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netzwerke-nachrichten
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EDITORIALErstens werden die Editorials – bisher immer von der Obfrau bzw. dem Obmann verfasst – ab jetzt, von der Redaktion verfasst. Als Herausgeberin der "netzwerke" fällt mir (Verena Kuttenreiter) diese Aufgabe zu. Zweite Neuerung: mit der aktuellen Ausgabe gibt es weitere fixe RedakteurInnen, die bei den "netzwerken" mitarbeiten und zwar Dominik Rosenauer, Sabine Klar und Corina Ahlers. Wir vier werden zukünftig verstärkt inhaltlich bei den Netzwerken mitmischen, sprich Beiträge beisteuern. Was wir bezwecken, ist nicht ein Zugeschüttet-Werden der LeserInnen mit unseren Beiträgen, sondern ein Ankurbeln und Anregen zum Selber-Schreiben und Mitreden. Also sendet Wissenswertes, Lesenswertes an die Redaktion, wir freuen uns über jeden Beitrag! |
| Um das Redaktionsteam ein bisschen schriftlich vorzustellen, haben wir diesmal die Positionen genutzt: Dominik Rosenauer und Sabine Klar antworten auf einen Beitrag von mir zum Thema des Vielarbeitens von PsychotherapeutInnen. | |
| Außerdem hat Dominik Rosenauer – quasi als Sprachrohr für die AusbildungskandidatInnen - die Rubrik „Studentenfutter" ins Leben gerufen, die Stimmungen unter den AusbildungskandidatInnen für alle ÖAS-Mitglieder näher bringen und zur Diskussion anregen soll. | |
| Dritte Neuerung: der Obmann erhält eine eigene Rubrik und informiert unter dem Titel: „Bericht des Obmanns" über Neuigkeiten aus dem Vorstand und Entwicklungen des Vereines. | |
| Was gibt es sonst in diesen Netzwerken? Leider viele Nachrufe – mit Insoo Kim Berg, Ivan Boszormenyi-Nagy und Jay Haley, starben drei prägende Figuren der Familientherapie. Ferdinand Wolf, Corina Ahlers und Joachim Hinsch haben lesenswerte Nachrufe auf sie verfasst, die noch einmal (vor allem für die Jüngeren unter uns, die noch nicht selbst dabei waren) die Bedeutung dieser Personen vor Augen führen. | |
Corina Ahlers berichtet weiters aus der EFTA (European Family Therapy Association) über nationale Unterschiede im psychotherapeutischen Feld.
Wie immer gibt es schöne Buch- und Filmempfehlungen und auch das Jour fixe- Programm hat einiges zu bieten. Als Organisatorin freue ich mich schon sehr auf alle Themen und Vortragenden und möchte bei dieser Gelegenheit auch auf andere – kostenlose!! – Veranstaltungen der ÖAS bzw. im Umfeld der ÖAS hinweisen: und zwar auf den Theoriezirkel von Erik Zika und Gerda Mehta (siehe Seite 16) und auf die Diskussionsforen des IAM von Sabine Klar und Franz Reithmayr. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass es sich jeweils lohnt, hinzugehen.
Um uns den
Ablauf zu erleichtern, ersuchen wir alle, die uns redaktionelle Texte für
die Netzwerke schicken,
diese bitte ausschließlich an Verena Kuttenreiter zu mailen:
v.kuttenreiter@gmx.at
Für alle Anliegen und Termine der Regionen, sowie für Inserate ist Elisabeth Gmeiner unter office@oeas.at zuständig. Danke!
Redaktionsschluss der nächsten Netzwerke ist am 15. Mai 2007.
Noch eine Veränderung, die Jour Fixe betreffend: Cordula Liedermann zieht sich (leider) mit April von ihrer Tätigkeit als Organisatorin zurück, erfreulicherweise wird Susanne Klingan gemeinsam mit mir die Jour Fixe weiter veranstalten.
Weisheit zum Abschluss: Hierfür möchte ich diesmal den mittlerweile 60jährigen, an Lebenserfahrung reichen Sylvester Stallone (jawohl!) zitieren: „Man sollte nicht mit seiner Frau streiten. Eine glückliche Frau bedeutet ein glückliches Leben."
Bis zur
nächsten Ausgabe ...
Verena Kuttenreiter
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Veränderungen wurden notwendig. Ich war schon einmal Obmann der ÖAS, die ich von Ludwig Reiter übernommen hatte, der den Verein vor 21 Jahren gegründet und gemeinsam mit Hans Scheidinger und den KassiererInnen (Erwin Rössler und Monika Mösslacher) erste Strukturen geschaffen hatte. Bei der Übernahme durch den neuen Vorstand, bestand die Aufgabe damals darin, die Anerkennung als Fachspezifikum in der, sich durch das Psychotherapiegesetz gerade neu bildenden Szene, durchzusetzen, ein Vereinslokal (Kleine Pfarrgasse) anzumieten, eine Sekretärin (Margret Wantoch) anzustellen. |
Die ÖAS hat sich seitdem durch die Leistungen sehr vieler Personen beträchtlich vergrößert. Andrea Brandl-Nebehay und ihr Vorstand haben sich mit viel Sorgfalt stark auf die Service-Leistungen für Mitglieder konzentriert, Corina Ahlers und ihr Team um die internationale Verflechtung, um neue Leistungen der ÖAS und die Überlegungen zur Akademisierung. Gerhard Walter und Rudi Kronbichler haben die Ausbildung im Westen enorm ausgebaut, im Osten sind wir auch immer größer geworden, aus der Lustkandlgasse in die Kleine Pfarrgasse, von dort in die Gonzagagasse übersiedelt. Damit wuchs die ÖAS sozusagen aus den Kinderschuhen eines Familienbetriebes heraus. Als ich damals Obmann wurde, kamen wir auf stolze 200 Mitglieder, jetzt sind wir 570. |
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Die Sektionen haben eine Teilautonomie, übernehmen die finanziellen Zwänge, die der Ausbildung direkt dienen, aber nicht die des Gesamtvereins. Das war in der Vergangenheit nicht wirklich anders, aber buchhalterisch nie so klar, wie es jetzt wird. Das erfordert große Anstrengungen, die von Hedi Wagner, Gerhard Walter, Dieter Welbich, unserem Steuerberater, und besonders von Thea Meinharter, unserer Buchhalterin, getragen und erduldet werden. Das Fortbildungszentrum muss erst als eigene Sektion begründet werden. Es enthält aber schon jetzt alle Weiterbildungen (Supervisionsausbildung, Kinder- und Jugendlichenweiterbildung und alle Seminare, Tagungen, Workshops, usw.) die nicht durch die Ausbildung definiert sind. Auch in der Supervisionsausbildung ergeben sich neue Perspektiven: Wir verhandeln gerade mit der ÖVS (Österreichische Vereinigung für Supervision) über eine Anerkennung unserer Ausbildung durch die ÖVS, die ja eine Art stillen Dachverband darstellt. Die Anzeichen für einen positiven Abschluss sehen nicht so schlecht aus. Verena Kuttenreiter baut die „netzwerke“ um, aktiviert weitere Personen, die das Bild neu prägen werden. Auch die homepage (www.oeas.at) wird ihr Gesicht verändern. Das ist notwendig geworden, weil wir hoffen, dass in Zukunft mehr Interaktion stattfinden wird. Es ist ein wenig paradox, wenn ein Verein, der sich systemisch begreift, nur aus der Führungsetage (Vorstand und Ausbildungskommission) Anregungen bekommt. Die Generalversammlungen – der vereinsrechtliche Kommunikator - findet nur einmal im Jahr statt - TROTZDEM BITTE VORMERKEN UND KOMMEN: 13. Oktober 13.30 Uhr, 1010 Wien, Gonzagagasse 11, in den Räumen der ÖAS - und wird, bisher jedenfalls, traditionsgemäß, oft nicht all zu gut besucht. Es braucht daher Foren, in denen Mitglieder sich äußern können, somit aus der ÖAS ein Netz bilden, dessen Mitglieder aktiv am Kommunikationsprozess teilnehmen. „netzwerke“ und homepage könnten das werden, die Jour fixe sind es schon, vielleicht auch die Generalversammlung. Aus der Wiener Ausbildung allein weiß ich, wie viele großartige Leute nicht in der ÖAS eingebunden sind, von den Grazer, Salzburger und Innsbrucker Ausbildungen und ihren Absolventinnen ganz zu schweigen. Es wäre schön, wenn sich das ändern ließe, „netzwerke“ und homepage genutzt würden, das Gesicht der ÖAS neu zu gestalten. Welche Bedürfnisse könnten durch die ÖAS befriedigt werden, welche Ideen gibt es? Um die ÖAS zu nutzen, muss man sie nutzen. Mitglieder gehören gehört. Dazu braucht es ein Medium, um sich äußern zu können. Es wäre aber auch notwendig, dass Mitglieder von sich hören lassen, Unzufriedenheit, Anregungen, Wünsche deponieren. Momentan gibt es dazu mails (hinsch@aon.at, office@oeas.at) Telefon (0043-1-212 41 35) und Briefe (1010 Wien, Gonzagagasse 11/19) aber bald auch die homepage, wo ein Diskussionsforum von Dominik Rosenauer betreut werden wird. Der Kongress in Wien In den “systemen” und auf der homepage (man kann dort die meisten Vorträge nachlesen) ist er schon genügend gewürdigt worden, ich möchte aber noch einmal allen Vortragenden, besonders Sabine Klar, danken, die den Mut hatte, nicht ihre Kenntnis der Systemischen Therapie direkt hervorzukehren, sondern Fragen zu stellen. Sie hat damit viel konstruktive Unruhe gestiftet. Die Antwortenden haben teilweise Ärger und weitere Unruhe erzeugt. Das war genau die Idee, die Sabine Klar für diesen Kongress hatte: Lasst uns nicht nur uns harmonisierend feiern (1. Tag) sondern auch Bewegung erzeugen. Das ist Sabine, glaube ich, sehr gut gelungen. Der Abendunterhaltung sei Dank! Toll war es, das Buffet auch. Aber auch uns Organisatorinnen (Liesi Gmeiner, Sigrid Rebernig, Claudia Renner, Robert Koch, Klaus Schmidsberger, Hedi Wagner und Margret Wantoch) möchte ich noch einmal herzlich danken. Organisieren eines Kongresses ist nicht mit direkter persönlicher Anerkennung verbunden, die meisten Menschen wissen nur von denen, die sich bei der Eröffnung hervortun. Die Anerkennung bezieht man aus dem Gelingen, der Resonanz. Aber es macht unheimlich viel Spaß, wenn man als Teil des Organisationsteams Werden und Wachsen beobachten kann: Am Anfang war eine Idee, daraus wurden eine Menge von Ideen, Strukturen, ein Ort, Personen, Vorträge, Speisen, Musik und Tänze. Ich war richtig berauscht, als ich einmal Pause machte und sah, wie viele Menschen in einem Workshop saßen. Das ist also aus dieser Idee geworden. So kreativ kann man sich sehr selten im Leben erleben und das kann süchtig machen. Ich glaube, dass man sagen kann, es hat uns allen sehr viel Spaß gemacht. Trotzdem möchte ich die Gelegenheit nutzen, als Obmann euch ganz herzlich im Namen der ÖAS für euren Einsatz zu danken. Gerda Mehtas Abschied von der Ausbildungsleitung Gerda Mehta hat nach vielen Jahren die Leitung der Ausbildungskommission zurückgelegt. Liebe Gerda, ich möchte dir sagen, dass ich sehr stolz darauf bin, einmal dein Ausbildungsleiter gewesen zu sein. Dein Überblick und deine Kenntnis der Systemischen Therapie und vieler Nachbargebiete, haben mich immer tief beeindruckt und (leider) mit Neid erfüllt. Dass du mit vielen Größen der internationalen Szene eng befreundet bist, hängt damit zusammen, dass auch du für diese Personen offensichtlich ein Gewinn bist. Wir hatten viele Jahre das Glück, dass du unsere Ausbildungsleiterin warst, deine Ideen uns begleitet haben. Man spürt – auch in deinem manchmal Ärgerlich Sein – deine große Liebe zur Systemischen Therapie. Ich danke dir. Joachim Hinsch |
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Der
Mitgliedsbeitrag beträgt im Kalenderjahr 2007 für
Einzelpersonen € 100,-, für Paare € 160,- und für StudentInnen €
60,-.
Bankverbindung: BAWAG BLZ14000, Kto-Nr.: 01110665365
Das LehrtherapeutInnen-Team der ÖAS/Region Wien möchte sich erweitern.
Kriterien und das Prozedere für die Bestellung von LehrtherapeutInnen sind statutengemäß in der Geschäftsordnung der Ausbildungskommission geregelt (nachzulesen hier)
Neben den formalen Erfordernissen wünschen wir uns jedenfalls:
Die Ausbildung zum/zur Lehrtherapeut/in umfasst:
Bewerbungen mit Beschreibung des beruflichen Werdeganges und Nachweis von Publikationen/Lehrerfahrung bitte bis 30. März 2007 an das ÖAS-Sekretariat.
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Diese Kolumne hat den (politisch äußerst unkorrekten) Titel „Studentenfutter", weil sie sich um die Themen drehen soll, die den StudentInnen das Futter für Diskussionen geben. Geplant ist eine Kolumne pro Ausgabe, was so viel bedeutet, wie vier bis fünf im Jahr. Ich werde versuchen, dieses hehre Ziel zu erreichen, am Futter sollte es nicht mangeln. |
Wobei mit "Mangel" ja schon ein Schlagwort gefunden wurde, das die dürre Zeit der Ausbildung bestens zu beschreiben in der Lage ist! Woran mangelt es dem gemeinen Fußvolk, der Basis, den StudentInnen denn besonders? Also, so ohne lang nachzudenken, kommt mir da einmal *Geld* in den Sinn. Als nächstes *Zeit*. Dann Kraft und nicht zuletzt: KlientInnen. |
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Man könnte also sagen, dass während der Ausbildung von den Dingen, die sich nach Maslow ziemlich weit unten an der Basis (!) der Bedürfnispyramide befinden, der größte Mangel herrscht. Denn ohne Geld kein Essen, ohne Essen keine körperliche Sicherheit. Nachdem sich alles nur um die Ausbildung dreht (Seminare, Selbsterfahrung, Einzellehrselbsterfahrung, Supervision, Lektüre, das eine oder andere Gespräch mit KlientInnen etc.) bleibt kaum Zeit mehr für die nächste Stufe der Befriedigung - das soziale Netzwerk (...und vielleicht noch abseits der Psychotherapieszene. So zum Ausruhen). Nach Maslow kann das also alles gar nicht funktionieren: Wir brennen (!) an beiden Enden und sollen auch noch altruistisch sein! Das kommt bitte erst auf der 5. Stufe. Nach (!) Geld und Anerkennung. In unserer monetaristischen Gesellschaft gibt es nur begrenzte Ressourcen. Und auch wenn wir ganz lösungsorientiert an die Sache herangehen: ohne Göd ka Nix. Nicht umsonst habe ich dem guten alten Monetarismus wieder mal zur Ehre verholfen auf Druckpapier zu erscheinen. Denn: Geld ist da! Nur nicht bei uns :o) |
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Wir lernen in der Ausbildung immer - und vor allem, dass alles was kostet. Da wäre mal die Ausbildung an sich, das Fernbleiben von derselben ohne eine entsprechende Meldung Wochen im Vorhinein. Man wird soweit sozialisiert, dass man schon für die Gnade eines Händedrucks zum Geldbörsel greift. Nur eins ist klar: Umgekehrt funktioniert das nicht! Dann kommt der Status, die Eintragung in irgendwelche Listen. Von diesen erhofft man sich, dass Manna (und Mammon) von bedürftigen KlientInnenhänden in unsere Taschen wandern. Allerdings ist das gar nicht so einfach, wie gedacht! Praxis kostet Geld. Hat man also keines, weil man keine KlientInnen hat, hat man auch keine KlientInnen, weil man keine Praxis hat. Hat man keine Praxis, hat man auch nicht die Chance an KlientInnen zu kommen und damit auch nicht die, rechtzeitig fertig zu werden, um dann - als in der einzig wahren und wahrhaftigen Liste eingetragene Person - mit den vielen Menschen arbeiten zu können, die zu einem strömen wollen. Aber Obacht! Wer glaubt, dass dann, wenn man in den Heiligen Gral aufgenommen wurde, das Psychotherapeutische Paradies auf Erden wahr wird, irrt: Hast du nicht rechtzeitig angefangen dich zu vernetzen? Woher sollen deine KlientInnen kommen, wenn niemand dich kennt? Da bist du aber schon selbst Schuld. Hättest dich eben zur rechten Zeit drum kümmern müssen. Was heißt, du hattest kein Geld!? Wie schaffen denn das die anderen?
Na siehst! Man muss sich nur entscheiden, etwas zu tun. Ein Ziel vor Augen. Ein Auftrag. Was lernt ihr eigentlich in der Ausbildung? Erzählt‘s mir doch keine G‘schichtln.
Dominik Rosenauer
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Insoo Kim Berg: 25. 7. 1934 – 10. 1. 2007 Insoo Kim Berg ist am 10. Januar 2007 in einem Fitnessstudio in Milwaukee in einer Entspannungspause friedlich eingeschlafen und aus diesem Schlaf nicht mehr erwacht.Insoo Kim Berg wurde in Korea geboren. Schon früh war es offenkundig, dass sie eine für eine koreanische Frau, ungewöhnliche Laufbahn einschlagen wird. Insoo besuchte von 1950 bis 1953 die Ewha Women’s University in Seoul, übersiedelte schließlich in die Vereinigten Staaten von Amerika, um an der University of Wisconsin in Milwaukee 1969 den Master of Social Work zu absolvieren. |
| Im Rahmen ihrer postgradualen Ausbildung am Mental Research Institute (MRI) in Palo Alto / Kalifornien lernte sie ihren späteren Ehegatten und Arbeitspartner Steve De Shazer kennen, mit dem sie im Verband mit anderen 1978 das berühmte Brief Family Therapy Center (BFTC) in Milwaukee / Wisconsin begründete. Am BFTC entwickelte Insoo Kim Berg in der gemeinsamen Arbeit mit Steve De Shazer, Elam Nunnally, Eve Lipchik u. a. in Abgrenzung zum Kurztherapieansatz des MRI die Solution Focused Brief Therapy, die fortan eine der zentralen Therapiekonzeptionen im Rahmen der systemischen Therapie in der Arbeit mit Individuen, Paaren und Familien werden sollte. Besonders die Annahme, dass es in der therapeutischen Konversation weniger um Problemlösung, als vielmehr um das Finden von Lösungen, oft ohne direkten Bezug zum präsentierten Problem geht, führte zu einem radikalen Umdenken im therapeutischen Vorgehen. Auch die Beobachtung, dass Klienten in ihrem Alltag oft Vorgangsweisen entwickeln, die einen signifikanten Unterschied zur Problemsituation herstellen („Ausnahmen") und als Lösungsmuster fungieren können, war eine eminent bedeutsame Erkenntnis für den Fokus therapeutischer Konversation. Beides steht für den unbedingten Glauben, dass KlientInnen in sich die notwendigen Fähigkeiten und Ressourcen haben, um ihren Alltag zu bewältigen und mit den schwierigsten Situationen prinzipiell zurande kommen, wobei es de facto darum geht, die Hoffnung des Klienten auf Veränderung aufrecht zu erhalten. | |
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Insoo Kim Berg lebte in allen ihren Präsentationen, Workshops und Klientengesprächen dieses Prinzip in besonderem Maße, sodass der Eindruck entstand, dass kein Problem zu schwierig ist, um nicht kleinste Faktoren der Alltagsbewältigung ausfindig zu machen und darauf Veränderungsarbeit aufzubauen. |
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Insoo Kim Berg war eine ungemein aktive Person. So betonte sie auf die Frage, woher sie ihre unglaubliche Arbeitsenergie hernimmt: „Korean way of life is hard work!". Dies führte dazu, dass man sie in ihrem Hause in Milwaukee bereits um 5.00 Uhr früh in ihrem Gemüsegarten bei der Gartenarbeit antreffen konnte, um sie dann letztendlich täglich (oft auch am Sonntag) von 8.00 bis nach 22.00 Uhr im BFTC bei der Arbeit mit Klienten, bei der Abfassung von Fachartikeln oder administrativen Tätigkeiten beobachten zu können. |
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Insoo Kim Berg war für ihren Gatten Steve De Shazer in besonderem Maße Impulsgeberin. So antwortete er auf die Frage, woher er seine konzeptuellen Ideen genommen habe, in seiner unnachahmlich kurzen Art „Watching Insoo’s work!". |
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Insoo Kim Berg hat sehr darunter gelitten, dass Steve De Shazer vor knapp anderthalb Jahren plötzlich verstorben ist. Beide sind nun wieder vereint. An uns, die wir von beiden soviel lernen konnten und die uns im Rahmen der von ihnen maßgeblich mitgestalteten Community mit vielen Personen aus verschiedenen Teilen der Welt zusammengeführt haben, wird es nun liegen, Steves und Insoos Ideen weiterzuentwickeln und beide in unserem Tun weiterleben zu lassen.
(Der Nachruf von Ferdinand Wolf ist in ganzer Länge hier nachzulesen )
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Ivan Boszormenyi-Nagy: 19. 5. 1920 – 28. 1. 2007 |
Ivan Boszormenyi-Nagy wurde 1920 in Budapest geboren, wo er vorerst eine psychoanalytische Ausbildung absolvierte. In die USA emigriert, stieß er in den vierziger Jahren zu den Familientherapeuten, wo er zu einem der ersten Schüler Virginia Satirs wurde. Er gehört in die erste Generation von FamilientherapeutInnen, die in den frühen sechziger Jahren versuchten, nach einer psychoanalytischen Ausbildung, in der Familie einen neuen Ort therapeutischer Intervention zu sehen. Er ist wahrscheinlich die am ältesten gewordene frühe Ikone der Familientherapie. |
Und wie alle Pioniere jener Zeit, beschäftigte er sich mit Schizophrenen und deren Familien. Er vertrat dabei eine mehrgenerationale Familientherapie, dessen Konzept für familiäre Gesundheit, im ausgewogenen Geben und Nehmen zwischen Partnern und von einer Generation zur nächsten besteht.
Sein theoretisches Konstrukt baut auf Werte, von denen wir heute nicht mehr sprechen – Vertrauen, Loyalität, Bindung, Treue - die aber dennoch als Mythen in unserem Zeitalter wirken. Anders hat es Ivan Boszormenyi-Nagy auch nicht gemeint: Familiäre Konflikte können unaufgelöst in die nächste Generation übertragen werden oder sogar eine Generation überspringen. Hiermit bietet Nagy gute theoretische Grundlagen für die Familienskulpturarbeit, wie sie vor allem von Virginia Satir und ihren Nachfolgern betriebenwird.
Metaphorisch lässt sich das Konstrukt der unsichtbaren Loyalitäten aber auch gut auf Paare oder auf Kinder/Eltern in getrennten Familienformen anwenden: Wie oft reden wir von Kindern, die den getrennten Eltern loyal bleiben wollen und sich selbst dadurch schaden oder von Eltern, die ihre Schuldgefühle in die nächste Liebesbeziehung mitnehmen.
Wenn Boszormenyi-Nagys therapeutisches Wirken sich wohl eher auf die Kernfamilie beschränkt hat, ist die kontextuelle Therapie (so ihre Bezeichnung in der systemischen Fachwelt) in ihrem konzeptuellen Wert heute sicher nicht überholt.
1957 begründete Nagy das "Eastern Pennsylvania Psychiatric Institute (EPPI)", wo er lange mit dem Sozialarbeiterin Geraldine Spark zusammenarbeitete. Hier entstand sein bekanntestes Werk: Invisible loyalties: Reciprocity in intergenerational family therapy (Boszormenyi-Nagy & Spark, 1973). Seit der Auflösung dieser Institution entwickelte Nagy sein Modell weiter, 2004 erhielt er von der EFTA (European Family Therapy Association) am systemischen Kongress in Berlin eine besondere Ehrung für seineVerdienste im systemischen Feld.
Corina Ahlers
Jay Haley: 19. 7. 1923 – 13. 2. 2007 |
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Jay Haley ist gestorben. Wieder tritt ein ganz Großer ab. Seine Zusammenarbeit mit Bateson, Erickson, Minuchin, sein Wirken am MRI und am Family Therapy Institute gemeinsam mit seiner Frau Cloe Madanes ist legendär. Ich möchte hier aber nicht seine Bedeutung für die Psychotherapie würdigen, sondern direkt für meine Arbeit. Ich kannte ihn nicht persönlich, sondern nur über Mittelspersonen und über seine Bücher, in denen er z.B. auf faszinierende Weise den Eltern wieder Macht gab und sie den Ärzten nahm („Ablöseprobleme Jugendlicher") bzw. in witziger, sehr kundiger Art erklärte, wie ein Zimmermannssohn aus einer unbedeutenden Kleinstadt in einem unbedeutenden und dazu noch besetzten Land so eine Kirche aufbauen konnte („Die Jesusstrategie"). |
Macht ist kein Mythos, sondern real. Diese Klarheit in der Vermittlung war mir in meinen ersten Erkundungen systemischer Therapie enorm hilfreich (Strategien des „up" Seins) und dann doch zu schwer, weil ich die Verantwortung, die ich damit verbunden sah, nicht tragen wollte und konnte. Die Diskussion über sein Verständnis von Macht begann schon mit Bateson. Die Kybernetik II legte ihn ad acta. Von nun an war „Macht" eine Sichtweise, deren Nutzung den Handelnden in einen Irrtum verfrachtete. Levold belebte in der deutschsprachigen systemischen Szene die Diskussion mit viel Gewinn vor 6 Jahren neu, der jetzt viel diskutierte Haim Omer könnte Haleys Schüler sein. Die Diskussion hält an und scheint sehr hilfreich zu sein. Der Streit zwischen Kybernetik I und II löst sich auf.
In diesen letzten Jahren erlebt Haleys Verstehen eine ungeahnte Renaissance. Er hat uns sehr viel Halt gegeben, Möglichkeiten eröffnet und teils sehr erbitterte Kontroversen eingeleitet. In den Diskussionen um seine Arbeit lebt er weiter.
Joachim Hinsch
In den Reihen der ÖAS heißen wir herzlich jene willkommen, die im Zuge der Ausbildung neue ÖAS-Mitglieder geworden sind und wünschen gute und erfolgreiche Ausbildungsjahre:
Michaela Auer, Johannes Gutmann, Marion Herbert, Norbert Hochedlinger, Sigrid Jalowetz, Ingrid Mayer, Andrea Patterer, Barbara Puchner, Angelika Radax, Miriam Rödhammer, Mathias Rother, Katharina Sauer, Ulrike Schiesser, Karin Weber
WIR GRATULIEREN
Folgende KandidatInnen haben Ende 2006 ihre Ausbildung bei der ÖAS abgeschlossen - wir freuen uns mit ihnen und wünschen viel Glück auf ihrem weiteren Weg: Karl Hellinger, Eva Jeschek, Monika Larisch, Burgi Müller, Christine Nösslböck, Andrea Schmidbauer, Michaela Sit, Stefan Waldner
SYSTEMISCHER DISKUSSIONSZIRKEL
Im Zuge der Entstehung des Buches „Systemische Grenzgänge. Wirksames und Wirkendes im Zwischenmenschlichen", Mehta & Zika (Hrsg.), trafen sich die HerausgeberInnen mit AutorInnen und Interessierten um eigene aktuelle Ideen und Auseinandersetzungen mit bestimmten Theorien zu diskutieren und zu reflektieren. Dieses Interesse ist bis heute geblieben und hat seinen Niederschlag in den, meist monatlich stattfindenden, Diskussionsabenden gefunden.
Der nächste Abend findet am Mittwoch, den 21. März 2007 um 20 Uhr in der ÖAS statt:
Andrea Schmidbauer, Absolventin der ÖAS, hat sich in ihrer Abschlussarbeit („Alles braucht seine Zeit") mit verschiedenen Aspekten von Zeit in unserer postmodernen Leistungsgesellschaft auseinandergesetzt. An diesem Abend gibt es Gelegenheit, über Bedeutung(en) von Zeit im Alltag und im therapeutischen Prozess zu diskutieren und reflektieren.
Wer Fragen zum Diskussionszirkel hat, bzw. über kommende Termine informiert werden will, oder gerne einmal einen Input zu einem Diskussionsabend gestalten möchte, schreibt bitte eine E-mail an zika@loesungsraum.at
Erik Zika und Gerda Mehta
Für folgende ÖAS-Seminare gibt es noch Restplätze:
Theorieseminar: "Depression im Lichte der Biografie und des Paargeschehens:
Ein Blick hinter die würdige Fassade"
Leitung: Juan
Linares
Juan Linares Konzepte in der Arbeit mit depressiven KlientInnen, sowie deren Familien folgen einerseits fundierten psychiatrischen und familiendynamischen Erkenntnissen und klinischer Praxis, andererseits stellen sie das Krankheitsbild in einen gesellschaftlichen Rahmen, der konstruktionistischen Ideen nahe steht.
Termin: 27.-28.
April 2007 (Der Workshop wird in englischer Sprache gehalten)
Theorieseminar: "Berauschte Sehnsucht - zur systemischen Theorie und Therapiesüchtigen
Trinkens"
Leitung: Rudolf
Klein
Auf Basis einer mehr als 20-jährigen Erfahrung in der Beratung und Therapie süchtigen Trinkens, stellt der Referent seinen Zugang zum Phänomen des süchtigen Trinkens vor. Kernstück des Seminars bildet die Darstellung des therapeutischen Prozesses, der als Übergangsritual begriffen wird. Dieser legt eine spezielle Abfolge therapeutischer Schritte nah, die anhand theoretischer Exkurse, Demonstrationen, Falldarstellungen und Videosequenzen illustriert werden.
Termin: 25. - 27. Mai 2007
Für Detailinformationen und Anmeldung wenden Sie sich bitte an das
ÖAS-Sekretariat
Tel: 01/212 41 35, office@oeas.at
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Europas Streben um Professionalisierung im Systemischen – die nationale Vertretung in der europäischen Familientherapie (European Family TherapyAssociation / EFTA) Als Delegierte der EFTA (European Family Therapy Association), möchte ich gerne mein Insiderwissen nutzen, um auf Besonderheiten der psychotherapeutischen Profession im europäischen Vergleich aufmerksam zu machen. |
Vorab sei festgestellt, dass es wohl keine Profession gibt, die ihre Kriterien des Zugangs, des Trainings und der beruflichen Qualitätssicherung heterogener definieren könnte. Wiewohl uns diese Tatsache in Österreich nicht beunruhigen muss, insofern als wir davon ausgehen können, dass ein so sprach- und kulturgebundener Beruf, wie es die Psychotherapie ist, wohl keine starke berufliche Migration nach sich ziehen wird und es daher keiner Vergleichbarkeit bedarf, bleibt die große Differenz im Verstehen und Ausüben unseres Berufs dennoch ein spannendes Markenzeichen, dessen implizite Bedeutung uns ja auch interessieren könnte. Es hat wohl viel mit der Art der Praxis zu tun, die einerseits hoch individuell in der Beziehung zwischen Therapeutin und Klientin stattfindet, andererseits jedoch durch die gesellschaftlichen Verhältnisse, speziell des Gesundheitssystems jedes einzelnen Landes, gerahmt wird. Die Erfassung regulativer Maßnahmen zur psychotherapeutischen Profession durch die EFTA, hängt davon ab, ob Länder den von der EFTA ausgesandten Fragebogen beantworten, im Weiteren natürlich hängt das damit zusammen, ob Länder an einer Mitgliedschaft in der EFTA interessiert sind. |
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Von den 27 Ländern, die derzeit in der EFTA erfasst worden sind, werden 11 gesetzlich reguliert (Deutschland, Frankreich, Österreich, Ungarn, Italien, Irland, Malta, Holland, Schweden, Finnland, UK); weitere 8 werden zumindest durch national verankerte Standards professionell gesichert (Dänemark, Spanien, Griechenland, Lappland, Polen, Portugal, Slowakei, Slowenien), das restliche Drittel untersteht keiner Art der Regulierung (Belgien, Bulgarien, Zypern, Tschechien, Litauen, Estland, Luxemburg, Rumänien). |
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So heterogen, wie das Interesse an der ja doch immerhin fast 20jährigen Vernetzung in einem europäischen Verband (EFTA), ist auch die Verankerung der Profession im Land und das ist oft unabhängig von der Tradiertheit des Berufes: So hat Lappland ein Gesetz, während genauso junge Länder wie Estland und Litauen sich nicht darum bemühen, aber auch sehr reiche europäische Länder wie Belgien und Luxemburg haben sich bis jetzt nicht um eine landweite professionelle Qualitätssicherung bemüht. Die Erklärung dafür liegt |
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• in den Grabenkämpfen, in Belgien z.B. sprachlich-kultureller Natur - flämische und französische Belgier möchten unter kein gemeinsames professionelles Dach; • es gibt im Land zerstrittene Vereine, – so war es lange in Griechenland und so ist es jetzt, ob des Gesetzes in Frankreich; • oft ist es einfach Desinteresse oder Naivität, die eine Regulierung nicht erforderlich erscheinen lassen. |
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Natürlich bemühen sich junge, östliche Staaten eher um eine Anerkennung in der EFTA, wohl mit der Hoffnung, dass eine derartige Rückenstütze ihnen dann eine größere Reichweite und/oder Akzeptanz im eigenen Land bringen könnte. Doch da bin ich sicher wieder, im Sinn meiner berufsethischen Codierung, missionarisch unterwegs. Die vom Kapitalismus geprägte Umgebung produziert am laufenden Band Neid- Dynamiken und Konkurrenzgefühle untereinander. Es wird etwas zur Mangelware gemacht (z.B. Klienten, Erfolg, Information, Arbeit), sodass der Eindruck entsteht, wenn es der andere hat, kann ich es nur mehr unter Anstrengung bekommen bzw. erwerben. Dahinter steckt natürlich wieder einmal die Angst – in diesem Fall vor dem „Geruch des Misserfolgs". Es geht dann nicht mehr um die Arbeit, die Klienten oder das damit konkret verdiente Geld, sondern um den Vergleich mit dem anderen, möglicherweise Erfolgreicheren. Das alles wird natürlich selten zugegeben – es würde doch der eigenen werbewirksamen Selbstdarstellung im kollegialen Umfeld widersprechen.
Und hier ist es oft ganz schwierig, herauszufinden, wie die Lage wirklich ausschaut, wie viele Institute, Trainer und Mitglieder professioneller Verbände es eigentlich gibt (in Lappland z.B. sind es derzeit 32 gezählte Systemische FamilientherapeutInnen). Länder wie Österreich, scheinen an der europäischen Vernetzung eher desinteressiert zu sein, da sie sich auf das eigene Psychotherapiegesetz stützen. Dass dieses dem europaweiten Bemühen um Akademisierung und der Vereinheitlichung der psychotherapeutischen Profession auch ausgeliefert werden könnte oder zumindest angepasst werden müsste, ist zur Zeit spekulativ und weckt noch keine schlafenden Hunde (und das, obwohl oder vielleicht gerade weil, ständig die Rede von der Akademisierung in unserem Land ist).
Für mich könnte das Interesse an dem, wie es woanders funktioniert – oder nicht funktioniert -, vollkommen unabhängig vom Schutz des Eigenen sein, einfach als systemischer Blick über den Tellerrand in andere Funktionssysteme, mit der Neugierde, von anderen lernenzu können.
Wir können das Funktionieren der Profession natürlich nicht nur an der Gesetzeslage festmachen: Spanien z.B. scheint mit seiner landesweiten Föderation systemischer FamilientherapeutInnen einen potenten und effizienten professionellen Zusammenhang zu haben: Der Verband ist gut strukturiert, das Klima ist offen und Kooperation geht vor Konkurrenz in der gemeinsamen Abstimmung mit dem spanischen Gesundheitssystem, in dem Systemische Familientherapie eine gute Akzeptanz findet. Die psychoanalytische Lobby ist schwächer als in jenen Ländern, wo Psychoanalyse und Verhaltenstherapie schon länger verankert sind. Durch die gemeinsame Aufbruchsstimmung sozialer Strömungen nach dem Ende des Franquismus, hat sich hier die systemische Familientherapie generell anders etabliert.
Anders in Schweden: Die nationale Föderation hat 2000 Mitglieder, jede der 8 regionalen Verbände schickt einen Delegierten in die überregionale Föderation, das Gesundheitssystem setzt u.a. die Standards für die systemische Profession, der Wille zum Austausch in Schweden und im ganzen skandinavischen Raum ist groß und wird mit jährlichen Konferenzen bestückt.
Dagegen funktioniert Norwegen ohne Gesetz: Professionelle Aktivitäten und Austausch untereinander sind erwünscht und werden traditionell informell abgehalten: Im „Kaffeehaus" (Metapher) werden FamilientherapeutInnen interviewt, es finden zweimal im Jahr zweitägige Seminare statt, wo jeder den KollegInnen seine Ideen vorstellen kann, der kollegiale Dialog wird geschätzt und nachträglich auch verwissenschaftlicht.
Griechenland hat es 2005 geschafft, fünf bis dato zerstrittene Verbände unter einer „hellenischen Föderation" zu vereinen – eine Struktur, die sich die EFTA für alle europäischen Länder wünschen würde – unklar bleibt allerdings, wozu man sich abseits der EFTA trifft.
In den meisten europäischen Ländern ist der Zugang zur systemischen Ausbildung an den akademischen Grad im Bereich Psychologie, Psychiatrie und Sozialarbeit gebunden, skandinavische Länder bieten den psychotherapeutischen Mastertitel an der Universität für verschiedene helfende Quellenberufe (Krankenschwester bis Psychologe) an, die mit den privaten Instituten koexistieren, ein ähnliches Modell pflegt Spanien mit zwei universitären Lehrgängen (Salamanca, Barcelona) neben einer Unmenge kleiner privater Institute.In Slowenien sind die Quellenberufe etwas anders gestreut: Neben Psychologen, Psychiatern, Lehrern und Sozialarbeitern hat die theologische Universität einen umstrittenen Einfluss auf die systemische Ausbildung gewonnen.
Und so läuft auch unsere bunt gescheckte Berufsgruppe, allen voran die interdisziplinär interessierte Gruppe der Systemischen FamilientherapeutInnen von Treffen zu Treffen, emsig vor sich hin tagend, unter Bewältigung der Mehrsprachigkeit und kultureller Missverständnisse, die fast immer mit Elan ausgebügelt werden, allem voran die Vision europaweiter Kooperation, Vernetzung und Konsens, der uns politisch stärken und verbinden soll. Z.B. schreibt die EFTA einen Brief an den französischen Innenminister mit der Beschwerde, er wolle im Parlament gegen andere, informierte KollegInnen ein Gesetz durchsetzen, welches bestimmt, dass Psychotherapie nur noch an Universitäten unterrichtet werden kann. Derartige konzertierte Aktionen einen und geben der psychotherapeutischenProfession ein internationales Gewicht.
Ein Blick über den nationalen Tellerrand kann anregend und auch abstoßend sein, auf jeden Fall macht er neugierig und bringt mir nebenbei eine interessante Erkenntnis: Systemische FamilientherapeutInnen haben unabhängig von ihrer Nationalität, ihrer Schulung, ihrer theoretischen und praktischen Grundhaltung, viele Ähnlichkeiten im Habitus, in ihren Kommunikationskulturen, Kooperations- und Organisationsformen.
Corina Ahlers (Delegierte in der NFTO/EFTA)
Die heilige Kuh Arbeit
Systemische TherapeutInnen sind, auf Grund ihrer Referenz auf den Konstruktivismus zur Selbstreflexion verpflichtet. Viele blinde Flecken werden beleuchtet, „Wahrheiten" sind da, um umgestoßen zu werden - nur eines scheint bemerkenswert unantastbar: Die Annahme, dass viel Arbeiten gut ist! Nun ist es natürlich nicht so, dass man nicht wüsste, dass das Workaholic-Dasein nicht das gesündeste ist, aber das geheime perverse Genießen (nach Slavoj Zizek) scheint doch gebunden zu sein an Erzählungen, wie voll die Privatpraxis sei, wie viele Stunden man um wie viel Geld arbeite, wo man welchen Workshop halte, welches neue Projekt man ins Leben rufe bzw. wo man seinen Senf dazugegeben habe. Bemäntelt wird die Praxis des Vielarbeitens in erster Linie mit Unabkömmlichkeit und Pflicht zur Hilfeleistung (bei den KlientInnen) oder in zweiter Linie mit eigenem Interesse. Man identifiziert sich eben so mit dem Beruf, dass es mehr ist, nämlich Berufung! Da geht sich daneben kaum was anderes aus.
Hallooo,
Psychotherapie ist doch auch nur Erwerbsarbeit!! Und als Normierungs- und Besänftigungsveranstaltung (ja,
trotz oder genau wegen vermeintlicher „Kreativität" und „Unangepasstheit"
von uns TherapeutInnen) gut eingepasst ins kapitalistische
Wirtschaftssystem. Dieses
verkauft uns Berufe als Berufung und lässt uns begeistert uns selbst
vergessen – ich frag mich schon, wer uns das einmal dankt ... da mir
niemand einfällt, danke
auch.
Verena
Kuttenreiter
Zur „heiligen Kuh Arbeit“
Ich verstehe die Intention deines Beitrags als Appell gegen die Leistungsideologie – und kann ihm insofern zustimmen. Andererseits reizt er mich auch zum Widerspruch – und da ich als frisch gebackenes Redaktionsmitglied hier den Mund voll nehmen soll: bitte sehr – hier ist die Reaktion. Gleich zu Beginn: der Konstruktivismus ist es sicher nicht, der mich so ausdauernd zur Selbstreflexion verpflichtet hat. Im Gegenteil – er verleitet aus meiner Sicht eher dazu, sich vieles leicht zu machen unter dem Titel „es lässt sich ja doch nichts wirklich verstehen – es ist ja alles nur ein Konstrukt“ (im narrativen Kontext ersetzbar durch „nur eine Geschichte“). Ich erinnere mich daran, dass eines der positiven Kriterien therapeutischer Arbeit in der Zeit meiner Ausbildung darin bestand, sparsam und ja nicht zu viel zu arbeiten, um die Klienten in ihrer Eigenaktivität nicht allzu sehr zu stören und mit fremden Fragen bzw. Gedanken zu belästigen. Mit der Selbstreflexion ist es also unter SystemikerInnen nicht allzu gut bestellt – obwohl wir sie uns werbewirksam auf die Fahne schreiben.
Zur Annahme, dass viel Arbeiten gut sei: In deiner Argumentation kommt das Motiv des „Geld verdienen Müssens“ nicht vor, obwohl du Psychotherapie als bloße Erwerbsarbeit bezeichnest. Also ich glaube, dass die meisten von uns unter anderem deshalb so viel arbeiten, weil wir uns sonst unser Leben und unsere Praxisräume (inkl. Steuern, Abgaben usw.) nicht leisten könnten und sich v.a. die hohen Investitionen in die Ausbildung nicht lohnen würden. Interessanter Weise sprechen fast nur Studierende von der Mühe des Geld Heranschaffens. Bei den angeblich „etablierten“ fertigen Psychotherapeutinnen hat dieses Thema wenig Raum – ja ich habe fast den Eindruck, es sei anrüchig zuzugeben, dass man kein Geld hat und deshalb viel arbeiten muss. Es spielt als Motiv im kollegialen Diskurs kaum eine Rolle. Geredet wird über Erfolg – dass die Praxis voll ist, dass die Seminarteilnehmer begeistert waren, dass man einen „Wichtigen“ bei einem Kongress im Ausland kennen gelernt hat, dass man für dies oder jenes angefragt wurde usw. usf.. Misserfolge scheinen tabu zu sein – vielleicht ist es ein Zeichen, als TherapeutIn nicht so „gut“ zu sein, wenn man mit dem eigenen existenziellen Auskommen zu ringen hat? Jedenfalls beobachte ich regelmäßig, dass KollegInnen mit ausgeprägterem Imponiergehabe dann auch fachliche Kompetenzen zugesprochen werden, die damit eigentlich gar nichts zu tun haben.
Ich denke, dass das Gerede über die viele Arbeit den „Geruch des Misserfolgs“ gar nicht erst aufkommen lassen will. Man hat Zeit und Geld in eine Ausbildung gesteckt, die Familie hat das alles mitgetragen und Hoffnungen entwickelt, dass es nun besser werde – nun sitzt man da, wartet auf Anrufe von KlientInnen, versucht sich da und dort zu bewerben oder den Job zu behalten. Wenn KlientInnen auftauchen, erscheint ihnen das zu Bezahlende viel zu sein – man kommt ihnen vielleicht entgegen und vergleicht sich intern mit dem Wert anderer Dienstleister (Friseure, Masseure usw. nimmt man halt nicht so oft in Anspruch). Klienten leisten sich eine Psychotherapie entweder weil sie müssen (Krankheit, Leiden) – dann soll es aber auch helfen, die eigene Lage besser zu ertragen. Oder sie leisten sich uns im Sinn eines Luxus (Wellness- und Persönlichkeitsentwicklungs-Alternative) – dann soll es sich wenigstens gut anfühlen. Aus dem zu stopfenden finanziellen Loch der TherapeutInnen und der Not bzw. den Ansprüchen der KlientInnen ergibt sich jedenfalls eine gewisse Spannung. Wir brauchen Klienten – und deshalb auch Überweiser, die uns welche schicken. Und Überweiser müssen den „Geruch des Erfolges“ an uns wahrnehmen, um ausreichend Vertrauen in unser Können zu haben. Im Dienst des Gerüchts, wir seien „gut“ betreiben wir eine Menge Imponiergehabe: Wir sind engagiert (das heißt, es geht uns nicht bloß ums Geld - darüber sind wir erhaben). Wir sind wichtig (das heißt, alle wollen nur uns - wir sind unabkömmlich). Wir sind v.a. methodisch interessiert (das gibt uns den Geruch der Professionalität). Viel arbeiten um wenig Geld gilt als eigenartig – es muss schon durch erfolgreiche Projekte gerechtfertigt sein. Ich vertrete davon ausgehend die These, dass das Gerede über die „viele Arbeit“ nichts damit zu tun hat, wie viel gearbeitet wird. Ganz sicher hat es nichts mit Altruismus zu tun, damit sich selbst im Engagement für andere zu vergessen – im Gegenteil: mittels dieses Geredes erinnert man sich und andere an sich selbst und die eigene Wichtigkeit. Und der Dank, der laut deiner Aussage ausbleiben wird - ich denke, wir haben unseren Lohn bereits bekommen, wenn uns andere ob unseres viel Arbeitens für toll halten. Welche sonstigen Dienstleister bekommen denn schon Dank? Ich finde, dass wir von unseren KlientInnen jedenfalls mehr zurückbekommen als das Gros von ihnen.
Meiner Meinung nach sollten wir alle weniger arbeiten und weniger Imponiergehabe betreiben – und uns stattdessen ganz simpel mit der Qualität unserer konkreten Therapien befassen. Doch da bin ich sicher wieder im Sinn meiner berufsethischen Codierung missionarisch unterwegs. Die vom Kapitalismus geprägte Umgebung produziert am laufenden Band Neid-Dynamiken und Konkurrenzgefühle untereinander. Es wird etwas zur Mangelware gemacht (z.B. Klienten, Erfolg, Information, Arbeit), sodass der Eindruck entsteht, wenn es der andere hat, kann ich es nur mehr unter Anstrengung bekommen bzw. erwerben. Dahinter steckt natürlich wieder einmal die Angst – in diesem Fall vor dem „Geruch des Misserfolgs“. Es geht dann nicht mehr um die Arbeit, die Klienten oder das damit konkret verdiente Geld, sondern um den Vergleich mit dem anderen, möglicherweise Erfolgreicheren. Das alles wird natürlich selten zugegeben – es würde doch der eigenen werbewirksamen Selbstdarstellung im kollegialen Umfeld widersprechen.
Ich glaube nicht, dass dieses Muster zu unterbrechen ist, indem man weniger arbeitet oder Psychotherapie als „bloße Erwerbsarbeit“ sieht. Angesichts diverser globaler Probleme wird heutzutage mehr und mehr klar, dass das kapitalistische Gesellschaftssystem seine Grenzen erreicht hat – bzw. in seiner Wirkung durch staatliche und über-staatliche Regelungen begrenzt werden muss. Bestimmte Werte (im Sozial-, Umwelt-, Gesundheitsbereich z.B.) müssen vor der dem Kapitalismus inhärenten Dynamik geschützt werden, alles zur vermarktbaren, Mehrwert produzierenden Mangelware verkommen zu lassen. Psychotherapie ist von Gesetz wegen ein „freier Heilberuf“ – das gilt in dieser gesellschaftlichen Umgebung an sich schon als etwas Ungewöhnliches. Wir beschäftigen uns in einem Bereich mit „Heilen“, der schwer zugänglich und wenig kontrollierbar ist und außerdem kann uns inhaltlich niemand dabei dreinreden. Im meiner Diktion handelt es sich um Arbeit in einem „Zwischenraum“ (hier verstanden als nicht festgelegter, sozusagen bedeutungs-schwangerer Raum), in dem neue Werte geboren werden, in dem sich das Denken um anderes konzentrieren und auf andere Weise bewegen kann als üblich. Dieser Bereich wird uns von der Gesellschaft eingeräumt und unterliegt deshalb natürlich auch aktuellen gesellschaftlichen Einflüssen. Er birgt aber als Potential auch eine Freiheit, die wir in unserem Sinn und im Sinn unserer Klienten weiter entwickeln könnten, wenn wir uns selbst frei halten und frei machen.
Davon
ausgehend denke ich, dass wir um manche Bereiche Grenzen ziehen müssen
– um den Zwischenraum der Psychotherapie z.B., aber auch um den
Innenraum der menschlichen Person. Wie man inzwischen wahrscheinlich zur
Genüge weiß, hege ich ein tiefes Misstrauen gegenüber den diversen
postmodern geprägten Identitätsvorstellungen, auf die SystemikerInnen da
und dort zurückgreifen (relationale Identität; Auflösung der Person im
Gerede usw.), weil diese eine Art freie Marktwirtschaft der Ideen über
das Selbst in den Raum stellen und – metaphorisch gesprochen - so tun
als wäre die Person ein Konzern. Philosophisch gesehen ist das vielleicht
interessant, politisch betrachtet halte ich es aber für gefährlich. Ich
denke, dass es der Zwischenraum der Psychotherapie möglich machen könnte,
im Sinn einer personinternen „staatlichen“ Regelung eigene Werte zu
finden und zu festigen um sich gegenüber den allgegenwärtigen Ökonomisierungsdynamiken
eine gewisse Gestaltungsfreiheit zu bewahren. Dazu ist es sicher nicht nötig,
allzu viel zu arbeiten. Dazu ist es schon gar nicht nötig, sich andauernd
als fleißig oder erfolgreich zu beschreiben. Was dazu nötig ist, wird
wohl jeder von uns selbst herausfinden müssen.
Sabine Klar
Ø Zu diesen und verwandten Themen gibt es auf der IAM-Homepage (http://iam.or.at/) jetzt auch ein Internet-Forum. Ich würde mich über Diskussionsbeiträge dort freuen.
Nochmals zur „heiligen Kuh Arbeit“
Nehmen wir an, der alte Sigmund hatte Recht. Nehmen wir also an, dass Psychotherapie dazu da sei, dem Menschen dabei zu helfen, wieder liebes-, genuss- und arbeitsfähig zu werden. Nehmen wir weiters an, dass der Urvater der Psychotherapie damit vor allem eins meinte: Selbstverwirklichung, Lebensqualität. Gehen wir mit diesen Annahmen ein Schritt weiter zurück in der Weltgeschichte. Menschengeschichte. Wo komme ich hin: Ins Paradies der Nichtarbeit. Da waren die alten Griechen, die nicht-arbeitend im Schatten ihrer heiligen Stätten das Wort liebten und die Philosophie erfanden. Da waren deren Frauen, die sich auch mit lustvolleren Dingen beschäftigten als der müßigen Arbeit. Nur was war da noch? Sklaven. Oops. Na gut: Szenenwechsel. USA, vor der bösen Sezession. Als die Welt noch in Ordnung war und die Südstaatler noch zu leben wussten, indem sie schöne Häuser bauten, in denen sie dann eisgekühlte Limonaden und Sandwiches verzehrten. Aber wer war auf den Baumwollfeldern, die die Geldsäcke der Weißen stopften? Ohje. Schon wieder Sklaven. Weiterer (und letzter Szenenwechsel):
Eine Wohnung eines Neubauer Bobos. Der Dreck stapelt sich von der letzten Party. Die Schampusflaschen liegen neben den Barolo-Gebinden in der Ecke. Die Aschenbecher sind übervoll und der Mistkübel detto. Ein Maschinengeräusch füllt das Loft und es wird sauber gemacht. Aber halt! Wer putzt? Eine polnische Studentin, die sich ihren Lebensunterhalt schwarz, mit Schmutzarbeit verdient. Während der Bobo einen Artikel schreibt. Mist. Dabei wollte ich doch einen Artikel über die Arbeit schreiben und rausgekommen ist einer über Sklaverei, Ausbeutung und Geld. Mir scheint, dass wenn wir nicht wollen, dass Menschen sich erniedrigen und unsere Drecksarbeit machen, wir es selbst tun müssen. Der Traum vom Leben ohne Arbeit endet scheinbar dort, wo ethische Grenzen uns davon abhalten, das was zu tun ist, anderen aufzutragen. Denn selbst im Paradies war es die doofe Schlange, die dem Menschen den Apfel reichte. Da hat es schon begonnen: Das Zeitalter der dienstbaren Geister, die vom Intellekt unterdrückt werden.
Wem tun wir Gutes, wenn wir in unseren Therapien die Menschen dazu bringen, sich von der Knechtschaft der Arbeit zu befreien? Den KlientInnen zuletzt. Denn in den Denkerwerkstätten ist es leicht, gerechte Gesellschaften zu entwerfen - solange Maria den Mist rausträgt.
Dominik Rosenauer
LITERATUR -
und FILMTIPPS
(zu den
gesammelten Literatur Tipps aller bisherigen Netzwerknachrichten gelangt
man hier)
Marina Lewycka
Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch
dtv, München 2006
Eine familiäre Krise bricht in der in England lebenden ukrainischstämmigen Familie Majevski aus, als der 84jährige Vater und Großvater eine junge Frau aus der Ukraine heiraten möchte, in die er sich verliebt hat. Die zuvor zerstrittenen Schwestern und Töchter´ kollaborieren nun, um den Vater aus den pfirisichfarbenen Krallen von Valentina zu befreien, der es sicher nur um das Visum und die bescheidenen Ersparnisse von Vater geht.
Inmitten des lebendig und witzig geschilderten Dramas rund um die „gefährliche" Valentina entfaltet sich eine berührende Migrations- und Familiengeschichte der Familie Majevski, in der die politische Geschichte des Landes samt Stalin-Terror, Krieg und Hunger reflektiert wird. Der Vater, ehemals Ingenieur und immer schon leidenschaftlich schreibend, beschäftigt sich nebst Valentina mit der Entstehungsgeschichte des Traktors und seine – vor allem dem Schwiegersohn referierten – Abhandlungen fungieren als einer der erzählerischen Rückspiegel. Die verstorbene Mutter, die zeitlebens dafür sorgte, dass ihr exzentrischer Mann und ihre eigenwilligen Töchter irgendwie miteinander auskamen, wird über die liebevoll nostalgischen Gedanken der Töchter sehr präsent; aber auch die im ganzen Haus verteilten Lebensmittellager, sowie selbst gemachte Zwetschkenschnäpse und Marmeladen in allen Farben, erinnern an Mutters stete Vorsorge für existenzielle Krisen.
Die Autorin Marina Lewycka wurde nach dem Zweiten Weltkrieg als Kind ukrainischer Eltern in einem Flüchtlingslager geboren und wuchs in England auf. Die „kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch" ist ihr erster Roman, der in England zu einem Bestseller wurde.
Sabine Kirschenhofer
Francois Lelord
Hectors Reise – oder die Suche nach dem Glück
"Die Suche nach Liebe, Glück und der Zeit" oder "woran man besser nicht weiterschreibt"
„Es war einmal ein junger Psychiater, der Hector hieß. Er trug eine kleine, intellektuelle Brille und verstand es, den Leuten mit nachdenklicher Miene und echtem Interesse zuzuhören. Hector war ein ziemlich guter Psychiater. Und trotzdem war er mit sich nicht zufrieden. Weil er ganz deutlich sah, dass er die Leute nicht glücklich machen konnte.
Kurz entschlossen begibt sich Hector auf eine Weltreise, in der Hoffnung, das Geheimnis des Glücks zu entdecken". So einige Zeilen aus Francois Lelords „Hectors Reise – oder die Suche nach dem Glück." Lelord, 53, führte mehr als zehn Jahre lang eine psychologische Praxis in Paris. 1996 ließ er sie auf, um mehr Zeit zum Schreiben zu haben. 2004 veröffentlichte er seinen – wie oben zitiert – ersten Roman. Im Frühjahr 2005 kam „Hector und die Geheimnisse der Liebe" auf den Markt. Der dritte Band „Hector und die Entdeckung der Zeit" ist soeben bei Piper erschienen.
Lelord lebt derzeit in Hanoi, hat dort eine Praxis eröffnet und schreibt weiter an seinen Büchern, die mich in vielen Bereichen auch an meine psychotherapeutische Arbeit erinnern, an die Suche der KlientInnen nach mehr Glück, nach mehr Zeit, an Zeitreisen in Gedanken, Träumen und im wirklichen Leben (Entdeckung der Zeit). Lelords Alter ego Hector kommt immer wieder in Situationen, die ihn mit seiner Haltung als Therapeut ins Trudeln bringen, daraus zieht er Weisheiten für sich und für sein Leben. Humorvoll, klug aber auch mit einer spürbaren Verbindung zur psycho(logischen)therapeutischen Praxis, bringt Lelord mich mit seinen Büchern oft dazu, zu sagen: „Ja, so sind wir Therapeutenwohl auch manchmal, auf der Suche nach dem Glück, der Liebe und der Zeit".
Empfehlenswert. Eigentlich war gedacht, Gedanken über die ÖAS, die Psychotherapieausbildung und -situation zu Papier zu bringen. Die Einleitung hörte sich so an: „2070, Curriculum 55, halb Österreich arbeitet als PsychotherapeutIn, die andere Hälfte ist in Ausbildung, nur einige wenige Unverdrossene sitzen in einem Keller in der Gonzagagasse und überlegen, ob dies ethisch wäre ..." Meine Frau, C 11, die beste Ehefrau von allen (frei nach Kishon), meinte aber: „Bitte, das kannst du nicht machen". Also – kam Hector.
Robert Koch
RULE
2 Welten
prallen aufeinander- ein Dokumentarfilm über die Gerichtsbarkeit in
Kosovo
Mehr Information unter: www.envision-film.com
Ein hervorragender Film, bei dem ich – und ich glaube nicht nur
ich - sehr viel lernen konnte: Über Verzweiflung, über Hass,
über Armut und dem Umgang mit Ausweglosigkeit, über
Gerichtsbarkeit in quasi Kriegszeiten, über die Notwendigkeit der
internationalen Einmischung in verhärtete, sehr harte Fronten, auch
wenn sie unsensibel, unpassend und ungerecht erscheint, über
Kosovo…
Eine internationale Einmischung bringt ein 3. Element in die
Auseinandersetzung. Internationale und NGO -Beteiligung bringt
Menschen in das Land, die nicht in das Problem hineinverstrickt
sind, die nicht die Schwere und Breite des Konflikts wahrnehmen können,
und damit neue Blickwinkel, wenn auch verkürzte, unpassende, aber
dennoch neue hineinbringen, und damit Bewegung und vielleicht auch
kreativ Neues – und damit auch Überwindung - bei den Betroffenen
vor Ort oft erst ermöglichen.
Der Film läßt nachdenken über viele Herangehensweisen an das Stoppen von Hass, an die Überwindung von angetanem, extremen Leid. Auf Versöhnung aufbauende und die Gemeinschaft einbeziehende Systeme scheinen lebensnaher zu sein als die individualistischen, isoliert individuelle Verantwortung betonenden Betrachtungen des westlichen Rechtssystem s. Denn letzteres klammert Leid au s. Dieser Kunstgriff dient dem Rechtssystem, dass es handlungsfähig ist, nicht unbedingt den Angehörigen, Zeugen und Mitwissern. Psychisches Leid bleibt. Es wirkt über Jahre und Generationen. Als ob das Umgehen mit weißen Handschuhen das Blutvergießen und die vielen Tränen danach- und oft auch davor!- wegblenden und auch wegschaffen könnte! Verschweigen dieser Aspekte zeichnet die westliche Gerichtsbarkeit aus- dieser Film lüftet diesen blinden Fleck!
Es ist ein Film, der unbarmherzig zeigt, dass Kultursensibilität niemand hat. Durch Offensein kann erst langsam Kultur sensibles Verstehen wachsen. Kultursensitivität ist etwas, was sich nur langsam durch die Erfahrung und Interesse am anderen entwickeln kann.
Der Film berührt allerdings auch, dass es Institutionen für Gerechtigkeit geben muß, wenn es auch andere Ideen zur Rechtssprechung gibt und geben könnte. Wir brauchen neue Wege, mit Ungerechtigkeit und Leid so umzugehen, dass es nicht lange Ketten des Leids nach sich zieht. Die Regisseurin, Frau Brandstätter, hat uns dazu Ein-Blicke ermöglicht und wach gerufen.
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