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NACHRUFE ††

Steve de Shazer 1940 - 2005

 


Ein Nachruf von Kurt Ludewig

Was soll man sagen, wenn es nichts mehr zu sagen gibt? wenn eben derjenige, der es hören sollte, nicht mehr da ist? Angesichts des Unvermeidlichen und der ärgerlich bedrückenden Vergänglichkeit ist allenfalls mit Steves Vorbild, Wittgenstein, das Uneinklagbare zu beklagen. Mit Steve geht ein Freund, ein Meister, ein Vorreiter, ein als Mensch letztendlich Unergründbarer von uns. Wir kannten uns seit 1984. Ich besuchte ihn in Milwaukee, nachdem uns sein Kollege aus dem BFTC, Alex Molnar, die auf Steve de Shazer zurückgehende, spezielle Arbeitsweise des BFTC kurz demonstriert und uns damit nachhaltig für den lösungsorientierten, kurzeittherapeutischen Ansatz gewonnen hatte. Ich lernte damals einen wortkargen, abwechselnd tiefblickend und dann scheu den Augenkontakt meidenden, äußerst europäischen Nordamerikaner kennen. Ich sah ihn und einige seiner Kolleginnen und Kollegen von hinter der Einwegscheibe arbeiten, delektierte mich an der Wirkung seiner genialen Standardinterventionen, dürfte die anteilnehmende, empathische Haltung dieses sonst so knurrischen Steve zu seinen Klienten spüren, war also fasziniert und begeistert. Seitdem kamen wir oftmals zusammen, ob in Hamburg, Heidelberg, Münster, New York oder Prag. Wir mochten uns, stritten zuweilen, warfen uns die Bälle zu, tranken gemeinsam Bier und waren dennoch nie eine nach üblichen Maßstäben regelrechte Männerfreundschaft. Es war etwas anderes, nicht klar Einzuordnendes, Vielfältiges, vielleicht das, was Humberto Maturana Liebe nennt. Es bleibt nur zu sagen: Noch einmal einer der unseren, der dahin geht - und das ist manchmal arg schwer auszuhalten! I’ll miss you, dear friend! Die systemische Welt ist um eine zentrale Säule ärmer geworden.

Dr. Kurt Ludewig


Ein Nachruf von Ferdinand Wolf

Steven Darwin DE SHAZER

(25.Juni 1940, Milwaukee/Wisconsin – 11.September 2005, Wien/Österreich)

Steve DE SHAZER verstarb am 11. September 2005 in Wien an den Folgen einer Lungenentzündung im Krankenhaus im Beisein seiner Frau Insoo Kim BERG.

Steve DE SHAZER entstammte einer Familie mit elsässischen und deutschen Wurzeln und war von Geburt an in Milwaukee/Wisconsin ansässig.

Sein Vater war Elektrotechniker, seine Mutter Opernsängerin. Diese Kombination von handwerklichen und künstlerischen Fähigkeiten war es auch, die ihn in seinem ganzen Leben begleiten sollte. So absolvierte er in Milwaukee ein Kunststudium (B.F.A), um sich in weiterer Folge dem Studium der Soziologie zuzuwenden, das er mit einem Master’s Degree (M.S.S.W) abschloß.

Im Rahmen seiner soziologischen Studien kam er in Kontakt mit dem MENTAL RESEARCH  INSTITUTE (MRI) in Palo Alto/Kalifornien, was zur Folge hatte, daß er sich unter dem besonderen Einfluß von John H. WEAKLAND der Psychotherapie zuzuwenden begann. Aus dieser Beziehung zu WEAKLAND wurde schließlich eine lebenslange Freundschaft, deren fruchtbare Auswirkungen in der Entwicklung von Steve DE SHAZERs eigenem Modell und der Gründung des BRIEF FAMILY THERAPY CENTER (BFTC) in Milwaukee - gemeinsam mit einem Team hervorragender TherapeutInnen, zu denen auch seine Frau Insoo KIM BERG zählt - ihren sichtbaren Ausdruck fanden.

Steve DE SHAZER ist als der Erfinder des Lösungsfokussierten Ansatzes („SOLUTION FOCUSED BRIEF THERAPY") in der psychotherapeutischen Fachöffentlichkeit eine zentrale Person geworden.

Steve DE SHAZERs bahnbrechende Überlegungen führten dazu, den Fokus im therapeutischen Geschehen vom Problem des Klienten zu problemfreien Phasen („Ausnahmen") und Lösungen zu bewegen.

Steve DE SHAZER veröffentlichte fünf Bücher:

  • Muster familientherapeutischer Kurzzeittherapie. Paderborn: Junfermann Verlag 
    (engl.: Patterns of  Brief Therapy)

  • Wege der erfolgreichen Kurztherapie. Stuttgart: Klett-Cotta 
    (engl.: Keys to Solutions in Brief Therapy)

  • Der Dreh. Heidelberg: Carl Auer Systeme 
    (engl.: Clues: Investigating Solutions in Brief Therapy)

  • Das Spiel mit Unterschieden. Heidelberg: Carl Auer Systeme 
    (engl.: Putting Difference to Work)

  • Worte waren ursprünglich Zauber. Dortmund: Borgmann Publishing (engl.: Words were originally Magic)

Außerdem publizierte er unzählige Artikel in Fachzeitschriften. Seine Bücher sind in bislang 14 Sprachen übersetzt worden. Ein weiteres Buch mit dem Titel „More Than Miracles: The State of the Art of Solution-focused Therapy" hat er vor kurzem fertiggestellt. Es wird posthum im Verlag The Haworth Press erscheinen.

Steve DE SHAZER hat gemeinsam mit seiner Frau Insoo KIM BERG den Lösungfokussierten Ansatz in unzähligen Seminaren, Workshops und Kongreßpräsentationen in den USA, in Kanada, Mexico, Asien, Großbritannien, Norwegen, Schweden, Finnland, Dänemark, Polen, Bulgarien, Belgien, Holland, Spanien, Frankreich, Italien, Deutschland, der Schweiz und Österreich gelehrt und erfahrbar gemacht.

Dies führte auch zur Gründung von Vereinigungen, die zur Verbreitung des Lösungsfokussierten Ansatzes beitragen sollten, wie etwa der EUROPEAN BRIEF THERAPY ASSOCIATION (EBTA), von der seit mehr als 15 Jahren jährlich stattfindende Konferenzen in verschiedenen Staaten mitorganisiert werden.

Der Lösungsfokussierte Ansatz hat seit einiger Zeit auch im Bereich des Coachings seine Verbreitung gefunden. Dementsprechend hat sich in diesem Bereich ein Netzwerk unter dem Titel „SOLUTIONS IN ORGANISATIONS" (SOL) gebildet, das in Analogie zur EBTA mittels Konferenzen die neuesten Erkenntnisse im Rahmen des Lösungsfokussierten Ansatzes im Bereich Coaching und Management reflektiert. Auch gibt es seit 2003 ein Masterstudium zum Lösungsfokussierten Coaching an einer Privatuniversität in Wien, an der Steve DE SHAZER in den letzten drei Jahren regelmäßig Vorlesungen und Workshops abgehalten hat.

Was den Menschen Steve DE SHAZER besonders ausgezeichnet hat, war eine über allem stehende offene, wertschätzende, minimalistische und im besonderen auch humoristische Haltung mit scharfer Beobachtungsgabe und leidenschaftlichem Bemühen präzise in der Sprache zu sein. Letzteres ist auch ein wesentlicher Teil seiner wissenschaftlichen Bestrebungen gewesen, nämlich die Erkenntnisse von Ludwig WITTGENSTEIN und Jaques DERRIDA, deren Texte er im Original in Deutsch und Französisch zu lesen vermochte, für das psychotherapeutische Handeln nutzbar zu machen.

Steve DE SHAZER war aber nicht nur Psychotherapeut und Wissenschaftler, sondern ein Mensch mit umfassenden Interessen und Kenntnissen. Neben seinen Beschäftigungen mit Psychotherapie, Linguistik und Philosophie waren es zwei besondere Leidenschaften, die ihn auszeichneten.

Steve DE SHAZER war ein hervorragender Gourmetkoch mit Spezialwissen in der asiatischen und europäischen Kochkunst. Er verfolgte die Entwicklung auf diesem Gebiet mit grossem Interesse, indem er neben verschiedenen Kochzeitschriften und Kochbüchern beispielsweise monatlich „The Cook’s Illustrated" las und daraus gewonnenes Wissen auch im Alltag und bei Treffen mit Freunden umgehend praktisch umsetzte.

Seine zweite Leidenschaft war die Musik. Er beherrschte nach einer Ausbildung in klassischer Musik mehrere Instrumente und war als versierter Saxophonist in jungen Jahren auch Mitglied in professionell auftretenden Jazzensembles gewesen. Dementsprechend galt seine Leidenschaft neben Johann Sebastian BACH und Gustav MAHLER im besonderen der zeitgenössischen Musik von Dimitri SCHOSTAKOWITSCH und dem Jazz u.a. von Duke ELLINGTON, Thelonious MONK und Eric DOLPHY.

Sein Alltag war auch von ausgedehnten Spaziergängen etwa am frühen Morgen und am späten Abend bestimmt. Er interessierte sich auch bei seinen Gesprächen mit Freunden sehr für deren Neigungen, Interessen, Hobbies und die scheinbar banalen Alltäglichkeiten. Darauf hatte er auch in seinen therapeutischen Gesprächen ein Hauptaugenmerk gelegt, da für ihn die Alltagsbewältigung den primären Schlüssel zu jeder Veränderung darstellte.    

Steve DE SHAZER hinterläßt seine Frau Insoo KIM BERG, seine Stieftochter Sarah BERG, eine Schwester und mehrere Nichten und Neffen.

Mit dem Tod von Steve DE SHAZER betrauert die Gemeinde der von ihm unterrichteten und mit ihm befaßten Menschen aus den Gebieten der Psychotherapie und des Coachings eine ihrer kreativsten und originellsten Persönlichkeiten. Er wird in ihren Herzen und in ihrem Tun weiterleben.

(verfaßt  von Ferdinand WOLF  nach Rücksprache und mit Zustimmung von Insoo KIM BERG am 15.9.2005)


Ein Abschiedsbrief von Gerhard Walter und Rudi Kronbichler
(ÖAS Salzburg):

Lieber Steve,

Unser erster Kontakt zu Dir und Insoo ergab sich aus einer Anfrage von Kurt Ludewig, ob wir daran interessiert wären Dich und Insoo nach Salzburg einzuladen. Wir waren interessiert! Wir hatten gerade begonnen, unser kleines systemisches Institut aufzubauen und eine erste Ausbildungsgruppe lief im zweiten oder dritten Jahr. Unsere therapeutische Orientierung war das Mailänder Modell. Nach diesem ersten Workshop sahen wir diese Orientierung in ihren Grundfesten erschüttert. Diese Erschütterung war jedoch so konstruktiv, dass wir Dich und Insoo baten,  zwei 6 tägige „Intensives" in Salzburg im darauf folgenden Jahr durchzuführen. Das war vermutlich die erste intensive Weiterbildung in lösungsorientierter Therapie im deutschen Sprachraum und auch der Beginn einer beruflichen und persönlichen Beziehung, die über die Jahre hinweg bestanden blieb.

Über Deine Bedeutung im Feld der systemischen Therapie werden andere schreiben, wir möchten Dir für Deine Bereitschaft uns mit Deinen Ideen vertraut zu machen danken, für Deine Ermutigung lösungsorientierte Konzepte zu einem festen Bestandteil unserer Ausbildungen zu machen, für viele gute Gespräche, sei es in einem Biergarten oder bei einem gemütlichen Essen zu Hause, für Deinen Humor, (den viele Teilnehmerinnen an Workshops nicht so erleben konnten) und für viele Geschichten und Anekdoten aus der Welt der systemischen Therapie, die Du uns erzählt hast.

Meine (Rudi) letzte Begegnung mit Dir fand in einem thailändischen Restaurant in Salzburg statt. Ich stand gerade vor meiner ersten Reise nach Australien und Du rietst mir meine Augen und Ohren offen zu halten, um die Unterschiede in der Tier und Pflanzenwelt gegenüber Europa wahrzunehmen. So möchte ich Dich auch gerne in Erinnerung behalten: als jemand, der uns darauf aufmerksam macht, in dem, was scheinbar offensichtlich ist, bedeutsame Unterschiede zu sehen.

Ich (Gerhard) möchte Dir insbesondere für die ungeheuer spannenden, lebendigen und kontroversiellen Workshops und die dabei stattfindenden erfrischenden Live-Interviews danken, die mir sicher unvergesslich bleiben werde.

Gerhard und Rudi

Nachruf Insoo Kim Berg
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