Ein Nachruf von Kurt Ludewig
Was soll man sagen, wenn es nichts mehr zu sagen gibt? wenn eben
derjenige, der es hören sollte, nicht mehr da ist? Angesichts
des Unvermeidlichen und der ärgerlich bedrückenden Vergänglichkeit
ist allenfalls mit Steves Vorbild, Wittgenstein, das Uneinklagbare
zu beklagen. Mit Steve geht ein Freund, ein Meister, ein Vorreiter,
ein als Mensch letztendlich Unergründbarer von uns. Wir kannten
uns seit 1984. Ich besuchte ihn in Milwaukee, nachdem uns sein Kollege
aus dem BFTC, Alex Molnar, die auf Steve de Shazer zurückgehende,
spezielle Arbeitsweise des BFTC kurz demonstriert und uns damit
nachhaltig für den lösungsorientierten, kurzeittherapeutischen
Ansatz gewonnen hatte. Ich lernte damals einen wortkargen, abwechselnd
tiefblickend und dann scheu den Augenkontakt meidenden, äußerst
europäischen Nordamerikaner kennen. Ich sah ihn und einige
seiner Kolleginnen und Kollegen von hinter der Einwegscheibe arbeiten,
delektierte mich an der Wirkung seiner genialen Standardinterventionen,
dürfte die anteilnehmende, empathische Haltung dieses sonst
so knurrischen Steve zu seinen Klienten spüren, war also fasziniert
und begeistert. Seitdem kamen wir oftmals zusammen, ob in Hamburg,
Heidelberg, Münster, New York oder Prag. Wir mochten uns, stritten
zuweilen, warfen uns die Bälle zu, tranken gemeinsam Bier und
waren dennoch nie eine nach üblichen Maßstäben regelrechte
Männerfreundschaft. Es war etwas anderes, nicht klar Einzuordnendes,
Vielfältiges, vielleicht das, was Humberto Maturana Liebe nennt.
Es bleibt nur zu sagen: Noch einmal einer der unseren, der dahin
geht - und das ist manchmal arg schwer auszuhalten! I’ll
miss you, dear friend! Die
systemische Welt ist um eine zentrale Säule ärmer geworden.
Dr. Kurt Ludewig
Ein Nachruf von Ferdinand Wolf
Steven Darwin DE SHAZER
(25.Juni 1940, Milwaukee/Wisconsin – 11.September 2005,
Wien/Österreich)
Steve DE SHAZER verstarb am 11. September 2005 in Wien
an den Folgen einer Lungenentzündung im Krankenhaus im Beisein
seiner Frau Insoo Kim BERG.
Steve DE SHAZER entstammte einer Familie mit elsässischen
und deutschen Wurzeln und war von Geburt an in Milwaukee/Wisconsin
ansässig.
Sein Vater war Elektrotechniker, seine Mutter Opernsängerin.
Diese Kombination von handwerklichen und künstlerischen Fähigkeiten
war es auch, die ihn in seinem ganzen Leben begleiten sollte. So
absolvierte er in Milwaukee ein Kunststudium (B.F.A), um sich in
weiterer Folge dem Studium der Soziologie zuzuwenden, das er mit
einem Master’s Degree (M.S.S.W) abschloß.
Im Rahmen seiner soziologischen Studien kam er in Kontakt
mit dem MENTAL RESEARCH INSTITUTE (MRI) in Palo Alto/Kalifornien,
was zur Folge hatte, daß er sich unter dem besonderen Einfluß
von John H. WEAKLAND der Psychotherapie zuzuwenden begann. Aus dieser
Beziehung zu WEAKLAND wurde schließlich eine lebenslange Freundschaft,
deren fruchtbare Auswirkungen in der Entwicklung von Steve DE SHAZERs
eigenem Modell und der Gründung des BRIEF FAMILY THERAPY CENTER
(BFTC) in Milwaukee - gemeinsam mit einem Team hervorragender TherapeutInnen,
zu denen auch seine Frau Insoo KIM BERG zählt - ihren sichtbaren
Ausdruck fanden.
Steve DE SHAZER ist als der Erfinder des Lösungsfokussierten
Ansatzes („SOLUTION FOCUSED BRIEF THERAPY") in der psychotherapeutischen
Fachöffentlichkeit eine zentrale Person geworden.
Steve DE SHAZERs bahnbrechende Überlegungen führten
dazu, den Fokus im therapeutischen Geschehen vom Problem des Klienten
zu problemfreien Phasen („Ausnahmen") und Lösungen zu
bewegen.
Steve DE SHAZER veröffentlichte fünf Bücher:
-
Muster familientherapeutischer Kurzzeittherapie.
Paderborn: Junfermann Verlag
(engl.: Patterns of Brief Therapy)
-
Wege der erfolgreichen Kurztherapie. Stuttgart:
Klett-Cotta
(engl.: Keys to Solutions in Brief Therapy)
-
Der Dreh. Heidelberg: Carl Auer Systeme
(engl.: Clues: Investigating Solutions in Brief Therapy)
-
Das Spiel mit Unterschieden. Heidelberg:
Carl Auer Systeme
(engl.: Putting Difference to Work)
-
Worte waren ursprünglich Zauber. Dortmund:
Borgmann Publishing (engl.: Words were originally Magic)
Außerdem publizierte er unzählige Artikel in Fachzeitschriften.
Seine Bücher sind in bislang 14 Sprachen übersetzt worden.
Ein weiteres Buch mit dem Titel „More Than Miracles: The State of
the Art of Solution-focused Therapy" hat er vor kurzem fertiggestellt.
Es wird posthum im Verlag The Haworth Press erscheinen.
Steve DE SHAZER hat gemeinsam mit seiner Frau Insoo KIM
BERG den Lösungfokussierten Ansatz in unzähligen Seminaren,
Workshops und Kongreßpräsentationen in den USA, in Kanada,
Mexico, Asien, Großbritannien, Norwegen, Schweden, Finnland,
Dänemark, Polen, Bulgarien, Belgien, Holland, Spanien, Frankreich,
Italien, Deutschland, der Schweiz und Österreich gelehrt und
erfahrbar gemacht.
Dies führte auch zur Gründung von Vereinigungen,
die zur Verbreitung des Lösungsfokussierten Ansatzes beitragen
sollten, wie etwa der EUROPEAN BRIEF THERAPY ASSOCIATION (EBTA),
von der seit mehr als 15 Jahren jährlich stattfindende Konferenzen
in verschiedenen Staaten mitorganisiert werden.
Der Lösungsfokussierte Ansatz hat seit einiger Zeit
auch im Bereich des Coachings seine Verbreitung gefunden. Dementsprechend
hat sich in diesem Bereich ein Netzwerk unter dem Titel „SOLUTIONS
IN ORGANISATIONS" (SOL) gebildet, das in Analogie zur EBTA
mittels Konferenzen die neuesten Erkenntnisse im Rahmen des Lösungsfokussierten
Ansatzes im Bereich Coaching und Management reflektiert. Auch gibt
es seit 2003 ein Masterstudium zum Lösungsfokussierten Coaching
an einer Privatuniversität in Wien, an der Steve DE SHAZER
in den letzten drei Jahren regelmäßig Vorlesungen und
Workshops abgehalten hat.
Was den Menschen Steve DE SHAZER besonders ausgezeichnet
hat, war eine über allem stehende offene, wertschätzende,
minimalistische und im besonderen auch humoristische Haltung mit
scharfer Beobachtungsgabe und leidenschaftlichem Bemühen präzise
in der Sprache zu sein. Letzteres ist auch ein wesentlicher Teil
seiner wissenschaftlichen Bestrebungen gewesen, nämlich die
Erkenntnisse von Ludwig WITTGENSTEIN und Jaques DERRIDA, deren Texte
er im Original in Deutsch und Französisch zu lesen vermochte,
für das psychotherapeutische Handeln nutzbar zu machen.
Steve DE SHAZER war aber nicht nur Psychotherapeut und
Wissenschaftler, sondern ein Mensch mit umfassenden Interessen und
Kenntnissen. Neben seinen Beschäftigungen mit Psychotherapie,
Linguistik und Philosophie waren es zwei besondere Leidenschaften,
die ihn auszeichneten.
Steve DE SHAZER war ein hervorragender Gourmetkoch mit
Spezialwissen in der asiatischen und europäischen Kochkunst.
Er verfolgte die Entwicklung auf diesem Gebiet mit grossem Interesse,
indem er neben verschiedenen Kochzeitschriften und Kochbüchern
beispielsweise monatlich „The Cook’s Illustrated" las und daraus
gewonnenes Wissen auch im Alltag und bei Treffen mit Freunden umgehend
praktisch umsetzte.
Seine zweite Leidenschaft war die Musik. Er beherrschte
nach einer Ausbildung in klassischer Musik mehrere Instrumente und
war als versierter Saxophonist in jungen Jahren auch Mitglied in
professionell auftretenden Jazzensembles gewesen. Dementsprechend
galt seine Leidenschaft neben Johann Sebastian BACH und Gustav MAHLER
im besonderen der zeitgenössischen Musik von Dimitri SCHOSTAKOWITSCH
und dem Jazz u.a. von Duke ELLINGTON, Thelonious MONK und Eric DOLPHY.
Sein Alltag war auch von ausgedehnten Spaziergängen
etwa am frühen Morgen und am späten Abend bestimmt. Er
interessierte sich auch bei seinen Gesprächen mit Freunden
sehr für deren Neigungen, Interessen, Hobbies und die scheinbar
banalen Alltäglichkeiten. Darauf hatte er auch in seinen therapeutischen
Gesprächen ein Hauptaugenmerk gelegt, da für ihn die Alltagsbewältigung
den primären Schlüssel zu jeder Veränderung darstellte.
Steve DE SHAZER hinterläßt seine Frau Insoo
KIM BERG, seine Stieftochter Sarah BERG, eine Schwester und mehrere
Nichten und Neffen.
Mit dem Tod von Steve DE SHAZER betrauert die Gemeinde
der von ihm unterrichteten und mit ihm befaßten Menschen aus
den Gebieten der Psychotherapie und des Coachings eine ihrer kreativsten
und originellsten Persönlichkeiten. Er wird in ihren Herzen
und in ihrem Tun weiterleben.
(verfaßt von Ferdinand WOLF nach Rücksprache
und mit Zustimmung von Insoo KIM BERG am 15.9.2005)
Ein Abschiedsbrief von Gerhard Walter und Rudi Kronbichler
(ÖAS Salzburg):
Lieber Steve,
Unser erster Kontakt zu Dir und Insoo ergab sich aus einer
Anfrage von Kurt Ludewig, ob wir daran interessiert wären Dich
und Insoo nach Salzburg einzuladen. Wir waren interessiert! Wir
hatten gerade begonnen, unser kleines systemisches Institut aufzubauen
und eine erste Ausbildungsgruppe lief im zweiten oder dritten Jahr.
Unsere therapeutische Orientierung war das Mailänder Modell.
Nach diesem ersten Workshop sahen wir diese Orientierung in ihren
Grundfesten erschüttert. Diese Erschütterung war jedoch
so konstruktiv, dass wir Dich und Insoo baten, zwei 6 tägige
„Intensives" in Salzburg im darauf folgenden Jahr durchzuführen.
Das war vermutlich die erste intensive Weiterbildung in lösungsorientierter
Therapie im deutschen Sprachraum und auch der Beginn einer beruflichen
und persönlichen Beziehung, die über die Jahre hinweg
bestanden blieb.
Über Deine Bedeutung im Feld der systemischen Therapie werden
andere schreiben, wir möchten Dir für Deine Bereitschaft
uns mit Deinen Ideen vertraut zu machen danken, für Deine Ermutigung
lösungsorientierte Konzepte zu einem festen Bestandteil unserer
Ausbildungen zu machen, für viele gute Gespräche, sei
es in einem Biergarten oder bei einem gemütlichen Essen zu
Hause, für Deinen Humor, (den viele Teilnehmerinnen an Workshops
nicht so erleben konnten) und für viele Geschichten und Anekdoten
aus der Welt der systemischen Therapie, die Du uns erzählt
hast.
Meine (Rudi) letzte Begegnung mit Dir fand in einem thailändischen
Restaurant in Salzburg statt. Ich stand gerade vor meiner ersten
Reise nach Australien und Du rietst mir meine Augen und Ohren offen
zu halten, um die Unterschiede in der Tier und Pflanzenwelt gegenüber
Europa wahrzunehmen. So möchte ich Dich auch gerne in Erinnerung
behalten: als jemand, der uns darauf aufmerksam macht, in dem, was
scheinbar offensichtlich ist, bedeutsame Unterschiede zu sehen.
Ich (Gerhard) möchte Dir insbesondere für die
ungeheuer spannenden, lebendigen und kontroversiellen Workshops
und die dabei stattfindenden erfrischenden Live-Interviews danken,
die mir sicher unvergesslich bleiben werde.
Gerhard und Rudi 
Nachruf Insoo Kim Berg
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