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FACHLITERATUR

Neu erschienen (Juli 2011)

Sigrun Eder, Petra Rebhandl, Evi Gasser
„Annikas andere Welt – Hilfe für Kinder psychisch kranker Eltern“.
Edition Riedenburg, Sachbuchreihe SOWAS! Band 8, Salzburg 2011, EUR 19,90

Das Buch ist gegliedert in vier Teile. Der erste Teil beginnt mit einer Geschichte zum (Vor)-Lesen: „Annikas andere Welt“. Diese Erzählung lässt die Gefühlswelt eines Kindes nachempfinden, das depressive und manische Phasen seiner Mutter miterlebt. Enttäuschung, Wut, Schuldgefühle, Veränderung des familiären Alltags und Lösungsideen werden illustriert. Danach wird sachlich kindgerecht erklärt, was eine psychische Erkrankung ist, welche Arten von Erkrankungen es gibt und wie man leichter damit umgehen kann. Es werden Fachbegriffe eingeführt und erklärt.
Der zweite Abschnitt enthält therapeutisch nutzbare, vor allem ressourcen- und lösungsorientierte Arbeitsblätter. Das dritte Kapitel beschreibt Sachinformationen für Eltern, wobei der Bezug zu den Kindern beibehalten wird (z.B.: Wie können Eltern kindgerecht
über ihre Krankheit sprechen?). Die Wichtigkeit, offene Gespräche über die psychische Erkrankung eines Familienmitgliedes zu führen, wird dabei unterstrichen. Ebenso wird versucht, Eltern die kindliche Gefühls- und Gedankenwelt näher zu bringen. Der Einfluss einer psychischen Erkrankung auf die soziale und psychische Entwicklung der Kinder wird angesprochen. Auch Maßnahmen bei Kindeswohlgefährdung werden beschrieben. Und wie ein Zusammenleben dennoch funktionieren kann.
Der letzte Abschnitt ist die „Sachinformation für PsychologInnen und PsychotherapeutInnen“. Hier steht wenig Neues für Professionisten. Jedoch gibt es eine ausführliche Auflistung von Fragen, die gut in Familientherapien und Elterngesprächen eingesetzt werden können, und eine themenspezifisch geordnete Checkliste, die ebenfalls nützlich erscheint.
„Annikas andere Welt“ eignet sich vor allem gut für betroffene Familien. Mit diesem Buch finden Eltern mit ihren Kindern einen Einstieg in das Gespräch über die vorhandene psychische Erkrankung. Das Buch kann zu Hause oder auch innerhalb einer Familien- oder Kindertherapie mit Hilfe des/der Therapeuten/in angeschaut und genutzt werden. Es bietet viel nützliches systemisches Arbeitsmaterial.
Stefanie Hargassner


Sigrid Sohlmann, Christian Dada:
Frauen & Krebs. Hilfe für Betroffene und Angehörige
maudrich (facultas) 2011, 168 Seiten, EUR 19,90

Das von Sigrid Sohlmann und Christian Dadak in Teamarbeit neu erschienene Buch „Frauen & Krebs“ beinhaltet erstmals gemeinsam me-
dizinische und psychologische Sichtweisen und Hilfestellungen, um Frauen und ihren Angehörigen Antworten auf viele Fragen in dieser
schwierigen Lebenssituation zu geben. Es birgt umfassende und verständlich lesbare medizinische Informationen zur Entstehung und Therapie verschiedener frauenspezifischer Krebsarten und vermittelt den Frauen zusätzliches Wissen über ihre Krankheit. Die
AutorInnen führen durch wichtige Stationen der Erkrankung und bieten dabei Lösungswege und Hilfestellungen in Krisensituationen und Strategien im Umgang mit der Krankheit an.
Neben den gesundheitlichen und medizinischen Konsequenzen müssen sich aber Frauen, die an Krebs erkranken, auch den schwierigen psychischen und psychosozialen Folgen der Krankheit stellen. Anhand von Fallbeispielen wird sichtbar, dass eine Krebserkrankung eine
gewaltige Zäsur im Leben der Betroffenen bedeutet. Damit verbunden ist auch eine Neuorientierung hinsichtlich Wertfragen des Daseins, der Welt, der Mitmenschen und ganz besonders der eigenen Existenz.
Bemerkenswert ist auch das Kapitel „Was die Diagnose für Betroffene, Angehörige und ihr Umfeld bedeutet?“. Dabei werden die verschiedensten Gefühle angesprochen, die bei den Patientinnen aufkommen können und dass Krebs in unserer Gesellschaft noch immer tabuisiert wird. Und egal ob Familie, Freunde oder Ärzte – viele haben Angst, das Thema anzusprechen, die einen aus Betroffenheit und die anderen aus Unsicherheit, wie sie damit umgehen sollen. Auch die Angst, wie in Zukunft die soziale, wirtschaftliche und familiäre Existenz gesichert werden kann, ist Teil dieses Kapitels.
Außerdem werden von der Psychotherapeutin ganz wichtige, oft von Frauen aus Angst und Scham nicht gestellte Fragen wie „Sexualität
und Krebs“, „Kinderwunsch“ und „Verhütung“ angesprochen. Themen zur Ernährung und Arbeitswelt sind ebenso Inhalt wie „Was bedeutet Komplementärmedizin?“, „Wie wichtig ist psychotherapeutische Unterstützung?“. Als systemischer Familientherapeutin liegen Frau Sohlmann Themen wie „Miteinbeziehen der Familie in Diagnose und Therapie“, „die Paarbeziehung“ und vor allem „Wie vermittle ich die Diagnose meinen Kindern?“ sehr am Herzen.
Wertvoll sind die Ratschläge und Verhaltenstipps für die Angehörigen, da besonders wieder Partner und Kinder, die meist sehr unter starken emoti onalen Belastungen leiden. Gut erkennbar ist bei den AutorInnen die jahrelange Erfahrung in der Ar-
beit mit Krebspatientinnen und dadurch können sie auf so viele Situationen eingehen, die besonders belastend für Patientinnen sind und ihnen dafür Lösungen anbieten.
Psychoonkologische Unterstützung sollte als unverzichtbarer Bestandteil jeder Behandlung gesehen und jeder Patientin und auch ihren Angehörigen angeboten werden. Ob sie dieses Angebot annehmen möchten, ist aber ganz allein ihre Entscheidung. Das Buch wird keine Gespräche und Therapien ersetzen, aber gewiss falsche Vorstellungen über die Erkrankung aus dem Weg räumen und Mut machen, Gespräche mit Arzt, Partner und Familie zu führen. Es wird auch
dazu beitragen, verschiedene Heilmethoden besser zu verstehen und ermutigen, gemeinsam mit dem Arzt nach einer maßgeschneiderten, individuellen Kombination von verschiedenen Therapien zu suchen.
Zusätzlich bietet dieses Buch ein breites Spektrum an praktisch nachvollziehbaren Lösungsmöglichkeiten, die von der Autorin mit Patientinnen thematisiert und in Therapien erarbeitet worden sind. Die Fallbeispiele und praktischen Umsetzungsvorschläge zeigen, wie manche Problematiken und Krisen bearbeitet bzw. teilweise gelöst werden können. Auf die Wichtigkeit einer Zusammenarbeit, also Vernetzung von Arzt und Psychotherapie, stets im Sinne der Patientin, wird von der Autorin immer
wieder hingewiesen. Alles in allem: Ein sehr empfehlenswertes Buch!
Petra Erb


Jügen Hardt, Fritz Mattejat, Matthias Ochs, Marion Schwarz, Thomas Merz und Ulrich Müller (Hrsg.)
Sehnsucht Familie in der Postmoderne. Eltern und Kinder in Therapie heute
Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2010

Dieser Band dokumentiert den 5. Hessischen Psychotherapeutentag „Sehnsucht Familie in der Postmoderne“ im September 2009, auf dem die familientherapeutische Arbeit sowohl auf makro- wie auf mikroskopischer Ebene zu kontextualisieren Programm war. Dieses thematisch weite Feld wird zu Beginn gerahmt mittels kulturpsychologischer Überlegungen zu den Begrifflichkeiten von Postmoderne, Familie, Elternschaft, Familientherapie.
In diesen Rahmen werden fünf Themenfoki gestellt (technische Reproduzierbarkeit, psychisch kranke Eltern, Multikulturalität, Familiengericht, schulenspezifische therapeutische Zugänge), die jeweils von mehreren Beiträgen unterschiedlicher AutorInnen ausgemalt werden: inhaltliche Einführung in das jeweilige Thema, spezifische Informationen (z.B. zu Möglichkeiten in der Behandlung von KinderwunschpatientInnen oder logistische Aspekte in der Arbeit mit Familien), Beschreibung von therapeu-
tischen Angeboten und Materialien, Forschungs- und Evaluationsergebnisse, praxeologische Zugänge etc.. Manches bezieht sich naturgemäß auf die Deutschland-spezifische Situation (z.B. Rechtliches), ist jedoch in
der Reflexion auch für in anderen Ländern Tätige nutzbar.Auch erfahrene SystemikerInnen profitieren von der thematischen Heterogenität des Bandes und können sich gezielt in bestimmte Teilaspekte vertiefen – ein jeden Aufsatz einleitendes Abstract ermöglicht gleichzeitig auch Einblicke in die anderen Themen. Die Heterogenität des Bandes verlangt jedoch den das ganze Buch Lesenden eine gewisse Flexibilität ab, sich auf die jeweils unterschiedliche Struktur, Sprache und Qualität der Aufsätze einzustellen.
Theresia Gabriel


Andrea Brandl-Nebehay & Joachim Hinsch (Hrsg.):
Paartherapie und Identität. Denkansätze für die Praxis
Carl-Auer-Verlag, Heidelberg 2010.
232 S, 25,70 €

Traurig, aber wahr – die Scheidungsrate in Wien betrug 2009 über 60 Prozent. Geht man von dieser erschreckend hohen Zahl aus, bedeutet das nicht nur viel Arbeit für ScheidungsrichterInnen, sondern unter Umständen auch einen höheren Bedarf an Paartherapie.
Doch was genau tun wir PsychotherapeutInnen mit Paaren, die in Krisen geraten sind? Welche persönlichen und gesellschaftspolitischen Ideen und Bilder leiten uns? Wobei können wir unterstützen, zumal Paartherapie im Zeitalter einer generellen Identitätsdiffusion und als postmodernes Unternehmen “...weniger den je gültige Rezepte zur Bewältigung von Identitäts- und Sinnkrisen liefern, schließlich sind die PaartherapeutInnen persönlich mit den gleichen Fragen und Ungewissheiten beschäftigt wie ihre KlientInnen.“ Das vorliegende Buch – respektive die 7 darin enthaltenen Beiträge – geben nicht nur Einblick in die soziologischen Lebenswelten und unterschiedlichsten Ansprüche an Paarbeziehung, sondern versuchen der beiderseitig an die KlientInnen und PsychotherapeutInnen gestellte Identitätsfrage „Wer bin Ich im Wir?“ Raum zu geben.

Beginnend mit einem historischen Überblick und der Klärung des Begriffes der „Identität“, die Bedeutung und Auswirkung für die Paargestaltung, sowie dessen Anwendbarkeit im Therapiekontext und speziell in der narrativen Therapie wird die LeserIn gut gerüstet für die Frage nach der Paaridentität bzw. der Frage nach Autonomie oder Bezogenheit im Paarerleben. Steht das Paar oder das Individuum im Mittelpunkt? Das Modell der Paartherapie als „Einzeltherapie in Anwesenheit des Partners“ zeigt wie gleichzeitig beides gelingen kann, und wie wichtig das Pendeln zwischen Autonomie und Bezogenheit ist. Paarbeziehungen, aber auch die Paartherapie (abhängig vom Geschlecht des/der PsychotherapeutIn) werden stark von männlichen und weiblichen Identitätsbildern geprägt. Durch das teilweise Auflösen von Geschlechtsidentitäten bzw. Rollenbildern werden sowohl neue Möglichkeiten, wie Problemfelder eröffnet. Die treffende Überschrift: „Die Wirksamkeit des Unsichtbaren“ und die daraus resultierenden Aussagen bezüglich Machtverhältnisse in der Partnerschaft macht diesen Abschnitt sehr spannend. Zumeist optisch sichtbar ist der Umstand, wenn bikulturelle Paare eine Paartherapie aufsuchen. Unterschiedliche kulturelle Identitäten und bestimmte Lebensumstände, wie z.B. Migrationshintergrund haben Auswirkungen auf die Paargestaltung und erfordert erhöhte interkulturelle Kompetenz der TherapeutIn und einer Hingabe zur Auseinandersetzung mit dem kulturellen Fremden/Anderssein. Das Fremde macht leider nicht nur in interkulturellen Beziehungen viel zu oft Angst, sondern insbesondere auch dann, wenn es um das sogenannte Fremdgehen in der Beziehung geht. Der Artikel „Wildgehend das Fremdgehen erkunden“ ist der gelungene Beitrag, die Identitätsdiffusionen aller betroffenen Personen in deren menschlicher Qualität, den emotionalen Tiefen und Höhen darzustellen und zeigt methodische Wege für die Systemische Therapie. Das Fremdgehen berührt Identitäten. Körperliche Gewalt jedoch behindert oftmals Identitäten. Das marginalisierte Thema Gewalt in Paarbeziehungen und in der Paartherapie stellt eines meiner persönlichen Highlights dieses Buches dar. Nach dem Lesen ermöglicht es einem ein aktives Hinsehen und erweiterte Handlungs- und Ideenkompetenz für die Therapie. Den Abschluss bilden sogenannte „Küchengespräche“. Vier der AutorInnen gewähren Einblick in ihre professionellen, aber auch persönlichen Lebenswelten und ihren ganz persönlichen Bezug zur Paartherapie und therapeutischen Identität während ihrer Mittagspausen im Institut für Ehe- und Familientherapie. Dieser sehr persönliche und äußerst sympathische Abschluss des Buches gelingt hervorragend.

Insgesamt ist es Andrea Brandl-Nebehay und Joachim Hinsch gelungen, sieben homogene, qualitativ hochstehende Artikel in einem Buch zusammenzufassen.
Sie zeigen mit der Leitidee bzw. dem roten Faden der „Identität“ einen intelligenten und handhabbaren Weg auf, der Paartherapie nicht nur theoretisch und methodisch begreifbar macht, sondern auch einlädt das Eine oder Andere an therapeutischer Haltung oder Ideen zu übernehmen, zu überdenken und in der eigenen therapeutischen Identität zu implementieren.

Andreas Höher

PS: Natürlich sollte man auch die VerfasserInnen der einzelnen Artikel namentlich nennen: Ingrid Egger, Katharina Hinsch, Sabine Klar, Susanne Klingan, Sabine Kirschenhofer, Verena Kuttenreiter, Klaus Schmidsberger und Andrea Thomanetz (in alphabetischer Ordnung).


Gesammelte Kurzrezensionen aus den ÖAS-Netzwerknachrichten der letzten Jahre,
alphabetisch nach (Erst)AutorInnen:

Joachim BAUER
Das Gedächtnis des Körpers
Piper, München 2007, € 9,95 und
Sven Max LITZCKE, Horst SCHUH
Stress, Mobbing und Burn-out am Arbeitsplatz

Springer, Heidelberg 2007, € 20,60

Erfreulich und erwähnenswert ist die explizite Integration der Psychotherapie als wiederholt empfohlene Heil- und Gesundheitsmaßnahme in wissenschaftlichen Texten, in leserfreundlich aufbereiteten wissenschaftsbezogenen Taschenbuch-Publikationen und in Zeitschriften. Ich beziehe mich auf zwei rezente Bucherscheinungen und einen Artikel des Vorjahres in der italienischen Zeitschrift „per Me“ (siehe unten), die im Bereich Trauma- und Stressbewältigung auf die Psychotherapie wiederholt als Mittel der Wahl verweisen. Wenn auch J. Bauer in: „Das Gedächtnis des Körpers“ mit der stellenweise expliziten Nennung spezieller therapeutischer Richtungen in der Informationsweitergabe etwas über das Ziel hinaus agiert ist z.B. die Auflistung psychotherapeutischer Wirkbereiche in Litzcke, Schuh („Stress, Mobbing und Burn-out am Arbeitsplatz“) generell sehr brauchbar. Der Leser, zumeist entweder Betroffener oder psychologisch orientierter Fachmann, erhält in beiden Fällen konkrete Anhaltspunkte für die Einsetzbarkeit psychotherapeutischer Arbeit. Litzcke und Schuh (siehe oben) geben einen groben Überblick, wozuPsychotherapie dient.
Sie listen auf (S. 81): 
• sozialer Schildeffekt
• kognitiver Schildeffekt
• emotionaler Erleichterungs- und Puffereffekt
• kognitiver Bewältigungseffekt
• soziale Bewältigung Schon im September 2006 wurde in der italienischen Zeitschrift „per Me“ ein seitenfüllender Artikel über die Gehirnveränderungen durch Psychotherapie veröffentlicht. Darin geht es um Wirksamkeitsnachweise mittels Magnetresonanzaufnahmen am Mandelkern, die der Psychotherapie dieselbe Veränderungsaktivität wie Psychopharmaka bestätigen. Interdisziplinären Teams bestehend aus Neurologen, Psychologen, Psychiatern und Radiologen der Universitäten Montreal und Jena sind Aufnahmen gelungen, die die Spuren psychotherapeutischer Behandlung dokumentieren. Sie konnten die Auswirkung von Neuronenaktivität nachweisen, die jener nach Psychopharmakaverabreichung stark ähneln. Vgl. Elle Bandit. «La psicoterapia modifica il cervello?” in: per Me, September 2006

Eva Schebach


Marion BECKER-RICHTER:
Mutter ist an allem schuld. Mit Vorwürfen erwachsener Töchter umgehen.
Abschied von der Supermutter
92 Seiten, Kösel Verlag, München 2006, € 15.40

Immer wieder fragen KlientInnen nach empfehlenswerter Literatur, nach Ratgebern zu bestimmten Themen. Aus dem großen Pool an Mutter-Tochter-Büchern habe ich eines ausgewählt. Es stammt aus der Feder von Marion Becker-Richter, sie ist Soziologin, Psychologin und Mutter zweier erwachsener Kinder. Sie weiß, wovon sie spricht.

Zunächst ist sie in die „Mutterfalle" getappt, also in jene Falle, die für Mütter allerlei Schuldgefühle und ein schlechtes Gewissen bereithält, wenn sich die Tochter nicht „wunschgemäß" entwickelt. Dann hat sie die „Mutterschelte" über sich ergehen lassen, jene Schelte, die Müttern vermittelt, sie seien für jedes töchterliche Missverhalten verantwortlich. Schließlich dachte sie: „Nein, nicht an allem bin ich schuld." Daraufhin führte sie zahlreiche Gespräche mit Müttern und Töchtern und verwertete die Ergebnisse dieser Interviews und eigene Erfahrungen in einem Buch.

„Mutter ist an allem schuld. Mit Vorwürfen erwachsener Töchter umgehen" ist ein Ratgeber, der leider in eine der vielen Fallen dieser „Literaturgattung" tappt: Er ist streckenweise banal. Das ist die schlechte Nachricht. Doch es gibt auch eine gute, nein, mehrere gute Nachrichten. Die vielen Interviewausschnitte und Fallgeschichten machen das Buch zu einer kurzweiligen Lektüre. Marion Becker-Richter analysiert, was hinter den Vorwürfen der Töchter steckt und wie Mütter konstruktiv darauf reagieren können.

Gesellschaftliche Diskurse streift die Soziologin leider nur am Rande, oft fehlt der gendersensible Blick – vor allem dann, wenn aus den Töchtern einfach „Kinder" werden. Was den Ratgeber aber dennoch lesenswert macht, ist der ressourcenorientierte Zugang. Mütter sollen die Anschuldigungen der Töchter zwar ernst nehmen, dabei aber nicht vergessen sich von den Töchtern abzugrenzen und sie an ihre Eigenverantwortlichkeit erinnern. Und dann: „Sich gute Erinnerungen ins Gedächtnis rufen, nach vorne sehen, eigene Ziele verfolgen." 

Neben dem Blick auf Gelungenes finden sich in „Mutter ist an allem schuld" noch weitere „systemische" Haltungen und Techniken wie positives Konnotieren, Reframen oder die wertschätzende Akzeptanz aller „Konfliktparteien".

Carmen Unterholzer


Stefan BIENENSTEIN, Mathias ROTHER

Fehler in der Psychotherapie
Theorie, Beispiele und Lösungsansätze für die Praxis


Springer Wien-NY, 2009, ISBN: 978-3-211-75602-7 Ladenpreis 34,95 €




Dieses Buch widmet sich der Frage, inwieweit die Beschäftigung mit Fehlern in der Psychotherapie von Nutzen für die psychotherapeutische Arbeit sein kann. Untersucht werden Alltagsfehler – jene Elemente der therapeutischen Arbeit, die in der ersten Reaktion vom Therapeuten als unerwünscht wahrgenommen werden. Im Blickpunkt steht dabei nicht nur der Umgang mit Fehlern, sondern auch deren Einfluss auf den weiteren Therapieverlauf. In einem theoretischen Teil wird die Bedeutung des Begriffes Fehler in anderen Wissenschaftsbereichen analysiert, die Rezeption dieses Phänomens in der einschlägigen Fachliteratur untersucht und auf mögliche Faktoren für das Entstehen von Fehlern eingegangen. Im praktischen Teil präsentieren die Autoren anhand von lebendigen Fallgeschichten ein breites Spektrum an Fehlern, die im Rahmen von Interviews mit Psychotherapeuten unterschiedlichster Therapieschulen erhoben wurden. Sie zeigen auf, wie ein differenzierter Umgang mit Fehlern für die therapeutische Arbeit produktiv genutzt werden kann.
Geschrieben für:
Psychotherapeuten aller Fachrichtungen in Ausbildung und Praxis
Schlagworte:

* Erfahrungen
* Fallgeschichten
* Fehlermanagement
* Fehlleistungen
* Kommunikation
* Lösungen
* Psychotherapieschulen


Gianfranco CECCHIN/Gerry LANE/Wendel A. RAY:
Respektlosigkeit

Carl Auer Verlag 2002, 110 Seiten, EUR 14,50

Könnte es nicht auch anders sein? Diese zentrale Frage begleitet die Verfasser des schmalen Bändchens "Respektlosigkeit" Gianfranco Cecchin, Gerry Lane und Wendel A. Ray durch das gesamte Buch. Wenn die drei Autoren zu respektlosem Verhalten auffordern, haben sie nicht die Beziehung zu den KlientInnen vor Augen, sondern das "Sich-Erlauben und Dazu-Stehen, kreativ von gewohnten Ideen abzuweichen, wenn es nützlich ist." Respektlos sollen TherapeutInnen gegenüber Theorien und Glaubenssätzen sein. Was bringt die therapeutische Respektlosigkeit? Sie unterminiert " die Muster und Geschichten, die Familien einengen, fördert Ungewissheit und gibt dadurch dem Klientensystem Gelegenheit, neue Werte, Bedeutungen und weniger restriktive Muster zu entwickeln." Wie respektloses Therapieren aussieht, illustrieren die Autoren durch zahlreiche Fallbeispiele aus sehr unterschiedlichen Kontexten: aus der alltäglichen Praxis, aus Ausbildung und Forschung. Cecchin, Lane und Ray gestehen, dass nicht nur reines Erkenntnisinteresse sie von gewohnten Ideen abweichen lässt. Abseits von üblichen Pfaden zu denken, fördert die Neugierde, die Phantasie und die Leidenschaft für die  Arbeit. Aber auch Überlebensstrategie steckt dahinter: "Wir sollten in der Lage sein, die Verwüstungen und Verzweiflungen zu überleben, zu denen es unweigerlich kommt, wenn man mit den Tragödien des Lebens zu tun hat." Vor 10 Jahren erschien "Respektlosigkeit" zum ersten Mal. Zwischenzeitlich avancierte das Buch zum Klassiker systemischer Literatur und wurde vor wenigen Monaten zum dritten Mal aufgelegt. 

Carmen Unterholzer


Steve De Shazer
„Clues. Investigating Solutions in Brief Therapy”,
Dt. Titel:
„Der Dreh. Überraschende Wendungen und Lösungen in der Kurzzeittherapie“

Carl-Auer-Verlag, Erstauflage 1988, € 21,90


Ich dachte mir: warum immer die Neuerscheinungen besprechen? Es gibt doch auch gute alte Bücher. Und kam so auf die Idee, den Dreh zu besprechen.
Allein schon der Buchtitel macht einen Unterschied - ob „Clues“ mit (wie im Inneren der deutschen Ausgabe) Schlüssel übersetzt wird oder mit „der Dreh“. Unter Clues verstehe ich etwas Unerwartetes, vielleicht etwas Eigenartiges, jedenfalls etwas Passendes, Ehrliches (?),Verschmitztes. Wenn ich es dann mit Schlüssel übersetzt bekomme, dann ist es für mich schlüssig. Eine passende Wendung. Erst über diese Gedankenschiene komme ich dann zum Dreh. Ein Dreh ist für mich etwas Unehrliches, eine Hintertür, (etwas für den Klienten nicht Nachvollziehbares?) …
Es ist auch ein Unterschied, ob ich etwas untersuche und dabeiLösungen erforsche oder ob es eine für mich überraschende Wendung gibt.
„Der Schlüssel“ als Titel hätte dem Dreh vermutlich außen die Ernsthaftigkeit verliehen, die das Buch nun mal innen auch hat. Interessanterweise nähert sich der Buchtext dann immer mehr dem englischenOriginal an. Gott sei Dank blieb also die Kreativität in der Übersetzung auf Klappentext und Titel beschränkt.

De Shazer beschreibt in seinem Buch, wie er mittels eines Computerprogrammes versuchte, die in der Theorie existierenden Wege vom „Problem“ zum „Erreichen des Ziels“ und der „Lösung“ durch Eingabe von Antworten abzuleiten. Wobei das Computerprogramm in diesem Fall einer Landkarte folgt, also einer Ablaufprozessbeschreibung, die aus der Erforschung von bisherigen Fällen des BFTC (Brief Family Therapy
Center in Milwaukee) folgt.
Das Faszinierende ist, dass immer wieder auf die Lösung fokussiert wird und selbst wenn alle erdachten Lösungen nicht helfen, hilft der Satz: „Gibt es eine fünfte (xte) Alternative? (Lange Pause.) Nun, wir werden
uns eine überlegen. Möglicherweise gibt es eine, normalerweise gibt es immer eine.“
Das Buch führt vom Anfang bis zum Schluss wieder zum Klappentext: „Weiß man, was funktioniert, macht man damit weiter“. Sobald sich Therapeut und Klient auf die Entwicklung von Lösungen konzentrieren,
wird Therapie unvermeidlich zur Kurzzeittherapie.“
Beispiele erhellen die Exploration der Lösungen und der vermeintlichen Lösungen bis die eine hilfreiche übrig bleibt … und hilft. Dem Anfänger, wie mir, eine sehr hilfreiche Lektüre. An diesen, sehr detailliert beschriebenen und klar eingeleiteten Beispielen wird der Ansatz immer deutlicher und es wird immer verständlicher, warum der so minimalistisch wirkende Ansatz großer Übung und großes Einfühlungsvermögens bedarf.

Martin G. Sellner


Helmut DE WAAL / Christoph THOMA (1999)
Was tun bei Verdacht auf sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen
Ein Leitfaden für wirksames (berufliches) Handeln.
Broschüre des Kinderschutzzen-trums St. Pölten (die möwe) 

Die Broschüre vermittelt in kompakter Form systemische Konzepte im Umgang mit dem Thema Missbrauch. Es wird ein Fülle von Unterscheidungen angeboten, die helfen nützliche Fragen zu stellen und Überblick im Helfersystem zu bewahren:
"Sensoren" mit ihren Beobachtungen/Vermutungen/ihrem vagen oder konkreten Verdacht bezüglich Opfer oder Täter werden über genau beschriebene Schritte zu "Meldern", indem sie "Akteure" (Jugendamt, Justiz) auf den Plan rufen. Zu den im weiteren Verlauf ev. noch zugeschalteten "speziellen Unterstützern" gehören einerseits professionelle Helfer aus dem Bereich medizinischer und psychologischer Diagnostik, andererseits Kinderschutzzentren und PsychotherapeutInnen.. Weiters findet man "konkrete Antworten auf häufige Fragen" (Was sagt das Strafgesetz genau? Welche Berufsgruppen sind anzeigepflichtig? Wie sieht das mit der therapeutischen Verschwiegenheit aus?). 
Besonders angesprochen hat mich die "Burgmetapher" als Leitbild für Gespräche mit Kindern über ihr "Geheimnis". Unter Nutzung des Wissens um Strategien der Geheimhaltung seitens missbrauchender Erwachsener spricht man mit dem Kind nicht über das Burginnere (das Geheimnis) selbst, wohl aber über Burggraben, Zugbrücken, Burgmauern und Wächter. 
Andrea Brandl-Nebehay


Sigrun EDER, Anna RADINGER, Jakob MÖHRING
Pauline purzelt wieder. Hilfe für übergewichtige Kinder und ihre Eltern.
Edition Riedenburg, € 24,90

Glaubt man den Medien, wird das Land immer fetter. Vor kurzem warnte die Hamburger „Zeit“ in ihrem Österreich-Teil: „Die jungen Leute sind auf dem besten Weg, zu dicken, chronisch behinderten und vor allem
sterbenskranken Erwachsenen heranzuwachsen. Viele leiden bereits jetzt an Krankheiten, die bisher erst im Seniorenalter aufgetreten sind, zum Beispiel an Altersdiabetes.“ Betroffene schlagen sich nicht nur mit massiven gesundheitlichen Folgeschäden wie Bluthochdruck, Gefäßveränderungen und mit einem erhöhten Krebsrisiko und Schuldgefühlen herum, sondern sind zudem noch den verletzenden Kommentaren und Hänseleien jener, die dünner sind, ausgesetzt. Wer Adipositas angehen will, muss auf verschiedenen Ebenen kämpfen. Sich auf Ernährungsweise und Bewegungsverhalten der „SymptomträgerInnen“ zu konzentrieren,
hat wenig Aussicht auf Erfolg. Es muss auch die Seele der Kinder ein offenes Ohr finden und die Eltern müssen ins Boot geholt werden – dann sind die Chancen, dass die Kilos bei den Kindern purzeln, besser.

Im Vergleich zu den markigen Schlagzeilen und medialen Horrorszenarien gehen die Psychologin Sigrun Eder und die Ärztin Anna Radinger in „Pauline purzelt wieder“ das Thema Übergewicht bei Kindern angenehm unaufgeregt an. Sie „bedienen“ mit diesem Ratgeber für Eltern und Kindern gleich alle vier Ebenen: Sie erzählen einfach und kompakt, wie ein sinnvolles, gesundes Essverhalten aussehen und wie Bewegung ohne Drill Spaß machen kann. Sie regen Kinder zum Nachdenken an, z.B. darüber, wann sie zur Chipspackung greifen oder was sie eigentlich statt der Süßigkeiten bräuchten. Gekleidet ist die Sachinformation in die kurze und unprätentiöse Erfolgsgeschichte von Pauline und Paul. Arbeitsblätter für Kinder zu Themen wie „Wie fühlst du dich?“ oder „Wie sieht dein Leben mit weniger Kilos aus?“ motivieren zur Kreativität und zum Mitmachen. Den Ratgeber schließen Sachinformationen für Eltern ab, in denen ihnen vermittelt wird, wie wichtig ihre Unterstützung für die purzelnden Kilos ihrer Kinder ist und wie eine sinnvolle Haltung aussehen sollte: kooperativ und anerkennend.

Carmen Unterholzer


Sigrun EDER, Daniela KLEIN, Michael LANKES
Volle Hose – Einkoten bei Kindern: Prävention und Behandlung
edition riedenburg, Mai 2008, 67 Seiten, €19,90

Im deutschsprachigen Raum finden sich kaum Ratgeber bzw. Kindersachbücher, die sich ausschließlich dem Thema Einkoten widmen. „Volle Hose“ füllt eine Nische in diesem Bereich. Es ist den AutorInnen gelungen, ein informatives, witziges, ansprechend illustriertes und sicherlich hilfreiches Buch zu verfassen.

Der erste Teil von „Volle Hose“ richtet sich an betroffene Kinder. Es erinnert an die Machart eines verhaltenstherapeutischen Manuals mit einer pädagogischen, jedoch deutlich systemisch orientierten Haltung und Herangehensweise. In einer kindgerechten, deutlichen Sprache sowie spielerischen, interaktiven Art und Weise (Kinder dürfen in das Sachbuch schreiben und zeichnen) erzählen die AutorInnen die Geschichte vom „Familienstinktier“, das aufhören will zu stinken. Sie verführen
zu einer Entdeckungsreise in den Verdauungstrakt und regen an, über die unterschiedlichen Formen unseres Verdauungsendproduktes zu diskutieren. Sie befragen Kinder über ihre Gefühle und über die Auswirkung des Einkotens auf die Familie, lassen das Gelesene und das neu Erfahrene im Sinne eines Quizspieles kognitiv festigen und bieten letztendlich ein Lied an („Das Kacklied“ in Furz-Dur). Viel Information für Kinder und viele Anregungen, damit Eltern mit ihren Kindern in Kommunikation treten können. Die Idee dahinter ist die Enttabuisierung des Fäkalischen. Das Problemthema Einkoten, das oft nur mehr Schwere und Scham verursacht, soll mit einem Hauch von Leichtigkeit und unter Umständen mit Humor und Offenheit besetzt werden.

Der zweite Teil ist den Eltern gewidmet und enthält allgemeine und psychologische Sachinformationen und Instruktionen bezüglich einer günstigen elterlichen Haltung. Im dritten Teil richten sich die AutorInnen direkt an PsychologInnen und PsychotherapeutInnen. Sie unterstützen darin, manch vergessenes Symptomwissen wieder upzudaten und geben einen groben Überblick dessen, wie PsychotherapeutInnen vorgehen könnten.

Im Kontext mit systemischer Therapie sei zu erwähnen, dass sich „Volle Hose“ prinzipiell gut in einen Therapieprozess mit Kindern und deren Eltern integrieren läßt, jedoch kein Therapiemanual oder therapeutisches Fachbuch ist, sondern ein gelungenes Kindersachbuch mit viel
Inhalt und vielen nützlichen Anregungen.

Andi Höher


Jutta FIEGL
Unerfüllter Kinderwunsch – Das Wechselspiel von Körper und Seele

Walter Verlag, Düsseldorf und Zürich, 2004

Grundlage für das vorliegende Buch sind die längjährigen Erfahrungen der Autorin als Psychotherapeutin in einem Institut für Sterilitätsbehandlung, das ausdrücklich einen interdisziplinären Ansatz in der Betreuung von sterilen Paaren verfolgt. Das Buch richtet sich an Betroffene, aber auch an Psychotherapeuten und Ärzte, die einen fundierten Einblick in psychotherapeutische Aspekte der modernen Reproduktionsmedizin suchen. In klarem Stil werden die biologischen Ursachen von Unfruchtbarkeit, die medizinischen Techniken der assistierten Reproduktion, vor allem aber die psychosomatischen Aspekte der ungewollten Kinderlosigkeit und der psychischen Folgen der Sterilitätsbehandlung dargestellt. Die wichtigsten Ergebnisse der einschlägigen Publikationen und auch eigener empirischer Arbeiten werden referiert.

Anhand ausführlicher Fall-Vignetten berichtet J. Fiegl aus längeren Therapien, in denen die biographischen Anteile, die Partnerschaft und andere psychosoziale Faktoren wie Migration bearbeitet werden. Ein praktischer Teil mit Fragen, die sich jedes Paar in Sterilitätstherapie stellen sollte, rundet das Werk ab.

Dieses Buch ist eine geglückte Verbindung von langjähriger klinischer Erfahrung und guter Literaturkenntnis; es ist keiner Psychotherapieschule verpflichtet, sondern reflektiert  profunde eigene Kenntnisse. Wohltuend ist nicht zuletzt die Freiheit von Ideologien in Bezug auf die Reproduktionsmedizin, die sich in vielen anderen Werken zur Psychosomatik dieses Themas finden; das Anliegen der Autorin sind ausschließlich die Bedürfnisse und Interessen der ratsuchenden Paare.

Univ.-Prof. Dr. Martin Langer


Jörg Flecker, Sabine Kirschenhofer:
Die populistische Lücke. Umbrüche in der Arbeitswelt
und Aufstieg des Rechtspopulismus am Beispiel Österreichs

Berlin, edtion sigma 2007, 165 Seiten, € 15,90

Dieses Buch hat sich aus sozialwissenschaftlicher Perspektive und in bourdieuscher Haltung an die „Sorgen und Nöte der kleinen Leute“ angenähert,
von denen die politisch Verantwortlichen seit Jahrzehnten nach jeder Wahl nicht müde werden zu behaupten, sie nun ernst zu nehmen.
Die auf erwerbsarbeits-biografischen Interviews aufbauende Forschungsarbeit ist diesen Sorgen, Nöten und dem Arbeitsleid auf der
Spur und nimmt sie ernst. Neben vielfältigen Geschichten aus der Arbeitswelt, liegt eine der Stärken des Buches in der klaren Darstellung,
dass individuelle Unsicherheit und die ureigenen Abstiegsängste, Gefühle von Ohnmacht und des Nicht-Gehört-Werdens von vielen
Menschen geteilt werden.

Hier erklärt sich auch der Titel: Dem Dauerbombardement der einfachen Botschaften, dass jede/r allein für sich selbst verantwortlich ist und
jede/r nur über die eigene Leistung durch lebenslanges Lernen und ständige Anpassung an die wirtschaftlichen Realitäten überleben kann,
wird – öffentlich – nichts entgegengesetzt. Der Teil der Bevölkerung, der die Sozialfälle und die Ausländer (Abgrenzung nach unten) sowie
Politiker und Manager (Abgrenzung nach oben) als Ursache und Verursacher ihres härter werdenden Lebens sieht, wird von populistischen
Parteien bedient. Der Teil der Bevölkerung, der in einer demokratisch-solidarischen Weise dem modernen Leben Lebenswertes abringt,
organisiert sich selbst, findet keine politische Heimat bei den real existierenden Parteien und existiert doch.

Christian Srienz
Ben FURMAN, Tapani AHOLA:
Twin Star - Lösungen vom anderen Stern. Zufriedenheit am Arbeitsplatz als Zwilling des Erfolgs
Carl Auer, Heidelberg, 2004, Preis EUR 15,40,  ISBN: 3-89670-440-0 

TwinStar ist eine einfache, aber wirksame Methode, innerer Kündigung, Burnout-Tendenzen und vergifteter Arbeitsatmosphäre entgegenzuwirken. Das Konzept zielt auf die Schlüsselfaktoren psychosozialer Gesundheit ab und liefert praktische Werkzeuge, diese Prinzipien an die Mitglieder unterschiedlichster Organisationen weiterzugeben. Vieles davon erscheint uns logisch, wird aber bei Beratungen, Supervisionen - oder auch im eigenen Teamgesprächen - oftmals zu wenig beachtet. Wenn Stress, Burnout und Erschöpfung den Arbeitsalltag bestimmen, kann kein Unternehmen gedeihen. Von einem guten Arbeitsklima profitieren beide Seiten: der Arbeitnehmer und "sein" Unternehmen. Der Schlüssel zum Erfolg liegt im Umgang mit den Menschen miteinander. Doch wie schafft man es, selbst in Situationen, die das Risiko eines Konflikts in sich tragen, klug diplomatisch und lösungsorientiert zu handeln? Ben Furman und Tapani Ahola haben mit Reteaming ein international erfolgreiches Konzept zur Lösung von Problemen am Arbeitsplatz entwickelt mit Twin-Star wird gezeigt, wie Kränkungen, Kritik und Rückschläge aufzufangen bzw. zu vermeiden sind. Ein Management- Buch mit dem allgemein bekannten Humor der Autoren kurzweilig verfasst.

Robert Koch
Stephen G. GILLIGAN 
Liebe dich selbst wie deinen Nächsten. Die Psychotherapie der Selbstbeziehungen
Carl-Auer-Systeme Verlag, Heidelberg 2004

Steigerung des Selbstwertes - das ist ein häufiges Anliegen, mit dem sich KlientInnen an PsychotherapeutInnen wenden. Vieles scheint davon abzuhängen: das persönliche Wohlbefinden, eine gelungene Partnerschaft, der berufliche Erfolg. Voraussetzung für ein gesundes Selbstwertgefühl ist die Fähigkeit, sich selbst zu mögen. Mit dieser Kompetenz hat sich der Hypnotherapeut Stephen Gilligan in seinem zuletzt erschienenen Buch „Liebe dich selbst wie deinen Nächsten" befasst. Erkenntnisleitend ist für ihn dabei die Frage, wie sich durch Psychotherapie Mut und Freiheit zur Liebe forcieren lassen. Er konzentriert sich auf den „self-relations-Ansatz", den Ansatz der Selbstbeziehung, den er im Laufe der letzten 20 Jahre durch seine klinische Erfahrung in seiner Praxis in San Diego und durch seine Lehr- und Forschungstätigkeit entwickelt hat. Als seine Mentoren nennt er Milton Erikson und Gregory Bateson. Wer Gilligans Buch liest, merkt aber bald, dass er nicht nur aus „psychotherapeutischen Quellen" schöpft. Es fließen auch Lehren buddhistischer Autoren und der Kampfkunst Aikido ein - gewöhnungsbedürftig für eine rational orientierte Psychotherapeutin. So zählen zu seinen Grundprämissen - formuliert im ersten Teil des Buches - unter anderem Sätze wie „Du wirst mit einer unzerstörbaren, ,weichen Stelle', einem unzerstörbaren Mittelpunkt geboren" oder „In dieser Welt existiert eine Intelligenz, die größer ist als du". Glaubenssätze wie diese seien wichtig, so Gilligan, um Probleme und Symptome in einem wohlwollenden Licht sehen zu können. Im zweiten Teil benennt er ganz konkrete Praktiken, welche die Selbstbeziehung stärken: bewusstes Atmen, Muskelentspannung und konzentrierte Aufmerksamkeit gegenüber seinem Körper. Eine ganz entscheidende Methode, um die Liebe zu sich selbst zu beleben, ist die Fähigkeit, „selbstverneinende Prozesse" zu identifizieren und sie in Frage zu stellen. Teil drei präsentiert Rituale, um Prämissen und Praktiken zu verankern.

Was abstrakt klingt, führt Gilligan in therapeutischen Dialogszenen vor, jede Intervention skizziert er konkret, indem er die einzelnen Schritte genau beschreibt. Trotzdem ist Gilligans Buch über die Selbstliebe kein Buch mit therapeutischen „Rezepten": „Die Anregungen sind nicht als allumfassende und unveränderliche Methode gemeint. Sie sollen Worte der Ermutigung sein, (…) um wirklich zu lieben."

Carmen Unterholzer  


Colin GOLDNER (Hrsg.)
Der Wille zum Schicksal. Die Heilslehre des Bert Hellinger
Überreuther 2003

Im Zusammenhang einer ständig anschwellenden Flut von Büchern Hellingers und seiner Anhänger und einer immer kritischer werdenden Berichterstattung und Kommentierung dieses bunten Treibens  in diversen Zeitschriften und Magazinen (z. B. Die Zeit vom 21. 8. 03) und der damit oftmals verbundenen neuerlichen Sensationsmache, ist die vorliegende seriöse Aufarbeitung dieser bedenklichen Entwicklungen  im nahen Umfeld systemischer Therapie mehr als willkommen. 

In 20 Beiträgen wird von namhaften Autoren -  z. B. Thea Bauriedl, Heiner Keupp, Ursula Nuber, Arnold Retzer, Fritz Simon, Petrus van der Let u. a. -  eine hervorragend recherchierte und gut dokumentierte kritische Auseinandersetzung mit Person, Methode und Anhängerschaft des ehemaligen Afrika Missionars vorgelegt. Diese sorgfältige und gründliche Aufarbeitung umfasst  philosophische, psychologische, psychotherapeutische,  pädagogische, politische, theologische und vor allem rechtliche Aspekte eines immer dubioser werdenden Phänomens.

Die Lektüre des Buches macht  es mir leichter, zu verstehen, wie es möglich ist, dass nicht nur „psychotherapeutische Laien" sondern  auch Experten in den Bann dieser als längst überholt geglaubten Wirklichkeitskonstruktionen geraten. Sie ändert allerdings nichts an meiner Betroffenheit, dass viele PsychotherapeutInnen und psychotherapeutisch Interessierte systemische Therapie mit diesen reaktionär-normativen, patriarchalischen und   autoritätsgläubigen Ideen in Verbindung bringen.


Gerhard Walter 
(ausführliche Rezension im Heft Systeme Jg. 17, Heft 2/03, S.232)


Konrad Peter GROSSMANN (2000):
Der Fluss des Erzählens - Narrative Formen der Therapie
Carl Auer, Heidelberg, öS 234,-

Hier fließt nicht ein dünnes Bächlein, sondern ein breiter Strom narrativer Dialogkunst, mit anschaulichen Überblicks- und Detailkarten einzelner Flussabschnitte, mit Hinweisen auf Quellen, (methodische) Verzweigungen, Stromschnellen und Kraftwerke. 
(ausführliche Rezension im Heft Systeme Jg. 14, Heft 2, S. 200f)

Andrea Brandl-Nebehay

Hermann HAKEN/Günter SCHIEPEK:
Synergetik in der Psychologie. Selbstorganisation verstehen und gestalten
Hogrefe Verlag, Göttingen, 2006Ein Buch zur Grundlagentheorie von Günter Schiepek in Zusammenarbeit mit Hermann Haken, gewidmet dem Lebenswerk dieser zwei Personen: Herrmann Haken als Begründer der Synergetik oder der Lehre von den Zusammenhängen und Günter Schiepek als der, der diese Lehre in unserem und angrenzenden Bereichen zur Anwendung kommen lässt. In der Geschichte der systemischen Gemeinschaft ist diese Wissenschaft unserer Beschäftigung mit der Chaostheorie zuzuordnen: Wir Praktiker entdeckten wieder einmal eine Analogie zu unserem Tun im hochwissenschaftlichen Milieu: Wir wussten, dass Systeme noch so komplex werden konnten, eine Ordnung gab es immer noch irgendwo ... Mehr wussten wir nicht und als Praktiker gaben wir uns damit zufrieden.

Als theoretisch interessierte Praktikerin stelle ich fest: Manchmal ist eine solche Haltung unsinnig, weil wir meinen, etwas zur Erklärung unseres Handelns zu haben, von dem wir nicht die leiseste Ahnung haben. Hinter Begriffen verbergen sich Konzepte, hinter Konzepten verbergen sich Theorien und Positionen.

Sollten wir unsere klinische Erfahrung seriös auf Grundlagentheorien in unserem Bereich beziehen wollen, so ist die Synergetik eine Methode der Wahl. Sie ist hervorragend für die wissenschaftliche Bearbeitung der Praxis in komplexen Systemen geeignet.

Dieses Buch ist das erste, welches sich weitläufig mit der Theorie und Anwendung von Selbstorganisation in verschiedensten Disziplinen (Neurologie, Psychologie, Organisationsentwicklung, Psychotherapie…) auseinandersetzt und Forschungsmodelle aufzeigt.

Psychotherapie verstehen die Autoren als „prozessuales Schaffen von Bedingungen für die Möglichkeit von Ordnungs-Ordnungs-Übergängen zwischen Kognitions-Emotions-Verhaltens-Mustern eines bio-psycho-sozialen Systems in einem (als Psychotherapie definierten) professionellen Kontext" (S. 327).

Abbildungen zur Forschungstätigkeit werden in einer dem Buch mitgelieferte DVD veranschaulicht und dienen dem interessierten Leser zur Auflockerung. Für jene, die sich mit dem Thema der Selbstorganisation in der systemischen Arbeit auseinandersetzen möchten, ist dieses Werk eine Pflichtlektüre. Und es ist auch für jene, die sich nicht mit den mathematischen Formeln auseinandersetzen wollen, lesenwert.

Corina Ahlers
Jutta HARTMANN  (Hrsg.in)
Grenzverwischungen. Vielfältige Lebensweisen im Gender-, Sexualitäts- und Generationsdiskurs
STUDIA Universitätsverlag, Innsbruck 2004

Geschlecht (Frau oder Mann), sexuelles Begehren (homo- oder heterosexuell) und Generation (Erwachsen oder noch nicht erwachsen) stellen in der heutigen westlichen Gesellschaft sehr bedeutende Differenzierungskategorien dar, welche jeweils sowohl identitätsstiftende als auch gesellschaftsstrukturierende Funktionen erfüllen. Anhand kritisch-dekonstruktiver und sozial konstruktivistischer Perspektiven werden von verschiedenen Autorinnen und Autoren diese Ordnungskategorien in Frage gestellt bzw. wird ihnen ihre Selbstverständlichkeit genommen. Einerseits wird jedem Essentialismus die Berechtigung abgesprochen und die gesellschaftliche Konstruktion dieser Normen entlarvt, andererseits wird auch versucht der Frage nachzugehen inwiefern sich bestimmte dominante Diskurse auf individueller psychischer und körperlicher Ebene einschreiben und somit „Realität" konstituieren.

Dekonstruktive Geschlechterforschung, wie sie insbesondere durch Judith Butler angeregt wurde, begreift die Kategorien „Mann" und „Frau", „männlich" und „weiblich" nicht als gegebene Gewissheiten. Die gesellschaftliche Norm der Zweigeschlechtlichkeit und die darin unterstellte kausale Verbindung von sex (biologisches Geschlecht), gender (kulturell-soziales Geschlecht) und desire (Begehren) wird in Frage gestellt. So führt Susanne Luhmann in ihrem Beitrag an, dass die Unterscheidung Mann/Frau zuallererst eine sprachliche ist, die der Unterscheidung von Körpern immer schon vorausgeht. „Die Bestimmung des prä- oder postnatalen Geschlechts basiert auf der Annahme der Zweigeschlechtlichkeit, nämlich darauf, dass jeder Mensch eindeutig weiblich oder männlich ist. Und selbst wenn Körper etwas anderes als ein eindeutiges Geschlecht zeigen, dann wird notfalls durch den chirurgischen Eingriff Geschlechtereindeutigkeit hergestellt." (S. 43). So weist sie auch darauf hin, dass in einigen Kulturen neben Mann und Frau auch andere Geschlechtervarianten existieren.
Der im Rahmen der Queer Theory entwickelte Begriff der „Heteronormativität" reflektiert Heterosexualität in Anlehnung an Michel Foucault als Machtverhältnis, welches alle (westlichen) gesellschaftlichen und kulturellen Bereiche durchzieht. So wird gezeigt wie in herkömmlichen Diskursen über Körper, Partnerschaft, Familie und Erziehung die heterosexuelle Paarbildung als (natürliche) Selbstverständlichkeit angenommen wird. Gerade diese Selbstverständlichkeit ist auch in „systemischer" Literatur immer wieder zu finden.
Für die Praxis fordert z.B. Sabine Fabach in ihrem Beitrag dazu auf, die eigenen dualistisch aufgebauten Denkmuster zu erkennen und in Frage zu stellen. Dadurch, dass diese gesellschaftlich konstruiert und ständig verstärkt werden, bekommen sie eine Normalität, die sie unsichtbar und damit umso wirksamer machen. „Unreflektiertes Handeln festigt die gesellschaftlichen Normen und die bipolare Ordnung zum Schaden der KlientInnen, welche oft gerade wegen der Enge dieser kollektiven Festschreibungen in eine Krise geraten sind." (S. 210). Es gelingt den AutorInnen den oft im elitär-akademischen Elfenbeinturm geführten kritischen Diskurs mittels Beispielen aus der Praxis und der Empirie durchgängig interessant und alltagsnah zu halten. Beiträge zur Theorie stammen von Jutta Hartmann, Andrea Maihofer, Susanne Luhmann und Edgar Forster; zur Empirie von Anja Tervooren, Bettina Fritzsche, Kristina Hackmann, Barbara Keddi, Lothar Böhnisch und Christian Kleese; zur Praxis von Anne Thiemann, Thomas Kugler, Olaf Stuve, Elisabeth Tuider , Peter Ebel und Sabine Fabach.

Erik Zika


Thomas Friedrich-Hett (Hrsg.)
“Positives Altern. Neue Perspektiven für Beratung und Therapie älterer Menschen.”
transcript Verlag, Bielefeld 2007, € 23,80

Lange hielt sich das Vorurteil, Psychotherapie sei nichts für ältere Menschen. Man hielt es mit Sigmund Freud, der meinte, eine Behandlung bei älteren PatientInnen sei nur von begrenztem Nutzen, da Menschen mit zunehmendem Alter geistig rigider werden, was Veränderungen erschwere. Heute gilt diese Einschätzung als überholt und die Forschung in der Gerontopsychotherapie boomt. Die Zahl der PsychotherapeutInnen, die mit älteren Menschen arbeiten, nimmt zu. Trotzdem herrscht immer noch ein vorwiegend defizitorientiertes Verständnis vom Altern. Es wird mit Abbau gleichgesetzt. Thomas Friedrich-Hett setzt auf Umdeutung. Statt sich auf Defizite zu konzentrieren, sollten Ressourcen beachtet werden, statt von Abbau sollte man von Umbau reden, statt von Vergesslichkeit von Konzentration auf das Wesentliche. Alt werden bedeutet nicht zwangsläufig unselbständig, hilfsbedürftig und krank zu werden. Die Mehrheit der älteren Menschen ist zufrieden, selbständig, gesund und aktiv. „Zahlreiche Forschungsergebnisse belegen, was nach wie vor wenig bekannt ist: Dass die bestehenden Altersvorurteile unangemessen sind und längst in den Bereich der Mythen gehören“ (16), schreibt der Herausgeber Thomas Friedrich-Hett in „Positives Altern“.

Der Psychologe und Lehrtherapeut für systemische Therapie in Marburg hält sich bei seiner Auseinandersetzung mit dem Alter an die wörtliche Bedeutung von altern, nämlich sich wandeln, sich verändern. So geht es ihm in „Positives Altern“ um die Dekonstruktion unserer vorherrschenden Bilder von alten Menschen. Überzeugend und faktenreich stellt er im einleitenden, theoretischen Beitrag dar, wie ältere Menschen zu dem gemacht werden, was wir in ihnen sehen. Diesem Bild stellt er empirische Untersuchungen gegenüber und es wird schief. Trotz körperlicher Beschwerden sind ältere Menschen genauso glücklich und zufrieden wie jüngere. Sie erleben Gefühle intensiver, komplexer und erfüllender als jüngere. Mit angenehmen Erlebnissen, mit positiven Emotionen gehen sie effizient um, während sie sich von negativen schneller verabschieden. Vielfach ist nachgewiesen, dass die Lernfähigkeit älterer Menschen langsamer und störungsanfälliger geworden ist, aber auch genauer.

Noch eine Revision: „Entgegen der Annahme von höherer Rigidität im Alter, sind Ältere nach wissenschaftlichen Untersuchungen hinsichtlich schützender Selbsttransformation flexibler als Jüngere, was sich positiv auf ihre Zufriedenheit auswirkt.“ (26) Thomas Friedrich-Hett analysiert die fatalen Folgen unserer negativen Altersbilder. Sie werden für ältere Menschen zu Belastungsfaktoren, die sie in bestimmten Lebenssituationen in die Krise führen, zB. dann, wenn die Zuschreibung von Abhängigkeit alte Menschen besonders vorsichtig werden lässt, um niemandem zur Last zu fallen, und sie so in soziale Isolation geraten. Nach der theoretischen Erörterung rückt Thomas Friedrich-Hett die Beratung und Therapie älterer Menschen ins Zentrum seiner Analyse. Haltungen, Gesprächsführung, Ziel- und Zukunftsorientierung, aber auch Stolpersteine konkretisiert er anhand eigener Praxisbeispiele. Dieser erste, umfangreiche Beitrag – überschrieben mit „Ressource“ – ist die Grundlage für die darauf folgenden Berichte aus der Praxis, die unter „Diskurs“ subsumiert werden. Erlebnistherapeutische Methoden in der Arbeit mit älteren Menschen werden vorgestellt, sowie Paarberatung im Alter oder Beratung für schwule Senioren. Renate Rubin schreibt in „Entwicklung und Bildung in der 4. Lebensphase“ über ihre poesie- und bibliotherapeutische Arbeit mit hoch betagten Frauen. Ausgehend von einem „Kompetenzmodell des Alters“ orientiert sie sich an den Ressourcen alter Menschen, die diese bis an ihr Lebensende weiterentwickeln. Sie zeigt, wie die negativen Altersstereotype den schreibenden Frauen im Projekt „Schreibstube“ zunächst im Wege standen und wie im Laufe des Schreibprojekts der Selbstwert und die Selbstwirksamkeit der Teilnehmerinnen zunahmen. So fanden die schreibenden Frauen am Ende des Projekts selbstbewusst, dass der Begriff „Schreibstube“ der Qualität ihrer Texte nicht entspräche. In ihrem Beitrag zeigt die Schweizer Literaturpädagogin immer wieder, wie sich die theoretischen Postulate in der konkreten Praxis umsetzen lassen.

Alt wird, wer gesund und zufrieden ist, in wessen Leben das Positive überwiegt. Wer sich überflüssig fühlt, wer verbittert und griesgrämig ist, stirbt im Schnitt sieben Jahre früher. Psychotherapie kann körperliches Leiden älterer Menschen zwar nicht beheben, aber erträglicher machen. „Positives Altern“ trägt dazu bei, die Sicht auf das Altern entscheidend zu verändern und ist somit ein wichtiger Beitrag für die Gerontopsychotherapie. Allen, die mit älteren KlientInnen arbeiten, allen, die das Altern
beschäftigt, ist es wärmstens zu empfehlen.

Carmen Unterholzer

Sven HILLENKAMPF, Ende der Liebe. Gefühle im Zeitalter unendlicher Freiheit“.
Klett-Cotta, Stuttgart 2009 (EUR 22,90)

Schon der Klappentext macht darauf aufmerksam: „Dies ist kein Sachbuch, denn es bleibt nicht sachlich. Es ist ein Buch, das maßlos übertreibt – über eine Welt, die maßlos übertreibt“ – soweit sei auch das, was sich meines Erachtens an „Das Ende der Liebe“ kritisieren lässt, ausnahmsweise gleich am Anfang erwähnt: Es ginge auch mit etwas weniger Wiederholungen (Übertreibungen?) auf weniger Seiten.
Aber: Diese Stilfragen beiseite gelassen ist es eine Freude Hillenkamps pointierte gesellschaftsdiagnostische Formulierungen zu lesen. Die Hauptthese von Hillenkamp, der u. a. Soziologie studierte und als Redakteur der
„Zeit“ tätig war, ist, dass in einer Zeit der unbegrenzten Möglichkeiten die Freiheit zu wählen zum neuen Zwang wird, der bei den sogenannten „freien Menschen“ den permanenten inneren Auftrag der elbstoptimierung hervorruft aber auch ständige Selbstzweifel. „Jeder Mensch versagt vor seinen unbegrenzten Möglichkeiten. Keiner erreicht, was er erreichen könnte. Noch vor nicht langer Zeit befand der Mensch sich im Kampf mit der Ordnung. Heute befindet der Mensch sich vornehmlich im Kampf mit sich selbst.“ Dem entspricht die Bewegung der endlosen Suche „nach etwas Besserem (...) einem besseren Ich, einem besseren Du“.
In einer Zeit, in der die Menschen immer vergleichen können, ja müssen, in der die Möglichkeiten Beziehungen aufzubauen sich durch Internet und Freizeitindustrie im Vergleich zu früher vervielfacht haben, wird Liebe unmöglich. „Warum mit einem leben, dem es an Verständnis fehlt, wenn es möglich scheint, jemanden mit totalem Verständnis zu finden? Warum mit einem leben, der anders ist, wenn es möglich scheint, einen zu finden, der gleich ist, der in allem zu einem passt?“ – Hillenkamp erzählt von Menschen,
die trotz gefundener Partnerin ihr Profil im Internet stehen lassen; von Menschen, die sich trennen, um nicht in ihrer Entwicklung behindert zu werden. Die Menschen „trennen sich nicht mehr nach einer Beziehung,
sondern vor einer Beziehung“. Es geht um eine „Beschleunigung der Enttäuschung.“ „Die freien Menschen sind Meister der prä-amourösen Diagnostik, des frühzeitigen Leidenschaftsabbruchs. Sie wissen genau, was
sie suchen. Sie sind Menschenkenner, wie andere Kenner von Weinen oder Filmen sind. Sie haben einen feinen Geschmack. Sie haben ihn mehr und mehr verfeinert“.
Dem zu Grunde liegt der – „durch ein Massenmedium namens Psyche, namens Selbst oder Ich“ – vermittelte gesellschaftliche Anspruch, sich selbst bzw. seine Möglichkeiten zu verwirklichen. „An die Stelle von Treue tritt Entwicklung.“ Dies lässt der Liebe, die früher gerade durch ihre Unvernunft, durch den Charakter ihrer „Krankheit“ und ihres Wahnsinns ihre romantisierte Berechtigung hatte, wenig Chancen. Heute wollen
die Menschen keine irrationale, „krankmachende“ Liebe mehr, „die Menschen wollen endlich gesund werden“. Sie wollen Beziehungen, die ihnen gut tun. In Zukunft – so die Prognose von Hillenkamp – wird daher
die Vernunftbeziehung die Liebesbeziehung ablösen: „Wo Erregung war, soll Behaglichkeit werden“.
Verena Kuttenreiter


Mark A. HUBBLE, Barry L. DUNCAN, Scott D. MILLER (Hrsg) (2001):
So wirkt Psychotherapie.
Empirische Ergebnisse und praktisch Folgerungen.
Verlag Modernes Lernen, Dortmund, € 29,80

"Nulldefizit" war das am häufigsten gebraucht Wort des Vergangenen Jahres und "moderne Gesundheitsökonmomie" die Lieblingsphrase von Sozialversicherungsträgern. Sie wollen glauben machen, dass Psychotherapie zu teuer sei. Umso wichtiger ist in Zeiten, in denen der Psychotherapie der kalte Wind ins Gesicht weht, der Nachweis ihrer Wirkung. Mit dem Buch "So wirkt Psychotherapie" haben Mark. A. Hubble, Barry L. Duncan und Scott D. Miller ihn erbracht. Sie haben mit anderen WissenschaflerInnen 50 Jahre Psychotherapieforschung und tausende von empirischen Daten  aufgearbeitet. Das Resultat: Psychotherapie wirkt - bei den meisten KlientInnnen bereits innerhalb kürzester Zeit, und die Besserung ist von Dauer. Unterschiede in der Wirksamkeit zwischen den einzelnen Schulen stellten das Forschertrio und seine KoautorInnen nicht fest. Dies ließ sie "das Augenmerk auf das richten, was funktioniert". 

Vier Faktoren, die in allen effizienten Therapien vorkommen, haben sie erforscht: extratherapeutische Faktoren, Beziehungsfaktioren, Hoffnungen/Erwartungen und Modelle/Techniken. Zu 40% sind extratherapeutische Faktoren für Veränderung bei KlientInnen verantwortlich. Das kann eine weise Großmutter sein, religiöser Glaube oder die Erfahrung einer früheren, positiv bewältigten Krise - also Ressourcen der KlientInnen. Zu 30% entscheidet die gute Beziehung zwischen KlientInnen und TherapeutInnnen über den Erfolg der Therapie. 15% werden dem Placebo-Effekt zugerechnet. Bereits die Tatsache, dass KlientInnen durch Psychotherapie auf Veränderung hoffen, bewirkt Besserung. Die verbleibenden 15% sind auf Techniken und Methoden zurückzuführen. Mit den empirischen Daten allein geben sich die AutorInnen allerdings nicht zufrieden. Sie analysieren auch die praktischen Implikationen. Jeder Beitrag schließt mit drei Fragen der Herausgeber ab, welche die AutorInnen beantworten: Wie verändern die im Beitrag erwähnten Erkenntnisse die Praxis der TherapeutInnen? Was bedeutet dies für die Zukunft der Profession? Welche Konsequenzen haben die Ergebnisse für die AUsbildung? Dieser unmittelbare Praxisbezug macht "So wirkt Psychotherapie" zu einer sehr wertvollen Quelle für Studierende  aber auch für AusbilderInnen. 

Carmen Unterholzer
(ausführliche Rezension von Jürgen Hargens im Heft Systeme  Jg. 15, Heft 2/01, S. 144)


Gerald Hüther:
Biologie der Angst - Wie aus Stress Gefühle werden
Göttingen, Vandenhoeck und Ruprecht 2005, 130 Seiten, € 15,90

Wir systemischen TherapeutInnen haben die Macht der Ressourcen auf unsere Fahnen geschrieben und waren uns damit unserer Überlegenheit über andere Verfahren sicher. Wir haben die positive Konnotation, die Liebe, die Geborgenheit und andere positive Affekte immer nur als Ressource gesehen, Angst dagegen, als negativ und gefährlich. Peter Fiedler, ein Heidelberger Psychologe hat schon darauf hingewiesen, dass viele Personen aber ihres Gefühlsspektrums beraubt werden, wenn man die negativen Affekte als schlecht betrachtet und nur die positiven beachtet und versucht zu erweitern. Hüther bringt uns mit diesem (übrigens sehr leicht lesbaren und irgendwie sogar spannenden) Buch
den Stress und seine Bedeutung für das Lernen nahe.
Die Stressreaktion ist offensichtlich nicht nur der Lenker der Evolution sondern auch der Modellierer, der sogar noch im Laufe unseres Lebens dafür sorgt, dass zunächst richtige, sich später als Sackgassen erweisende Verschaltungen aufgelöst und neue Wege eingeschlagen werden können. Und in beiden Fällen ist der Auslöser dieser Reaktion die Angst. Angst bezeichnet hier das bei jeder psychogenen Stressreaktion ausgelöste Gefühl, das sich durch die individuelle Bewältigbarkeit einer bestimmten psychischen Belastung zwangsläufig verändert. Das ursprüngliche Gefühl der Angst verwandelt sich daher in Abhängigkeit von der individuell gemachten Erfahrung zu einem Spektrum von Gefühlen, die wir aus
der Erfahrung der Überwindbarkeit initial empfundener Ängste entwickeln: Überraschung, Neugier, Freude, Lust.
Hüther unterscheidet nicht in Eustress oder Dysstress, sondern in unkontrollierbar oder kontrollierbar erscheinende Stressreaktionen. Bei unkontrollierbar erscheinendem Stress wird Angst zu Verzweiflung, Ohnmacht und Hilflosigkeit. Nebennieren schütten Kortisol statt Adrenalin aus. Es bleibt nichts übrig, als sich dem Schicksal zu fügen. Selbstzweifel, Energiereserven werden aufgezehrt, man wird müde, kraft- und mutlos. Gleichzeitig entsteht Unruhe und Lähmung. Die individuelle Bewertung der Kontrollierbarkeit entscheidet darüber, welche Art von Stressreaktion erfolgt. Zu einer kontrollierbaren Stressreaktion kommt es dann, wenn die bisher angelegten Verschaltungen zwar prinzipiell zur Beseitigung der Störung geeignet, aber noch nicht effizient genug sind (=Herausforderung). Unkontrollierbar wird dann die Stressreaktion, wenn keine der vorhandenen Verhaltensoder Verdrängungsstrategien auch nur ansatzweise geeignet ist, das
ursprüngliche Gleichgewicht wiederherzustellen. Die Vorerfahrungen, die jeder einzelne in seinem Leben gemacht hat, bestimmen, wie eine plötzlich
auftretende Veränderung seiner Lebenswelt interpretiert wird.
Bewältigung der Angst entsteht durch Wissen und Können und durch das Gefühl, dass man nicht allein ist, dass jemand da ist, der einem zur Seite steht (ein Affe, bei dem ein ihm bekannter Affe sitzt, hat keine Stressreaktion), real und in der Vorstellung, durch Personen, Tiere, Bilder und durch Glauben: Liebe. Aber die Liebe erzeugt wiederum die Angst, dass das Objekt wieder weggenommen wird: Hass, Wut, Aggression, Feindschaft. Je dünner die Decke aus Liebe und Kompetenz ist, mit der der Mensch seine Angst bedecken kann, desto mehr muss er diejenigen hassen, die den Schutz vor seiner Angst bedrohen.
Daher ist es unbedingt notwendig, Kindern Geborgenheit bei Angst zu vermitteln. Das ist die wichtigste Voraussetzung für das Lernen. Zu frühes –
überforderndes – Lernen macht Stress, zerstört entwickelte Strukturen. Eltern müssen ein feines Gefühl dafür entwickeln, wann ein Kind verunsichert ist. Unter diesem sicheren Schirm kann es sich entfalten. Flache Beziehungen rütteln das noradrenerge System nicht wach und sie bringen auch keine Ruhe in das Gehirn, wenn dort das große Durcheinander einer unkontrollierbaren Stressreaktion ausgebrochen ist. Nur wenn Kindern Gelegenheit geboten wird, und sie diese Gelegenheit auch nutzen können, um sich und all das, was sie zu einem bestimmten Zeitpunkt ihrer Entwicklung bereits denken, fühlen und können, in immer neuen Beziehungen zu anderen Menschen zu erproben, zu erweitern, zu vertiefen, und – falls erforderlich – auch wieder aufzulösen, werden sie in die Lage versetzt, sich einen gangbaren Weg durch das anfängliche Wirrwarr ihrer
widerstreitenden Gefühle zu bahnen.So kann die Neurobiologie therapeutisches Handeln beeinflussen und eine Brücke zu anderen Therapierichtungen schlagen.

Joachim Hinsch


Renate Hutterer-Krisch (2007)
Grundriss der Psychotherapieethik. Praxisrelevanz, Behandlungsfehlerund Wirksamkeit. Unter Mitarbeit von: Renate Riedler-Singer, Thomas Gutmann, Veronika Hillebrand, Erwin Parfy, Andrea Schleu, Josef Vetter
Springer 2007, 521 Seiten, € 59,90

Ich habe mich sehr gefreut, dieses umfassende Werk auf Wunsch meiner Kollegin Renate Riedler-Singer rezensieren zu dürfen, da es sich bei dieser Thematik seit Jahren um einen ihrer Haupt-Interessensschwerpunkte handelt, den sie auch im universitären Bereich vermittelt. Zum einen bietet das Buch eine grundlegende Einführung in ethische Fragen und Positionen (ethische Begründungsmuster, Begriffsklärungen, Unterscheidung zwischen Ethik und Moral usw.), die unmittelbar mit der Thematik der Psychotherapie verknüpft werden. Bei der ethischen Reflexion psychotherapeutischen Handelns wird auf die Pluralität der unterschiedlichen psychotherapeutischen Schulen und die von ihnen vertreten Menschenbilder und Methoden eingegangen (dieses Kapitel vermittelt so ganz nebenbei auch einen Überblick über die verschiedenen Schulen). Ein sehr umfassender Teil befasst sich mit Auffassungen zur Verantwortung des Psychotherapeuten/der Psychotherapeutin im Zusammenhang mit therapierelevanten Themen (Setting, Rahmenbedingungen, Diagnostik, Beendigung der Therapie usw.) sowie sehr ausführlich mit allen möglichen Behandlungsfehlern (kulturbedingte Fehlerquellen, sexueller und narzisstischer Missbrauch, diverse Verstrickungen, unsichere Bindung usw.). Im letzten Teil werden Berufskodices unterschiedlicher Länder (Österreich, Deutschland, Schweiz, USA ) beschrieben und analysiert. Das Buch scheint tendenziell einen leicht analytischen Schwerpunkt zu haben, bezieht aber andere Schulrichtungen (v.a. die systemische) ausführlich mit ein. Aus meiner Sicht sollte es in keiner Praxis einer Psychotherapeutin (Männer sind mit gemeint) und in keiner Bibliothek eines Ausbildungsvereins fehlen. Es wird aufgrund seines Umfangs wahrscheinlich eher den Charakter eines Nachschlagewerks haben. Liest man es von Anfang bis Ende durch (was allerdings auch mir nicht ganz gelungen ist), so gewinnt man einen Eindruck davon, wie relevant und komplex sich ethische Fragen im Kontext der Psychotherapie erweisen können. Ich hatte den Eindruck, dass eine Gefahr darin bestehen könnte, dass man sich (wenn man dann von dieser Relevanz weiß) zu sehr mit den eigenen „Richtigkeiten“ beschäftigen könnte, also damit, dass man auch ganz sicher ethisch korrekt handelt – und weniger mit dem Gegenüber und seinen Bedürfnissen. Und dass man über der Beschäftigung mit diesen „Richtigkeiten“ dann übersehen könnte, dass es gerade auch in diesem Kontext Graubereiche gibt, in denen man im Dienst der Herstellung von Rahmenbedingungen für Therapie und des Zugangs zu den Klienten vielleicht fallweise von der einen oder anderen ethischen Norm abweichen muss, die man grundsätzlich als bedeutsam und angemessen anerkennt. Wenn man sich den Kopf nicht allzu voll machen und damit handlungsunfähig werden lässt, erscheint mir das Buch für eine persönliche Reflexion der ethischen Thematik in der Psychotherapie aber sehr wesentlich zu sein.

Sabine Klar


Gerda KLAMMER (Mehta) , P. GEISSLER  (Hg.) (1999)
Mediation
- Einblicke in Theorie und Praxis professioneller Konfliktregelung
Falter Verlag, Wien, öS 298,-

Im ersten Teil werden das Wesen der Mediation, ihre Prinzipien sowie die Abgrenzung zu anderen professionellen Möglichkeiten der Konfliktbewältigung dargestellt. Der zweite Teil führt anhand von Berichten von PraktikerInnen in die vielfältigen Anwendungsgebiete der Mediation - wie Scheidung, Schule, Wirtschaft, Strafrecht und Politik - ein und lässt die Bandbreite methodischer Ansätze erkennen. Empfehlenswert, nicht nur weil einige ÖAS-Mitglieder (Gerda Klammer, Ruth Krumböck....) mitgeschrieben haben.

Andrea Brandl-Nebehay
Ruth KRONSTEINER (2003)
Kultur und Migration in der Psychotherapie. Ethnologische Aspekte psychoanalytischer und systemischer Therapie

Brandes & Apsel Verlag, Frankfurt am Main (2003)

In diesem Buch verbindet die Autorin gekonnt verschiedene Blickwinkel auf ein komplexes Thema, das der psychotherapeutischen Begleitung von Menschen mit Migrationserfahrung. 

Im ersten Teil bereitet sie den aktuellen und historischen Kontext zu diesem Thema auf. Sie beschreibt die Lebenssituationen von MigrantInnen in Österreich, einen Schwerpunkt setzt sie dabei auf die Gesundheit. Ein weiterer Schwerpunkt im ersten Teil des Buches stellt das Thema Psychotherapie mit MigrantInnen und Exilierten dar. 

Sehr gut hat mir der zweite Teil des Buches gefallen, in dem Ruth Kronsteiner sechs Fallgeschichten darstellt. In vier davon arbeitete die Autorin (z.T. mit Co-Therapeutin) systemisch, in zwei tiefenpsychologisch orientiert. Sehr ästhetisch erzählt sie die Geschichten ihrer KlientInnen, auf der Suche nach Heimat, im Übergang begriffen, zu neuem Halt und neuer Sicherheit, oft mit traumatischen Erlebnissen im Gepäck. Sehr aufmerksam und behutsam begleitet Ruth Kronsteiner dabei ihre KlientInnen zu neuen Ländern, deren Boden fest unter den Füßen scheint. Hiermit gelingt ihr eine anschauliche Verbindung zur theoretischen Auseinandersetzung im ersten Teil.

Im letzten und dritten Teil des Buches, werden die dargestellten Fallgeschichten anhand bestimmter Themen (z.B. Migrationsprozess, Kulturschock und Migrationskrise, Trauma, Gewalt) diskutiert. Zur Abrundung beschreibt die Ruth Kronsteiner im letzten Kapitel ihren kulturspezifischen und migrationsspezifischen Ansatz der Psychotherapie.

Leider hat sich das Buch für mich oft in der Komplexität des Themas verloren und die v.a. für die Praxis hilfreiche Reduzierung dieser Komplexität habe ich zum größten Teil vermisst. Als Buch zur Einführung in das psychotherapeutische Arbeiten mit MigrantInnen ist es auf jeden Fall empfehlenswert, da es der Autorin sehr gut gelingt, die für diese Arbeit relevanten Diskurse darzustellen.

Erik Zika, Wien


Harriet LERNER
Wohin mit meiner Wut
Fischer Taschenbuch Verlag, 11. Auflage, 1996, € 8,90

„Alarmstufe ROT“ - Es wird eng, am liebsten würde ich um mich schlagen, empfinde die Situation unerträglich, möchte schreien …und manchmaltue ich es auch ... und dann plagen mich Schuldgefühle! Wut – eine Emotion, die mich „unheimlich“ kraftvoll macht … und was nun? Meiner Ansicht und meinen persönlichen und beruflichen Erfahrungennach, hat Harriet Lerner in ihrem Buch etwas Wichtiges angesprochen: „Wut ist ein Signal, auf das wir hören sollten.“ Wut, ein Gefühl, das eng mit unseren Bedürfnissen gekoppelt ist und meist dann aktiviert wird, wenn diese zu wenig Beachtung finden, das notwendige, schützende „NEIN“ nicht oder zu spät ausgesprochen wird bzw. kein Gehör findet. Häufig wird, vor allem von Frauen, auf Grund tradierter, gesellschaftlich weit verbreiteter Rollenzuschreibung, dieses Gefühl und im speziellen das Ausleben der Aggression als ungehörig, als ein Versagen, als unweiblich und unattraktiv erlebt, da doch die Aufgabe der Frauen u. a. darin besteht, der Welt zu gefallen, zu beschwichtigen und zu bewahren.Um der ungeliebten Rolle zu entgehen, kann es hilfreich sein, weniger „gefährlichen“ Gefühlen wie Selbstzweifel, Selbstanklagen, Schuldgefühle und in weiterer Folge depressiven Zustände Raum zu geben. Damit richtet sich die Kritik in erster Linie gegen uns selbst und die mögliche Gefahr eines offenen Konfliktes und einer sich vielleicht daraus ergebenden persönlichen oder sozialen Veränderung ist gebannt. Die andere Seite der Medaille ist, der Wut freien Lauf zu lassen und - volle Kraft voraus - die empfundenen Ungerechtigkeiten anzuprangern, sich lauthals zu wehren in der Hoffnung und dem Bemühen andere zu verändern. Meist ein wirkungsloses Unterfangen! Häufig stellen sich auch hier Selbstzweifel und Schuldgefühle als Folge eines erfolglosen Kraftaktes ein und sind damit recht erfolgreiche Gegenspieler der Wut. Beide Varianten sind gleichermaßen gut dazu geeignet, andere zu schützen, die eigene klare Selbsteinschätzung zu vernebeln und in beiden Fällen bleibt meist alles wie gehabt und die nächste Runde kann beginnen. Dieses Buch geht davon aus, dass wir lernen können, unsere Wut im eigenen Sinn zu nützen und zum Ausgangspunkt von Veränderungen zu machen. (Harriet Lerner, geb. 1944, ist Psychologin und Psychotherapeutin bei der Menninger Foundation in Topeka, Kansas).

Claudia Renner

Eve LIPCHIK (2002)
Beyond Technique in Solution-Focused Therapy. Working with emotions and the Therapeutic Relationship
Guilford Press,  NY/London

Einziger Nachteil dieses Buches: Dass es noch nicht ins Deutsche übersetzt wurde. Schade. Dabei redet Eve das schöne Deutsch ihrer Kindheit, als sie aus Wien emigrieren musste. Es lässt sich leichter reden als schreiben in einer Sprache, mit der man aufwächst und die man als Vertriebene hinter sich lässt. Eve Lipchik begegnet in diesem Buch einer häufig geäußerten Kritik an Steve de Shazers lösungsorientiertem Ansatz: Dieser sei zu sprachorientiert, zu kognitiv, zu wenig interessiert an Klienten, manch Teilnehmer bei Steves Workshops erzählt: „Ein schlecht gelaunter Grummelbart". Eves Rückblick auf ihre arbeitsträchtigen Jahre zeigt, dass sich lösungsorientiertes Denken sehr wohl mit dem emotionalen Geschehen in einer Therapie kombinieren lässt, wenn man das eigene Tempo an den therapeutischen Prozess anpasst und damit den richtigen Zeitpunkt für lösungsorientierte Interventionen wählt. Vielleicht lohnt es sogar die Mühe, Teile dieses Buches selber zu übersetzen, denn durch diese zusätzliche Analyse der Sprache merkt man, wie genial manche lösungsorientierten Kommentare formuliert sind. Stark praxisorientiert und dennoch logisch an die konstruktivistische Theorie angebunden, führt uns Eve Lipchik durch lösungsorientierte Methodik und deren Anwendungsbereiche: Familien, Paare, Langzeittherapie, Krisen, Therapie mit Behinderung. Fallillustrationen zeigen sowohl Fehler wie ungünstige Verläufe als auch berührende Langzeitkontakte mit Menschen, die lebenslang verzweifelt kämpfen. Es wird vermittelt, dass Lösungsorientiertheit nicht gleichzeitig heißt, dass Therapien kurz, schnell und effektiv sein müssen. Eingangs werden 11 Leitsätze zur Haltung der lösungsorientierten Therapeutin vorgestellt, die einen als therapiebegleitendes Motto auch aus schwierigen Situationen retten können. Eve Lipchik macht uns auf viele wichtige Details in der Planung und im Aufbau der Sitzung aufmerksam, die gerade StudentInnen am Anfang ihrer therapeutischen Erfahrungen als Orientierung dienen können. Andererseits wird uns auch vorgelegt, wie kompliziert lösungsorientiertes Arbeiten ist: Eine Feinabstimmung von therapeutischem Klima, Prozess der Erzählung und dem richtig gewählten Zeitpunkt für eine lösungsorientierte Frage. Ein lohnendes Buch für alle, die lösungsorientierte Therapie einmal anders kennen lernen möchten: gefühlsbetont, sensibel und dennoch genügsam und zielorientiert. 

Corina Ahlers


Konrad Paul Liessmann
Theorie der Unbildung. Die Irrtümer der Wissensgesellschaft

Der Wiener Philosoph Konrad Paul Liessmann hat ein gut lesbares, durch seinen polemischen Stil und treffsichere Formulierungen unterhaltsames Buch über Bildung/Unbildung und Wissen in unserer Zeit geschrieben. Warum das auch für PsychotherapeutInnen interessant ist, wird spätestens bei seinen Ausführungen über die sogenannten ECTSPunkte (die früher oder später vermutlich auch hierzulande die Therapieausbildungen vereinheitlichen werden) deutlich.

Eine Ausgangsthese Liessmanns ist, dass nicht die Wissensgesellschaft, wie häufig postuliert, die Industriegesellschaft ablöst, sondern wir vielmehr in einer Zeit leben, in der Wissen industrialisiert wird, damit es – modularisiert, vereinheitlicht - in die Zone der ökonomischen Verwertbarkeit transferiert werden kann. Vor dieser Folie kritisiert Liessmann pointiert die Ideologie des lebenslangen Lernens als Instrument der Anpassung sowie das Konzept des Lernen-Lernens, das keiner Idee von Bildung mehr verhaftet ist, sondern durch das Leerstellen offen gehalten werden sollen für rasch wechselnde Anforderungen der Märkte, Moden und Maschinen.

Anhand der PISA-Studie macht Liessmann den „Ranglistenwahn" deutlich – Rankings sowie Evaluierungen, so Liessmann, fungieren dabei als wirksame Steuerungs- und Kontrollmechanismen, die verinnerlicht werden und den Phantasmen der Effizienz, der Verwertbarkeit, der Spitzenleistung und der Anpassung verpflichtet sind.

„Was die Bildungsreformer aller Richtungen eint, ist ihr Hass auf die traditionelle Idee von Bildung. Dass Menschen ein zweckfreies, zusammenhängendes, inhaltlich an den Traditionen der großen Kulturen ausgerichtetes Wissen aufweisen könnten, das sie nicht nur befähigt, einen Charakter zu bilden, sondern ihnen auch ein Moment von Freiheit gegenüber den Diktaten des Zeitgeists gewährt, ist ihnen offenbar ein Greuel. Gebildete nämlich wären alles andere als jene reibungslos funktionierenden flexiblen, mobilen und teamfähigen Klons, die manche gerne als Resultat ihrer Bildung sähen." Immanuel Kant, so ein griffiges Beispiel, der 10 Jahre an seiner „Kritik der reinen Vernunft" schreibt und Königsberg nie verlassen hat, wäre im Universitätsbetrieb unserer Zeit nicht mehr möglich.

Über den Begriff von Charakter ließe sich natürlich – gerade unter PsychotherapeutInnen – diskutieren. Anzurechnen ist Liessmann jedenfalls, dass sich seine Angriffe sowohl gegen Rechts als auch gegen Links richten und er es wagt, auch unpopuläre Positionen zu vertreten. Und nicht zuletzt bei der Polemik gegen Power-Point-Präsentationen („Überhaupt lässt sich bei derartigen Gelegenheiten ein generelles Missverhältnis zwischen dem technischen und medialen Aufwand und dem geistigen Gehalt des Gebotenen konstatieren") und dem Hinweis auf Scheinrealitäten, in denen schneller Nutzen in Hochglanzformat versprochen wird („Potemkinsche Dörfer, allesamt!") drängt sich so mancher Vergleich mit der Psychotherapieszene auf.

Verena Kuttenreiter

Gerda MEHTA, Klaus RÜCKERT (Hrsg.) (2003)
Mediation und Demokratie. Neue Wege des Konfliktmanagements in größeren Systemen
Carl-Auer-Systeme Verlag, Heidelberg, 398 Seiten, € 49,-

Es ist Krieg im Irak, die diplomatischen Bemühungen und Mediationsversuche im Vorfeld sind gescheitert. Dennoch: Die AutorInnen dieses Buches zeigen, dass und wie sich Mediation für das Konfliktmanagement im öffentlichen und politischen Bereich eignet. Politische Mediation hilft, Interessen zu bündeln und ihnen Gehör zu verschaffen. Die Beiträge dieses Buches zeigen die Anwendungsbereiche für politische Mediation in ihrer ganzen Bandbreite auf: innergesellschaftlich, interethnisch und international. Zu den namhaften AutorInnen gehören u. a. John Galtung (Träger des Alternativen Nobelpreises), Bischof Samuel Ruiz Garcia (Internationaler Nürnberger Menschenrechtspreis 2001) und Joseph Duss von Werdt der auch das Vorwort“ zur systemischen Verortung“ dieses empfehlenswerten Buches verfasst hat.
Andrea Brandl-Nebehay
Gerda MEHTA, Klaus RÜCKERT (Hrsg.): 
Bindungen Brüche Übergänge. Beziehungen und ihre Veränderungen in unterschiedlichen Lebensphasen

Falter Verlag

Menschen kämpfen ein Leben lang um Verbundensein, Loslassen und mit den Übergängen dazwischen. Dass diese Veränderungen zu massiven Problemen führen können zeigen unterschiedliche Beispiele aus der therapeutischen Praxis (Charlotte Wirl, Jutta Figl, Ruth Kronsteiner, Ingeborg Saval, Robert Koch, Ina Manfredini, Imre Márton Reményi, u.a.) ebenso wie sehr persönliche Gedanken gegen Ende eines langen Lebens (z.B. Sophie Freud). Dargestellt werden nicht nur Ideen (Bindungstheorien), wie Beziehungen halten oder brüchig werden können, sondern auch wie es gelingen kann, Krisen zu bewältigen und eine erfolgreichere Wahl von Bindungspartnern zutreffen.

Ruth Krumböck


Gerda MEHTA (Hrsg.):
Die Praxis der Psychologie. Ein Karriereplaner

2004. 557 Seiten. EUR 39,80 Springer Wien NewYork , ISBN 3-211-20426-1

Dieses Buch bietet eine verlässliche Orientierung auf dem weit verzweigten Gebiet der psychologischen Anwendungsfelder. Insgesamt werden etwa 50 traditionelle wie auch neuere Berufsfelder vorgestellt.
Wie vielfältig die Tätigkeitsfelder der Psychologen in der Praxis sind, und wie interessant das Berufsbild der Psychologen ist, wie hilfreich, professionell und sorgsam Psychologen arbeiten, ohne dabei den Blick für das Machbare, das Menschliche und das Zwischenmenschliche zu verlieren, das zeigt die Lektüre dieses Werkes. Es vermittelt somit fachlich fundiert eine breite Wissensbasis für Studenten, Psychologen und alle, die sich näher mit der Arbeit von Psychologen beschäftigen wollen. 


Gerda MEHTA, Klaus RÜCKERT (Hrsg.):

Streiten Kulturen? Konzepte und Methoden einer kultursensitiven Mediation 

Springer Wien-NewYork 2004, 218 Seiten. 9 Abbildungen. Preis EUR 34,80,  ISBN 3-211-21104-7


Kultur und Herkunft, Tradition und Geschichte, soziales Denken und individualistische Züge prägen Menschen. Sie formen auch ihre Neigungen zu Auseinandersetzung, ihre Streitstile, ihre Toleranz und Flexibilität sowie ihre Motivation zu streiten, miteinander auszukommen und Feindschaften oder Ärgernisse überwinden zu wollen.
In diesem Buch zeigen AutorInnen anhand zahlreicher praktischer Beispiele auf, wie mit Hilfe von Mediation zufriedenstellende Lösungen für ein konstruktives Miteinander erreicht werden können. Neben dem theoretischen Hintergrund von interkultureller Konfliktregelung werden methodische Besonderheiten, wie etwa Techniken aus dem Improvisationstheater, Rollenspiele und typische Anwendungsfelder, z.B. die Schule und deren kulturelles Konfliktpotential, praxisrelevant aufbereitet.
Das Buch bietet somit einen guten Überblick zur interkulturellen Mediation und ist daher unverzichtbar für alle, die mit Menschen unterschiedlicher Kultur arbeiten.


Gerda MEHTA, Erik ZIKA (Hrsg.) 

Systemische Grenzgänge - Wirksames und Wirkendes im Zwischenmenschlichen
Verlag: Krammer | ISBN: 3-901811-20-6 | 350 Seiten | 2006 Preis: € 29.50

Grenzüberschreitungen, Gratwanderungen mit Sichtung der vielfältigen systemischen Territorien „diesseits und jenseits" sind die Leitmetaphern dieses Sammelbandes, der anlässlich des 20jährigen Bestehens der ÖAS (Österreichische Arbeitsgemeinschaft für systemische Therapie und Systemische Studien) erschien. Überschritten wird auch die übliche Trennlinie zwischen Schreibenden und KonsumentInnen der Fachliteratur. Gerahmt durch Geleitworte  von Corina Ahlers, Joseph Duss-von Werdt, Jürgen Hargens und Tom Levold breiten neben etablierten Autoren (u.a. Kurt Ludewig, Harry Merl) vor allem erfahrene PraktikerInnen aus unterschiedlichsten Arbeitsfeldern sowie Studierende in verschiedenen Stadien systemischer Ausbildung eine farbenfrohe Landkarte ihrer jeweils eigenen Zugänge zum „Systemischen" aus.

In einem ersten Abschnitt werden unter der treffenden Überschrift „Systemisches ist immer wieder neu zu definieren und konkretisieren" Grundpfeiler systemischer Weltsicht aktualisiert und kritisch differenziert. Hier finden sich anschauliche Beiträge über Einzeltherapie (wo bleibt das System?), Familiensysteme weit jenseits bürgerlicher Vorstellungen („Auch das kann Familie sein...") und Reflexionen zum Thema „Systemisch im Alltag und Alltag im Systemischen".

Das nächste Kapitel beleuchtet ausgewählte systemischen Leitideen (Neugier), setzt sich mit ethischen Fragen auseinander, erläutert den Bezug zur Chaostheorie und zeichnet im Feld der Supervision den Entwicklungsweg vom Begriff der Feldkompetenz zur Kontextsensibilität und Felderkundung nach. Völliges Neuland eröffnete sich für mich mit dem Beitrag „Eine Reise hinter das Sichtbare", in dem Diversity-Ansätze in Queer-Theorien und ihre Bedeutung für die politische Positionierung systemischer Therapie dargestellt werden.

Wer an klinischen und praktischen Anwendungsmöglichkeiten systemischen Handelns interessiert ist, wird in den nächsten beiden Kapiteln fündig. Sie zirkulieren um Wirksames und Wirkendes im Zwischenmenschlichen, wie der Untertitel des Buches verspricht und spätestens hier einlöst; in bunter Reihe geht es um genuin systemische wie auch die Grenzen zu anderen Heilverfahren (bis hin zum Schamanismus) überschreitende Referenzmodelle und methodische Zugänge, inhaltlich um Paartherapie, Träume und deren Performance, um Psychoonkologie, Resilienz und das sich Einlassen mit Kindern.

GrenzgängerInnen zwischen therapeutischen und wirtschaftlichen bzw. pädagogischem Gefilden berichten über Organisationsberatung und Mobbing, über Gruppentherapie mit Jugendlichen und die kultursensitive Arbeit mit MigrantInnen.

„Herausforderungen der und durch Systemumwelten" ist der letzte Abschnitt betitelt und wirft aus der Adlerperspektive einen kritischem Blick auf gesellschaftliche Institutionen, auf sozialarbeiterische Praktiken und Traditionen der Systemtheorie. „Gegen Dogmen und Tabus" wendet sich der letzte Beitrag, eigentlich aber dagesamte Buch, das sich auch als Plädoyer für ein unerschrocken schöpferisches Gestalten des Zwischen-Menschlichen in- und außerhalb des Therapieraums lesen lässt.

Es ist kein Band, den ich systematisch von der ersten bis zur letzten Seite lesen würde. Der Reiz liegt für mich darin, mich von den poetischen Titeln der einzelnen Beiträge verführen zu lassen, zu blättern, zu schmökern, mich über das zu freuen was ich zu kennen und verstehen meine, um dann wieder auf ganz neue, unvertraute Erweiterungsmöglichkeiten des systemischen Denken und Handelns zu stoßen. 

Meine warme Empfehlung dieses vielschichtigen, gehaltvollen, ungewöhnlichen Buches möchte ich mit Sophie Freud´s Kommentar unterstreichen, der sich am Klappentext findet: „Mit Zufriedenheit sehe ich in diesen vielfältigen und anregenden Beiträgen, dass unsere Weltanschauung ihre theoretischen und praktischen Flügel weit ausgebreitet hat, mit der wohl berechtigten Hoffnung in diesem neuen schwierigen Jahrhundert einen positiven Unterschied zu machen."

Andrea Brandl-Nebehay

Die Idee, das Jubiläum "20 Jahre ÖAS” mit einem Sammelband zu feiern, entstand im engagierten ÖAS-Theoriezirkel, der sich auf die anerkennenswerte Initiative von Gerda Mehta gründete.

Die Beiträge kommen von etablierten AutorInnen, langjährigen PraktikerInnen und StudentInnen und reflektieren systemisches Denken und systemische Praxis über eine Vielfalt von Grenzen. Es sind Grenzgänge, die Beziehung herstellen zu konzeptuellen, professionellen und gesellschaftlich sich immer wieder neu differenzierenden Diskursen.

Konsequent zum Titel „Grenzgänge" wird die Palette der Themen und Beiträge sehr weit und offen gehalten. Die Einleitung der HerausgeberInnen konstruiert mit Überschriften und Zuordnungen zu inhaltlichen Themen, Beziehungen zwischen den Beiträgen und ihren Theorie- und Praxisfeldern und ist damit ein sinnstiftender Reisebegleiter.

Die Beiträge bringen engagierte und kritische Auseinandersetzungen mit systemischen Grundbegriffen, Neudefinitionen des Begriffs "systemisch”, Entwürfe klinischer Arbeit, die ausgehend von einem systemischen Schwerpunkt andere theoretische Konzepte integrieren, kritische Reflexionen mit systemischer Praxis in verschiedenen Arbeitsfeldern und mit den Herausforderungen der Systemumwelten.

Es sind Artikel, die anregen, erstaunen, verwirren, z.B. neue Länder wie Queertheorien, Schamanismus, Ethnopsychoanalyse mit systemischen Konzepten verbinden. Beiträge, die systemische Praxis in spezifischen Arbeitsfeldern, wie Psychoonkologie, Supervision und Organisationsberatung beschreiben, die Fachtermini wie Mobbing, Resilienz in den Mittelpunkt systemischer Betrachtung stellen oder Entwicklungen innerhalb der systemischen Therapie („Von der Manipulation zur Kooperation, von der Moderne zur Postmoderne") und der Beziehungswelten („Auch das kann Familie sein") beleuchten.

Besonders beeindruckt haben mich auch die Artikel zu den Systemumwelten („Gestalten wir unsere Umwelt - oder bestimmt sie uns?" und „Jeder ist seines Glückes Konstrukteur – Oder war da noch mehr?") und die beiden dialogisch gestalteten Beiträge am Ende des Buches. Einer der Artikel reflektiert die Auswirkung einer erfolgreichen gemeinsamen Projektarbeit auf eine Paarbeziehung, der zweite stellt die persönlichen professionellen Erfahrungen einer Kollegin, die seit 50 Jahren therapeutisch, seit 30 Jahren auf Grundlage systemischer Ideen tätig ist, dar.

"Systemische Grenzgänge” ist ein Buch, das die beeindruckende Kreativität, Offenheit, Vielfalt und das Potential der ÖAS-Fachwelt zeigt.

Hedwig Wagner


Michael MEUSER (2006):
Geschlecht und Männlichkeit. Soziologische Theorie und
kulturelle Deutungsmuster

Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden, 2., überarbeitete und aktualisierte Auflage 2006, 351 Seiten, € 34,90

Der deutsche Soziologe Michael Meuser beschäftigt sich in seiner 1998 als Buch publizierten Habilitation mit kollektiven Orientierungen von Männern im Wandel des Geschlechterverhältnisses. Die Neuauflage 2006 bringt eine Überarbeitung des theoretischen Konzepts und trägt der Weiterentwicklung der Geschlechterforschung in den letzten zehn Jahren Rechnung.

Im ersten, theoretischen Teil des Buches werden Männlichkeit in den Geschlechtertheorien der soziologischen Klassiker Tönnies, Simmel und Durkheim dargestellt, die Konzepte von Geschlecht als sozialer Rolle und sozialer Konstruktion analysiert, sowie eine Geschichte der Männlichkeitskonzepte in der Frauenforschung seit den 1970er Jahren nachgezeichnet. Diesen theoretischen Teil schließt das Modell des Autors selbst ab, der vorschlägt, das Konzept hegemonialer Männlichkeit nach Connell mit dem Bourdieu´schen Habitusbegriff zu erweitern.
Der zweite, empirisch orientierte Teil des Buches beschäftigt sich mit Deutungsmustern von Männlichkeit und kollektiven Orientierungen von Männern. Die verschiedenen Strömungen der seit Ende der 1970er Jahre existierenden Männerverständigungsliteratur werden im Überblick dargestellt, wobei Meuser Defizitkonstruktionen („Der Mann als Mängelwesen“), Maskulinismus („Rückbesinnung auf die gefährdete Männerherrlichkeit) und Differenzmodelle („Die Suche nach authentischer Männlichkeit“) unterscheidet. Das siebente Kapitel, das fast die Hälfte des Gesamttextes ausmacht, stellt den Diskurs von Geschlecht und Männlichkeit in den alltäglichen Lebenswelten von Männern dar. Im Rahmen seines von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Habilitationsprojektes führte Meuser mit mehreren MitarbeiterInnen Gruppendiskussionen mit „real existierenden Zusammenschlüssen von Männern“ durch: eine Männer-Selbsterfahrungsgruppe, ein Club von Führungskräften, ein Studenten-Sportverein, eine Gruppe von jungen Arbeitern und eine Kneipenrunde von älteren Arbeitern wurden befragt.
Eine zentrale Frage ist dabei, ob bzw. in welcher Weise die in Literatur und Medien oft beschriebene Verunsicherung des männlichenSelbstverständnisses bei diesen höchst unterschiedlichen Gruppen besehen könnte, allgemein weniger vorhanden war.

Auch wenn seit der Datenerhebung mehr als zehn Jahre vergangen sind, ist das Buch in seinen Aussagen höchst aktuell und bietet nebenTheorie auch Ansatzpunkte für die therapeutische Praxis: Beispielsweise ein Verständnis für unterschiedliche soziale Gruppen von Männern, von denen manche (oder alle) uns TherapeutInnen auf grund unseres eigenen Lebenskontextes relativ fremd sind.

Herbert Gröger

Walter MILOWIZ

Teufelskreis und Lebensweg. Systemisch Denken im sozialen Feld

Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, Sept. 2009


Soziale Interaktionen können Teufelskreise erzeugen.
Welche Mechanismen liegen ihnen zugrunde und wie können sie aufgelöst werden? Eine systemische Brille kann dabei hilfreich sein: Aus dieser Perspektive betrachtet werden soziale Konfliktlagen von allen Beteiligten – Familienmitgliedern, Betreuern, Institutionen – fortwährend neu erzeugt und die so genannten Probleme bleiben so lange erhalten, wie sich alle, die damit zu tun haben, immer in gleicher Weise verhalten. Verändert aber eine Person ihr Verhalten, so ist der Auflösung des Problems Tür und Tor geöffnet. Neben den theoretischen Grundlagen zeigen Berichte aus der Praxis der sozialen Arbeit anschaulich, wie der systemische Ansatz von W. Milowiz im beraterischen Alltag hilfreich eingesetzt werden kann.



Wilfried Ohms
Abschied vom Spiegelbild
Verlag C.H.Beck, München 2000, € 15,40

Die Stuttgarter Zeitung kommentiert: Das faszinierende Psychogramm einer ganz besonderen Beziehung: die ungewöhnliche Verbindung zwischen Zwillingen.

Es geht um Tod und Nähe, Vertuschen, Züchtigung und den Schein wahren – die Gutbürgerlichkeit der 60er Jahre in einer österreichischen Kleinstadt. Und es geht um die ungeheure brüderliche Nähe von eineiigen Zwillingen – mit all ihren Vor- und Nachteilen, all den Zuwendungen aber auch den Grausamkeiten. Untrennbar, ja lange Zeit ununterscheidbar, so waren die beiden Brüder im gutbürgerlichen Elternhaus aufgewachsen – mit der immer wieder Realität werdenden Demütigung der Verwechslung, der „Gleichartigkeit des Aussehens, an dem sich die halbe Stadt zu stoßen schien".

Wilfried Ohms erzählt in ständig wechselnden Rückblenden und Schilderungen der Gegenwart die Geschichte und die Beziehung der Zwillingsbrüder, die scheinbar unausweichlich dem zu Beginn angedeuteten Ende zustrebt. Der eine Bruder scheitert beruflich und privat, schreitet von einer Katastrophe in die andere und landet letztendlich in Afrika, wo er nur noch einen Ausweg sieht – und was macht das mit dem anderen? Er, der in geordneten Verhältnissen erzählt. Das „Unausweichliche" gleich zu Beginn – beinahe scheint es emotionslos, unterkühlt erzählt – unterkühlt ist auch der Erzählton, der sich wie der „Rote Faden" durch alle 125 Seiten zieht.

Vielleicht war es auch diese unausgesprochene Frage, die in der Erzählung für mich mitschwingt und mich zum Dranbleiben anregte – was geschieht mit dem Erzähler? Was wird aus dem anderen Bruder? Das bleibt der Autor schuldig, offen ist der Schluss, der auch der Erzählung den Titel gibt: „Ich stehe vom Schreibtisch auf und schleiche auf Zehenspitzen ins Bad (Die Frau und die Tochter sind in der Küche und wissen nichts vom Anruf, der dem Erzähler mitteilte, dass sein Bruder den Freitod gewählt hat. Anm. AH) Ich bleibe vor dem Spiegel stehen und schaue mir in die Augen, während meine Lippen lautlos ein Wort formen, das sie wiederholen: ja". Ja wozu? Leben, Freitod - ja zum ICH?

Zum Teil mit Gänsehaut, zum Teil aber auch versucht das Buch zu schließen ohne es ausgelesen zu haben, habe ich doch durchgehalten und ich habe – für mich gesehen - vermutlich neue Ressourcen gefunden. Also für alle, die auch für Erzählungen ohne (?) Happy End Zeit haben - ein Buch, das einem irgendwann begegnen sollte. Keine Fachliteraturund doch interessant – finde ich.

Andreas Hainz
Haim OMER, Arist von SCHLIPPE (2002):
Autorität ohne Gewalt
Coaching für Eltern von Kindern mit Verhaltensproblemen - "Elterliche Präsenz" als systemisches Konzept. 
Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 214 S., € 19,90.

"Kinder an die Macht", singt Herbert Grönemeyer, "Eltern zurück ins Boot" ist die Botschaft des Konzepts elterlicher Präsenz. Das Buch wendet sich an entmachtete Eltern, die sich vor ihren Kindern fürchten und vor dem destruktives Verhalten, der offenen Gewalt oder den Suiziddrohungen ihres Nachwuchses kapituliert haben. Hilflose Eltern verfangen sich in (symmetrisch eskalierenden) Diskussionen, Drohungen und Beschuldigungen, sie sprechen und schreien sich heiser in ihren Predigten, Bitten und Abbitten (komplementäre Eskalation). "Das elterliche Reden überzeugt nicht nur das Kind, sondern auch die Eltern, dass Taten nicht zu erwarten sind" (S. 54). Ähnlich wie in scheiternden Ehen tendiert die Wiederholung eskalierender Abfolgen dazu, das Verhältnis zwischen Eltern und Heranwachsenden auf die konflikthaften Bereiche einzuengen, was einen Ausstieg aus dem Tauziehen um die Macht im Haus weiter erschwert.
Haim Omer, Psychologieprofessor in Tel Aviv, stellt sein Konzept elterlicher Autorität in die politische Tradition des gewaltfreien Widerstands. Eltern lernen schrittweise, den destruktiven Handlungen des Kindes aktiv entgegenzutreten: "Ich kann dein Verhalten nicht akzeptieren und werde alles tun, es zu stoppen, ausser dich zu schlagen oder zu attackieren". Die von Gandhi inspirierte Idee gewaltfreien Widerstands macht Eltern erfinderisch, sich effektiv dem unannehmbaren Verhalten des Kindes entgegenzustellen, ohne Eskalationen zu provozieren und allen Seiten dabei zu helfen, das Gesicht zu wahren. Eine der bewährten Methoden ist etwa das elterliche Sit-in im Kinderzimmer. Eltern lassen sich, den Ausgang blockierend, im Kinderzimmer nieder und verkünden, dass sie den Raum nicht wieder verlassen werden, bevor der Jugendliche nicht konstruktive Vorschläge geäussert hat. Auf stille, beharrliche Art machen Eltern so für ihre Kinder spürbar, dass sie vor Provokation, Rückzugsverhalten, Erpressung, Gewalt oder Drohungen nicht zurückzuweichen werden: "Ich gebe dir nicht nach und ich gebe dich nicht auf!"
Der Zweitautor Arist von Schlippe ist bemüht, das in manchen Aspekten recht "strategisch" anmutende Konzept in ein konstruktivitstisch-systemisches Verständnis von Therapie und Beratung einzupassen. Er macht deutlich, dass es nicht darum geht, aus einer Haltung professioneller Expertenschaft heraus Eltern auf den "richtigen" Weg zu bringen. Coaching von Erziehungspersonen in Richtung verstärkter elterlicher Präsenz soll dabei unterstützen, dass in der familiären Kommunikation zwischen Eltern und Kinder alle Beteiligten wieder Platz, Respekt und Stimme finden - auch Eltern dürfen wieder mitreden!

Andrea Brandl-Nebehay


Nossrat PESESCHKIAN (2002):
Der nackte Kaiser oder: Wie man die Seele der Kinder und Jugendlichen versteht und heilt

Geist und Psyche. Fischer Taschenbuch Verlag 2002, 176 Seiten. € 9,20.

Ein Buch, das ganz in der Tradition der Leitlinien der Systemischen Psychotherapie steht: der paradoxen Intervention, Metaphern, Positiven Konnotation, Symptom hat Funktion, Umdeutungen usw. Es ist leicht zu lesen, regt zum Schmunzeln, auch zum Widerspruch an und ist doch tiefgehend und hintergründig. Denn es befolgt eines seiner vielen Sprüche, Geschichten, Fabeln, Witze, Bilder: "Beherzige deine Gedanken und köpfe nicht deine Gefühle." (S. 37)

Gerda Mehta


Iris RADISCH
Die Schule der Frauen. Wie wir die Familie neu erfinden
München, DVA, 2007, € 14,95

Die Kapitel-Titel „Heldendämmerung“, „Die Welt ohne Kinder“, „Die Liebeskatastrophe“, „Das Familien-Patt“, „Die Welt mit Kindern“, „Der Mann als Vater“, „Die Frau als Mutter und das Märchen von der Vereinbarkeit“ und „Was uns fehlt“ lassen schon erahnen, womit sich Radisch in diesem Band beschäftigt - durchaus quer zu laufenden Diskursen. Sie analysiert „das Zerbrechen der Liebe an der Arbeit“, dass sich bis dato die 3: Liebe, Arbeit und Kinder ausschließen. In ihren Überlegungen bleibt Iris Radisch als Person mit ihren eigenen Ausbildungs-, Emanzipations-, Liebens-, Scheiterns-, Mutterseins-… Geschichten immer im Blick. Sie nimmt von ihrem subjektiven Standpunkt aus Stellung zu u.a. biologistischen Ansätzen, gesellschaftlichen Rollenerwartungen, zur demografischen Entwicklung und beschreibt strukturelle wirtschaftliche und politische Determinanten dieses Scheiterns.Allerspätestens auf der letzten Seite wird deutlich, dass es um das Erklären und die Forderung des Abschaffens von Leid geht, um Leid von Menschen, die versuchen gegen alle Widerstände ein Leben mit Liebe, Arbeit und Kinder zu leben. Der persönliche und gleichzeitig komplex bleibende Zugang sowie die Unnachgiebigkeit, mit der Radisch sozusagen am Lösungen-neu-erfindendran bleibt, machen dieses Buch - jedenfalls aus meiner Sicht - lesenswert.

Theresia Gabriel

Bernhard PÖRKSEN (2001) :
Abschied vom Absoluten - Gespräche zum Konstruktivismus
Carl-Auer, Heidelberg (ISBN 3-89670-192-4)

Eine Empfehlung für trübe Herbst- und Wintertage: In diesem Band kommen Heinz von Foerster, Ernst von Glasersfeld, Humberto Maturana, Gerhard Roth, Siegfried J. Schmidt, Helm Stierlin, Francisco Varela und Paul Watzlawick auf sehr persönliche Art und Weise im Interview mit B. Pörksen zu Wort und präsentieren ihr Denken und ihr Wissenschaftsverständnis, zum Teil auch ihren Werdegang. Die Gespräche drehen sich unter anderem um Ergebnisse der Hirnforschung, die Einsichten der Kybernetik, die sprachliche Determiniertheit des Denkens und die innere Verbindung von Erkenntnistheorie und ethischer Praxis. Das Buch bietet eine interessante Möglichkeit die Begründer des Konstruktivismus als Personen ein bisschen besser kennenzulernen, aufsehenerregende neue Inhalte sollten nicht erwartet werden.

Marianne Beyer

ARNOLD RETZER,
Lob der Vernunftehe. Eine Streitschrift
S.Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 2009 (EUR 18,95)
Retzers Buch besteht zu einem Drittel aus Altbekanntem, zu einem Drittel aus einem doch ziemlich merkwürdig anmutenden Loblied auf die Vergebung und Unmöglichkeit von Gerechtigkeit in Beziehungen – hierzu reicht es meines Erachtens auf folgendes Zitat von Arnold Retzer am Anfang des Buches
hinzuweisen: „Meine Frau legt auch Wert darauf, die Leserin zu erhöhter Sensibilität für typisch männliche Beschreibungen und Bewertungen in diesem Buch aufzurufen“ (wär gar nicht notwendig gewesen, trotzdem
Danke, Frau Retzer) – und zu einem Drittel aus Lebensweisheiten Arnold Retzers, zu denen man durchaus gefällig abnicken kann, die aber weit hinter den soziologischen Analysen Hillenkamps zurückbleiben und leider
trotzdem kein therapeutisches Handwerkszeug bieten. Zumindest sehe ich persönlich wenig Erfolgschancen, wenn ich mit dem Vergebungsgedanken bei einer mit der Arbeitsaufteilung in ihrer Beziehung unzufriedenen
Klientin in einer Paartherapie zu punkten gedächte. Selbst, wenn ich dies wollte.
Verena Kuttenreiter

Dirk Revenstorf, Burkhard Peter (Hrsg.) (2001)
„Hypnose in Psychotherapie, Psychosomatik und Medizin. Manual für die Praxis“
Springer-Verlag 2001, Nachdruck 2007, 824 Seiten, € 59,95

Hypnose gilt als eines der ältesten Heilverfahren der Menschheit. Sie verbindet Körper und Seele (und damit Medizin und Psychotherapie) wie keine andere Therapieform. Der moderne hypnotherapeutische Ansatz geht zu einem großen Teil auf den amerikanischen Psychiater Milton H. Erickson zurück. In den letzten Jahrzehnten hat die Hypnotherapie große Verbreitung gefunden; es wurden vielfältige Anwendungsmöglichkeiten entwickelt und für ihre Effektivität umfangreiche empirische
Belege geliefert. Untersuchungen aus der klinischen Hypnoseforschung haben gezeigt, dass Hypnose bei nahezu allen psychischen und psychosomatischen Problemen von großem therapeutischem Nutzen
ist.
Dem renommierten Herausgeber- und Autorenteam ist es gelungen, ein Kompendium der modernen Hypnotherapie mit theoretischen Grundlagen, wichtigen Basistechniken und praktischen Anleitungen für die Behandlung einzelner Störungsbilder zu schaffen.
Der Band gliedert sich in sieben große Abschnitte: so setzen sich die AutorInnen z.B. in den „allgemeinen Prinzipien der Hypnotherapie“ mit der Konstruktion von Wirklichkeit, mit Trance, Trancephänomenen, dem Konzept der Problemtrance und mit Utilisation (Nutzbarmachung von
Eigenschaften der KlientInnen als mögliche Ressource) auseinander. Der Abschnitt „Allgemeine Methoden“ beinhaltet Methoden zur Einleitung von Trance (direkte und indirekte Induktion), Arbeiten mit Metaphern und Geschichten, Techniken des Reframing und Methoden der hypnotischen Altersregression.
In der „Schlussdiskussion“ geben die Herausgeber noch einen geschichtlichen Überblick und zeigen, wie sich die Hypnotherapie mit anderen Therapieformen kombinieren lässt.

Fazit: Wer sich mit Hypnose beschäftigt, findet in diesem Buch einen Überblick der modernen Hypnotherapie, nützliche Anwendungskonzepte von international renommierten ExpertInnen und jede Menge Anregung für die eigene Arbeit.

Michaela Sit


Peter SCHEER, Marguerite DUNITZ-SCHEER (2002):
meine, deine, unsere. Leben in der Patchworkfamilie
Falter Verlag Wien, 252 Seiten, €25,50

Wenn auch die Patchworkfamilie in vielen Veröffentlichungen bereits als häufig gelebte Familienform Akzeptanz gefunden hat, so begleiten sie nach wie vor viele Vorurteile und Befürchtungen.
Dem Leser vermittelt das Autorenpaar, dass und wie man als Teil einer Patchworkfamilie gut und angenehm leben kann und welche Abenteuer einen erwarten können und was es an Haltung braucht, damit es kein Verband von Vorsichtigen, Misstrauischen, Beleidigten und Feinden sondern ein Verband von einander respektierenden, ergänzenden und bereichernden Menschen bleibt oder wird.

Gerda Mehta

David Schnarch (2006):
Die Psychologie sexueller Leidenschaft
Klett Cotta 2006, 511 Seiten, € 29,50

Die Übersetzung des Zweitwerkes (im Englischen etwas leidenschaftlicher unter dem Titel „Passionate Marriage“ erschienen)1) des mittlerweile auch in unseren Breitengraden bekannten Sexualtherapeuten David Schnarch ermöglicht uns, neue Perspektiven auf das reizvolle und doch schwierige Thema der Sexualität in lang dauernden Partnerschaften.
Das Buch ist für ein breites Publikum geschrieben, beansprucht einen journalistischen Stil, ist allerdings durchaus spitzfindig und durchdacht in der Komposition der Themen, so dass es gleichfalls für erfahrene TherapeutInnen spannende, neue Sichtweisen enthält. Die Fallgeschichten sind prozesshaft angelegt und werden zur Erklärung der Konzepte immer wieder herangeholt, so dass man am Schluss eine typologisch anmutende Breite an Möglichkeitsformen kennen gelernt hat, Sexualität zu vermeiden.
Wir nähern uns mit Schnarch dem Thema „Sexualität“, indem wir sie nicht abseits anderer Beziehungsmomente formulieren, sondern so behandeln wie weniger intime Themen des Paares, so z.B. Kindererziehung, Hausarbeit, Freizeitplanung usw., allerdings unter der Prämisse, dass Sexualität ethologisch dem Kleinhirn gehört und vom Bewusstseinsmenschen erst kognitiv erarbeitet werden muss. Schnarch stellt sich auf den Standpunkt, dass Sexualität der sonstigen Entwicklung des Menschen nachhinkt. Deshalb sei dieser Bereich im Frontalhirn noch nicht integriert und gerade dadurch schambesetzt.

Die hohe Kunst, Liebe und Intimität bzw Sex und Erotik zu gestalten verlangt nach Experimenten, die eigene Scham zu überwinden. Schnarch nennt es „die Feuerprobe“, durch die jedes Paar geht, bis es seine sexuellen Potentiale erkannt und miteinander ausgelotet hat. Dafür ist ein hohes Ausmaß an Akzeptanz des anderen und die Bereitschaft notwendig, sich selbst dem anderen zuzumuten. Es bleibt das Risiko, dass der andere ablehnt oder einen eigenen Vorschlag bringt, den ersterer wiederum nicht annehmen kann.

Schnarch übergibt uns mit diesem Buch den Schlüssel, wie man Paartherapie und Sexualtherapie integrieren kann, mehr noch, er ist uns damit zuvorgekommen. Denn vieles von dem was er schreibt ist eine gut durchgedachte Zusammenlegung von Konzepten aus der Familientherapie, der Systemischen Therapie und der Sexualtherapie. Die Integration und Neuauflage der Konzepte ist sein Meisterwerk. So verbindet er mindestens 2 Konzepte mit einem breiten Potpourrie sexueller Theorien und Anwendungen.

1. Murray Bowens Differenzierungskonzept, mit ein bisschen Bindungsforschung, konnotiert mit Säuglingsforschung und Ethologie, kombiniert mit persönlichen Geschichten aus der indivuellen und der Paarbiografie. Wir erfahren, wie wir eine gute Ablöse von der Herkunftsfamilie fördern können und wie uns Sexualität und Erotik in der langen Partnerschaft dabei hilft. Nebenbei bekommen wir Einblick in David Schnarchs Ehe, die Entstehung seines einzigen Kindes, sein Umzug von New Orleans nach Evergreen, seine Kompromisse mit seiner Frau beim Wandern und wie er heute durch seine Arbeit seine eigene Kindheit neu rekonstruieren kann. Bestechend oder? Nebenbei eine Pointe für Frauen älteren Kalibers: Ein Highlight seines Marketings ist sicher die Aussage, dass Cellulitis fünfzigjähriger Frauenpositiv mit deren sexueller Bereitschaft und Leidenschaftlichkeit korreliere ... Also: Ein klares „Ja“ zur Sexualität und Erotik mit zunehmenden Alter.

2. Interaktionskonzepte, welche die Rekursivität zwischen persönlicher Entwicklung des einzelnen und Interaktionsdynamik des Paares herstellen. Die Beschreibung derartig komplexer Zusammenhänge gelingt Schnarch besonders gut, und er stellt damit ein verallgemeinbares Konzept her, wie man Subjekt und Interaktion interpretativ kombinieren kann. Wir hören, dass nur einer von beiden anfangen kann und nie beide
gleichzeitig, dass dann der andere nachziehen kann, bzw. dass der verweigernde Teil solange die Kontrolle über die Beziehung behält bis derjenige, der auf Veränderung und Erneuerung pocht Schritte setzt, die den anderen so massiv unter Druck setzen, dass der sich verändern muss.
Druck entsteht durch Ausdruck von Autonomie und Differenzierung. Festzustellen ist, dass den Veränderungsdruck meistens die Frauen machen! Und die Männer in diesem Buch, die trennen sich nicht, sondern sie versuchen ernsthaft, den PartnerInnen nachzukommen ...
Ist das vor allem in den USA. so, bzw. können wir das auch in Old Europe umsetzen? Das Thema Trennung wird in diesem Buch vermieden aber nicht in Abrede gestellt. Bei den von ihm dargestellten Paaren kommt sie allerdings nicht vor.

Die Übertragbarkeit von David Schnarchs Ideen in unsere Breitengrade musste ich beim Lesen des Schlusskapitels noch einmal revidieren. Dort beschreibt David Schnarch kurz den Gruppenprozess bei TeilnehmerInnen seiner Workshops, um anschließend für sein Zentrum zu werben. Männer beugen sich der Reue über ein vergeudetes Leben und verpasste Gelegenheiten zum Thema Sex und Liebe. Im wohligen Miteinander ihrer Komilitonen setzen Aha-Erlebnisse ein, denn von diesen erhalten sie Unterstützung und verheißungsvolle Beschreibungen des vermeintlichen
Zielzustandes. Die von Schnarch herbeizitierten Aussagen erinnern mich stark an die Anonymen Alkoholiker, die ich während meiner Studienzeit beforschen durfte. Dort beobachtete ich puritanische Selbstreue im Schoße der Gruppe. Gregory Bateson spricht in seinem berühmten Aufsatz zum Selbst von der Selbstauflösung der anonymen Alkoholiker, die sich der Gruppe statt der Flasche verschreiben. Indem sie ihre Kontrolle aufgeben, übergeben sie sich an die Gruppe. Gegründet wurden die AA von den zwei durch ihre Spiritualität geheilten Alkoholikern Bill und Bob. Und im allerletzten Kapitel erhebt David Schnarch Sexualität ebenfalls zu einer spirituellen Angelegenheit.
David Schnarch plädiert in diesem Buch für Autonomie, Differenzierung und gegenseitige Anerkennung sexueller und erotischer Ästhetik bei langjährigen Beziehungen. In seinen dargestellten Paartherapiesequenzen konfrontiert er Frau oder Mann eindrucksvoll mit ihren unerkannten Wünschen oder ihrer Unabgelöstheit von ebenfalls undifferenzierten Herkunftsfamilien.

Wie aber geht es dann diesen Menschen in der Ablöse von ihm? Das ist meine leichte Kritik an diesem Buch, dessen Übertragbarkeit nach Old Europe dahingehend fraglich bleibt, dass wir hoffentlich weniger disziplinierungssüchtig sind wie manche Amerikaner. Dennoch bringt das Buch Highlights für unsere tägliche Arbeit mit Paaren und eine Neubewertung bewährter Konzepte aus der systemischen Ecke.

Corina Ahlers


Fritz SIMON (2001):
Tödliche Konflikte
. Zur Selbstorganisation privater und öffentlicher Kriege

Carl-Auer-Systeme Verlag, Heidelberg, € 25,46

Es gibt die Guten und die Bösen, es gibt die, die für uns sind, und die, die gegen uns sind. Dies ist die Logik "tödlicher Konflikte". "Kriege haben stets die Tendenz, aus hoch komplexen Gemengelagen eine Welt zu machen, in der es nur noch Freund und Feind gibt", schreibt der Heidelberger Psychiater und Therapeut Fritz B. Simon in seinem neuesten Buch "Tödliche Konflikte". Als theoretische Grundlage dient ihm die Systemtheorie. Um Muster und Veränderungen der Konfliktparteien schematisch darzustellen, bedient er sich des Tetralemmas. "Ein solches Beobachtungsschema kann verdeutlichen, dass es im Prinzip immer mehr als nur zwei Möglichkeiten gibt, sich in einem Konfliktfeld zu positionieren." "Krieg" definiert Simon sehr weit. Nicht nur militärische Auseinandersetzungen zwischen Nationen, Ethnien oder Religions-gemeinschaften sind Krieg, auch private gewalttätige Konflikte sind Krieg. Die knapp 300 Seiten sind auf drei sehr unterschiedlichen Ebenen ein eindrucksvolles Erlebnis: Die Schärfe von Simons Beobachtungen macht aus dem Fachbuch einen spannenden Krimi. Beinahe beiläufig erfährt man Grundbegriffe aus der Systemtheorie - praktisch angewandt. Und last but not least: Die Erkenntnisse seiner Untersuchung lassen sich auf aktuelle militärische Auseinandersetzungen wie jene in Afghanistan übertragen, sie nehmen einem - zumindest zeitweise - das Gefühl von Handlungsunfähigkeit. 

Carmen Unterholzer


Sigrid SOHLMANN

Behinderung bei Kindern und Jugendlichen -
Hilfe für Eltern, Therapeuten und Pädagogen

Facultas, Wien, 2009, ISBN 978-3-7089-0413-9
19,90 EUR (inkl. USt.)

Eine Behinderung oder auch eine chronische Erkrankung eines Kindes verändert die Lebensperspektive der betroffenen Eltern schlagartig. Es bedeutet einen Abschied von der Hoffnung auf ein gesundes, sich normal entwickelndes Kind. Gleichzeitig müssen sie sich mit der Enttäuschung, der Trauer und anderen Gefühlen, die mit diesem Abschied verbunden sind, den Folgen der Behinderung für die Entwicklung des Kindes und den damit verbundenen eigenen persönlichen Einschränkungen auseinandersetzen. Eine Therapie kann aber dabei hilfreich sein, die Situation der gesamten Familie zu verbessern.

Dieses Buch veranschaulicht die Situation der Eltern, klärt auf, wann eine Therapie von Nöten ist, wie sie unterstützen und aussehen kann. Zahlreiche Tipps für Eltern und Hilfen zur therapeutischen Arbeit dienen als Anregung für Therapeuten und auch Pädagogen. Viele Fotos und Fallbeispiele aus der Praxis der therapeutischen Arbeit runden das Buch ab.

Über Rückmeldungen freut sich:

Mag. Sigrid Sohlmann
office@sohlmann-psychoprax.at
http://www.sohlmann-psychoprax.at
+43 664 256 10 36

Rezension von Anita Tupi:

In diesem Buch fasst die Autorin ihre jahrelangen Erfahrungen in der Arbeit mit geistig behinderten und chronisch kranken Kindern und Jugendlichen eindrucksvoll zusammen. Das Werk bietet einen breit gefächerten Überblick über ihren Tätigkeitsbereich.
Im Zuge ihrer Arbeit als Psychagogin und Psychotherapeutin schafft sie es, Zugang zu ihren Schützlingen zu bekommen, die ihr Sorgen, Probleme und Ängste anvertrauen. Es werden eindrucksvoll die Bedürfnisse, Schwierigkeiten von Kindern und Jugendlichen beschrieben, aber auch Lösungsmöglichkeiten gezeigt. Sigrid Sohlmann ermutigt die LeserInnen, stets die individuellen Bedürfnisse der KlientInnen in den Mittelpunkt zu stellen und ihnen den Weg zu Selbständigkeit und Autonomie „frei“ zu machen.
Denn: Sie wissen oftmals selbst, was sie wollen und was für sie gut ist, auch wenn wir meinen, in unserer Rolle als Eltern bzw. ProfessionalistInnen, es besser zu wissen und versuchen, sie zu bevormunden.
Dieses Buch richtet sich als Ratgeber bzw. Information an Eltern, LehrerInnen, TherapeutInnen und SozialpädagogInnen, also jene Personen, die mit behinderten bzw. chronisch kranken Kindern und
Jugendlichen leben oder arbeiten.

Im ersten Teil des Buches wird von der Autorin die Familie und das behinderte Kind/der behinderte Jugendliche bzw. das chronisch kranke Kind/Jugendliche in den Mittelpunkt gestellt und betrachtet, es werden
Anforderungen und Problematiken in den unterschiedlichen Entwicklungsphasen kritisch durchleuchtet. Die im Anschluss gebotenen Tipps für Eltern im Umgang mit schwierigen bzw. neuen Situationen sind praxisnah und nachvollziehbar; es versteht sich natürlich von selbst, dass kein Anspruch auf Vollständigkeit besteht.

Das kinderpsychotherapeutische Konzept ist Schwerpunkt im zweiten Teil des Buches. Auf die Funktionen, die die systemische Therapie bei behinderten bzw. chronisch kranken Kindern und Jugendlichen leisten soll bzw. muss, wird konkret hingewiesen. Die Aufgaben und Arbeitsweisen der Verfasserin werden klar strukturiert aufgezeigt. Durch die – in den Therapiesitzungen durch interaktive und kreative Prozesse aufgebaute – Vertrauensbasis und durch eine feinfühlige Dialogpraxis der Therapeutin öffnen sich die Kinder und Jugendlichen, geben Einblicke und lassen es zu, ihr Innerstes kennen zu lernen.

Das Buch bietet weiters ein breites Spektrum an praktisch nachvollziehbaren Lösungsmöglichkeiten, die von der Autorin mit den ihr anvertrauten Kindern und Jugendlichen erprobt und ausgeführt worden sind. Die vielen Fallbeispiele und die praktischen Umsetzungsvorschläge zeigen, wie manche Problematiken und Krisen bearbeitet bzw. teilweise gelöst werden könnten. Natürlich kann und darf sich niemand ein „Rezept“
erwarten.
Auf die Wichtigkeit der engen Zusammenarbeit, also der Vernetzung von Eltern/Erziehungsberechtigten, der Institution Schule und der Therapie, stets im Sinne unserer KlientInnen, wird von der Autorin immer wieder
hingewiesen. Diese Zusammenarbeit kann bzw. muss als Grundlage für eine weitere positive Entwicklung der Kinder und Jugendlichen gesehen werden.
Fazit: Eine äußerst empfehlenswerte Lektüre.
Anita Tupi

SONDERHEFT SYSTEME 
Clemens Stieger und Elisbeth Linder haben ein Systeme - Sonderheft mit dem Titel "...auf dem Weg. Reflexionen systemisch-therapeutischer Praxis" herausgegeben. Das Schreiben als Reflexionsmittel für die eigene Tätigkeit zu nutzen, dieses aber auch anderen zugänglich zu machen, um ein gegenseitiges Lernen zu ermöglichen und Einblick in praktisches Handeln zu geben, war der Anlass für dieses Sonderheft. Die hier erschienenen Arbeiten sind in der Auseinandersetzung der AutorInnen (G. Lang, E. Linder, I. Saval, C. Stieger, A. Thomanetz, C. Winkler) mit Systemischer Therapie entstanden. Bezug über die Buchhandlung Krammer (01/9852119, buchhandlung@kramerbuch.at


Insa SPARRER (2001)
Wunder, Lösung und System
 
Carl Auer (Systeme 2001), Heidelberg

Insa Sparrer ist es mit diesem Buch gelungen, lösungsorientiertes Denken und Arbeiten mit den Möglichkeiten der systemischen Strukturaufstellungsarbeit zu verbinden. Das Buch gibt einerseits einen Überblick über lösungsorientierte Kurzzeittherapie, andererseits über Aufstellungsarbeit. Die Strukturaufstellungen, wie sie von ihr gemeinsam mit ihrem Mann, Matthias Varga von Kibed, entwickelt wurden, werden hier mit dem lösungsfokussierten Ansatz von Steve de Shazer - spannend - kombiniert. Es entsteht eine neue Form - die Lösungsfokussierten Systemischen Strukturaufstellungen (LFSyST). Sie erlauben nicht nur stimmige körperliche Erfahrungen über fremde Systeme, sondern ermöglichen auch einen sprachlichen Zugang zu vielfältigen inhaltlichen Informationen über das repräsentierte System.
Anwendungsgebiete für Einzel- Paar- Familientherapie, Supervision und Organisationsberatung. Interessant.

Robert Koch

Gerhard STUMM, Alfred PRITZ (Hrsg.) (2000):
Wörterbuch der Psychotherapie
 
Springer, ca. öS 1100,-

Über 350 AutorInnen beschreiben ca. 1350 Stichworte aus allen erdenklichen Fachbereichen der Psychotherapie. Ich hatte die Koordination für den Bereich "systemische Therapie" und "Familientherapie" über, daher haben auch einige ÖAS-Mitglieder mitgeschrieben. Weder preislich noch inhaltlich noch gewichtsmässig als Urlaubslektüre zu empfehlen, aber beeindruckend. Steht in der ÖAS-Bibliothek.

Andrea Brandl-Nebehay

Sabine Völkl-Kernstock
Hilfe, mein Kind wird erwachsen! Rechte, Pflichten und Bedürfnisse von Jugendlichen"

Stephan Verweijen, Manz Verlag, 2004

„Du hast mir gar nichts zu sagen!" „Das ist Freiheitsberaubung!" „Ich gehe aus (komme heim) wann ich will!"
„Ihr wart ja damals auch gegen alles und jeden - und wenn ich die Schule (Lehre) für blöd find...."usw... Sätze mit denen Eltern und in der Folge FamilientherapeutInnen (bei gröberen Krisen) konfrontiert werden, sind Alltag und Begleiterscheinungen, durchaus erfreulicher, antiautoritärer Erziehungsstile. Nicht mehr aufoktroyieren einseitiger Regeln, sondern Verhandlung dieser, steht im Vordergrund eines Familienlebens im 21. Jahrhunderts. In Familien, wie immer sie sich neu ordnen (müssen/können/dürfen).

Manchmal wird übersehen, dass Kinder zwar gleichwertige, aber nicht gleichberechtigte Verhandlungspartner in diesem Prozess sind. Heranwachsende in ihren Bedürfnissen wahrzunehmen, diese ernstzunehmen, heißt aber auch sie von möglichen negativen Konsequenzen ihrer Handlungen auf ihr Leben, die sie noch nicht abschätzen können, zu bewahren, ihnen einen sicheren Rahmen bieten und diesen verständlich zu machen.

Da entwicklungsmäßig dies für Jugendliche in ihrem notwendigen Ablösungsprozess von den Eltern oftmals gerade von diesen äußerst schwierig zu vermitteln ist, gibt es ein Buch, dass dieses Lebensalter für alle Familienmitglieder hilfreich unterstützt.

Erstmals werden psychologische & rechtliche Aspekte von Jugend (speziell das Alter von 14-18 Jahren) gut lesbar verschränkt, da die Beispiele von einer versierten Familientherapeutin & Psychologin in Zusammenarbeit mit einem praxiserfahrenen Juristen stammen. Themen wie „Anspruch & Höhe des Taschengeldes", „Fernbleiben der Schule", „Rechte des Jugendlichen bei Scheidungen", „Eigenes Einkommen", „Eigene Wohnung",  „Sexueller Missbrauch", „Mobilität auf zwei Rädern", „Alkohol, Zigaretten & Drogen", „Strafbarkeit von Jugendlichen" (Auszug) werden umfassend und durch Beispiele beider Autoren aus ihrem jeweiligen Arbeitsumfeld erörtert, rechtlich eindeutig und lösungsorientiert aufbereitet.

Besonders umfassend und hochaktuell ist der Serviceteil im Anhang, der zu den einzelnen Kapiteln geeignete Unterstützungseinrichtungen für Jugendliche und Eltern (Österreichweit mit Telefonnummer und Adresse) auflistet.

Dieses Buch ist sehr gut einsetzbar für professionelle HelferInnen, aber auch für den Privatgebrauch. Es verschafft Jugendlichen und Eltern Klarheit, wie gesellschaftlich-rechtlicher Konsens derzeit verbindlich handzuhaben ist und eignet sich hervorragend als Grundlage in schwierigen Regelverhandlungen.

Sabine Sommerhuber


Rosmarie WELTER-ENDERLIN, Bruno HILDEBRAND (Hrsg.) (2002):
Rituale – Vielfalt in Alltag und Therapie.
Carl-Auer-Systeme, Heidelberg, 255 Seiten, EUR 25,90

Was pflegen sowohl Affen und PolitikerInnen als auch TherapeutInnen? Rituale! Können Rituale in einer sich ständig verändernden Welt Identität stiften? Können sie dem Einzelnen die Eingliederung in eine Gemeinschaft erleichtern und ihm Trost in komplexen Situationen spenden? Fragen wie diesen widmen sich Autoren aus ganz unterschiedlichen Bereichen wie Naturwissenschaft, Wirtschaft und Psychotherapie. Dementsprechend heterogen sind auch die Antworten auf die Frage nach Sinn und Zweck von Ritualen. Der Schweizer Primatenforscher Jörg Hess analysiert eigenartiges Verhalten und komische Rituale bei Schimpansen und Gorillas, der Journalist Richard B. Reich amüsiert seine LeserInnen durch minutiöse Schilderung ritueller Handlungen im Fußballstadion, die Therapeuten Bruno Hildebrand und Gunthard Weber streiten über Ritualisierungen in Familienaufstellungen. Einig sind sich die AutorInnen darin, dass Rituale dazu dienen, Übergänge von Alt zu Neu zu gestalten und dass sie Entwicklung iniitieren. Rituelle Handlungen kanalisieren überbordende Gefühle und geben Anstoß zu Veränderungen. Aus der psychotherapeutischen Praxis berichtet Rosmarie Welter-Enderlin, sie führt ihre Arbeit mit Ritualen anschaulich anhand eines Fallbeispiels vor. Sie warnt davor, rituelle Verschreibungen zu schematischen Interventionstechniken verkommen zu lassen. Damit dies nicht passiert, gibt sie LeserInnen hilfreiche therapeutische Anregungen mit auf den Weg.

Carmen Unterholzer


Rosmarie WELTER-ENDERLIN, Bruno HILDEBRAND (Hrsg.) (1998)
Gefühl und Systeme. Die emotionale Rahmung beraterischer und therapeutischer Prozesse
Carl Auer-Verlag, Heidelberg öS 394,-

You can´t kiss a system - Systeme haben keine Gefühle, Menschen schon. Das Buch beleuchtet bisher vernachlässigte Aspekte der therapeutischen Beziehung und gibt einen guten Überblick über den Stand der theoretischen Auseinandersetzung mit Begriffen wie Affekt, Gefühl und Emotion (Beiträge von Tom Levold, Kurt Ludewig und Luc Ciompi). Daniel Stern u.a. präsentieren neue Ergebnisse aus der Säuglingsforschung, während Beiträge von Michael Buchholz, Evan Imber-Black, Rosmarie Welter-Enderlin u.a. praxisnah den Umgang mit affektiver Kommunikation in Beratung und Therapie beschreiben.
Empfehlenswertes Buch für alle, die auf den rasant fahrenden Zug der Auseinandersetzung mit Affekt und Emotion in der systemischen Therapie aufspringen wollen!

Andrea Brandl-Nebehay


Natascha Wendt, Michael Ensle
Stress- und Burnout-Prävention – Handbuch für Führungskräfte, Betriebsräte und Abeitsmediziner
ÖGB Verlag, 2008, ISBN: 97837003513276, € 21,-

Wer ein Lehrbuch erwartet, wird enttäuscht sein. Ein solches ist es nicht. Es ist, wie der Untertitel schon ankündigt, ein Handbuch. Auch wenn die PsychotherapeutInnen nicht als Zielgruppe angeführt sind – leider –, so ist es doch ein Tool, das man guten Gewissens empfehlen kann.

Stress und Burnout sind zurzeit in aller Munde und meist wird die Ursache nur beim Betroffenen gesucht. Hier wird das Thema von vielen Seiten beleuchtet und es kommen ExpertInnen aus verschiedenen Bereichen zu Wort. Neben den psychischen Ursachen und Auswirkungen werden auch die volks- und betriebswirtschaftlichen Auswirkungen beleuchtet. Die vielfältigen Ursachen und Auslöser werden nicht nur an der Person selbst, sondern auch in den Unternehmen und im privaten Umfeld der Betroffenen geortet. Daher werden auch dort Präventionsmöglichkeiten und Handlungsebenenbeschrieben. So widmen die AutorInnen auch ein Kapitel der betrieblichen Gesundheitsförderung und dem ArbeitnehmerInnenschutzgesetz.

Wolfgang Katzian, Bundesgeschäftsführer der GPA-DJP (Gewerkschaft der Privatangestellten), schreibt in seinem Vorwort: „…da die Ursachen für Stress und Burnout vielfältig sind, reicht es zu deren Bekämpfung nicht mehr aus, einzelnen Menschen Unterstützung in Form von Beratungen oder Entspannungstechniken anzubieten. Solche Maßnahmen helfen zwar dem Betroffenen weiter, die Ursachen bleiben aber bestehen. Denn wem nützen die Entspannungs-techniken, wenn sich am
Arbeitsdruck und an der Organisationsstruktur im Unternehmen nichts ändert…“ – Das Buch gibt Anstöße zu diesen Handlungsmöglichkeiten. Dass das Buch zur trockenen Ansammlung von theoretischen Abhandlungen und Ratschlägen wird, verhindert unter anderem Ingeborg Saval, systemische Psychotherapeutin, die mit Ihren Beiträgen anschaulich in Fallgeschichten die Burnout Problematik darstellt. Für alle, die sich fragen: Wo steh ich? Ist ein kurzer Fragebogen zur
„Selbstdiagnose“ eingearbeitet.

Alles in allem ein Handbuch für all jene, die nicht nur betriebsblind eine Seite der Medaille betrachten wollen, sondern auch an weiteren Aspekten der Burnout-Problematik interessiert sind. Da die Beiträge der ExpertInnen kurz gehalten sind, gerät man bei der Lektüre des Handbuchs auch nicht in Gefahr auszubrennen.

Andreas Hainz

Jürg WILLI
Ökologische Psychotherapie. Wie persönliche Entwicklung und Lebenssituation sich wechselseitig beeinflussen
rororo-Verlag, € 9,90

Diesen Sommer fiel mir ein Buch in die Hände, keine Neuerscheinung aber eine Neuauflage (2005) der von Jürg Willi 1996 erstmalig herausgegebenen „Ökologische Psychotherapie". Hier eine kurze Zusammenfassung:

Willi nimmt den Blickwinkel ein, dass der dauernde Wechsel der Lebensbedingungen uns Menschen eine laufende Gestaltung und Entwicklung unserer Beziehungen abverlangt. Die daraus entstehende Anforderung bzw. Überforderung für manche Betroffene sieht Willi vor allem auch als Potential für persönliche Entwicklung. Durch das Beantwortetwerden persönlichen Wirkens, sowie durch Antworten auf die Einwirkung der Bezugspersonen und Lebensumstände, wird die Gestaltung der persönlichen Nische maßgeblich beeinflusst.

Aus systemischer Sicht ist mir dieser Zugang, gerade durch die Annahme der Zirkularität, sehr vertraut. Was mich im Besonderen angesprochen hat, ist ein Brückenschlag im Sinne des konstruktivistischen Gedankens, Erkenntnisse aus der Psychiatrie, sowie des analytischen Zugangs, lösungsorientiert (Willi beschreibt den Begriff der "Koevolution") zu nützen.

Unter Einbeziehung narrativer Reflexion wird die Bedeutung des aktuellen Wirkens im Beantwortetwerden durch Beziehung zur mitmenschlichen und dinglichen Umwelt für die persönliche Verwirklichung hervorgehoben.

Willi bezieht sich in seiner theoretischen Begründung und vor allem in den zahlreichen Fallbeispielen u.a. auf den Kontext stationäre Psychiatrie und Sozialpsychiatrie, somit auf psychotherapeutische Tätigkeit mit Personen mit sogenannten „schweren Persönlichkeitsstörungen".

Claudia Renner  


Andreas ZEUCH, Markus HÄNSEL, Henrik JUNGABERLE (Hg.):
Singen mit System. Systemische Konzepte für die Musiktherapie. Spielend lösen.
Carl-Auer-Systeme Verlag, Heidelberg 2004

Wie klingt eine Improvisation, wenn Ihr Problem gelöst ist? Welches Musikinstrument passt zur kleinen, hilflosen Sarah, welches zur erwachsenen, handlungsfähigen? Welches Musikstück wählen Sie, wenn Ihr Selbstwertgefühl auf zwei, welches, wenn es auf fünf ist? Fragen wie diese stellen MusiktherapeutInnen, die systemische Ansätze in ihre Arbeit integrieren. Die AutorInnen von „Systemische Konzepte für die Musiktherapie" präsentieren praxisorientiert ihre systemisch-musiktherapeutischen Interventionen und verorten sie gleichzeitig theoretisch. 

Henrik Jungaberle, Psychologe und Musiktherapeut - neben Andreas Zeuch und Markus Hänsel einer der drei Herausgeber - leitet den Band ein, indem er aufzeigt, wie die Musiktherapie durch „größere theoretische Neugier" gewinnt. Er analysiert Hindernisse und Synergien beim Brückenschlag zwischen musiktherapeutischen und systemischen Ansätzen. Dabei leiten ihn Fragestellungen wie „In welche Formen von Musiktherapie lassen sich systemische Interventionen einbauen?" oder „Wie kann man auf eine systematische Integration hinwirken"? Die darauf folgenden Beiträge geben Antwort. Systemische TherapeutInnen treffen auf Altbekanntes in fremdem Gewande: Skalierung, Externalisierung durch stimmliche oder musikalische Improvisation, Skulptur und Time-Line mit Musikinstrumenten oder -stücken. 

Die Musiktherapeutin Dorit Schradi beispielsweise demonstriert in ihrer Fallvignette, wie sie in der Musiktherapie Metaphern und Externalisierungen einsetzt. Jan ist ein neunjähriger Junge, der seit Schuleintritt an Migräne leidet. Seine Kopfschmerzen werden im Laufe der Therapie zum „Hammermann" - ein böser, schwarzer Mann mit Maske, der mit riesigem Hammer gegen seinen Schädel schlägt. Dieses Bild setzt der junge Klient in eine musikalische Improvisation um. Er wählt die Pauke, die Therapeutin erhält von ihm den Auftrag, am Klavier „das Gute" zu verkörpern. Weitere Gegenspieler des Hammermanns sind Gitarre und Vibraphon. In der nächsten Improvisation wechseln die Rollen, Jan spielt „das Gute", die Therapeutin wird zum Pauke schlagenden Hammermann. In der neunten von insgesamt zwölf Sitzungen entscheidet Jan, dass der Hammermann zum Schmied wird, der gegen Eisen hämmert und nicht mehr gegen seinen Kopf. Dann komponiert er eine „schmerzfreie" Zukunftsmusik. Jans Migräne ist am Ende der Therapie zwar nicht verschwunden, die Anfälle treten aber wesentlich seltener auf als früher. Schradis Conclusio: „Er hat nun Handlungsmöglichkeiten parat, die er einsetzen kann, um das Symptom einzudämmen und sich ihm nicht hilflos ausgeliefert zu fühlen." (S. 129). 

Henrik Jungaberle formuliert eingangs: „Die systemorientierte Musiktherapie gibt es bereits. (…) Das Experiment hat längst begonnen." Die einzelnen Beiträge sind Beleg dafür. Die systemischen Interventionen gehen durchaus über einen Versuch hinaus, da sie auch theoretisch verankert werden. Faszinierend an dem Buch ist zweierlei: die stimmige Übertragung systemischer Techniken auf eine kreative Therapie und die kreative Vielfalt der MusiktherapeutInnen. Und als systemische Therapeutin blickt man etwas neiderfüllt auf die KollegInnen ob ihres kreativen Repertoires.

Carmen Unterholzer



Literarisches Lesevergnügen

(alphabetisch nach AutorInnen)

Renate DAIMLER: Verschwiegene Lust Piper (2. Auflage 2004), € 9,20
Vielleicht ist dieses Taschenbuch vielen nicht unbekannt – denn es istschon 2002 erschienen, wenn doch, dann wäre es schade. Beschäftigt es sich doch sehr beispielhaft mit einer „Tabuzone“. Sexualität im Alter – gibt es das überhaupt und ist es noch erlaubt? Nicht zu glauben, dass unsere Eltern oder Großeltern noch so erleben. Die schönen, erlebnisreichen und gefühlsstarken Geschichten „der Frauen über 60“, sind es wert gelesen zu werden. – Nicht nur da wir alle einmal alt werden könnten. Eine wahre „Secondhandressource“.
Andreas Hainz

Slavenka DRAKULIC: Als gäbe es mich nicht. Roman, Aufbau-Verlag 1999
Stockholm, Karolinska Krankenhaus 27. März 1993: Eine junge Lehrerin aus Bosnien, Moslemin und Asylantin in Schweden, hat gerade ein Kind zur Welt gebracht.
Der verstörende Roman beginnt dort, wo eine noch so differenzierte Kriegsberichterstattung kapitulieren muss, beim stummen, fassungslosen Leid der Opfer der Massenvergewaltigungen in Lagern in Bosnien. Die international renommierte kroatische Journalistin Slavenka Drakulic hat diesen Frauen eine Stimme gegeben.
Ina Manfredini

Susanne FEIGL: Was gehen mich seine Knöpfe an? Johanna Dohnal - eine Biografie. Ueberreuter Verlag 2002, 220 Seiten,  € 25,60
Johanna Dohnal trat in die SPÖ zu einer Zeit ein, als „...die politische Tätigkeit der Frauen darin bestand, rote Papiernelken für den 1. Mai zu drehen" und ein ÖVP-Abgeordneter bei einer Enquete über die Familienrechtsreform klar stellte: „...dass die Stellung des Mannes als Familienoberhaupt unter keinen Umständen angerührt werden darf.......die Familie besteht aus der Führung durch den Vater und der Hingabe der Mutter...". Anhand dieser Zitate wird die unglaubliche politische Leistung von Johanna Dohnal sichtbar und auch verständlich, warum sie von „mit Abstand das unnötigste Regierungsmitglied" bis zu „bedeutendsten Politikerin der 2. Republik" so ziemlich alles zu hören bekam.
Susanne Feigl beschreibt die persönliche und politische Laufbahn Johanna Dohnals nicht als Abfolge von trockenen Tatsachen, sondern witzig, ironisch, voller Humor und Sarkasmus, und einem feinen Gespür für Sprache. Nicht nur für Frauen gedacht.
Margret Wantoch
Yael HEDAYA: Liebe pur Diogenes Verlag
Ein wunderbarer Roman einer israelischen Journalistin über ein Paar, dass nach einem blind date einen herrenlosen Welpen mit nach Hause nimmt. Wider Erwarten bleiben Mann und Hund, der Hund wird zum Seismographen der Beziehung.
Ina Manfredini
Michel HOUELLEBECQ: Elementarteilchen Roman, Dumont, 1998
"Frankreichs Literatur hat wieder einen großen Namen, eine Affäre, eine Debatte... Stillschweigend hat hier ein literarisches Werk den gewohnten Blickwinkel auf das Menschenbild verschoben." (J. Hanimann, FAZ)
Anhand der Lebensgeschichten zweier einsamer und verstörter Halbbrüder - Michel und Bruno - zeichnet der Autor die letzten Jahrzehnte der westlichen Gesellschaft kritisch nach, riskiert einen Blick in die Zukunft (Michel ist Molekularbiologe, dessen Forschungsergebnisse bedeutende Auswirkungen auf die Menschheit haben...) und beschäftigt sich auf spannende, vielschichtige und manchmal sehr berührende Weise mit den "großen Fragen" des Seins. Ein kontroverselles Buch, über das sich sicherlich wunderbar und ausgiebig diskutieren lässt, vor allem, wenn man um die 40 ist und sich dem alternativ-popkulturgeprägten Spektrum zugehörig fühlt(e)...
Marianne Beyer

Walter KAPPACHER: Ein Amateur Deuticke Verl., ca. öS 285,-
Der Salzburger Autor beschreibt ein Stück seines Lebens in der Nachkriegszeit: Die Lehrzeit in der Motorradwerkstatt, (nach dieser Lektüre werden Sie Motorrad-liebhaberIn sein), eine skurrile Schauspielschule, div. berufliche Versuche, sich selbst und die Möglichkeiten debez. Anzeiges Lebens auszuloten.... Scheinbar Alltägliches in einer intensiven, sinnlichen, ironischen Sprache.
Margret Wantoch
Hans LEBERT: Die Wolfshaut Fischer Verlag, ca. öS 350.-
Ein österreichisches Dorf namens Schweigen - von dörflicher Idylle keine Spur: Die Stimmung ist dumpf-düster, Gewalttätigkeit liegt in der Luft, die verdrängte Nazi-Vergangenheit der Dörfler wird in beklemmenden Bildern aufgerollt und doch - ."...ein kleines blaues Lied..." der Hoffnung. Ein fulminanter Roman und Krimi.
Margret Wantoch
Eden ROBINSON: Der Strand der Geister
Roman. Rowohlt Verlag 2002, 400 Seiten, € 23,60

Die junge Autorin beschreibt Kindheit und Jugend ihrer Protagonistin Lisamarie Hill, einer Indianerin in British Columbia, das harte Leben im Reservatgebiet im Osten Kanadas zwischen zwei „Realitäten": Einerseits der sogenannte normale Alltag, die Straßenkämpfe mit den „harten Jungs" um sich deren Respekt zu sichern, Drogenkonsum, jugendlichen Schwärmereien, andererseits die unfreiwillige Konfrontation mit den Geistern der Ahnen. Sie wird in ihren Träumen von Dämonen geplagt, die Katastrophen voraussagen, kann plötzlich die Stimmen der Krähen verstehen, die ihr ankündigen, dass ihr Bruder Jimmy auf See vermisst wird....
Eine unglaublich dichte und intensive Sprache, die den Umgang mit dem Aufeinanderprallen zweier Welten - vielleicht aus autobiografischer Sicht - beschreibt, ein starkes und außergewöhnliches Buch.
Margret Wantoch
Nina Ruge und Elmar BarteL: Liebeszauber
Verlag Ehrenwirth, 2007, ca. € 13,-
Nina Ruge (geb.1956), Fernseh-Moderatorin und Buchautorin, war schon als kleines Mädchen romantisch. "Ich habe mich an Fasching als Prinzessin verkleidet und gewünscht, dass der Prinz kommt", sie habe eine sehr romantische Ader. "Wenn man einmal erlebt hat, wie schön es ist, den Partner mit romantischen Ideen zu überraschen, dann will man es immer wieder." sagte Ruge der dpa bei der Vorstellung ihres neuen Buchs.
Die Münchnerin moderierte zehn Jahre lang bis Anfang Februar das ZDF-Magazin "Leute heute". Den „Romantik-Ratgeber" schrieb sie gemeinsam mit ihrem Kollegen, dem ZDF-Nachrichtensprecher Elmar Bartel. Nina Ruge, eine ehemalige Lehrerin, war auch lange Zeit als Kinderbuchautorin tätig.
Wenn eine Autorin ihr Lebensmotto „Alles wird gut ...." zum Titel von 4 Büchern macht und dann noch eines drauf setzt, indem sie ein weiteres Buch mit dem verheißungsvollen und viel versprechendem Titel „Alles wird besser...."schreibt, dann verspricht das letzterschienene mit dem Titel „Liebeszauber" nichts Gutes - noch dazu wenn es am Valentinstag veröffentlicht wird.
Und doch hat diese Ansammlung von Ideen und Anregungen, die das Leben romantischer und eine Partnerschaft lebendiger machen sollen – so die AutorInnen – seinen Charme. Es ist ein Buch mit zum Teil witzigen Ideen! Wer seine/n PartnerIn mal überraschen will, findet hier manch ansprechenden Tipp. Einiges, was hier vorgeschlagen wird, können viele sich finanziell wohl nicht leisten, anderes aber hat mit Geld gar nichts zu tun.
Vielleicht findet die/der eine oder andere auch Anregungen für seinen beruflichen Kontext – und wenn nicht, dann ist es doch ein „leicht verdauliches" Lesebuch und vielleicht für manche/m zum Schmunzeln.
Andreas Hainz

Corinna SORIA: Leben zwischen den Seiten Wieser, Klagenfurt
Beklemmend dichte Schilderung der Lebenssituation eines kleinen Mädchens, dessen Mutter allmählich in psychotisches Erleben entgleitet. Während die Mutter durch eine als zunehmend bedrohlich erlebte Umwelt hetzt ("....sie kämpft gegen Gestalten, die, sagt sie, durch Wände ziehen und nach uns verlangen, ich sehe nichts, sie bereitet am Boden ein Lager, unter dem Fenster, daß die Strahlen nicht unsere Körper zersetzen..."), schöpft das Kind aus Indianerbüchern und Gedichten Kraft zur Erschaffung einer Gegenwelt. Eine autobiografische Geschichte, wie sie auch in einer Therapie erzählt werden könnte (oder eine Form von Therapie?)
Andrea Brandl-Nebehay
Klaus Wahl / Katja Hees: Täter oder Opfer? Jugendgewalt – Ursachen und Prävention
Ernst Reinhardt Verlag, München, Basel 2009, 170 S. (EUR 19,90)
Sie ist nicht eindeutig beantwortbar – die Frage nach der Zunahme jugendlicher Gewalttätigkeit. Verschiedene
Statistiken und Untersuchungen kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen. Aber die Frage nach der Zunahme
ist nicht die wirklich relevante, viel wichtiger ist die Suche nach sinnvollen Maßnahmen gegen Gewalt. In „Täter oder Opfer“ analysieren die Kulturwissenschafterin Katja Hees und der Sozialwissenschafter Klaus Wahl ein breites Spektrum jugendlicher Gewalt und sie interpretieren Zahlenmaterial. Der Statistik folgt die Charakterisierung unterschiedlichster Gewaltszenen und –gruppen. Und sie werfen einen genauen Blick auf Gewalttäterinnen, welche seltener sind. Ihre Gewalt ist eine andere, eine psychische, verbale. Sie hänseln, provozieren, grenzen aus, erheben falsche Anschuldigungen. Hees und Wahl nähern sich auch der Frage an, wie Aggression und Gewaltbereitschaft bei Menschen entsteht. Sie erkunden die sensiblen ntwicklungsphasen von Kindern, in denen sie Friedfertigkeit statt Aggression lernen könnten. All das ist interessant und gut zu lesen – einiges ist bekannt, vieles neu. Was „Täter oder Opfer“ von anderen wissenschaftlichen Büchern unterscheidet, ist zweierlei: Das statistische Material und die pädagogischen, psychologischen und soziologischen Befunde ergänzen die WissenschafterInnen mit Lebensgeschichten jugendlicher Gewalttäter und mit Interviewpassagen – dies zum einen. Zum anderen: In vom Text abgehobenen Kästen werden Begriffe erklärt. Was ist der Unterschied zwischen Aggression und Gewalt? Was ist unter Cyber-Bullying, Mobbing, Happy Slapping genau zu verstehen? Wie sieht der Bullying-Teufelskreis aus? Auch juristische
Erklärungen werden in diesen Gestaltungselementen präsentiert. Dies erleichtert das Verständnis.
Ein wichtiger Aspekt im Buch ist der Prävention von Gewalt gewidmet. Die AutorInnen entwickeln –ausgehend von Ergebnissen ihrer Arbeit – eigene Ideen zur Vorbeugung von Gewalt, sie präsentieren und bewerten bereits bestehende Maßnahmen. „Täter oder Opfer“ ist eine fundiert recherchierte, gut und lebendig aufbereitete, eine umfassend informierende Studie – ein Standardwerk für alle, die mit Jugendlichen arbeiten.
Carmen Unterholzer
Mako YOSHIKAWA: Das Erbe der Geisha. Diana Verlag, ATS 124,00
Ein Lesetipp für all jene, die sich von dem eher platten deutschen Titel nicht abhalten lassen (im Original: "One Hundred and One Ways") und eintauchen in die Geschichte einer jungen Amerikanerin japanischer Herkunft, die im Begriff ist einen erfolgreichen Rechtsanwalt zu heiraten, der ihr ein beschauliches Leben bieten würde. Die Verlockung ist groß diesen Weg zu gehen, um die Zeit der Trauer und Einsamkeit endgültig hinter sich zu lassen, die sie nach dem plötzlichen Unfallstod ihres Freundes Phillip, erlebt hat. In dem Versuch sich über ihre Gefühle klar zu werden hält sie Zwiesprache mit ihrer japanischen Großmutter. Mit Hilfe der Erzählungen über die Zeit mit Phillip und dem Verknüpfen der Erinnerungen an ihre Eltern, verändert sich ihre Geschichte des Verlassenwerdens in eine Geschichte der Liebe. Dieser Roman stellt in feinsinniger und oft humorvoller Weise ein einfühlsames Portrait von drei Frauen unterschiedlicher Generationen und Kulturen dar. 
Andrea Thomanetz
Serghij ZHADAN: Depeche Mode Editon Suhrkamp. ca. € 10,-
Charkiw-Ukraine, 4 Tage im Juni 1993. Es gibt keine Orientierungshilfe- ob die heutigen Biznesmeny, Polizeikommissare, Dealer, Generalstöchter...auch morgen noch Dieselben sind, weiß man in der Anarchieder postkommunistischen Umbruchszeit nicht so genau. Serhij Zhadan und seine Freunde Dog Pawlow, Wasja Kommunist, alle19 Jahre jung, arbeitslos, organisieren mit abenteuerlichen Mitteln undErfindungsgabe den Kampf ums Überleben, die tägliche Schnaps- und Wodkaration, jetzt sollen sie auch noch ihren Freund Sascha Zündkerzefinden, um ihm ein traurige Nachricht zu überbringen. Sie irren durchaufgelassene Komsomolskhallen, in denen nun amerikanische Predigerauftreten, verrottendes Fabriksgelände, desolate Bahnhöfe, durch dasganze Chaos, das sie umgibt. Serhij Zhadan veröffentlichte bisher fast nur Lyrik, er schreibt diesen teilweiseautobiografischen Roman in einer unglaublich poetischen undrhythmischen Sprache.
Margret Wantoch

FILM-TIPPS

 

DVD-tipp:

Institut für Systemische Therapie
Ana Ex. Wie die Magersucht siegt und wie sie scheitert”. DVD
Carl-Auer-Verlag, 2008 (erscheint in Kürze), im Moment erhältlich über das IST Wien, € 19,90

Nach dem gestrigen Jour Fixe von Carmen Unterholzer und Ingrid Farag, wo die beiden die DVD „Ana Ex. Wie die Magersucht siegt und wie sie scheitert“ präsentiert haben, ist es mir eine Freude, heute eine Rezension darüber zu schreiben.

Die halbstündige DVD wurde vom Institut für Systemische Therapie in Wien (IST) produziert
und ist meiner Ansicht nach vielseitig verwendbar: einerseits in der Arbeit mit KlientInnen sowie deren Familien und sämtlichen Betroffenen, aber auch mit Auszubildenden oder zur Prävention an Schulen und allen Institutionen, die mit dem Krankheitsbild der Magersucht konfrontiert sind oder es werden könnten.

Ana Ex ist die externalisierte Anorexie. Sie wird von einer Puppe dargestellt, die sich freundlicherweise einem Gespräch mit einer Psychotherapeutin aussetzt. Zuerst macht es noch Spaß, die interessierten
Fragen der Therapeutin nach ihrer Macht zu beantworten. Sehr eindrucksvoll erlebt man als ZuseherIn die große suggestive Kraft der Ana Ex, die einige Unterstützer auf ihrer Seite hat: gesellschaftliche Diskurse wie jener, dass Schlanksein gleichbedeutend ist mit Schönheit/Gesundheit/ Erfolg oder jener über die Minderwertigkeit der Frau („Willst Du vielleicht werden wie Deine Mutter?“); Rolemodels wie Kate Moss oder Victoria Beckham, die einfach cooler sind als diejenigen, die einen zum Essen überreden möchten; ein familiäres Umfeld, in dem u.a. Harmonie, Aufopferung, Leistungsorientierung, Disziplin, Unterordnung unter familiäre Traditionen hohe Werte darstellen; und vor allem: das Versprechen, dass durch die Kontrolle über den Körper Autonomie, Stärke und Selbständigkeit zu erlangen sind.

Aber Ana Ex hat auch Gegenspieler, die ihre Macht untergraben. Und auch diese gibt sie, – unter zunehmendem Protest - der Therapeutin auf deren hartnäckiges Fragen hin, preis: Ein Klima, in dem die oder der sich anorektisch verhaltende Jugendliche Ernst genommen wird; in dem familiäre Konflikte ausgesprochen und ausgetragen werden; in dem Anerkennung und Interesse für die Themen der Jugendlichen besteht.

Wo die Verantwortung von Eltern geteilt wird mit ÄrztInnen und vor allem: wo nicht ständig über`s Essen geredet wird, wo auch andere Seiten der Person – nicht nur die Magersucht – Platz haben, wo Lebenslust vermittelt wird und Zukunftsperspektiven entwickelt werden können. All dies bringt Ana Ex gehörig in Bedrängnis, bis sie schließlich abtritt. Sie weicht der Entscheidung, Selbständigkeit auf anderem Weg zu erlangen als über eine lebensbedrohliche Krankheit.
Ein toller Jour Fixe, eine tolle DVD.

Verena Kuttenreiter


“Schmetterling & Taucherglocke”
Regie: Julian Schnabel

Wie, bitteschön, soll ein Film über einen Mann, der von Kopf bis Fuß gelähmt ist, sich nicht bewegen, nicht sprechen kann, ein Film der noch dazu auf einer wahren Begebenheit beruht, Mut machen und eine Liebeserklärung an das Leben sein? Einzig sein linkes Auge gehorcht dem Gehirn, wo das Leben gefangen gehalten wird, und dessen Macht über den Körper verloren ging. Ein ewiger Horrorfilm, oder nicht? Es erschien seltsam, dass Filmkritiker darin so viel Positives finden konnten. Ich war verwirrt und gespannt.

Der New Yorker Maler und Regisseur Julian Schnabel verfilmte den gleichnamigen autobiografischen Roman des ehemaligen „Elle“-Chefredakteurs Jean-Dominique Bauby ohne Klischees. Und eigentlich sollte es ein Werk über die weibliche Rache werden, doch es kam anders. Gefangen in einer Taucherglocke bekommt Bauby vom Verlag eine Übersetzerin zur Seite gestellt, der er seine Memoiren diktiert. Ein Zwinkerkommunikationssystem zur Verständigung ist bald gefunden – denn das,
was sich in der Taucherglocke bewegen lässt, ist sein linkes Auge.

„Ich will sterben“ ist der erste Satz, den Bauby mittels dieses einzigartigen Systems hervorbringt. Doch Jean-Do überlegt es sich schließlich anders und entdeckt, dass zwei weitere Aspekte seines Menschseins nicht gelähmt sind - seine Fantasie und sein Gedächtnis. Erst ab diesem Zeitpunkt sieht man Jean-Dominique Bauby auch als Person – der Blickwinkel wechselt. Waren zu Beginn des Films verschwommene, wirre Bilder aus der Perspektive des lebenden Auges vorherrschend, wird man nun wie durch einen Sog in eine Welt von Bildern gezogen, die durch ihre Gewalt und zugleich ihre Zärtlichkeit überwältigend sind. Jean-Do reist mit uns durch Erinnerungen und erfindet seine eigenen
Welten. Er schlürft sinnlich mit seiner bezaubernden Übersetzerin Austern in einem Nobelrestaurant während in der Realität künstliche Nahrung durch die angehängten Schläuche langsam seinen Magen füllt. Der Film thematisiert das Finden und Erfinden von Möglichkeiten. Bauby, der seinen Kindern nie wieder durchs Haar streichen wird können, der erfüllt von Trauer über diese Tatsache ist. Der sich aber auch denkt, dass ein kaputter Vater besser als gar keiner ist. Ein Vater, der immerhin mit
seinen Kindern das „Galgenspiel“ (das mit den Buchstaben!) spielen kann.

Was hier entstanden ist, fühlt sich letztlich an wie das Gegenteil von Rache. Ein großartiges Vermächtnis über die Versöhnung mit dem Schicksal und mehr – es ist tatsächlich eine wunderschöne Liebeserklärung an das Leben. Ein Leben, das intensiver nicht sein könnte. Voller Träume, Erinnerungen, Sehnsüchte und Selbstironie und dabei so gar nicht kitschig.

Ein Film, der sich schwer in Worte fassen lässt, den man spüren muss. Der die Frage „Und, wie hast du den Film gefunden?“ (die man tatsächlich niemanden stellen hört) am Ende der Vorführung unnötig macht. Der erstmal sprachlos macht. Ein Film, bei dem unsere nüchternen Therapiejargonausdrücke „Ressourcenorientierung“ oder „Reframing“ absolut nichts verloren haben, obwohl mir kein besseres Beispiel dafür einfällt, das eindrücklicher zeigt, was diese Begriffe eigentlich bedeuten
können!
Beflügelnd und tiefgehend – Schmetterling und Taucherglocke eben.

Kerstin Klambauer

PS: Das Buch zum Film ist übrigens im dtv-Verlag erschienen und um € 8,20 erhältlich.


“La Question humaine / Der Wert des Menschen”
ist auch in Buchform “Der Wert des Menschen” von Francois
Emmanuel Kunstmann, 2006 erhältlich

Ein Film, der einen nicht unberührt lässt, der Grauen entstehen lässt ohne grauenvolle Bilder zu zeigen – das Grauen entsteht durch die Verwendung der Sprache, die Stimmen, die Art der Erzählung. „Der Wert des Menschen“ ist eine Erzählung in Form einer Allegorie, die rund um ein historisches Dokument angelegt ist, das Berliner Ingenieure 1942 verfasst haben und in dem es um Vorschläge zur technischen Verbesserung von LKWs geht, die zur Judenvernichtung eingesetzt werden sollen. Anstatt von Menschen, menschlichen Körpern und dem Töten zu sprechen, werden in diesem Schreiben Begriffe wie Stückgut, Effizienz und Kostenreduktion verwendet. Die Handlung des Films ist aber im heutigen Frankreich angelegt - in einem modernen Konzern, wo der Psychologe Simon aufgrund von Verhaltensauffälligkeiten des Generaldirektors dessen Geisteszustand bewerten soll. Dieser Auftrag bringt ihn nicht nur mit der Vergangenheit in Berührung, sondern auch mit seiner Rolle, die er in diesem Unternehmen spielt. Ohne direkt an den Schalthebeln der Macht zu sitzen, ist er doch mehr als nur Mitspieler.
Die Rationalität der Sprache in Form einer sauberen Business-Sprache lässt ebenfalls vergessen, dass es um Menschen geht.

Andrea Thomanetz


“The end of the Neubacher project”
Regie: Marcus J. Carney, ab 18. Jänner 2008 im Kino

Der Film beschäftigt sich auf sehr berührende und aufrüttelnde Weise
mit den Generationen einer Familie und ihren Konflikten. Marcus J.
Carney erzählt die Geschichte seiner Familie als epischen
Dokumentarfilm. Was als Versuch beginnt, die Nazi-Familiengeschichte
aufzuarbeiten, wird immer mehr zu einer radikalen Analyse von
Kreisläufen familiärer Beziehungen, vor allem die zwischen Mutter und
Sohn. THE END OF THE NEUBACHER PROJECT ist eine Kinoerzählung
voller Wucht über eine Familie und ihr Trauma, das über Generationen
hinweg spürbar ist.
www.neubacherproject.com
Mahnaz Tischeh

INTERNET-TIPPS

Das gepfeffertes Ferkel - Online-Journal für systemisches Denken und Handeln: ferkel -
ein Angebot des Instituts für Beratung und Supervision (IBS) - Aachen 
"Das gepfefferte Ferkel" lautet die Überschrift des 2. Kapitels des Kinderbuchs "Alice im Wunderland", in dem Lewis Caroll bereits einige Motive des Konstruktivismus vorwegnimmt. Für die von Caroll noch nicht erschöpfend behandelten Themen systemisch-konstruktivistischen Denkens in Kunst, Literatur, Politik, Therapie, Supervision und Organisationsberatung bietet diese Online-Zeitschrift zirkulären Raum, um Wissen, Informationen, Geschichten und Erfahrungen auszutauschen. Seit der Geburt des Ferkels im Herbst 2001 sind bereits viele anregende, teilweise auch witzige Beiträge (im Archiv zu finden) eingelangt. Meine persönlichen Favoriten sind u.a. ein Beitrag zu autopoetisch verstandener Gruppenarbeit mit dem vielversprechenden Titel "Jeder ist seines Glückes Hammer", eine familientherapeutische Literaturinterpretation von Franz Kafkas 'Die Verwandlung' sowie der Artikel von Heinz Kersting zur ‚Kybernetik der Supervision'. Also: reinschauen und surfen...

... und natürlich das unglaubliche, unentbehrliche, fantastische "systemagaziin": täglich neue Beiträge, behütet von Tom Levold: systemagazin

Andrea Brandl-Nebehay

Weitere Hinweise auf interessante  systemische Internet-Seiten finden sich bei den Links

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