Jay Haley ist gestorben. Wieder tritt ein ganz Großer
ab. Seine Zusammenarbeit mit Bateson, Erickson, Minuchin, sein Wirken
am MRI und am Family Therapy Institute gemeinsam mit seiner Frau
Cloe Madanes ist legendär. Ich möchte hier aber nicht
seine Bedeutung für die Psychotherapie würdigen, sondern
direkt für meine Arbeit. Ich kannte ihn nicht persönlich,
sondern nur über Mittelspersonen und über seine Bücher,
in denen er z.B. auf faszinierende Weise den Eltern wieder Macht
gab und sie den Ärzten nahm („Ablöseprobleme Jugendlicher")
bzw. in witziger, sehr kundiger Art erklärte, wie ein Zimmermannssohn
aus einer unbedeutenden Kleinstadt in einem unbedeutenden und dazu
noch besetzten Land so eine Kirche aufbauen konnte („Die Jesusstrategie").
Macht ist kein Mythos, sondern real. Diese Klarheit in der Vermittlung
war mir in meinen ersten Erkundungen systemischer Therapie enorm
hilfreich (Strategien des „up" Seins) und dann doch zu
schwer, weil ich die Verantwortung, die ich damit verbunden sah,
nicht tragen wollte und konnte. Die Diskussion über sein Verständnis
von Macht begann schon mit Bateson. Die Kybernetik II legte ihn
ad acta. Von nun an war „Macht" eine Sichtweise, deren
Nutzung den Handelnden in einen Irrtum verfrachtete. Levold belebte
in der deutschsprachigen systemischen Szene die Diskussion mit viel
Gewinn vor 6 Jahren neu, der jetzt viel diskutierte Haim Omer könnte
Haleys Schüler sein. Die Diskussion hält an und scheint
sehr hilfreich zu sein. Der Streit zwischen Kybernetik I und II
löst sich auf.
In diesen letzten Jahren erlebt Haleys Verstehen eine ungeahnte
Renaissance. Er hat uns sehr viel Halt gegeben, Möglichkeiten
eröffnet und teils sehr erbitterte Kontroversen eingeleitet.
In den Diskussionen um seine Arbeit lebt er weiter.
Joachim Hinsch
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