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netzwerke-nachrichten
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EDITORIAL |
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Liebe Mitglieder! Das ist die erste Ausgabe der netzwerke im neuen Jahr,
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Wir haben eine Menge interessanter Texte:
ich habe diesmal in den Positionen versucht, die Konzeptlosigkeit
beim therapeutischen Arbeiten zu würdigen, Sabine Klar und
Andrea Brandl-Nebehay haben dann jeweils sehr schöne Kommentare
zu meinem Text verfasst. |
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BERICHT DES OBMANNS |
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Das Bürokratische zuerst:
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| Systemische Gesellschaft:
Seit letztem Jahr ist die ÖAS Mitglied der Systemischen Gesellschaft,
im Januar fand eine außerordentliche
Generalversammlung in Berlin statt. Es ging um die Frage, wie Qualitätskontrolle
in einem systemischen Selbstverständnis gewahrt
werden könnte. Dazu wurde in 6 Kleingruppen zu verschiedenen
Themen diskutiert, die Ergebnisse auf einer Flipchart festgehalten.
Dann
wanderte jede Gruppe zum Nebentisch und nahm aus der erarbeiteten
Sicht zum Thema der anderen Gruppe Stellung. Dann weiter, bis jede
Gruppe zu jedem Thema schriftlich ihre Ideen dazu geschrieben hatte.
Die Ergebnisse wurden dann noch kurz diskutiert. Ergebnis: Die Mitgliedsinstitute
sollen sich gegenseitig besuchen und Wissen und Erfahrung austauschen.
Die Diskussion wird fortgesetzt. |
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EINLADUNG ZUR GENERALVERSAMMLUNG |
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Im Frühjahr 2009 wird die 5. Supervisionsausbildung der ÖAS
starten.
Die Ausbildung ist im Unterschied zu bestehenden Ausbildungen als Aufbau-Curriculum
angelegt und wendet sich vorrangig an
PsychotherapeutInnen mit systemischer Ausrichtung bzw. vergleichbarer
systemischer Weiterbildung, die ihre systemische Qualifikation in
Richtung Anwendung von Supervision in beruflicher und organisationaler
Ausrichtung erweitern und professionalisieren wollen und die
Tätigkeit als SupervisorIn anstreben.
Das Curriculum wird 11 Module mit spezifischen Inhalten zu Supervision,
Coaching und Organisationsentwicklung umfassen und
vorrangig in Wien stattfinden. Für den Abschluss sind zusätzlich
noch Peergruppenarbeit, Lehrsupervision und Supervisionspraxis notwendig.
Eine Annerkennung durch die ÖVS wird gerade verhandelt.
Zur Zeit werden die Detailplanungen vorgenommen. InteressentInnen
können sich aber bereits im ÖAS-Sekretariat melden.
ACHTUNG!!
Das Theorieseminar “AD/H/S - ein Problem und viele Chancen?” mit
Inge Saval muß leider von 28.-29.03.2008 auf 20.-21.06.2008 verschoben
werden!!
Für folgendes ÖAS-Seminar gibt es noch einige Restplätze:
Theorieseminar:
“Vorwärts in die Vergangenheit - zurück in die Zukunft” Kindheits-
und Lebensgeschichten als Erzählraum, der zu neuen Selbstbildern
einlädt.
Vortragende: Andrea Brandl-Nebehay
Datum: 16.-17.05.2008
Für Detailinformationen und Anmeldung wenden Sie sich bitte an das ÖAS-Sekretariat Tel: 01/212 41 35, office@oeas.at
Kein Konzept ist auch ein Konzept - von Verena Kuttenreiter
Die systemische Szene lässt sich – neben vielen anderen Kriterien
– unterteilen in PsychotherapeutInnen, die explizit nach einer bestimmten
Methode bzw. nach einem bestimmten Konzept arbeiten und jene, die das
nicht tun.
Viele Workshops und Seminare werden gehalten, in denen Konzepte und Methoden
gelehrt werden, da diese in ihrer Eindeutigkeit und
Abgrenzbarkeit – vielleicht auch Reduzierbarkeit - entsprechend vermittelbar
sind. Sie können grafisch oder manchmal sogar mit Hilfe
von Wenn-Dann-Bezügen dargestellt werden; bestimmte Standardinterventionen
können geübt werden; sie sind leicht wiedererkennbar
(jeder verbindet wohl die Wunderfrage mit Steve de Shazer und dem lösungsorientierten
Ansatz) – kurz: sie werden zur Marke, mit der
sich Geld verdienen lässt, und, worum es mir vor allem geht: sie
erlangen Dominanz im systemischen Diskurs, da sie durch die Reproduzierbarkeit
immer wieder gefestigt werden. Sie bleiben als Positionen sichtbar und
mit ihnen ihre Protagonisten (seltener Protagonistinnen).
Gleichzeitig gibt es viele viele einfühlsame, kompetente, gut ausgebildete
PsychotherapeutInnen, die sich selbst nicht einordnen bzw.
nicht nach einer bestimmten Therapiemethode arbeiten. Sie arbeiten nicht
(ausschließlich) lösungsorientiert, nicht (ausschließlich)
narrativ,
nicht nach Nardone, nicht nach Furman, nicht nach de Shazer – viel schlimmer
noch: sie können oft gar nicht sagen, wie sie arbeiten!
Sie haben nämlich kein Konzept! Sie kennen natürlich diese Konzepte
und werden davon beeinflusst, aber sie dienen nicht als
Handlungsraster in sämtlichen Therapien. Das macht ihnen oft ein
schlechtes Gewissen, denn sie haben manchmal das Gefühl, sie stünden
im Leeren, das sei ja gar nichts, was sie da machen. Sie müssten
ihr eigenes Konzept nach jeder Stunde neu niederschreiben
(was ziemlich mühsam wäre) und selbst dann ließe es sich
schwer in Worte fassen. Geschweige denn lassen sich Seminare dazu abhalten.
Es gerinnt nicht zu einer Methode, es ist immer im Wandel.
Dadurch ist es auch manchmal ganz schön anstrengend. Und: es scheint
im öffentlichen Diskurs nicht auf. Wie auch?
Diese Haltung der „Konzeptlosigkeit“ möchte ich mit diesem Text würdigen
bzw. möchte ich sie als alternative Position zu jener der oft
methodenverliebten Therapeutengurus (seltener Guruinnen) errichten und
heute einmal vertreten, dass Konzepte auch als Einschränkungen
gesehen werden können, die Bestimmtes zur Sprache bringen, aber damit
immer vieles andere im Unsichtbaren halten. Aber, nur weil es im
Unsichtbaren ist, heißt es nicht, dass es nicht DA ist. Und das,
was DA ist, hat vielleicht etwas damit zu tun, dass die Wirklichkeit oft
kompliziert
ist und widersprüchlich und jeder Mensch anders und jeder Moment
ein anderer usw. und nicht alles und jedes für jede/n in eine
definierbare, wiederholbare Ordnung gebracht werden kann. Und falls es
doch in eine Ordnung gebracht wird, stellt dies einen Akt der
Regulation und der Ausschließung dar, der uns doch immer auch skeptisch
sein lassen könnte, und zwar gegen jedes noch so kluge Konzept.
Das heißt jetzt nicht, dass Konzepte schlecht sind, überhaupt
nicht, sie sind wichtig und möglicherweise tatsächlich (zumindest,
wenn wir
unseren gewohnten Denkrahmen nicht verlassen) unerlässlich, um zu
lernen – nur: die Welt sind sie nicht. Und ein bisschen weniger Respekt
vor dem Konzept an sich und mehr Selbstvertrauen für die Konzeptlosigkeit
würde auch nicht schaden, meine ich.
Kommentar von Sabine Klar: „Wildgehen“ in Therapie und Ausbildung
Mein Therapeutinnenleben durchlief verschiedene Phasen: Anfangs
erlernte ich methodische Zugänge und bemühte mich um eine entsprechende
Haltung. Dann erweiterte ich in meinem Bedürfnis, Neues zu generieren,
die verschiedenen Ansätze (kombinierte z.B. gemeinsam mit F.
Wolf lösungsorientierte und reflektierende). In weiterer Folge geriet
ich in die Krise, weil ich das Gefühl hatte, nicht gut genug zu arbeiten
und daran
keine Freude mehr zu empfinden – ich muss zugeben, dass mir das systemisch
geprägte Gerede zunehmend auf die Nerven ging. Ich orientierte
mich nach außen und begann, mich von Nicht-Systemikerinnen und Nicht-
Therapeuten (v.a. dem Philosophen Reithmayr) beeinflussen und anregen
zu lassen. Daraus ergaben sich neue methodische Ansätze, die ich
meinem kollegialen Umfeld nahe zu bringen suchte - vielleicht auch mit
dem Hintergedanken, meine „Schätze“, die ich in dieser ungewöhnlichen
Auseinandersetzung und Zusammenarbeit gefunden hatte (sozusagen beim „Fremdgehen“,
was das psychotherapeutische Handeln betrifft) nun genauso gut wie andere
als „Besonderheit“ „verkaufen“ zu können. Das gelang aus verschiedenen
Gründen nicht, worüber ich im Nachhinein froh bin (und eigenartigerweise
nicht nur im Sinn des Fuchses mit den sauren Trauben).
Während meiner sommerlichen Rückzugsphasen lernte ich das “Wild-
gehen“ in den Bergen und begann schließlich auch in meiner Arbeit
in Wien, die Wege, die mir gezeigt wurden, zu verlassen - genauso aber
auch jene Steige, die ich mir eigenständig erarbeitet hatte. Nun
stehe ich bei jeder Begegnung mit einem Menschen, den ich ein Stück
weit begleiten soll, mitten in der Wildnis. Ich muss mir in diesem Moment
Klarheit über die Lage verschaffen, in der wir uns gerade befinden,
und ich muss Zugang zu dem Menschen finden und zu dem, was ihn berührt
und beschäftigt. Alles weitere ergibt sich von alleine. Um Klarheit
über die Lage zu gewinnen ist es dienlich, ganz im Hier und Jetzt
wach und achtsam zu sein und sich nicht von Beschäftigungen mit dem
eigenen Selbstbild und anderen Erwartungen, von Vorstellungen, Wissensinhalten
oder auch
methodischen Fragen ablenken zu lassen. Natürlich ist es auch gut,
Erfahrung über unterschiedliche „Lebens- und Arbeitslagen“ gewonnen
zu haben. Um Zugang zu Menschen zu finden ist es notwendig, Menschen zu
kennen (nicht umsonst ist unser Institut eines für angewandte Menschenkunde).
Damit ist allerdings nicht theoretisches Wissen gemeint - es geht nicht
um Kenntnisse „über“ Menschen, sondern um ein Erfahrungswissen, das
sie in ihrem subjektiven Erleben und ihrem Verhalten auf eine Weise begreift,
die ihnen ermöglicht, sich anzunähern und uns, ihnen nahe zu
treten (das „Viech“ ist dafür ein Ansatzpunkt). Ich muss zugeben,
dass bei mir persönlich das Herz daran beteiligt ist – es geht mir
um ein Begreifen, das berührt und gleichzeitig ermöglicht, direkt,
offen und fallweise auch konfrontativ miteinander zu reden. Das gelingt
natürlich manchmal erst nach längerer Zeit und auch nicht immer
– es hat mit mir und meiner Bereitschaft zu tun, mich auf dieses andere
Lebewesen und das, was es umgibt, ohne Angst und Vorbehalt einzulassen.
Ich halte diesen amethodischen Ansatz (Anm.: so wie unmoralisch etwas
anderes ist als amoralisch, ist unmethodisch etwas anderes als amethodisch)
dennoch für professionell und keineswegs für beliebig im Sinn
eines postmodernen Kults. Professionell ist er aus meiner Sicht zum einen
deshalb, weil er die methodenspezifischen Wege kennt, bei Bedarf auf sie
zurück greifen und das eigene Tun in einem schulenspezifischen
Sprachspiel beschreiben kann. Zum anderen, weil er Wert legt auf eine
große Klarheit im Hinblick auf die eigene Rollenverantwortung -
ich muss mir bewusst sein, welche Aufgabe ich hier habe, was mich dabei
antreibt und bestimmt und dass es in jeder Phase des Gesprächs um
die Anliegen
des Gegenübers geht. Außerdem muss ich zuerst die Rahmenbedingungen
schaffen bzw. erhalten, die es erlauben, gemeinsam mit KlientInnen
oder StudentInnen in dieser Landschaft wild zu gehen. „Wildgehen“ in der
Therapie wie in der Ausbildung erfordert viel – hohe Aufmerksamkeit, Erfahrung
mit unterschiedlichen Fortbewegungsarten und Landschaften, die Fähigkeit
sich zu orientieren und zu orten und dabei ständig in ganz nahem
Kontakt mit den KlientInnen oder StudentInnen zu bleiben. Ziel ist nicht,
blindlings durch die Gegend zu rennen, zu schlendern oder spazieren zu
gehen, sondern sich sukzessive, Schritt für Schritt immer mehr dorthin
zu bewegen, wo sie aus der Tiefe ihres Herzens heraus hinwollen, weil
sie ahnen und spüren, dass sich ihre Lebendigkeit dort in Fülle
entfalten kann. Therapie und Ausbildung, die sich so abspielt, fühlt
sich nicht großartig der bedeutsam an (zumindest für mich als
Therapeutin nicht) – dafür aber alltagsbezogen und sehr lebensnah.
Was ich im Zusammenhang mit diesem Ansatz in Therapien und in der Ausbildung
vermitteln möchte, habe ich auf der Homepage: http://iam.or.at/
unter „Materialien“ möglichst einfach und kurz (Anm.: auch das
ist mir ein Anliegen geworden) zusammengefasst. Es würde mich freuen,
Rückmeldungen dazu zu bekommen (vielleicht gleich im Internetforum,
das sich auf derselben Homepage findet oder per Mail an klar@iam.or.at).
Kommentar von Andrea Brandl-Nebehay:
Ist kein Konzept auch ein Konzept und nach wem arbeitest Du? Oder gehst
Du wild?
Wer sich für eine Aus- oder Weiterbildungen in systemischer Therapie entscheidet,
knüpft an diesen (teuren, zeit- und energieaufwendigen) Schritt
meist die hoffnungsfrohe Erwartung, einen gut ausgestatteten „Werkzeugkoffer“
in die Hand zu bekommen: Werkzeuge, die in schwierigen therapeutischen
und beraterischen Situationen helfen mögen Halt und Orientierung
zu finden, sich weniger hilflos zu fühlen und elegante Interventionen
parat zu haben. Wie Verena in ihrer Positionierung anschaulich beschreibt,
wird dieser Erwartungshaltung in vielen Ausbildungs- und
anderen Seminaren auch einigermaßen entsprochen: Standardinterventionen
werden eingeübt, lösungsorientierte Fragetechniken vermittelt, „wiedererkennbare“ Methoden vorgestellt, die Konzepte der „MeisterInnen“
und ihrer Schriften präsentiert. Man bekommt eine Ahnung, wie es
wäre, „nach de Shazer“, „narrativ“ oder „à la Mailand“ zu arbeiten und
das Familienbrett einzusetzen.
Apropos „Klassiker“: Während ich vor etwa 10 Jahren – vermutlich
schon damals eine illusionäre Verkennung – einen ganz guten Überblick
über die
wichtigsten Publikationen im systemischen Feld zu haben meinte, kapituliere
ich mit diesem Anspruch in Anbetracht der für mich unüberschaubar
gewordenen Publikationsflut am Markt. Vielleicht verpasse ich damit spannende
neue Konzepte? Oder wird – so mein stiller Verdacht – ohnehin im
Wesentlichen „nur“ reproduziert, verfeinert, in unterschiedliche Kontexte
transferiert, was mit dem „Ende der großen Entwürfe“ schon
angedacht
war?
Zur Freude an der Eleganz und Vielfalt, an der „Eindeutigkeit“ (one size
fits all) und „Reproduzierbarkeit“ der von manchen Gründern und doch
auch
einigen Gründerinnen präsentierten Theorien und Methoden gesellen
sich – bei Lehrenden und Studierenden – allerdings auch Momente des
Zweifels: passen diese Konzepte zu mir als Person, zu meinem Menschenbild,
zu meiner Haltung und zu meinem Selbstverständnis als
Beraterin oder Therapeutin? Zu meinem Arbeitsfeld (das vielleicht kein
„rein“ therapeutisches ist)? Und zu den Menschen, mit denen ich zu tun
habe? Und was könnten meine - äußeren und inneren -Vorbilder
denken, wenn ich mich auf anderen Pfaden bewege – „wild“ gehe (Sabine
Klar)
oder „mit Selbstvertrauen konzeptlos“ (Verena Kuttenreiter) werke?
Ich stimme zu, dass mit diesen schwer beschreibbaren, da so vielfältigen
und individuellen „anderen“ Wegen therapeutischer Begegnung kein Staat
(im Sinn von Kohle, literarischer Ruhm, Einladungen zu Kongressen oderanderer
Furore) zu machen ist. Ich habe sehr viel Sympathie für diese vielleicht
wenig spektakulären, nicht zu einer Methode destillierbaren Einzelgänge,
würde sie allerdings ein wenig anders einordnen: weder als
wild noch als konzeptlos, eher als stille Kostbarkeiten. Mir persönlich
fällt es auch schwer zu trennen zwischen konzeptgeleitetem und irgendwie „wildem“ oder intuitivem (=konzeptfreiem?) Vorgehen: Was in meinem therapeutischen
Tun ist inspiriert von all den Methoden und Techniken, von denen ich gehört,
begeistert gelesen und die ich irgendwo im Hinterkopf eingelagert habe?
Was haben all die Familien, Paare, EinzelklientInnen und SupervisandInnen,
mit denen ich in den letzten 20 Jahren zu tun hatte, mich gelehrt? Und
was schöpfe ich aus anderen Quellen? In der Entscheidung zwischen
einer lösungsorientierten Haltung, einer narrativen Vorgangsweise
oder einem individuell gemixten Cocktail aus diesen beiden und anderen
Modellen (der in der Praxis wohl am häufigsten anzutreffen ist) fühle
ich mich persönlich am wohlsten, diese Frage nicht a priori zu entscheiden,
sondern mich von Stunde zu Stunde davon leiten zu lassen, wie sich der
Klient selbst seine Reise und mich als Reisebegleiterin wünscht.
Karl Klug:
“Liebe Ina, ich möchte Dir einmal im Namen der ÖAS und der netzwerke
zu Deinem 80-sten Geburtstag gratulieren und Dich und Deine Arbeit den
Lesern der netzwerke vorstellen. Nach vielen Jahren der gemeinsamen Arbeit
kenne und bewundere ich deine Fähigkeit, Zugang zu Menschen aller
Bevölkerungsschichten und jeden Alters zu finden und mit einem nicht
zu übertreffenden Gefühl für ihre Sprache und ihre Werthaltungen,
Bilder zu entwickeln, die an die Vorstellungswelt Deiner KlientInnen anschließen
und Weiterentwicklung implizieren.
In einer Phase der systemischen Therapie, in der das Denken und Handeln
der TherapeutInnen noch sehr stark auf familiäre Systeme mit ihren
Grenzen, Hierarchien und Regeln gerichtet war, ist es Dir schon gelungen,
die Unterschiedlichkeit im Erleben, Denken und Spüren jedes einzelnen
Familienmitgliedes als den Schlüssel zum Zugang zu der
gesamten Familie zu begreifen. Ich habe Dich mit Bergbauernfamilien und
Arbeiterfamilien, WissenschaftlerInnenn oder PolitikerInnen, mit Lehrerfamilien
oder mit Alleinerziehenden erlebt und war immer beeindruckt, wie sehr
sich die Menschen von Dir verstanden gefühlt haben.”
Ina Steininger:
“Die Fähigkeit, die Sprache unserer KlientInnen zu verstehen und
zu sprechen, ist sicherlich eine Voraussetzung für eine gelungene
therapeutische Arbeit. Ich selbst bin in Italien im Haushalt einer alten
Wiener Gräfin aufgewachsen. Sie hat sich meiner Mutter und mir angenommen,
nachdem ich als uneheliches Kind im Jahr 1928 auf die Welt gekommen bin.
Meinen Vater, der italienischer Offizier gewesen sein soll und dessen
Existenz und Person ein großes Tabuthema der Familie war, habe ich
nie kennen gelernt. Aber diese Gräfin, die für mich meine „Nonna“
war, hat mich ins Herz geschlossen und mich dann faktisch auch erzogen.
So erlebte ich als kleines Kind die letzten Ausläufer einer immer
mehr verschwindenden aristokratischen Welt und ihrer schillernden
Etikette. In meinen Erinnerungen sitze ich still am Tisch und lausche,
wie sich meine Nonna mit ihren Damen bei Gebäck und Tee auf italienisch,
deutsch, französisch und russisch unterhält. Dass auch ich französische
Konversation beherrsche, war für die Gräfin, die ja selbst in
einem Internat in Genf oder Geneve, wie Nonna immer zu sagen pflegte,
erzogen wurde, selbstverständlich.
Ich habe mich dann selbst einmal als Maus gezeichnet, die in der Ecke
des Zimmers sitzt und deren Ohren und Augen nichts entgehen kann. Ich
sollte ja nach den Verhaltensregeln meiner Nonna still sein, ordentlich
sitzen und nicht stören. Und da ich Einzelkind war und der Kontakt
zu den italienischen Kindern auf der Straße nicht gerade erwünscht
war, verlegte ich mich auf das Beobachten. Das ist mir geblieben und hat
meine therapeutische Arbeit geprägt, so wie die Fähigkeit in
vielen Sprachen zu sprechen. Dieses Beobachten geschieht einfach als ein
Sehen auf verschiedenen Ebenen und ein in alle Winkel schauen.
Ich hatte auch ein Kindermädchen, das von einem Bauernhof aus Südtirol
kam. Sie sprach in einem gewagten Südtiroler Dialekt, was ich selbst
natürlich offiziell nie durfte. Ich habe sie sehr geliebt und von
ihr habe ich mein Wissen um erdhaft verbundenes Verhalten, sodass mir
der Kontakt zur bäuerlichen Bevölkerung ohne Mühe gelingt.
Dann schlüpfte ich wieder über den Flur und über die Stiege
in die Wohnung meiner Mutter. Nachdem diese den ganzen Tag im Geschäft
gearbeitet hat, wurde ich hier von der mütterlichen Großmutter
betreut. Was war das wieder für eine andere Welt mit Heiligenbildern,
Engeln, mit Gebeten und einer Vielzahl von Regeln, was sein und was nicht
sein sollte.
Na und dann gab es auch noch die Küche des Hauses, wo sich die Angestellten
und Lieferanten trafen und wo mich nicht nur das gute Essen hinlockte.
Hier wurde italienisch gesprochen und man durfte mit angezogenen Füßen
am Hocker sitzen und bei Tisch lümmeln.
Dies alles geschah vor dem Hintergrund des italienischen Faschismus –
ich sehe mich noch als 7jähriges Mädchen in Uniform zwischen
zwei Kerzen und vor dem Kreuz die Hand zum Schwur gehoben: „Ich gelobe
im Namen Gottes und des Königs von Italien die Befehle des Duce zu
befolgen und wenn es notwendig ist, diesen mit meinem Blute zu verteidigen!“
Deswegen habe ich dann später vor der Hochzeit meinem Mann recht
ausdrücklich erklärt, dass ich bei der Heirat sicherlich nichts
mehr schwören werde.
Als ich 11 Jahre alt war, zog meine Mutter mit mir zu ihrem neuen Mann
nach Kärnten. Das war für mich eine sehr schmerzhafte Zeit.
Ich vermisste Italien. Alles was mir meine Nonna eingebläut hatte,
ist dort als blöde und lächerlich hingestellt worden. In Italien
war ich noch in einem Lyzeum zur Schule gegangen, nun war ich auf einem
Bauerndorf gelandet, in dem ich verspottet wurde, wenn mir immer wieder
französische Vokabeln in die Sätze gerutscht sind. Da hat mir
dann ein Lehrer, der selbst auch Italienisch sprach, viel geholfen. Er
hat sich mit mir gerne auf italienisch unterhalten, ich habe mich bei
ihm verstanden gefühlt,
was aber wieder die Eifersucht der anderen Kinder angestachelt hat. Für
mich war es sicher eine schwere Zeit, in der ich nur allzu oft erlebte,
dass meine Sicherheit, mit der ich mich zuvor unter den Menschen bewegt
hatte, fast völlig verschwunden war. Mit 16 Jahren, gegen Ende des
2. Weltkrieges, wurde ich dann als Hilfsschwester einberufen und erlernte
in einem Schnellkurs, Verbände zu wechseln. Dann wurde ich wieder
nach Italien geschickt und begleitete nun als Schwester Verwundetentransporte.
Ein bayrischer Sanitäter hat mir dann das Spritzen beigebracht. Ich
kann mich noch gut erinnern, wie drei junge Männer während eines
Nachtdienstes gestorben sind. Ich war mit den Verwundeten alleine und
ich konnte nicht mehr für sie tun, als mit
ihnen zu beten und ihre Hand zu halten. Viel später habe ich dann
erst bewusst erkannt, wie wichtig es mir ist, die Menschen auch zu berühren
und sie zu spüren. Und bis heute ist es so, dass ich regelmäßig
meine KlientInnen in meine Gebete einschließe.”
Karl Klug:
“Ina, Du hast uns über Deine ganz persönlichen Grundpfeiler
Deiner therapeutischen Arbeit erzählt - über das Verstehen ihrer
Welten und ihrer Sprache, über das vielschichtige Sehen, über
das Wahrnehmen von Tabus, über Nähe und Berührung und über
das Gebet für Deine KlientInnen. Wenn ich Dich nun frage ob Dir noch
etwas fehlt, was für Dich Therapie ausmacht, was würde Dir dazu
einfallen?
Ina Steininger:„Milde und Güte“!
Zur Person:
Dr. Georgine Steininger; geb.16.3.1928 in Padua, ist verheiratet und hat
2 Kinder.
Therapieausbildungen bei Mara Selvini, Helm Stierlin, Salvador Minuchin,
Paul Watzlawick und Milton Erikson.
Aufbau und Leitung des Ausbildungsinstitutes für systemische Therapie
in Graz von 1982-2001
Zahlreiche Übersetzungen aus dem Italienischen – bekannt vor allem
als Übersetzerin von „Paradoxon und Gegenparadoxon“.
„Nach den drei Parzen gebar Nyx bald einen weiteren Gott: Momos, den
Gott des Nörgelns. Er war ein ganz besonderer Gott: klein, mit lockigen
Haaren, feurigen Augen und sehr gesprächig. Er gab jedem Ratschläge,
von morgens bis abends. Er war der größte Besserwisser der
Welt. Er
wusste einfach alles, nur viel, viel besser als alle anderen. Mit seinen
Ratschlägen ging er jedoch bald allen auf die Nerven. Alle
Götter machten einen großen Bogen um ihn, auch wenn sie ihn
nur von Weitem sahen.
Am Anfang bemerkte Momos es gar nicht. Aber bald wurde ihm klar, dass
es immer weniger Götter gab, die er belehren konnte. Er klagte bei
seiner Mutter: „Das ist wirklich unerhört! Die Götter wollen
sich nicht bessern. Sie meiden den einzigen Gott, der ihnen helfen kann,
vollkommen
zu werden. Und weil sie so dumm sind, kann ich meine göttliche Aufgabe
nicht erfüllen. Bitte, melde es Zeus, so geht es nicht weiter!“
„Das werde ich tun!“, versprach Nyx.
Nach einigen Tagen traf er sie wieder. „Hast du mit Zeus gesprochen? Was
sagte er?“, fragte Momos.
Seine Mutter sah ihn an und sagte: „Zeus meinte, du solltest dich nicht
ärgern. Alles, was kostenlos ist, ist schwer zu verkaufen. Verlange
Gold,
verlange für jeden Ratschlag viel Geld, sehr viel Geld. Dann werden
sie alle kommen. Zeus sagte, dass alle denken: Was nichts kostet, ist
nichts
wert. Das solltest du als Gott der guten Ratschläge doch eigentlich
selber wissen.“
... Momos lernte schnell. Er begann sofort, für seine Ratschläge
Geld zu verlangen. Und tatsächlich: Auf einmal waren seine Ratschläge
sehr
gefragt. Je mehr Geld er haben wollte, desto mehr Götter – und auch
reiche Könige – warteten vor seinem Tempel. So wurde Momos praktisch
der erste Unternehmensberater der Welt.
(aus: „Die spannendsten griechischen Sagen, neu erzählt“ von Dimiter
Inkiow, Ellermann, Hamburg 2007)
Joachim Hinsch
STUDENTENFUTTER |
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Wer sind wir eigentlich? Was ist Psychotherapie? Was macht mich zum Psychotherapeuten? Worin unterscheide ich mich als Psychotherapeut von mir als (Klinischer) Psychologe? Welche meiner Handlungen bei
Gesprächen mit KlientInnen unterscheiden sich von denen, die
ich vor
ein paar Jahren gesetzt habe - vor meiner Ausbildung zum Psychotherapeuten? |
| Na gut, das tu ich in dieser Deutlichkeit
nicht wirklich, aber in der Reflexion darüber kommt das schon vor. Manchmal auch in der Stunde. Es kommt mir eine Frage in den Sinn und dann beginnen meine inneren Instanzen abzuwägen, zu bewerten, vorauszuahnen, vorauszudenken. Das macht die Sache …, gelinde gesagt, unspontan. Aber vielleicht ist das schon ein Kennzeichen von Psychotherapie. Dass die besten Fragen die sind, die spontan erscheinen, aber in Wirklichkeit ganz ausgeklügelte Ergebnisse interner Antizipationen sind? Und deswegen bin ich noch in Ausbildung unter Supervision, weil diese inneren Instanzen bei mir erst auf Zuruf zu arbeiten beginnen und sich noch nicht selbst den Arbeitsauftrag erteilen? Wenn ich dann einmal groß bin, kommen die hoffentlich schneller und öfter und von selbst. Ein Punkt, den ich in meiner Ausbildung oft gehört habe ist, dass der Klient (die Klientin) ExpertIn für sich selbst ist. Ich bin drauf gekommen, dass das von mir missverstanden wurde - oder immer schon zu philantropisch war, das kann ich nicht sagen. Fakt ist, dass mein derzeitiger Stand der Überlegungen davon ausgeht, dass KlientInnen das nicht so sehen. Meine KlientInnen nehmen oft die größten Anstrengungen auf sich, um mir klar zu machen, dass sie keine Ahnung von sich und ihrem Leben haben. Sie wollen von mir hören, dass ich weiß, was sie tun müssen, dass ich Kraft meiner Ausbildung und Expertise wissen werde, was sie tun können, wenn ich ihnen einmal lang genug zugehört habe. Wenn ich sie verstanden haben werde. Dieses Missverständnis hat mich in manchen Stunden offensichtlich dazu geführt, dass ich meinen „Gegenübern“ in dem unwiderstehlichen Drang, sie Experten sein zu lassen, nicht mehr geholfen habe. Nämlich in solchen Situationen, wo ich mit ihnen mitgeschwommen bin, sie von Thema zu Thema und von Gedanken zu Gedanken begleitet habe, nicht mit lästigen Fragen unterbrochen habe und dadurch zu erkennen geben hätte können, dass ich die Stunde strukturiert haben will. Dann wäre ich ja der Experte gewesen - so meine Vermutung - und hätte der KlientIn zu verstehen gegeben, dass ich ihr in ihrem Urteil, was wichtig ist und was nicht, nicht vertraue. Daher unterließ ich das, immerhin erlebe ich es in meiner ELSE, wie oft durch scheinbar unzusammenhängende, manchmal belanglose und manchmal einfach den Co-Therapeuten langweilende, Seitenstränge meiner Erzählung sich doch ein Bild, ein Thema ergibt, das ich am Anfang der Stunde auf die Frage „Was soll heute Thema sein?“ nicht orten hätte können. Und genau da ist wieder dieser nervige Einschub: So einfach ist es nicht! Wie erkenne ich, dass Gedanken, die mein Gegenüber da gerade ausbreitet, wohin führen werden, das Vorwort zum ersten Kapitel sind, ein Interludium und nicht ein totes Nebengeleis, das nur zu einem grasbewachsenen Poller führt? Und wenn es „nur“ ein totes Nebengeleis ist: Macht es nicht Sinn, auch die bereits befahrenen und sich post-hoc als Nebengeleis herausgestellt habenden Geleise zu kennen und ergo auch die bereits erfolgten Anstrengungen meiner KlientInnen, die zu „nichts“ geführt haben? Ein Beispiel aus der aktuellen Wien-Politik: Die Verwaltung der Österreichischen Gleiskörper und Eisenbahnen baut sich einen neuen Bahnhof, den sie im engsten Kreis ausschreibt und einen Gewinner lobt, der aber aller Wahrscheinlichkeit nach nun nicht zum Zug (!) kommt, sondern die VÖGE muss nun einsehen, dass Wien auch Europa ist und hier das Recht gilt. Also EU-weite Ausschreibung. Soweit bekannt. Lösungsorientiert würden wir nun vielleicht schauen, was an Ressourcen da ist (muss eine ganze Menge sein!), würden die Wege und Probleme auf dem Weg dorthin besprechen, die Sache wäre nach ganz kurzer Zeit vorbei. Und weil wir nicht zugehört haben, uns nicht dafür interessiert haben, es nicht Teil des Problems war, wüssten wir nicht, dass eine unbekannte Anzahl an blindgegangenen Fliegerbomben den Umbau einigermaßen gefährlich gestalten wird. Woher wissen wir als PsychotherapeutInnen, dass wir mit unseren Fragen, die das Gespräch strukturieren helfen, nicht die Geschichte so abkürzen, dass die KlientInnen uns nicht von den Fliegerbomben ihres Lebens erzählen können? In dem Moment, wo wir mit jemandem sprechen, treffen wir permanent Entscheidungen. Wir entscheiden schon, das Gespräch überhaupt beginnen zu lassen, klar, aber jede Frage und vor allem auch der Zeitpunkt des Fragenstellens ist Ergebnis einer Entscheidung. Diese beeinflussen notwendigerweise das Gespräch und in unserem Fall die Psychotherapie. Sind meine Zweifel Ergebnis meiner relativen Unerfahrenheit oder sind sie Fragen, die jeden in diesem Stadium beschäftigen? Wird die Sicherheit, das Richtige zu tun, mit der Zeit zunehmen und unsere Psychotherapien entsprechend immer psychotherapeutischer werden? Oder wird die Zeit die Selbstsicherheit stärken, mit der wir Fehler machen ohne sie zu sehen und darüber nachzudenken? Dominik M. Rosenauer Leserbrief von Stefan Geyerhofer zum letzten Studentenfutter |
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Die Systemische Gesellschaft gründete sich 1993 als Zusammenschluss
deutschsprachiger Ausbildungsinstitute für systemische Therapie,
Beratung und Supervision. Bis heute haben sich ihr 36 Mitgliedsinstitute
und eine stetig steigende Zahl von Einzelmitgliedern angeschlossen. Die
Systemische Gesellschaft zertifiziert Weiterbildungen in systemischer
Therapie, Beratung, Supervision und Coaching.
Eine der Hauptaufgaben der Systemischen Gesellschaft ist es, die interdisziplinäre
Weiterentwicklung systemischer Therapie, Beratung, Supervision und Coaching
fachöffentlich und gesellschaftspolitisch zu fördern und zu
fordern. Aus diesem Anliegen heraus stiftet die Systemische Gesellschaft
regelmäßig im Wechsel mit der Deutschen Gesellschaft für
Systemische Therapie und Familientherapie (DGFS) einen wissenschaftlichen
Förderpreis. Der wissenschaftliche Förderpreis ist mit 3.000,-
Euro dotiert.
Ziel des wissenschafttlichen Förderpreises ist es, die Relevanz systemischen
Denkens für die therapeutische und beraterische Praxis deutlich zu
machen und die wissenschaftliche Forschung in diesem Bereich anzuregen.
Der Förderpreis wird bevorzugt für Arbeiten vergeben, in denen
empirische Forschungsdesigns entwickelt wurden, die eine mit systemischen
Modellen kompatible und innovative Methodik aufweisen und sich auf praxisrelevante
Themenbereiche vor allem aus Therapie, Gesundheitsversorgung, Supervision,
Beratung, institutionelle
Innovationsprozesse beziehen.
Der Preis ist bewusst als Förderpreis konzipiert. Das bedeutet, dass
gerade auch jüngere WisssenschafterInnen angesprochen werden, die
sich im Rahmen von Diplomarbeiten, Dissertationen, Habilitationen oder
anderen Projekten qualifizieren - auch im Auftrag außeruniversitärer
Institutionen.
Die Arbeit sollte noch nicht, beziehungsweise nicht vor dem Termin der
Preisvergabe im Frühjahr 2009 veröffentlicht sein.
Die Entscheidung für die Vergabe des Preises erfolgt auf der Basis
der Begutachtung durch eine Jury, die sich aus zwei Mitgliedern der Systemischen
Gesellschaft und vier unabhängigen externen GutachterInnen zusammensetzt.
Die Arbeiten reichen Sie bitte bis zum 31. Oktober 2008 in dreifacher
Ausführung an:
Systemische Gesellschaft e.V.
c/o Frau Dr. Karin Martens-Schmid
Waldenserstraße 2-4, Aufgang D, D-10551 Berlin
Telefon:+49-30-53 69 85 04, E-Mail: info@systemische-gesellschaft.de
www.systemische-gesellschaft.de
Michael Meuser:
„Geschlecht und Männlichkeit. Soziologische
Theorie und
kulturelle Deutungsmuster”
Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden, 2., überarbeitete
und aktualisierte Auflage 2006, 351 Seiten, € 34,90
Der deutsche Soziologe Michael Meuser beschäftigt sich in seiner
1998 als Buch publizierten Habilitation mit kollektiven Orientierungen
von
Männern im Wandel des Geschlechterverhältnisses. Die Neuauflage
2006 bringt eine Überarbeitung des theoretischen Konzepts und trägt
der Weiterentwicklung der Geschlechterforschung in den letzten zehn Jahren
Rechnung.
Im ersten, theoretischen Teil des Buches werden Männlichkeit in den
Geschlechtertheorien der soziologischen Klassiker Tönnies, Simmel
und Durkheim dargestellt, die Konzepte von Geschlecht als sozialer Rolle
und sozialer Konstruktion analysiert, sowie eine Geschichte der
Männlichkeitskonzepte in der Frauenforschung seit den 1970er Jahren
nachgezeichnet. Diesen theoretischen Teil schließt das Modell des
Autors selbst ab, der vorschlägt, das Konzept hegemonialer Männlichkeit
nach Connell mit dem Bourdieu´schen Habitusbegriff zu erweitern.
Der zweite, empirisch orientierte Teil des Buches beschäftigt sich
mit Deutungsmustern von Männlichkeit und kollektiven Orientierungen
von
Männern. Die verschiedenen Strömungen der seit Ende der 1970er
Jahre existierenden Männerverständigungsliteratur werden im
Überblick
dargestellt, wobei Meuser Defizitkonstruktionen („Der Mann als Mängelwesen“),
Maskulinismus („Rückbesinnung auf die gefährdete
Männerherrlichkeit) und Differenzmodelle („Die Suche nach authentischer
Männlichkeit“) unterscheidet. Das siebente Kapitel, das fast die
Hälfte des Gesamttextes ausmacht, stellt den Diskurs von Geschlecht
und Männlichkeit in den alltäglichen Lebenswelten von Männern
dar. Im
Rahmen seines von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten
Habilitationsprojektes führte Meuser mit mehreren MitarbeiterInnen
Gruppendiskussionen mit „real existierenden Zusammenschlüssen von
Männern“ durch: eine Männer-Selbsterfahrungsgruppe, ein Club
von
Führungskräften, ein Studenten-Sportverein, eine Gruppe von
jungen Arbeitern und eine Kneipenrunde von älteren Arbeitern wurden
befragt.
Eine zentrale Frage ist dabei, ob bzw. in welcher Weise die in Literatur
und Medien oft beschriebene Verunsicherung des männlichen
Selbstverständnisses bei diesen höchst unterschiedlichen Gruppen
besehen könnte, allgemein weniger vorhanden war.
Auch wenn seit der Datenerhebung mehr als zehn Jahre vergangen sind, ist
das Buch in seinen Aussagen höchst aktuell und bietet neben
Theorie auch Ansatzpunkte für die therapeutische Praxis: Beispielsweise
ein Verständnis für unterschiedliche soziale Gruppen von
Männern, von denen manche (oder alle) uns TherapeutInnen auf grund
unseres eigenen Lebenskontextes relativ fremd sind.
Herbert Gröger
David Schnarch:
“Die Psychologie sexueller Leidenschaft”
Klett Cotta 2006, 511 Seiten, € 29,50
Die Übersetzung des Zweitwerkes (im Englischen etwas leidenschaftlicher
unter dem Titel „Passionate Marriage“ erschienen)1) des mittlerweile
auch in unseren Breitengraden bekannten Sexualtherapeuten David Schnarch
ermöglicht uns, neue Perspektiven auf das reizvolle und doch
schwierige Thema der Sexualität in lang dauernden Partnerschaften.
Das Buch ist für ein breites Publikum geschrieben, beansprucht einen
journalistischen Stil, ist allerdings durchaus spitzfindig und durchdacht
in
der Komposition der Themen, so dass es gleichfalls für erfahrene
TherapeutInnen spannende, neue Sichtweisen enthält. Die Fallgeschichten
sind prozesshaft angelegt und werden zur Erklärung der Konzepte immer
wieder herangeholt, so dass man am Schluss eine
typologisch anmutende Breite an Möglichkeitsformen kennen gelernt
hat, Sexualität zu vermeiden.
Wir nähern uns mit Schnarch dem Thema „Sexualität“, indem wir
sie nicht abseits anderer Beziehungsmomente formulieren, sondern so
behandeln wie weniger intime Themen des Paares, so z.B. Kindererziehung,
Hausarbeit, Freizeitplanung usw., allerdings unter der Prämisse,
dass Sexualität ethologisch dem Kleinhirn gehört und vom Bewusstseinsmenschen
erst kognitiv erarbeitet werden muss. Schnarch stellt
sich auf den Standpunkt, dass Sexualität der sonstigen Entwicklung
des Menschen nachhinkt. Deshalb sei dieser Bereich im Frontalhirn noch
nicht integriert und gerade dadurch schambesetzt.
Die hohe Kunst, Liebe und Intimität bzw Sex und Erotik zu gestalten
verlangt nach Experimenten, die eigene Scham zu überwinden. Schnarch
nennt es „die Feuerprobe“, durch die jedes Paar geht, bis es seine sexuellen
Potentiale erkannt und miteinander ausgelotet hat. Dafür ist
ein hohes Ausmaß an Akzeptanz des anderen und die Bereitschaft notwendig,
sich selbst dem anderen zuzumuten. Es bleibt das Risiko, dass
der andere ablehnt oder einen eigenen Vorschlag bringt, den ersterer
wiederum nicht annehmen kann.
Schnarch übergibt uns mit diesem Buch den Schlüssel, wie man
Paartherapie und Sexualtherapie integrieren kann, mehr noch, er ist uns
damit zuvorgekommen. Denn vieles von dem was er schreibt ist eine gut
durchgedachte Zusammenlegung von Konzepten aus der
Familientherapie, der Systemischen Therapie und der Sexualtherapie. Die
Integration und Neuauflage der Konzepte ist sein Meisterwerk. So
verbindet er mindestens 2 Konzepte mit einem breiten Potpourrie sexueller
Theorien und Anwendungen.
1. Murray Bowens Differenzierungskonzept, mit ein bisschen
Bindungsforschung, konnotiert mit Säuglingsforschung und Ethologie,
kombiniert mit persönlichen Geschichten aus der indivuellen und der
Paarbiografie. Wir erfahren, wie wir eine gute Ablöse von der Herkunftsfamilie
fördern können und wie uns Sexualität und Erotik in der
langen Partnerschaft dabei hilft. Nebenbei bekommen wir Einblick in David
Schnarchs Ehe, die Entstehung seines einzigen Kindes, sein Umzug von New
Orleans nach Evergreen, seine Kompromisse mit seiner Frau beim Wandern
und wie er heute durch seine Arbeit seine eigene Kindheit neu rekonstruieren
kann. Bestechend oder? Nebenbei eine Pointe für Frauen älteren
Kalibers: Ein Highlight seines Marketings ist sicher die Aussage, dass
Cellulitis fünfzigjähriger Frauenpositiv mit deren sexueller
Bereitschaft und Leidenschaftlichkeit korreliere ... Also: Ein klares
„Ja“ zur Sexualität und Erotik mit zunehmenden Alter.
2. Interaktionskonzepte, welche die Rekursivität zwischen persönlicher
Entwicklung des einzelnen und Interaktionsdynamik des Paares
herstellen. Die Beschreibung derartig komplexer Zusammenhänge gelingt
Schnarch besonders gut, und er stellt damit ein verallgemeinbares Konzept
her, wie man Subjekt und Interaktion interpretativ kombinieren kann. Wir
hören, dass nur einer von beiden anfangen kann und nie beide
gleichzeitig, dass dann der andere nachziehen kann, bzw. dass der verweigernde
Teil solange die Kontrolle über die Beziehung behält bis derjenige,
der auf Veränderung und Erneuerung pocht Schritte setzt, die den
anderen so massiv unter Druck setzen, dass der sich verändern muss.
Druck entsteht durch Ausdruck von Autonomie und Differenzierung. Festzustellen
ist, dass den Veränderungsdruck meistens die Frauen
machen! Und die Männer in diesem Buch, die trennen sich nicht, sondern
sie versuchen ernsthaft, den PartnerInnen nachzukommen ...
Ist das vor allem in den USA. so, bzw. können wir das auch in Old
Europe umsetzen? Das Thema Trennung wird in diesem Buch vermieden
aber nicht in Abrede gestellt. Bei den von ihm dargestellten Paaren kommt
sie allerdings nicht vor.
Die Übertragbarkeit von David Schnarchs Ideen in unsere Breitengrade
musste ich beim Lesen des Schlusskapitels noch einmal revidieren. Dort
beschreibt David Schnarch kurz den Gruppenprozess bei TeilnehmerInnen
seiner Workshops, um anschließend für sein Zentrum zu werben.
Männer beugen sich der Reue über ein vergeudetes Leben und verpasste
Gelegenheiten zum Thema Sex und Liebe. Im wohligen Miteinander
ihrer Komilitonen setzen Aha-Erlebnisse ein, denn von diesen erhalten
sie Unterstützung und verheißungsvolle Beschreibungen des vermeintlichen
Zielzustandes. Die von Schnarch herbeizitierten Aussagen erinnern mich
stark an die Anonymen Alkoholiker, die ich während meiner
Studienzeit beforschen durfte. Dort beobachtete ich puritanische Selbstreue
im Schoße der Gruppe. Gregory Bateson spricht in seinem
berühmten Aufsatz zum Selbst von der Selbstauflösung der anonymen
Alkoholiker, die sich der Gruppe statt der Flasche verschreiben. Indem
sie ihre Kontrolle aufgeben, übergeben sie sich an die Gruppe. Gegründet
wurden die AA von den zwei durch ihre Spiritualität geheilten
Alkoholikern Bill und Bob. Und im allerletzten Kapitel erhebt David Schnarch
Sexualität ebenfalls zu einer spirituellen Angelegenheit.
David Schnarch plädiert in diesem Buch für Autonomie, Differenzierung
und gegenseitige Anerkennung sexueller und erotischer Ästhetik bei
langjährigen Beziehungen. In seinen dargestellten Paartherapiesequenzen
konfrontiert er Frau oder Mann eindrucksvoll mit ihren unerkannten
Wünschen oder ihrer Unabgelöstheit von ebenfalls undifferenzierten
Herkunftsfamilien.
Wie aber geht es dann diesen Menschen in der Ablöse von ihm? Das
ist meine leichte Kritik an diesem Buch, dessen Übertragbarkeit nach
Old
Europe dahingehend fraglich bleibt, dass wir hoffentlich weniger disziplinierungssüchtig
sind wie manche Amerikaner. Dennoch bringt das Buch Highlights für
unsere tägliche Arbeit mit Paaren und eine Neubewertung bewährter
Konzepte aus der systemischen Ecke.
Corina Ahlers
Filmtipp:
“La Question humaine / Der Wert des Menschen”
wird derzeit im Wiener Stadtkino (französisch mit
dt. Untertiteln) gespielt und ist auch in Buchform “Der Wert des Menschen”
von Francois
Emmanuel Kunstmann, 2006 erhältlich
Ein Film, der einen nicht unberührt lässt, der Grauen entstehen
lässt ohne grauenvolle Bilder zu zeigen – das Grauen entsteht durch
die
Verwendung der Sprache, die Stimmen, die Art der Erzählung. „Der
Wert des Menschen“ ist eine Erzählung in Form einer Allegorie, die
rund um
ein historisches Dokument angelegt ist, das Berliner Ingenieure 1942 verfasst
haben und in dem es um Vorschläge zur technischen
Verbesserung von LKWs geht, die zur Judenvernichtung eingesetzt werden
sollen. Anstatt von Menschen, menschlichen Körpern und dem
Töten zu sprechen, werden in diesem Schreiben Begriffe wie Stückgut,
Effizienz und Kostenreduktion verwendet. Die Handlung des Films ist
aber im heutigen Frankreich angelegt - in einem modernen Konzern, wo der
Psychologe Simon aufgrund von Verhaltensauffälligkeiten des
Generaldirektors dessen Geisteszustand bewerten soll. Dieser Auftrag bringt
ihn nicht nur mit der Vergangenheit in Berührung, sondern auch
mit seiner Rolle, die er in diesem Unternehmen spielt. Ohne direkt an
den Schalthebeln der Macht zu sitzen, ist er doch mehr als nur Mitspieler.
Die Rationalität der Sprache in Form einer sauberen Business-Sprache
lässt ebenfalls vergessen, dass es um Menschen geht.
Andrea Thomanetz
Jour Fixe - Vorträge und Diskussion
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