erlebter Therapiegespräche, sondern die Haltung, mit der ich KlientInnen begegne. Erfahren KlientInnen in der Beziehung mit mir Wertschätzung und Empathie, so gelingt es ihnen eher, wieder in Kontakt mit ihren Ressourcen zu kommen und sich auf Neues einzulassen (vgl.Grossmann ebd., S 193ff).

Klingt einfach, ist aber unter Umständen harte Arbeit. Ich bin emotional sehr gefordert, „Haltung zu bewahren“, wenn Familienmitglieder einander in sehr abwertender und respektloser Art begegnen; ich muss auf eine gute Balance von Nähe und Distanz achten, wenn ich mich beispielsweise in das depressive Erleben einer Klientin einfühle und mich nicht vom Sog der Ausweglosigkeit anstecken lassen möchte. Methoden sind mir dabei hilfreiche Begleiter. Skalierungsfragen erinnern mich daran, mit KlientInnen über positive Veränderungen zu reden und ihnen dafür Anerkennung zu geben. Zirkuläres Fragen lässt mich andere Sichtweisen entdecken etc. Und schon gelingt es mir wieder leichter, mich den KlientInnen respektvoll und interessiert zuzuwenden... .

Susanne Klingan


FREIE SEMINARPLÄTZE

Folgendes Theorie-Seminar wird zusätzlich angeboten:

“Chaostheorie und systemisches Arbeiten”
Systemisches Arbeiten fußt auf der Überzeugung, dass Menschen sich wie nicht-triviale Maschinen verhalten und steht damit im krassen Widerspruch zum Alltagsverständnis, das hartnäckig davon ausgeht, dass letzlich alles als triviale Maschine verstanden werden kann.
Welche Argumente besitzen nun aber SystemikerInnen um ihre Überzeugung zu begründen? Warum sollte sich irgendeine Art von Maschine nicht trivial verhalten? Warum sollte ein System, das sich nach
Naturgesetzen verhält, nicht auch vorhersagbar sein? Wie kann sich ein kausales Systemn, nicht kausal verhalten?

Vortragender: Guido Strunk
Datum: 13.-14.03.2009
Detailinformationen und Anmeldung hier: www.oeas.at/weiterbildung/
oder im ÖAS-Sekretariat Tel: 01/212 41 35,office@oeas.at

 

Das ÖAS-FORTBILDUNGSZENTRUM bietet am 28.11.2009
für AbsolventInnen der Ausbildung“Systemische Familientherapie” folgendes eintägige Seminar an:
„Narrative Therapie”
Vortragende: Andrea Thomanetz und Klaus Schmidsberger
Es wird ein Überblick über narrative Ideen gegeben und grundlegende Praktiken der narrativen Therapie vorgestellt.
Detaillierte Infos unter: www.oeas.at/weiterbildung/weitere workshops
bzw. im ÖAS-Sekretariat unter 01/212 41 35


Stellungnahme zu den jüngsten Entwicklungen in WLP und ÖBVP

Vorgeschichte: Seit Jahren gibt es zwischen WLP-Vorstand und ÖBVPPräsidium auf Grund von unterschiedlichen berufspolitischen Ideen und Vorstellungen von deren Umsetzung große Schwierigkeiten. Diese gipfelten zuletzt darin, dass der WLP budgetäre Kürzungen seitens des ÖBVP zugunsten der anderen Bundesländer nicht akzeptierte und seine Mitglieder aufforderte, die WLP-Mitgliedsbeiträge direkt an den WLP (statt wie bisher an den ÖBVP) einzuzahlen. Darauf reagierte das ÖBVP-Präsidium und der Bundesvorstand (das entscheidende Gremium im ÖBVP) mit Ausschluss des gesamten WLP-Vorstandes aus dem ÖBVP sowie der Sperrung der Konten des WLP-Vorstandes.
Beide Seiten stützen sich auf die Rechtsmeinung von ExpertInnen.

Vor einigen Monaten sendete Joachim Hinsch nachfolgende e-mail. Luigi Trenkler reagierte mit dem Wunsch einer veröffentlichten Stellungnahme in den netzwerken, worauf wir Regina Hilbert, Dominik
Rosenauer und Gerhard Walter ebenfalls um kurze Stellungnahmen baten:

An die Wiener, die gleichzeitig Mitglied des ÖBVP und der ÖAS sind, den anderen zur Kenntnisnahme:
Liebe Mitglieder!
Ich wende mich heute an Sie/Euch mit einem sehr schwierigen Anliegen:
Das Präsidium des ÖBVP und der Vorstand des WLP haben sich in eine ziemlich aussichtslose Lage manövriert. Ich kann und möchte hier keine Stellungnahme abgeben, wer im Recht, wer im Unrecht ist. Dazu haben Sie sich/habt Ihr Euch sicherlich selbst eine Meinung gebildet und braucht nicht meinen Senf dazu. Dennoch verlasse ich in dem Bewusstsein, damit nicht die Meinung aller Mitglieder vertreten zu können, meine Position der Neutralität, weil ich eine Initiative des Präsidiums unterstütze.
Es braucht Lösungsideen und ich denke, dass es ohne Positionierung auch nicht geht. Eine Lösungsidee ist vom Präsidium des ÖBVP gekommen und scheint mir in der gegenwärtigen fatalen Situation einen Ausweg zu bieten.
Eine Reihe von Personen, die sich weder dem Präsidium noch dem WLP direkt verbunden fühlen, haben sich bereit erklärt, eine Neuwahl des Vorstandes des WLP zu organisieren. Damit besteht die Chance, dass ein Schlussstrich unter die mehr als unbefriedigende Diskussion gezogen werden kann. Ob es gelingt, steht in den Sternen, weil der Plan einer Neuwahl eine Gegenposition zu den bestehenden Verhältnissen darstellt. Ich kenne Pawlowsky, Spielhofer und Manfredini persönlich und
denke, dass sie daran interessiert sind, gute Bedingungen für einen arbeitsfähigen Vorstand zu schaffen, und nicht Abhängige der einen oder anderen Seite. Ihnen gilt mein ganzes Vertrauen und daher habe ich die beigefügte Liste unterschrieben. Es braucht eine große Anzahl von Unterschriften, um eine Wahlversammlung einzuberufen. Ich denke eine Unterschrift ist sinnvoll. Wer dann zur Wahl antritt, wer dann gewählt wird, sind ja weitere Schritte.
Herzlichen Dank für Ihre/Eure Aufmerksamkeit
Joachim Hinsch

Stellungnahme von Luigi Trenkler
Liebe ÖAS-Mitglieder,
bei Hannah Arendt lese ich über den „Fluch der Gleichgültigkeit“. Sie meint damit unter anderem das Unvermögen der deutschen Bevölkerung während der Adenauer-Ära, sich mit dem auseinander zu setzen, was zwischen 1933 und 1945 passiert ist. Statt dessen ging man schnell zur Tagesordnung über.
Ähnliches erlebe ich derzeit, auf einer historisch und politisch fraglos ungleich weniger wichtigen Bühne stattfindend, in den jüngsten Vorgängen rund um den ÖBVP/WLP. Ein Mail erreicht mich vom ÖAS-Büro. Es geht um Lösungsideen, einen Ausweg aus der gegenwärtig fatalen Situation und um einen Schlussstrich. Eine Liste soll unterschrieben und schnell ein neues WLP-Präsidiumgewählt werden.
Was ist geschehen? Der WLP-Vorstand hat den Mitgliedsbeitrag seiner Wiener Mitglieder selbst eingehoben, aus Protest gegen eine jahrelange ungerechte Geldverteilungspolitik des Bundespräsidiums. Das hat vor Jahren, so hört man von einem früheren Kassier des ÖBVP bei der Versammlung am 16.4. im Hotel Wimberger, auch schon ein anderer Landesverband so gemacht. Das ÖBVP-Präsidium nennt das den Griff in die Kassa. Diebstahl oder was meint es damit? Paradoxie am Rande: Das ÖBVP–Präsidium sperrt das Konto des WLP und macht ihn so finanziell handlungsunfähig.

Seit Jahren gibt es immer wieder heftige Streitereien zwischen Bundes- und Landesvorstand. Nun sollen die Köpfe der WLP-Vorstandsmitglieder rollen und ein Interimsvorstand zügig die Neugestaltung des WLP in die Hand nehmen. Dass ein Großteil der Kollegen bei der Versammlung damit nicht einverstanden ist und heftig Kritik übt, lässt die horizontal hinter der Präsidiumstafel aufgefädelten Kollegen kalt. Gespielte Gleichgültigkeit. Stoisch kehrt man zur Tagesordnung zurück. Der Ausschluss wichtiger und verdienstvoller WLP/ÖBVP–Mitglieder, die spürbar Positives auf den Weg gebracht haben, ist für mich völlig inakzeptabel und basiert auf zweifelhaften ethischen Grundsätzen. Auch die rechtliche Situation ist verdreht. Bevor die einzelnen WLPVorstandsmitglieder aus dem ÖBVP ausgeschlossen werden können, muss sich zuerst ein Schiedsgericht mit der Sache befassen. Zur Tagesordnung überzugehen, eine Liste zu unterschreiben, die hilft, alles was vorgefallen ist, einfach unter den Tisch zu wischen, ist gleichbedeutend mit der anfangs erwähnten Gleichgültigkeitsmentalität.
Als ÖAS-Mitglied halte ich es für meine Pflicht, dieser politisch bedenklichen Kultur entgegenzuwirken und an Kollegen zu appellieren, sich mit dieser Sache auseinanderzusetzen.

Luigi Trenkler


Stellungnahme von Joachim Hinsch

Das Ganze habe ich wohl eingebrockt, weil ich diesen Aufruf zum Leisten einer Unterschrift verfasst habe. Meine Haltung war die, dass es keine andere Lösung gibt, als einen Schlussstrich unter das Ganze zu ziehen, die Initiative von Pawlowsky & Co zu unterstützen, einen neuen Vorstand zu finden. Das hat sicherlich den zweifelhaften Charme des gordischen Knotens und seiner Bewältigung, aber es wäre eine Lösung, die auf der Idee basiert, man sei dem ÖBVP beigetreten und dem WLP
zugeteilt worden, was sicherlich auch falsch sein kann. Was ich von der ÖAS fern halten wollte, aber offensichtlich in Luigis Augen richtig hineingebracht habe, ist die Frage der Schuld: Hie die von mir sehr geschätzte Jutta Fiegl, Regina Hilbert, Luigi Trenkler, die Albrechts und viele andere ...- hie die ebenso geschätzten Ina Manfredini, Eva Mückstein, Dominik Rosenauer, Gerhard Walter, Andreas Hainz und Ingrid Farag.
Beide Seiten haben gute Argumente, beiden Seiten unterstelle ich, das Beste zu wollen. Aber auf jeden Fall finde ich es deprimierend, dass die beiden Vorstände es in all den Jahren nicht geschafft haben, ins Gespräch zu kommen. Wir SystemikerInnen haben die Idee, dass die Einteilung in gut und böse, richtig und falsch und andere Dichotomien, weniger mit dem Verhalten der Betrachteten als mit der Sichtweise der Betrachter zu tun haben. Luigi macht aber einen etwas untergriffigen Schachzug in der Verteilung von Dichotomien, wenn er gewisser Maßen als seine Zeugin, den Inbegriff der politischen Ethik - Hannah Arendt - zitiert. Damit macht ein Parteigänger seine Meinung zur Wahrheit oder versucht es zumindest. Die Gegenseite hat auch ganz gute Argumente. Aber trotz meines Ärgers: Es ist sehr gut, dass durch Luigis Stellungnahme in der ÖAS eine Diskussion losgegangen ist.

Joachim Hinsch


Replik auf Luigi Trenkler oder „Wie Metaphern Realitäten machen“ von Dominik Rosenauer

Man liest diesen Brief und es wird einem ganz schwindlig. Es herrscht Krieg im ÖBVP. Es rollen Köpfe. Sogar Parallelen zum Zweiten Weltkrieg, einer der größten Katastrophen der Menschheit, werden
gezogen. Wenn man das liest und diese Stimmung, die zwischen den Zeilen mittransportiert wird spürt, kann man gar nicht anders, als sich so richtig zu fürchten. Bei genauerer Betrachtung spricht das aber nicht nur für sich und den Stil, in dem Berufspolitik in Wien in den letzten Jahren gemacht wurde, es wird auch klarer, warum dieser Konflikt so hochgeschaukelt wird. Es geht darum, in den Mitgliedern, die das berechtigterweise nur peripher interessiert, Emotionen für die einen und gegen die
anderen zu schüren. So wie auf dem Fußballplatz.

Ganz so, wie bei einem Thriller die Musik oft das einzig Gespenstische ist, ist es auch hier der Ton, in dem der Konflikt am Kochen gehalten wird. Dabei ist das meiste daran so schrecklich banal, dass es langweilig sein könnte. Strenggenommen müsste man erwarten, dass bei solch einem Vorfall spätestens nach zwei Wochen eine Entschuldigung erfolgt und alles wieder gut ist. Tja. So kann man sich täuschen.

Was dabei naturgemäß auf der Strecke bleiben muss, ist die nüchterne Realität. Wie jeder Verband hat auch der ÖBVP Statuten und eine Organisationsstruktur, die demokratische Entscheidungsabläufe regelt. Das von den ehemaligen Vorstandsmitgliedern in bester NLP-Manier wiedergekäute Argument des verhungernden Wien („Nur ein totes Wien ist ein gutes Wien“, Jeanne d‘Arc usw.), des Bösen Bundes („Achse des Bösen“?) personifiziert durch das besonders übelwollende Präsidium ( das lediglich die ausübende Funktion des Bundesvorstandes hat), der undemokratischen Fesselung eines arbeitswütigen Wiener Teams usw. wird so oft repetiert, dass man beinahe selbst glauben könnte, dass es stimmt. Alleine, ein Blick in den letzten veröffentlichten Jahresabschluss des WLP (2006) zeigt, dass ein Minus von rund EUR 4.000 erwirtschaftet wurde. Davon geht aber bei Einnahmen von mehr als EUR 100.000 die Welt nicht unter. Wenn es also nicht das Geld ist (denn natürlich sind
die Geldflüsse dem WLP in den letzten Jahren nachweislich nicht reduziert worden), was ist es dann?

Die ehemaligen Vorstandsmitglieder des WLP wettern aktuell gegen die „illegitim zustande gekommene“ außerordentliche Landesversammlung am 24.6. in Wien und schreiben allen Ernstes, dass diese Landesversammlung nichtig ist, weil sie nicht vom Vorstand einberufen wurde. Ein Blick in die eigenen Statuten hätte so leicht klären können: so haben gemäß den Statuten des WLP selbst und gemäß dem geltenden österreichischen Vereinsrecht die erforderliche Anzahl an Mitgliedern diese
Landesversammlung gefordert. Dies zeigt meines Erachtens in die Richtung, in der das Problem liegt: Was nicht im Sinne des ehemaligen Vorstandes ist, ist nicht demokratisch und damit rechtens.

Noch ein letztes Wort zu den oft geforderten Fähigkeiten von PsychotherapeutInnen, Konflikte zu lösen: Wenn ein Ehepaar in Paartherapie kommt und sich im Lauf einer langen und schwierigen Paartherapie immer deutlicher zeigt, dass dieses Paar konträre und unvereinbare Ansichten über ein gemeinsames Leben hat und vielleicht auch noch Kinder da sind, ist dann nur eine Versöhnung und ein Happy End ein Erfolg? Oder ist es auch denkbar, dass manche Menschen einfach nicht zusammen leben können? Ist eine Scheidung ein illegitimes Instrument, um eine jahrelange konfliktträchtige Beziehung zu beenden? Sind die Eltern deswegen schlechte Eltern und würden sie nicht alles für ihre Kinder tun? Ich denke, all diese Fragen sind mit „nein“ zu beantworten. Warum erwarten wir uns aber dann, dass in dieser Arbeitsbeziehung nur ein Alleswiedergut ein Zeichen professioneller Arbeit ist?

Ich wünsche mir als ÖAS-Mitglied und als Psychotherapeut, dass der ÖBVP eine starke Berufsvertretung bleibt und ich werde als Funktionär alles in meiner Macht Stehende unternehmen, damit das gewährleistet ist. Denn dafür wurde ich von mehreren Hundert WienerInnen gewählt.

Dominik M. Rosenauer

Stellungnahme von Regina Hilbert

Lieber Herr Dr. Hinsch, liebe Kolleginnen und Kollegen, da ich vier Jahre im Vorstand des WLP und auch einige Zeit Delegierte im Bundesvorstand war (als KandidatInnenvertreterin) möchte ich zu dem Mail von heute kurz meine Meinung schreiben:
Ja, für die Situation in der sich ÖBVP und WLP befinden braucht es Lösungen! Tatsache ist, dass unsere Berufsgruppe sehr heterogen ist und sich das auch in der Berufspolitik widerspiegelt. Es gibt sehr unterschiedliche Meinungen, welche - mehr aber noch - auf welche Weise, Ziele verfolgt werden sollen. Diese Konflikte werden immer mehr an Personen festgemacht, die inhaltliche Auseinandersetzung bleibt zunehmend auf der Strecke.

Ob eine Neuwahl im WLP wirklich etwas ändern kann ist für mich fraglich - es wird sicher noch weitaus mehr zu tun sein um die Situation zu verbessern als Personen auszutauschen. Sollte aber eine qualifizierte Mehrheit im WLP für Neuwahlen sein, so wäre es mir wichtig, dass diese auf dem Boden der WLP Statuten stattfinden. Hier beschäftigt die Auslegung der Statuten beider Vereine (ÖBVP und WLP) wegen des Ausschlusses des Wiener Vorstandes durch den Bundesvorstand derzeit die Rechtsanwälte. Klar ist aber, dass nur WLP-Mitglieder ihre Vertreter wählen können.

Die rechtliche Grundlage, die den ÖBVP Bundesvorstand ermächtigen würde, das Präsidium zu beauftragen, eine Interimsleitung im WLP (einem eigenständigen Zweigverein) einzusetzen, ist mir unbekannt und wird auch von Seiten des Präsidiums nirgends angeführt. Es stellt sich also die Frage, ob das unten erwähnte Gremium (bei aller Wertschätzung der Personen und ihres Engagements) rechtskonform zustande gekommen ist und handeln kann.

Die Zukunft wird zeigen, ob der Beschluss des Bundesvorstands den Vorstand des WLP auszuschließen die Erreichung berufspolitischer Ziele fördert.

Regina Hilbert

Der österreichische PsychotherapeutInnenverband und sein Wiener Zweigverein –
Eskalation eines Konfliktes. Von Gerhard Walter


Eingeladen, quasi als „Insider“, meine Wahrnehmungen zur konfliktreichen Entwicklung zwischen Vorstandsmitgliedern des WLP und den Gremien des ÖBVP zu beschreiben, merke ich schon zu Beginn, dass ich nicht umhin kann, einen Standpunkt zu beziehen. Standpunkte ergeben sich logischerweise aus der jeweiligen Position. Insofern wird der hier von mir kommentierte Konflikt natürlich von meiner Position als Mitglied im Ausbildungs- und Methodenforum und im Vorstand des ÖBVP bestimmt sein. Auf dieser Position wurde ich teilnehmender und emotional heftig miterlebender Beobachter einer Entwicklung, die uns PsychotherapeutInnen m.E. wieder einmal vor Augen führt, dass wir ganz offensichtlich mit denselben Problemen und Lösungen zu tun haben wie alle anderen Menschen. Die Eskalation des schweren Konfliktes zwischen FunktionärInnen des Wiener Landesverbandes für Psychotherapie und den Entscheidungsgremien des Bundesverbandes, die schließlich zum Ausschluss der Wiener Vorstandsmitglieder aus dem ÖBVP führte, stellte und stellt für alle Beteiligten seit Monaten eine wahre Zerreißprobe dar. Die Eskalationsetappen aus meiner Sicht:
Seit langem schwelende Unzufriedenheit des Wiener Vorstandes mit den durch Mehrheitsbeschlüsse im dafür zuständigen Länderforum herbeigeführten Budgetaufteilungen, die vom Wiener Vorstand als Benachteiligung erlebt wurden auf der einen Seite, das Bestehen auf Gültigkeit von demokratisch zustande gekommenen Mehrheitsbeschlüssen eben auch bezüglich der Budgetaufteilung bei den VereinsfunktionärInnen auf der anderen Seite, war Auslöser zu diesem scheinbar unlösbaren Konflikt. Zu betonen ist hier Auslöser. Konflikte zwischen dem Wiener Vorstand und den Gremien des ÖBVP haben ja eine viel längere Geschichte, die seit Jahren in Stil und Inhalten der Auseinandersetzungen im ÖBVP Vorstand zu erleben sind.

Die nächste Eskalationsstufe wurde durch die Aufforderung der WienerVorstandsmitglieder, die ÖBVP-Mitgliedsbeiträge auf das Konto des Wiener Landesverbandes einzuzahlen, eingeleitet. In der Folge konnte in vielen Gesprächen nicht einmal Einigkeit darüber erzielt werden, wie die Statuten des ÖBVP und des WLP in diesem Punkt zu interpretieren wären bzw. ob sie sich widersprechen. Das Thema berührt natürlich auch eine rechtliche Seite, und so gab es auch prompt gleich zwei unterschiedliche
Rechtsmeinungen der von der jeweiligen Seite beauftragten Rechtsanwälte. Detail am Rande: das von mir und anderen immer wieder angeregte Gespräch der beiden Anwälte zur Klärung oder sogar
Ausräumung der Interpretationsdifferenzen wurde nach meinen Informationen vom Anwalt des Wiener Vorstandes verweigert.

Mit mir haben sich auch die meisten FunktionärInnen gefragt, welchen Ausweg es aus einer Situation geben kann, in der die Wiener Vorstandsmitglieder ein den Statuten des ÖBVP widersprechendes Inkasso der Mitgliedsbeiträge durchführen. Monatelang waren die ÖBVP-Gremien weitgehend von diesem Thema bestimmt – eine unerträgliche Situation für alle an einer konstruktiven berufspolitischen Arbeit Interessierten (wir sitzen nach meinem Verständnis in diesen Gremien, um für die Interessen
unseres Ausbildungsvereines und die der PsychotherapeutInnen zu arbeiten und nicht um monatelang interne Querelen auszutragen).

Der schließlich einstimmig zustande gekommene Vorstands- und Präsidiumsbeschluss, wonach die statutenwidrig eingehobenen Beiträge zurückzuzahlen seien, wurde von den Wiener Vorstandsmitgliedern ignoriert. Jetzt wurde es natürlich brenzlig und schwierig, ein neues Eskalationsniveau war damit erreicht:

Was soll ein Vereinsvorstand tun, wenn demokratisch herbeigeführte Mehrheitsbeschlüsse nicht beachtet werden? Überhaupt wenn dieser Vereinsvorstand aus PsychotherapeutInnen besteht, die möglicherweise den Anspruch haben, professionell, menschlich und statutenkonform zu handeln? Richtig geraten – man organisiert ein moderiertes oder wie es in diesem Fall hieß „mediiertes“ Gespräch. Die Mediatoren bemühten sich und alle Regeln der Kunst. Die große Frage am Beginn dieses
Gespräches: kann sich an diesem Punkt noch irgendjemand bewegen? Und was würde es dazu brauchen? Gespräche enden oftmals so, wie sie angefangen haben. Und dieses hat nicht gut begonnen. Kam bei diesem Gespräch etwas heraus? Ich denke schon: es wurde für mich und andere
ziemlich deutlich, dass die Basis für eine weitere Zusammenarbeit äußerst dünn bis nicht mehr vorhanden war. Das professionell geleitete Gespräch endete ohne Vereinbarungen.

Die Diskussion, die im Vorstand auf dieses Gespräch folgte, war – nicht nur für mich – extrem schwierig und belastend. Ein Ausschluss der Wiener Vorstandsmitglieder als letzte Konsequenz für Funktionäre, die sich nicht an Statuten und Vereinsbeschlüsse halten, stand dabei die
ganze Zeit im Raum. Allerdings: der Gedanke, KollegInnen, die seit vielen Jahren für berufspolitische Belange arbeiten aus unserem Verein auszuschließen, bereitet mir massives Unbehagen. Der zündende
Funke der immer wieder beschworenen kreativen Alternative zu dieser „Lösung 2. Ordnung“ wollte sich nicht zeigen. Zuviel war offenbar schon geredet, versucht worden (kommt uns das nicht aus unserer Arbeit irgendwie bekannt vor?). Schließlich setzte sich bei den beteiligten Vorstands- und Präsidiumsmitgliedern der „Standpunkt“ durch, dass eine weitere Zusammenarbeit inhaltlich und emotional nicht mehr möglich ist und dass sich uns allen zu diesem Sch(r)nitt keine Alternative auftut.
Die weiteren Folgen dieser Entwicklung sind für mich noch nicht absehbar. Ich wünsche uns allen sehr einen gelingenden Neubeginn in Wien – mit FunktionärInnen, die das Gesamtinteresse aller PsychotherapeutInnen in Österreich im Auge haben. Schritte dazu sind eingeleitet.

Ich kann auch nachvollziehen, dass viele ÖAS-Mitglieder mit Unverständnis auf diese Ereignisse blicken. Ich kann für mich in Anspruch nehmen, dass ich mit vielen anderen KollegInnen monatelang um eine Lösung gerungen habe. Herausgekommen ist eine Trennung – wie wir wissen ist natürlich auch das eine Lösung in einem Konflikt - sie tut oft sehr weh.

Gerhard Walter


Ausschreibung Forschungspreis
MARIANNE-RINGLER-PREIS FÜR FORSCHUNG IN DER PSYCHOTHERAPIE 2008
Im Sinne seiner Zielsetzungen verleiht der Marianne Ringler Forschungsförderungsverein im Jahr 2008 einen Forschungspreis in der Höhe von € 4.000,-.
Der Forschungspreis wird am 11. November 20008 verliehen.
Einsendeschluß für wissenschaftliche Projektanträge ist der 30. September 2008
Für Nachfragen und weitere Informationen:
Marianne Ringler Forschungsförderungsverein
Schriftführerin: Mag. Marie Ringler
1010 Wien, Gonzagagasse 19/14
office@marieringler.at
Ausschreibungsunterlagen auch unter: www.sfu.ac.at


DIE ÖAS-FORSCHUNGSFÖRDERUNG
Seit 2002 fördert auch der ÖAS-Vorstand Forschungsaktivitäten im Bereich Systemischer Therapie. Vereinsmitglieder, die im Bereich der Systemischen Therapie eine Forschungsarbeit (z.B. Entwicklung und Erprobung neuer Praxis- und Theorie-Ansätze, Evaluation und Erfolgskontrolle, etc.) planen, können beim Vorstand einen Antrag auf finanzielle Förderung einreichen. Der Vorstand sammelt die Anträge und entscheidet zweimal im Jahr darüber (31. Mai und 30. Nov.), welche Forschungsarbeiten gefördert werden und wie hoch die Förderung sein kann. Leider können keine groß angelegten Forschungsprojekte zur Gänze gefördert werden, auch soll die Förderung auf Sach- und
Materialkosten beschränkt bleiben, dennoch sollte sich kein ÖASMitglied scheuen, einen Antrag zu stellen.
Der Antrag sollte eine Kurzbeschreibung der Forschungsarbeit (ca. 1-2 DinA4-Seiten), eine
Aufstellung der zu erwartenden Kosten und eine inhaltliche Begründung der Kosten enthalten.
Gefördert werden nur solche Arbeiten, bei denen erkennbar ist, dass sie auch tatsächlich durchgeführt werden. Nach Durchführung der Forschungsarbeit sind die Kosten durch Rechnungen zu belegen. Weitere Infos im ÖAS-Sekretariat unter 01/212 41 35 oder office@oeas.at.


LITERATUR- und FILMTIPPS

(zu den gesammelten Literatur Tipps aller bisherigen Netzwerknachrichten gelangt man hier)


Thomas Friedrich-Hett (Hrsg.)
“Positives Altern. Neue Perspektiven für Beratung und Therapie älterer Menschen.”
transcript Verlag, Bielefeld 2007, € 23,80

Lange hielt sich das Vorurteil, Psychotherapie sei nichts für ältere Menschen. Man hielt es mit Sigmund Freud, der meinte, eine Behandlung bei älteren PatientInnen sei nur von begrenztem Nutzen, da Menschen mit zunehmendem Alter geistig rigider werden, was Veränderungen erschwere. Heute gilt diese Einschätzung als überholt und die Forschung in der Gerontopsychotherapie boomt. Die Zahl der PsychotherapeutInnen, die mit älteren Menschen arbeiten, nimmt zu. Trotzdem herrscht immer noch ein vorwiegend defizitorientiertes Verständnis vom Altern. Es wird mit Abbau gleichgesetzt. Thomas Friedrich-Hett setzt auf Umdeutung. Statt sich auf Defizite zu konzentrieren, sollten Ressourcen beachtet werden, statt von Abbau sollte man von Umbau reden, statt von Vergesslichkeit von Konzentration auf das Wesentliche. Alt werden bedeutet nicht zwangsläufig unselbständig, hilfsbedürftig und krank zu werden. Die Mehrheit der älteren Menschen ist zufrieden, selbständig, gesund und aktiv. „Zahlreiche Forschungsergebnisse belegen, was nach wie vor wenig bekannt ist: Dass die bestehenden Altersvorurteile unangemessen sind und längst in den Bereich der Mythen gehören“ (16), schreibt der Herausgeber Thomas Friedrich-Hett in „Positives Altern“.

Der Psychologe und Lehrtherapeut für systemische Therapie in Marburg hält sich bei seiner Auseinandersetzung mit dem Alter an die wörtliche Bedeutung von altern, nämlich sich wandeln, sich verändern. So geht es ihm in „Positives Altern“ um die Dekonstruktion unserer vorherrschenden Bilder von alten Menschen. Überzeugend und faktenreich stellt er im einleitenden, theoretischen Beitrag dar, wie ältere Menschen zu dem gemacht werden, was wir in ihnen sehen. Diesem Bild stellt er empirische Untersuchungen gegenüber und es wird schief. Trotz körperlicher Beschwerden sind ältere Menschen genauso glücklich und zufrieden wie jüngere. Sie erleben Gefühle intensiver, komplexer und erfüllender als jüngere. Mit angenehmen Erlebnissen, mit positiven Emotionen gehen sie effizient um, während sie sich von negativen schneller verabschieden. Vielfach ist nachgewiesen, dass die Lernfähigkeit älterer Menschen langsamer und störungsanfälliger geworden ist, aber auch genauer.

Noch eine Revision: „Entgegen der Annahme von höherer Rigidität im Alter, sind Ältere nach wissenschaftlichen Untersuchungen hinsichtlich schützender Selbsttransformation flexibler als Jüngere, was sich positiv auf ihre Zufriedenheit auswirkt.“ (26) Thomas Friedrich-Hett analysiert die fatalen Folgen unserer negativen Altersbilder. Sie werden für ältere Menschen zu Belastungsfaktoren, die sie in bestimmten Lebenssituationen in die Krise führen, zB. dann, wenn die Zuschreibung von Abhängigkeit alte Menschen besonders vorsichtig werden lässt, um niemandem zur Last zu fallen, und sie so in soziale Isolation geraten. Nach der theoretischen Erörterung rückt Thomas Friedrich-Hett die Beratung und Therapie älterer Menschen ins Zentrum seiner Analyse. Haltungen, Gesprächsführung, Ziel- und Zukunftsorientierung, aber auch Stolpersteine konkretisiert er anhand eigener Praxisbeispiele. Dieser erste, umfangreiche Beitrag – überschrieben mit „Ressource“ – ist die Grundlage für die darauf folgenden Berichte aus der Praxis, die unter „Diskurs“ subsumiert werden. Erlebnistherapeutische Methoden in der Arbeit mit älteren Menschen werden vorgestellt, sowie Paarberatung im Alter oder Beratung für schwule Senioren. Renate Rubin schreibt in „Entwicklung und Bildung in der 4. Lebensphase“ über ihre poesie- und bibliotherapeutische Arbeit mit hoch betagten Frauen. Ausgehend von einem „Kompetenzmodell des Alters“ orientiert sie sich an den Ressourcen alter Menschen, die diese bis an ihr Lebensende weiterentwickeln. Sie zeigt, wie die negativen Altersstereotype den schreibenden Frauen im Projekt „Schreibstube“ zunächst im Wege standen und wie im Laufe des Schreibprojekts der Selbstwert und die Selbstwirksamkeit der Teilnehmerinnen zunahmen. So fanden die schreibenden Frauen am Ende des Projekts selbstbewusst, dass der Begriff „Schreibstube“ der Qualität ihrer Texte nicht entspräche. In ihrem Beitrag zeigt die Schweizer Literaturpädagogin immer wieder, wie sich die theoretischen Postulate in der konkreten Praxis umsetzen lassen.

Alt wird, wer gesund und zufrieden ist, in wessen Leben das Positive überwiegt. Wer sich überflüssig fühlt, wer verbittert und griesgrämig ist, stirbt im Schnitt sieben Jahre früher. Psychotherapie kann körperliches Leiden älterer Menschen zwar nicht beheben, aber erträglicher machen. „Positives Altern“ trägt dazu bei, die Sicht auf das Altern entscheidend zu verändern und ist somit ein wichtiger Beitrag für die Gerontopsychotherapie. Allen, die mit älteren KlientInnen arbeiten, allen, die das Altern
beschäftigt, ist es wärmstens zu empfehlen.

Carmen Unterholzer


Natascha Wendt, Michael Ensle
„Stress- und Burnout-Prävention“ – Handbuch für Führungskräfte, Betriebsräte und Abeitsmediziner“
ÖGB Verlag, 2008, ISBN: 97837003513276, € 21,-

Wer ein Lehrbuch erwartet, wird enttäuscht sein. Ein solches ist es nicht. Es ist, wie der Untertitel schon ankündigt, ein Handbuch. Auch wenn die PsychotherapeutInnen nicht als Zielgruppe angeführt sind – leider –, so ist es doch ein Tool, das man guten Gewissens empfehlen kann.

Stress und Burnout sind zurzeit in aller Munde und meist wird die Ursache nur beim Betroffenen gesucht. Hier wird das Thema von vielen Seiten beleuchtet und es kommen ExpertInnen aus verschiedenen Bereichen zu Wort. Neben den psychischen Ursachen und Auswirkungen werden auch die volks- und betriebswirtschaftlichen Auswirkungen beleuchtet. Die vielfältigen Ursachen und Auslöser werden nicht nur an der Person selbst, sondern auch in den Unternehmen und im privaten Umfeld der Betroffenen geortet. Daher werden auch dort Präventionsmöglichkeiten und Handlungsebenenbeschrieben. So widmen die AutorInnen auch ein Kapitel der betrieblichen Gesundheitsförderung und dem ArbeitnehmerInnenschutzgesetz.

Wolfgang Katzian, Bundesgeschäftsführer der GPA-DJP (Gewerkschaft der Privatangestellten), schreibt in seinem Vorwort: „…da die Ursachen für Stress und Burnout vielfältig sind, reicht es zu deren Bekämpfung nicht mehr aus, einzelnen Menschen Unterstützung in Form von Beratungen oder Entspannungstechniken anzubieten. Solche Maßnahmen helfen zwar dem Betroffenen weiter, die Ursachen bleiben aber bestehen. Denn wem nützen die Entspannungs-techniken, wenn sich am
Arbeitsdruck und an der Organisationsstruktur im Unternehmen nichts ändert…“ – Das Buch gibt Anstöße zu diesen Handlungsmöglichkeiten. Dass das Buch zur trockenen Ansammlung von theoretischen Abhandlungen und Ratschlägen wird, verhindert unter anderem Ingeborg Saval, systemische Psychotherapeutin, die mit Ihren Beiträgen anschaulich in Fallgeschichten die Burnout Problematik darstellt. Für alle, die sich fragen: Wo steh ich? Ist ein kurzer Fragebogen zur
„Selbstdiagnose“ eingearbeitet.

Alles in allem ein Handbuch für all jene, die nicht nur betriebsblind eine Seite der Medaille betrachten wollen, sondern auch an weiteren Aspekten der Burnout-Problematik interessiert sind. Da die Beiträge der ExpertInnen kurz gehalten sind, gerät man bei der Lektüre des Handbuchs auch nicht in Gefahr auszubrennen.

Andreas Hainz


Sigrun Eder, Daniela Klein, Michael Lankes
„Volle Hose – Einkoten bei Kindern: Prävention und Behandlung
edition riedenburg, Mai 2008, 67 Seiten, €19,90

Im deutschsprachigen Raum finden sich kaum Ratgeber bzw. Kindersachbücher, die sich ausschließlich dem Thema Einkoten widmen. „Volle Hose“ füllt eine Nische in diesem Bereich. Es ist den AutorInnen gelungen, ein informatives, witziges, ansprechend illustriertes und sicherlich hilfreiches Buch zu verfassen.

Der erste Teil von „Volle Hose“ richtet sich an betroffene Kinder. Es erinnert an die Machart eines verhaltenstherapeutischen Manuals mit einer pädagogischen, jedoch deutlich systemisch orientierten Haltung und Herangehensweise. In einer kindgerechten, deutlichen Sprache sowie spielerischen, interaktiven Art und Weise (Kinder dürfen in das Sachbuch schreiben und zeichnen) erzählen die AutorInnen die Geschichte vom „Familienstinktier“, das aufhören will zu stinken. Sie verführen
zu einer Entdeckungsreise in den Verdauungstrakt und regen an, über die unterschiedlichen Formen unseres Verdauungsendproduktes zu diskutieren. Sie befragen Kinder über ihre Gefühle und über die
Auswirkung des Einkotens auf die Familie, lassen das Gelesene und das neu Erfahrene im Sinne eines Quizspieles kognitiv festigen und bieten letztendlich ein Lied an („Das Kacklied“ in Furz-Dur). Viel Information für Kinder und viele Anregungen, damit Eltern mit ihren Kindern in Kommunikation treten können. Die Idee dahinter ist die Enttabuisierung des Fäkalischen. Das Problemthema Einkoten, das oft nur mehr Schwere und Scham verursacht, soll mit einem Hauch von Leichtigkeit und unter Umständen mit Humor und Offenheit besetzt werden.

Der zweite Teil ist den Eltern gewidmet und enthält allgemeine und psychologische Sachinformationen und Instruktionen bezüglich einer günstigen elterlichen Haltung. Im dritten Teil richten sich die AutorInnen direkt an PsychologInnen und PsychotherapeutInnen. Sie unterstützen darin, manch vergessenes Symptomwissen wieder upzudaten und geben einen groben Überblick dessen, wie PsychotherapeutInnen vorgehen könnten.

Im Kontext mit systemischer Therapie sei zu erwähnen, dass sich „Volle Hose“ prinzipiell gut in einen Therapieprozess mit Kindern und deren Eltern integrieren läßt, jedoch kein Therapiemanual oder therapeutisches Fachbuch ist, sondern ein gelungenes Kindersachbuch mit viel
Inhalt und vielen nützlichen Anregungen.

Andi Höher


DVD-tipp:

Institut für Systemische Therapie
„Ana Ex. Wie die Magersucht siegt und wie sie scheitert”. DVD
Carl-Auer-Verlag, 2008 (erscheint in Kürze), im Moment erhältlich über das IST Wien, € 19,90

Nach dem gestrigen Jour Fixe von Carmen Unterholzer und Ingrid Farag, wo die beiden die DVD „Ana Ex. Wie die Magersucht siegt und wie sie scheitert“ präsentiert haben, ist es mir eine Freude, heute eine Rezension darüber zu schreiben.

Die halbstündige DVD wurde vom Institut für Systemische Therapie in Wien (IST) produziert
und ist meiner Ansicht nach vielseitig verwendbar: einerseits in der Arbeit mit KlientInnen sowie deren Familien und sämtlichen Betroffenen, aber auch mit Auszubildenden oder zur Prävention an
Schulen und allen Institutionen, die mit dem Krankheitsbild der Magersucht konfrontiert sind oder es werden könnten.

Ana Ex ist die externalisierte Anorexie. Sie wird von einer Puppe dargestellt, die sich freundlicherweise einem Gespräch mit einer Psychotherapeutin aussetzt. Zuerst macht es noch Spaß, die interessierten
Fragen der Therapeutin nach ihrer Macht zu beantworten. Sehr eindrucksvoll erlebt man als ZuseherIn die große suggestive Kraft der Ana Ex, die einige Unterstützer auf ihrer Seite hat: gesellschaftliche Diskurse wie jener, dass Schlanksein gleichbedeutend ist mit Schönheit/Gesundheit/ Erfolg oder jener über die Minderwertigkeit der Frau („Willst Du vielleicht werden wie Deine Mutter?“); Rolemodels wie Kate Moss oder Victoria Beckham, die einfach cooler sind als diejenigen, die einen zum Essen überreden möchten; ein familiäres Umfeld, in dem u.a. Harmonie, Aufopferung, Leistungsorientierung, Disziplin, Unterordnung unter familiäre Traditionen hohe Werte darstellen; und vor allem: das Versprechen, dass durch die Kontrolle über den Körper Autonomie, Stärke und Selbständigkeit zu erlangen sind.

Aber Ana Ex hat auch Gegenspieler, die ihre Macht untergraben. Und auch diese gibt sie, – unter zunehmendem Protest - der Therapeutin auf deren hartnäckiges Fragen hin, preis: Ein Klima, in dem die oder der sich anorektisch verhaltende Jugendliche Ernst genommen wird; in dem familiäre Konflikte ausgesprochen und ausgetragen werden; in dem Anerkennung und Interesse für die Themen der Jugendlichen besteht.

Wo die Verantwortung von Eltern geteilt wird mit ÄrztInnen und vor allem: wo nicht ständig über`s Essen geredet wird, wo auch andere Seiten der Person – nicht nur die Magersucht – Platz haben, wo Lebenslust vermittelt wird und Zukunftsperspektiven entwickelt werden können. All dies bringt Ana Ex gehörig in Bedrängnis, bis sie schließlich abtritt. Sie weicht der Entscheidung, Selbständigkeit auf anderem Weg zu erlangen als über eine lebensbedrohliche Krankheit.
Ein toller Jour Fixe, eine tolle DVD.

Verena Kuttenreiter


Filmtipp:

“Schmetterling & Taucherglocke”
Regie: Julian Schnabel

Wie, bitteschön, soll ein Film über einen Mann, der von Kopf bis Fuß gelähmt ist, sich nicht bewegen, nicht sprechen kann, ein Film der noch dazu auf einer wahren Begebenheit beruht, Mut machen und eine Liebeserklärung an das Leben sein? Einzig sein linkes Auge gehorcht dem Gehirn, wo das Leben gefangen gehalten wird, und dessen Macht über den Körper verloren ging. Ein ewiger Horrorfilm, oder nicht? Es erschien seltsam, dass Filmkritiker darin so viel Positives finden konnten. Ich war verwirrt und gespannt.

Der New Yorker Maler und Regisseur Julian Schnabel verfilmte den gleichnamigen autobiografischen Roman des ehemaligen „Elle“-Chefredakteurs Jean-Dominique Bauby ohne Klischees. Und eigentlich sollte es ein Werk über die weibliche Rache werden, doch es kam anders. Gefangen in einer Taucherglocke bekommt Bauby vom Verlag eine Übersetzerin zur Seite gestellt, der er seine Memoiren diktiert. Ein Zwinkerkommunikationssystem zur Verständigung ist bald gefunden – denn das,
was sich in der Taucherglocke bewegen lässt, ist sein linkes Auge.

„Ich will sterben“ ist der erste Satz, den Bauby mittels dieses einzigartigen Systems hervorbringt. Doch Jean-Do überlegt es sich schließlich anders und entdeckt, dass zwei weitere Aspekte seines Menschseins nicht gelähmt sind - seine Fantasie und sein Gedächtnis. Erst ab diesem Zeitpunkt sieht man Jean-Dominique Bauby auch als Person – der Blickwinkel wechselt. Waren zu Beginn des Films verschwommene, wirre Bilder aus der Perspektive des lebenden Auges vorherrschend, wird man nun wie durch einen Sog in eine Welt von Bildern gezogen, die durch ihre Gewalt und zugleich ihre Zärtlichkeit überwältigend sind. Jean-Do reist mit uns durch Erinnerungen und erfindet seine eigenen
Welten. Er schlürft sinnlich mit seiner bezaubernden Übersetzerin Austern in einem Nobelrestaurant während in der Realität künstliche Nahrung durch die angehängten Schläuche langsam seinen Magen füllt. Der Film thematisiert das Finden und Erfinden von Möglichkeiten. Bauby, der seinen Kindern nie wieder durchs Haar streichen wird können, der erfüllt von Trauer über diese Tatsache ist. Der sich aber auch denkt, dass ein kaputter Vater besser als gar keiner ist. Ein Vater, der immerhin mit
seinen Kindern das „Galgenspiel“ (das mit den Buchstaben!) spielen kann.

Was hier entstanden ist, fühlt sich letztlich an wie das Gegenteil von Rache. Ein großartiges Vermächtnis über die Versöhnung mit dem Schicksal und mehr – es ist tatsächlich eine wunderschöne Liebeserklärung an das Leben. Ein Leben, das intensiver nicht sein könnte. Voller Träume, Erinnerungen, Sehnsüchte und Selbstironie und dabei so gar nicht kitschig.

Ein Film, der sich schwer in Worte fassen lässt, den man spüren muss. Der die Frage „Und, wie hast du den Film gefunden?“ (die man tatsächlich niemanden stellen hört) am Ende der Vorführung unnötig macht. Der erstmal sprachlos macht. Ein Film, bei dem unsere nüchternen Therapiejargonausdrücke „Ressourcenorientierung“ oder „Reframing“ absolut nichts verloren haben, obwohl mir kein besseres Beispiel dafür einfällt, das eindrücklicher zeigt, was diese Begriffe eigentlich bedeuten
können!
Beflügelnd und tiefgehend – Schmetterling und Taucherglocke eben.

Kerstin Klambauer

PS: Das Buch zum Film ist übrigens im dtv-Verlag erschienen und um € 8,20 erhältlich.


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WIR GRATULIEREN

Folgende StudentInnen haben im Frühjahr 2008 ihre Ausbildung (Curriculum bzw. Supervisionscurriculum) bei der ÖAS abgeschlossen - wir freuen uns mit ihnen und
wünschen viel Glück auf ihrem weiteren Weg:
Georgina Brader, Irmgard Hauer, Waltraud Timischl, Ingrid Mantscheff, Maria Radlspöck, Mag. Ursula Wirth, Charlotte Ruminak, Klaus Gruber, Dominik Rosenauer, Christian Reininger, Regina Gfatterhofer,
Gudrun Hagen, Ingrid Strennberger, Claudia Winklhofer


NETZWERKE-REDAKTION:

ACHTUNG! ab September 2008 gelten für die netzwerke neue Anzeigenpreise:

Die netzwerke werden 4 x jährlich an alle ÖAS-Mitglieder (österreichweit etwa 650) per Post versendet. Die Formatangaben betreffen Breite x Höhe. Inserate bitte als Text oder pdf-File spätestens bis zum jeweiligen Redaktionsschluss an: office@oeas.at senden. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an das ÖAS-Sekretariat.

Um uns den Ablauf zu erleichtern, ersuchen wir alle, die uns redaktionelle Texte für die Netzwerke schicken, diese bitte ausschließlich an Verena Kuttenreiter zu mailen: v.kuttenreiter@gmx.at Für alle Anliegen und Termine der Regionen, sowie für Inserate ist Elisabeth Gmeiner unter office@oeas.at zuständig. Danke!

Redaktionsschluss der nächsten Netzwerke ist am 15. September 2008.


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