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Neu erschienen (Juli 2011)
Sigrun Eder, Petra Rebhandl, Evi Gasser
„Annikas andere Welt – Hilfe für Kinder
psychisch kranker Eltern“.
Edition
Riedenburg, Sachbuchreihe SOWAS!
Band 8, Salzburg 2011, EUR 19,90
Das Buch ist gegliedert in vier Teile. Der
erste Teil beginnt mit einer Geschichte
zum (Vor)-Lesen: „Annikas andere Welt“.
Diese Erzählung lässt die Gefühlswelt
eines Kindes nachempfinden, das depressive und manische Phasen seiner Mutter
miterlebt. Enttäuschung, Wut, Schuldgefühle, Veränderung des familiären Alltags und Lösungsideen werden illustriert. Danach wird sachlich kindgerecht erklärt, was eine psychische
Erkrankung ist, welche Arten von Erkrankungen es gibt und wie man
leichter damit umgehen kann. Es werden Fachbegriffe eingeführt und erklärt.
Der zweite Abschnitt enthält therapeutisch nutzbare, vor allem ressourcen- und lösungsorientierte Arbeitsblätter.
Das dritte Kapitel beschreibt Sachinformationen für Eltern, wobei der Bezug zu den Kindern beibehalten wird (z.B.: Wie können Eltern kindgerecht
über ihre Krankheit sprechen?). Die Wichtigkeit, offene Gespräche über
die psychische Erkrankung eines Familienmitgliedes zu führen, wird dabei
unterstrichen. Ebenso wird versucht, Eltern die kindliche Gefühls- und Gedankenwelt näher zu bringen. Der Einfluss einer psychischen Erkrankung
auf die soziale und psychische Entwicklung der Kinder wird angesprochen. Auch Maßnahmen bei Kindeswohlgefährdung werden beschrieben.
Und wie ein Zusammenleben dennoch funktionieren kann.
Der letzte Abschnitt ist die „Sachinformation für PsychologInnen und PsychotherapeutInnen“. Hier steht wenig Neues für Professionisten. Jedoch
gibt es eine ausführliche Auflistung von Fragen, die gut in Familientherapien und Elterngesprächen eingesetzt werden können, und eine themenspezifisch geordnete Checkliste, die ebenfalls nützlich erscheint.
„Annikas andere Welt“ eignet sich vor allem gut für betroffene Familien.
Mit diesem Buch finden Eltern mit ihren Kindern einen Einstieg in das
Gespräch über die vorhandene psychische Erkrankung. Das Buch kann zu
Hause oder auch innerhalb einer Familien- oder Kindertherapie mit Hilfe
des/der Therapeuten/in angeschaut und genutzt werden. Es bietet viel
nützliches systemisches Arbeitsmaterial.
Stefanie Hargassner
Sigrid Sohlmann, Christian Dada:
Frauen & Krebs. Hilfe für Betroffene und Angehörige
maudrich (facultas) 2011, 168 Seiten,
EUR 19,90
Das von Sigrid Sohlmann und Christian Dadak
in Teamarbeit neu erschienene Buch „Frauen
& Krebs“ beinhaltet erstmals gemeinsam me-
dizinische und psychologische Sichtweisen
und Hilfestellungen, um Frauen und ihren Angehörigen Antworten auf viele Fragen in dieser
schwierigen Lebenssituation zu geben.
Es birgt umfassende und verständlich lesbare medizinische Informationen
zur Entstehung und Therapie verschiedener frauenspezifischer Krebsarten
und vermittelt den Frauen zusätzliches Wissen über ihre Krankheit. Die
AutorInnen führen durch wichtige Stationen der Erkrankung und bieten
dabei Lösungswege und Hilfestellungen in Krisensituationen und Strategien im Umgang mit der Krankheit an.
Neben den gesundheitlichen und medizinischen Konsequenzen müssen
sich aber Frauen, die an Krebs erkranken, auch den schwierigen psychischen und psychosozialen Folgen der Krankheit stellen.
Anhand von Fallbeispielen wird sichtbar, dass eine Krebserkrankung eine
gewaltige Zäsur im Leben der Betroffenen bedeutet. Damit verbunden ist
auch eine Neuorientierung hinsichtlich Wertfragen des Daseins, der Welt,
der Mitmenschen und ganz besonders der eigenen Existenz.
Bemerkenswert ist auch das Kapitel „Was die Diagnose für Betroffene,
Angehörige und ihr Umfeld bedeutet?“. Dabei werden die verschiedensten
Gefühle angesprochen, die bei den Patientinnen aufkommen können und
dass Krebs in unserer Gesellschaft noch immer tabuisiert wird. Und egal
ob Familie, Freunde oder Ärzte – viele haben Angst, das Thema anzusprechen, die einen aus Betroffenheit und die anderen aus Unsicherheit,
wie sie damit umgehen sollen. Auch die Angst, wie in Zukunft die soziale, wirtschaftliche und familiäre Existenz gesichert werden kann, ist Teil
dieses Kapitels.
Außerdem werden von der Psychotherapeutin ganz wichtige, oft von
Frauen aus Angst und Scham nicht gestellte Fragen wie „Sexualität
und Krebs“, „Kinderwunsch“ und „Verhütung“ angesprochen. Themen
zur Ernährung und Arbeitswelt sind ebenso Inhalt wie „Was bedeutet
Komplementärmedizin?“, „Wie wichtig ist psychotherapeutische Unterstützung?“. Als systemischer Familientherapeutin liegen Frau Sohlmann
Themen wie „Miteinbeziehen der Familie in Diagnose und Therapie“, „die
Paarbeziehung“ und vor allem „Wie vermittle ich die Diagnose meinen
Kindern?“ sehr am Herzen.
Wertvoll sind die Ratschläge und Verhaltenstipps für die Angehörigen, da
besonders wieder Partner und Kinder, die meist sehr unter starken emoti
onalen Belastungen leiden.
Gut erkennbar ist bei den AutorInnen die jahrelange Erfahrung in der Ar-
beit mit Krebspatientinnen und dadurch können sie auf so viele Situationen eingehen, die besonders belastend für Patientinnen sind und ihnen
dafür Lösungen anbieten.
Psychoonkologische Unterstützung sollte als unverzichtbarer Bestandteil
jeder Behandlung gesehen und jeder Patientin und auch ihren Angehörigen angeboten werden. Ob sie dieses Angebot annehmen möchten, ist
aber ganz allein ihre Entscheidung.
Das Buch wird keine Gespräche und Therapien ersetzen, aber gewiss
falsche Vorstellungen über die Erkrankung aus dem Weg räumen und Mut
machen, Gespräche mit Arzt, Partner und Familie zu führen. Es wird auch
dazu beitragen, verschiedene Heilmethoden besser zu verstehen und ermutigen, gemeinsam mit dem Arzt nach einer maßgeschneiderten, individuellen Kombination von verschiedenen Therapien zu suchen.
Zusätzlich bietet dieses Buch ein breites Spektrum an praktisch nachvollziehbaren Lösungsmöglichkeiten, die von der Autorin mit Patientinnen
thematisiert und in Therapien erarbeitet worden sind. Die Fallbeispiele
und praktischen Umsetzungsvorschläge zeigen, wie manche Problematiken und Krisen bearbeitet bzw. teilweise gelöst werden können.
Auf die Wichtigkeit einer Zusammenarbeit, also Vernetzung von Arzt und
Psychotherapie, stets im Sinne der Patientin, wird von der Autorin immer
wieder hingewiesen.
Alles in allem: Ein sehr empfehlenswertes Buch!
Petra Erb
Jügen Hardt, Fritz Mattejat, Matthias Ochs, Marion Schwarz, Thomas Merz
und Ulrich Müller (Hrsg.)
Sehnsucht Familie in der Postmoderne. Eltern und
Kinder in Therapie heute
Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2010
Dieser Band dokumentiert den 5. Hessischen Psychotherapeutentag „Sehnsucht Familie in der Postmoderne“ im September 2009, auf dem die familientherapeutische Arbeit sowohl auf makro- wie auf
mikroskopischer Ebene zu kontextualisieren Programm war. Dieses thematisch weite Feld wird zu
Beginn gerahmt mittels kulturpsychologischer Überlegungen zu den Begrifflichkeiten von Postmoderne, Familie, Elternschaft, Familientherapie.
In diesen Rahmen werden fünf Themenfoki gestellt (technische Reproduzierbarkeit, psychisch kranke Eltern, Multikulturalität, Familiengericht,
schulenspezifische therapeutische Zugänge), die jeweils von mehreren
Beiträgen unterschiedlicher AutorInnen ausgemalt werden: inhaltliche
Einführung in das jeweilige Thema, spezifische Informationen (z.B. zu
Möglichkeiten in der Behandlung von KinderwunschpatientInnen oder logistische Aspekte in der Arbeit mit Familien), Beschreibung von therapeu-
tischen Angeboten und Materialien, Forschungs- und Evaluationsergebnisse, praxeologische Zugänge etc.. Manches bezieht sich naturgemäß
auf die Deutschland-spezifische Situation (z.B. Rechtliches), ist jedoch in
der Reflexion auch für in anderen Ländern Tätige nutzbar.Auch erfahrene SystemikerInnen profitieren von der thematischen Heterogenität des Bandes und können sich gezielt in bestimmte Teilaspekte
vertiefen – ein jeden Aufsatz einleitendes Abstract ermöglicht gleichzeitig
auch Einblicke in die anderen Themen. Die Heterogenität des Bandes verlangt jedoch den das ganze Buch Lesenden eine gewisse Flexibilität ab,
sich auf die jeweils unterschiedliche Struktur, Sprache und Qualität der
Aufsätze einzustellen.
Theresia Gabriel
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Andrea
Brandl-Nebehay & Joachim Hinsch (Hrsg.):
Paartherapie und Identität. Denkansätze
für die Praxis
Carl-Auer-Verlag, Heidelberg 2010.
232 S, 25,70 € |
Traurig, aber wahr – die Scheidungsrate in Wien betrug 2009
über 60 Prozent. Geht man von dieser erschreckend hohen Zahl aus,
bedeutet das nicht nur viel Arbeit für ScheidungsrichterInnen, sondern
unter Umständen auch einen höheren Bedarf an Paartherapie.
Doch was genau tun wir PsychotherapeutInnen mit Paaren, die in Krisen
geraten sind? Welche persönlichen und gesellschaftspolitischen Ideen
und Bilder leiten uns? Wobei können wir unterstützen, zumal
Paartherapie im Zeitalter einer generellen Identitätsdiffusion und
als postmodernes Unternehmen “...weniger den je gültige Rezepte zur
Bewältigung von Identitäts- und Sinnkrisen liefern, schließlich
sind die PaartherapeutInnen persönlich mit den gleichen Fragen und
Ungewissheiten beschäftigt wie ihre KlientInnen.“ Das vorliegende
Buch – respektive die 7 darin enthaltenen Beiträge – geben nicht
nur Einblick in die soziologischen Lebenswelten und unterschiedlichsten
Ansprüche an Paarbeziehung, sondern versuchen der beiderseitig an
die KlientInnen und PsychotherapeutInnen gestellte Identitätsfrage
„Wer bin Ich im Wir?“ Raum zu geben.
Beginnend mit einem historischen Überblick und der
Klärung des Begriffes der „Identität“, die Bedeutung und Auswirkung
für die Paargestaltung, sowie dessen Anwendbarkeit im Therapiekontext
und speziell in der narrativen Therapie wird die LeserIn gut gerüstet
für die Frage nach der Paaridentität bzw. der Frage nach Autonomie
oder Bezogenheit im Paarerleben. Steht das Paar oder das Individuum im
Mittelpunkt? Das Modell der Paartherapie als „Einzeltherapie in Anwesenheit
des Partners“ zeigt wie gleichzeitig beides gelingen kann, und wie wichtig
das Pendeln zwischen Autonomie und Bezogenheit ist. Paarbeziehungen, aber
auch die Paartherapie (abhängig vom Geschlecht des/der PsychotherapeutIn)
werden stark von männlichen und weiblichen Identitätsbildern
geprägt. Durch das teilweise Auflösen von Geschlechtsidentitäten
bzw. Rollenbildern werden sowohl neue Möglichkeiten, wie Problemfelder
eröffnet. Die treffende Überschrift: „Die Wirksamkeit des Unsichtbaren“
und die daraus resultierenden Aussagen bezüglich Machtverhältnisse
in der Partnerschaft macht diesen Abschnitt sehr spannend. Zumeist optisch
sichtbar ist der Umstand, wenn bikulturelle Paare eine Paartherapie aufsuchen.
Unterschiedliche kulturelle Identitäten und bestimmte Lebensumstände,
wie z.B. Migrationshintergrund haben Auswirkungen auf die Paargestaltung
und erfordert erhöhte interkulturelle Kompetenz der TherapeutIn und
einer Hingabe zur Auseinandersetzung mit dem kulturellen Fremden/Anderssein.
Das Fremde macht leider nicht nur in interkulturellen Beziehungen viel
zu oft Angst, sondern insbesondere auch dann, wenn es um das sogenannte
Fremdgehen in der Beziehung geht. Der Artikel „Wildgehend das Fremdgehen
erkunden“ ist der gelungene Beitrag, die Identitätsdiffusionen aller
betroffenen Personen in deren menschlicher Qualität, den emotionalen
Tiefen und Höhen darzustellen und zeigt methodische Wege für
die Systemische Therapie. Das Fremdgehen berührt Identitäten.
Körperliche Gewalt jedoch behindert oftmals Identitäten. Das
marginalisierte Thema Gewalt in Paarbeziehungen und in der Paartherapie
stellt eines meiner persönlichen Highlights dieses Buches dar. Nach
dem Lesen ermöglicht es einem ein aktives Hinsehen und erweiterte
Handlungs- und Ideenkompetenz für die Therapie. Den Abschluss bilden
sogenannte „Küchengespräche“. Vier der AutorInnen gewähren
Einblick in ihre professionellen, aber auch persönlichen Lebenswelten
und ihren ganz persönlichen Bezug zur Paartherapie und therapeutischen
Identität während ihrer Mittagspausen im Institut für Ehe-
und Familientherapie. Dieser sehr persönliche und äußerst
sympathische Abschluss des Buches gelingt hervorragend.
Insgesamt ist es Andrea Brandl-Nebehay und Joachim Hinsch
gelungen, sieben homogene, qualitativ hochstehende Artikel in einem Buch
zusammenzufassen.
Sie zeigen mit der Leitidee bzw. dem roten Faden der „Identität“
einen intelligenten und handhabbaren Weg auf, der Paartherapie nicht nur
theoretisch und methodisch begreifbar macht, sondern auch einlädt
das Eine oder Andere an therapeutischer Haltung oder Ideen zu übernehmen,
zu überdenken und in der eigenen therapeutischen Identität zu
implementieren.
Andreas Höher
PS: Natürlich sollte man auch die VerfasserInnen der
einzelnen Artikel namentlich nennen: Ingrid Egger, Katharina Hinsch, Sabine
Klar, Susanne Klingan, Sabine Kirschenhofer, Verena Kuttenreiter, Klaus
Schmidsberger und Andrea Thomanetz (in alphabetischer Ordnung).
Gesammelte Kurzrezensionen aus den ÖAS-Netzwerknachrichten der letzten
Jahre,
alphabetisch nach (Erst)AutorInnen:
Joachim BAUER
Das Gedächtnis des Körpers
Piper, München 2007, € 9,95 und
Sven Max LITZCKE, Horst SCHUH
Stress, Mobbing und Burn-out am Arbeitsplatz
Springer, Heidelberg 2007, € 20,60
Erfreulich und erwähnenswert ist die explizite Integration der Psychotherapie
als wiederholt empfohlene Heil- und Gesundheitsmaßnahme in wissenschaftlichen
Texten, in leserfreundlich aufbereiteten wissenschaftsbezogenen Taschenbuch-Publikationen
und in Zeitschriften. Ich beziehe mich auf zwei rezente Bucherscheinungen
und einen Artikel des Vorjahres in der italienischen Zeitschrift „per
Me“ (siehe unten), die im Bereich Trauma- und Stressbewältigung auf die
Psychotherapie wiederholt als Mittel der Wahl verweisen. Wenn auch J.
Bauer in: „Das Gedächtnis des Körpers“ mit der stellenweise expliziten
Nennung spezieller therapeutischer Richtungen in der Informationsweitergabe
etwas über das Ziel hinaus agiert ist z.B. die Auflistung psychotherapeutischer
Wirkbereiche in Litzcke, Schuh („Stress, Mobbing und Burn-out am Arbeitsplatz“)
generell sehr brauchbar. Der Leser, zumeist entweder Betroffener oder
psychologisch orientierter Fachmann, erhält in beiden Fällen konkrete
Anhaltspunkte für die Einsetzbarkeit psychotherapeutischer Arbeit. Litzcke
und Schuh (siehe oben) geben einen groben Überblick, wozuPsychotherapie
dient.
Sie listen auf (S. 81):
• sozialer Schildeffekt
• kognitiver Schildeffekt
• emotionaler Erleichterungs- und Puffereffekt
• kognitiver Bewältigungseffekt
• soziale Bewältigung Schon im September 2006 wurde in der italienischen
Zeitschrift „per Me“ ein seitenfüllender Artikel über die Gehirnveränderungen
durch Psychotherapie veröffentlicht. Darin geht es um Wirksamkeitsnachweise
mittels Magnetresonanzaufnahmen am Mandelkern, die der Psychotherapie
dieselbe Veränderungsaktivität wie Psychopharmaka bestätigen. Interdisziplinären
Teams bestehend aus Neurologen, Psychologen, Psychiatern und Radiologen
der Universitäten Montreal und Jena sind Aufnahmen gelungen, die die Spuren
psychotherapeutischer Behandlung dokumentieren. Sie konnten die Auswirkung
von Neuronenaktivität nachweisen, die jener nach Psychopharmakaverabreichung
stark ähneln. Vgl. Elle Bandit. «La psicoterapia modifica il cervello?”
in: per Me, September 2006
Eva Schebach
Marion BECKER-RICHTER:
Mutter ist an allem schuld. Mit Vorwürfen erwachsener
Töchter umgehen.
Abschied von der Supermutter
92 Seiten, Kösel Verlag, München
2006, € 15.40
Immer wieder fragen KlientInnen nach empfehlenswerter Literatur, nach
Ratgebern zu bestimmten Themen. Aus dem großen Pool an Mutter-Tochter-Büchern
habe ich eines ausgewählt. Es stammt aus der Feder von Marion Becker-Richter,
sie ist Soziologin, Psychologin und Mutter zweier erwachsener Kinder.
Sie weiß, wovon sie spricht.
Zunächst ist sie in die „Mutterfalle" getappt, also in jene
Falle, die für Mütter allerlei Schuldgefühle und ein schlechtes
Gewissen bereithält, wenn sich die Tochter nicht „wunschgemäß"
entwickelt. Dann hat sie die „Mutterschelte" über sich ergehen
lassen, jene Schelte, die Müttern vermittelt, sie seien für
jedes töchterliche Missverhalten verantwortlich. Schließlich
dachte sie: „Nein, nicht an allem bin ich schuld." Daraufhin führte
sie zahlreiche Gespräche mit Müttern und Töchtern und verwertete
die Ergebnisse dieser Interviews und eigene Erfahrungen in einem Buch.
„Mutter ist an allem schuld. Mit Vorwürfen erwachsener Töchter
umgehen" ist ein Ratgeber, der leider in eine der vielen Fallen dieser
„Literaturgattung" tappt: Er ist streckenweise banal. Das ist die schlechte
Nachricht. Doch es gibt auch eine gute, nein, mehrere gute Nachrichten.
Die vielen Interviewausschnitte und Fallgeschichten machen das Buch zu einer
kurzweiligen Lektüre. Marion Becker-Richter analysiert, was hinter
den Vorwürfen der Töchter steckt und wie Mütter konstruktiv
darauf reagieren können. Gesellschaftliche Diskurse streift die
Soziologin leider nur am Rande, oft fehlt der gendersensible Blick – vor
allem dann, wenn aus den Töchtern einfach „Kinder" werden. Was
den Ratgeber aber dennoch lesenswert macht, ist der ressourcenorientierte
Zugang. Mütter sollen die Anschuldigungen der Töchter zwar ernst
nehmen, dabei aber nicht vergessen sich von den Töchtern abzugrenzen
und sie an ihre Eigenverantwortlichkeit erinnern. Und dann: „Sich gute Erinnerungen
ins Gedächtnis rufen, nach vorne sehen, eigene Ziele verfolgen."
Neben dem Blick auf Gelungenes finden sich in „Mutter ist an allem schuld"
noch weitere „systemische" Haltungen und Techniken wie positives Konnotieren,
Reframen oder die wertschätzende Akzeptanz aller „Konfliktparteien".
Carmen Unterholzer
Stefan BIENENSTEIN, Mathias ROTHER
Fehler in der Psychotherapie
Theorie, Beispiele und Lösungsansätze für die Praxis
Springer Wien-NY, 2009, ISBN: 978-3-211-75602-7 Ladenpreis
34,95 €

Dieses Buch widmet sich der Frage, inwieweit die Beschäftigung mit
Fehlern in der Psychotherapie von Nutzen für die psychotherapeutische
Arbeit sein kann. Untersucht werden Alltagsfehler – jene Elemente der
therapeutischen Arbeit, die in der ersten Reaktion vom Therapeuten als
unerwünscht wahrgenommen werden. Im Blickpunkt steht dabei nicht
nur der Umgang mit Fehlern, sondern auch deren Einfluss auf den weiteren
Therapieverlauf. In einem theoretischen Teil wird die Bedeutung des Begriffes
Fehler in anderen Wissenschaftsbereichen analysiert, die Rezeption dieses
Phänomens in der einschlägigen Fachliteratur untersucht und
auf mögliche Faktoren für das Entstehen von Fehlern eingegangen.
Im praktischen Teil präsentieren die Autoren anhand von lebendigen
Fallgeschichten ein breites Spektrum an Fehlern, die im Rahmen von Interviews
mit Psychotherapeuten unterschiedlichster Therapieschulen erhoben wurden.
Sie zeigen auf, wie ein differenzierter Umgang mit Fehlern für die
therapeutische Arbeit produktiv genutzt werden kann.
Geschrieben für:
Psychotherapeuten aller Fachrichtungen in Ausbildung und Praxis
Schlagworte:
* Erfahrungen
* Fallgeschichten
* Fehlermanagement
* Fehlleistungen
* Kommunikation
* Lösungen
* Psychotherapieschulen
Gianfranco CECCHIN/Gerry LANE/Wendel A. RAY:
Respektlosigkeit. Carl Auer Verlag
2002, 110 Seiten, EUR 14,50
Könnte es nicht auch anders sein? Diese zentrale Frage begleitet die
Verfasser des schmalen Bändchens "Respektlosigkeit" Gianfranco
Cecchin, Gerry Lane und Wendel A. Ray durch das gesamte Buch. Wenn die drei
Autoren zu respektlosem Verhalten auffordern, haben sie nicht die Beziehung
zu den KlientInnen vor Augen, sondern das "Sich-Erlauben und Dazu-Stehen,
kreativ von gewohnten Ideen abzuweichen, wenn es nützlich ist."
Respektlos sollen TherapeutInnen gegenüber Theorien und Glaubenssätzen
sein. Was bringt die therapeutische Respektlosigkeit? Sie unterminiert "
die Muster und Geschichten, die Familien einengen, fördert Ungewissheit
und gibt dadurch dem Klientensystem Gelegenheit, neue Werte, Bedeutungen
und weniger restriktive Muster zu entwickeln." Wie respektloses Therapieren
aussieht, illustrieren die Autoren durch zahlreiche Fallbeispiele aus sehr
unterschiedlichen Kontexten: aus der alltäglichen Praxis, aus Ausbildung
und Forschung. Cecchin, Lane und Ray gestehen, dass nicht nur reines Erkenntnisinteresse
sie von gewohnten Ideen abweichen lässt. Abseits von üblichen
Pfaden zu denken, fördert die Neugierde, die Phantasie und die Leidenschaft
für die Arbeit. Aber auch Überlebensstrategie steckt dahinter:
"Wir sollten in der Lage sein, die Verwüstungen und Verzweiflungen
zu überleben, zu denen es unweigerlich kommt, wenn man mit den Tragödien
des Lebens zu tun hat." Vor 10 Jahren erschien "Respektlosigkeit"
zum ersten Mal. Zwischenzeitlich avancierte das Buch zum Klassiker systemischer
Literatur und wurde vor wenigen Monaten zum dritten Mal aufgelegt.
Carmen Unterholzer
Steve De Shazer
„Clues. Investigating Solutions in Brief
Therapy”,
Dt. Titel: „Der Dreh. Überraschende
Wendungen und Lösungen in der Kurzzeittherapie“
Carl-Auer-Verlag, Erstauflage 1988, € 21,90
Ich dachte mir: warum immer die Neuerscheinungen
besprechen? Es gibt doch auch gute alte Bücher. Und kam so auf die
Idee, den Dreh zu besprechen.
Allein schon der Buchtitel macht einen Unterschied - ob „Clues“ mit (wie
im Inneren der deutschen Ausgabe) Schlüssel übersetzt wird oder
mit „der Dreh“. Unter Clues verstehe ich etwas Unerwartetes, vielleicht
etwas Eigenartiges, jedenfalls etwas Passendes, Ehrliches (?),Verschmitztes.
Wenn ich es dann mit Schlüssel übersetzt bekomme, dann ist es
für mich schlüssig. Eine passende Wendung. Erst über diese
Gedankenschiene komme ich dann zum Dreh. Ein Dreh ist für mich etwas
Unehrliches, eine Hintertür, (etwas für den Klienten nicht Nachvollziehbares?)
…
Es ist auch ein Unterschied, ob ich etwas untersuche und dabeiLösungen
erforsche oder ob es eine für mich überraschende Wendung gibt.
„Der Schlüssel“ als Titel hätte dem Dreh vermutlich außen
die Ernsthaftigkeit verliehen, die das Buch nun mal innen auch hat. Interessanterweise
nähert sich der Buchtext dann immer mehr dem englischenOriginal an.
Gott sei Dank blieb also die Kreativität in der Übersetzung
auf Klappentext und Titel beschränkt.
De Shazer beschreibt in seinem Buch, wie er mittels eines Computerprogrammes
versuchte, die in der Theorie existierenden Wege vom „Problem“ zum „Erreichen
des Ziels“ und der „Lösung“ durch Eingabe von Antworten abzuleiten.
Wobei das Computerprogramm in diesem Fall einer Landkarte folgt, also
einer Ablaufprozessbeschreibung, die aus der Erforschung von bisherigen
Fällen des BFTC (Brief Family Therapy
Center in Milwaukee) folgt.
Das Faszinierende ist, dass immer wieder auf die Lösung fokussiert
wird und selbst wenn alle erdachten Lösungen nicht helfen, hilft
der Satz: „Gibt es eine fünfte (xte) Alternative? (Lange Pause.)
Nun, wir werden uns
eine überlegen. Möglicherweise gibt es eine, normalerweise gibt
es immer eine.“
Das Buch führt vom Anfang bis zum Schluss wieder zum Klappentext:
„Weiß man, was funktioniert, macht man damit weiter“. Sobald sich
Therapeut und Klient auf die Entwicklung von Lösungen konzentrieren,
wird Therapie unvermeidlich zur Kurzzeittherapie.“
Beispiele erhellen die Exploration der Lösungen und der vermeintlichen
Lösungen bis die eine hilfreiche übrig bleibt … und hilft. Dem
Anfänger, wie mir, eine sehr hilfreiche Lektüre. An diesen,
sehr detailliert beschriebenen und klar eingeleiteten Beispielen wird
der Ansatz immer deutlicher und es wird immer verständlicher, warum
der so minimalistisch wirkende Ansatz großer Übung und großes
Einfühlungsvermögens bedarf.
Martin G. Sellner
Helmut DE WAAL / Christoph THOMA (1999):
Was tun bei Verdacht auf sexuellen Missbrauch an
Kindern und Jugendlichen.
Ein Leitfaden für wirksames (berufliches) Handeln. Broschüre
des Kinderschutzzen-trums St. Pölten (die möwe)
Die Broschüre vermittelt in kompakter Form systemische Konzepte im
Umgang mit dem Thema Missbrauch. Es wird ein Fülle von Unterscheidungen
angeboten, die helfen nützliche Fragen zu stellen und Überblick im
Helfersystem zu bewahren: "Sensoren" mit ihren Beobachtungen/Vermutungen/ihrem
vagen oder konkreten Verdacht bezüglich Opfer oder Täter werden
über genau beschriebene Schritte zu "Meldern", indem sie "Akteure"
(Jugendamt, Justiz) auf den Plan rufen. Zu den im weiteren Verlauf ev. noch
zugeschalteten "speziellen Unterstützern" gehören einerseits professionelle
Helfer aus dem Bereich medizinischer und psychologischer Diagnostik, andererseits
Kinderschutzzentren und PsychotherapeutInnen.. Weiters findet man "konkrete
Antworten auf häufige Fragen" (Was sagt das Strafgesetz genau? Welche
Berufsgruppen sind anzeigepflichtig? Wie sieht das mit der therapeutischen
Verschwiegenheit aus?).
Besonders angesprochen hat mich die "Burgmetapher" als Leitbild für
Gespräche mit Kindern über ihr "Geheimnis". Unter Nutzung des
Wissens um Strategien der Geheimhaltung seitens missbrauchender Erwachsener
spricht man mit dem Kind nicht über das Burginnere (das Geheimnis)
selbst, wohl aber über Burggraben, Zugbrücken, Burgmauern und
Wächter.
Andrea Brandl-Nebehay
Sigrun EDER, Anna RADINGER, Jakob MÖHRING
Pauline purzelt wieder. Hilfe für übergewichtige
Kinder und ihre Eltern.
Edition Riedenburg, € 24,90
Glaubt man den Medien, wird das Land
immer fetter. Vor kurzem warnte die Hamburger „Zeit“ in ihrem Österreich-Teil:
„Die jungen Leute sind auf dem besten Weg, zu dicken, chronisch behinderten
und vor allem
sterbenskranken Erwachsenen heranzuwachsen. Viele leiden bereits jetzt
an Krankheiten, die bisher erst im Seniorenalter aufgetreten sind, zum
Beispiel an Altersdiabetes.“ Betroffene schlagen sich nicht nur mit massiven
gesundheitlichen Folgeschäden wie Bluthochdruck, Gefäßveränderungen
und mit einem erhöhten Krebsrisiko und Schuldgefühlen herum,
sondern sind zudem noch den verletzenden Kommentaren und Hänseleien
jener, die dünner sind, ausgesetzt. Wer Adipositas angehen will,
muss auf verschiedenen Ebenen kämpfen. Sich auf Ernährungsweise
und Bewegungsverhalten der „SymptomträgerInnen“ zu konzentrieren,
hat wenig Aussicht auf Erfolg. Es muss auch die Seele der Kinder ein offenes
Ohr finden und die Eltern müssen ins Boot geholt werden – dann sind
die Chancen, dass die Kilos bei den Kindern purzeln, besser.
Im Vergleich zu den markigen Schlagzeilen und medialen Horrorszenarien
gehen die Psychologin Sigrun Eder und die Ärztin Anna Radinger in
„Pauline purzelt wieder“ das Thema Übergewicht bei Kindern angenehm
unaufgeregt an. Sie „bedienen“ mit diesem Ratgeber für Eltern und
Kindern gleich alle vier Ebenen: Sie erzählen einfach und kompakt,
wie ein sinnvolles, gesundes Essverhalten aussehen und wie Bewegung ohne
Drill Spaß machen kann. Sie regen Kinder zum Nachdenken an, z.B.
darüber, wann sie zur Chipspackung greifen oder was sie eigentlich
statt der Süßigkeiten bräuchten. Gekleidet ist die Sachinformation
in die kurze und unprätentiöse Erfolgsgeschichte von Pauline
und Paul. Arbeitsblätter für Kinder zu Themen wie „Wie fühlst
du dich?“ oder „Wie sieht dein Leben mit weniger Kilos aus?“ motivieren
zur Kreativität und zum Mitmachen. Den Ratgeber schließen Sachinformationen
für Eltern ab, in denen ihnen vermittelt wird, wie wichtig ihre Unterstützung
für die purzelnden Kilos ihrer Kinder ist und wie eine sinnvolle
Haltung aussehen sollte: kooperativ und anerkennend.
Carmen Unterholzer
Sigrun EDER, Daniela KLEIN, Michael LANKES
Volle Hose – Einkoten bei Kindern: Prävention
und Behandlung
edition riedenburg, Mai 2008, 67 Seiten, €19,90
Im deutschsprachigen Raum finden sich kaum Ratgeber bzw. Kindersachbücher,
die sich ausschließlich dem Thema Einkoten widmen. „Volle Hose“
füllt eine Nische in diesem Bereich. Es ist den AutorInnen gelungen,
ein informatives, witziges, ansprechend illustriertes und sicherlich hilfreiches
Buch zu verfassen.
Der erste Teil von „Volle Hose“ richtet sich an betroffene Kinder. Es
erinnert an die Machart eines verhaltenstherapeutischen Manuals mit einer
pädagogischen, jedoch deutlich systemisch orientierten Haltung und
Herangehensweise. In einer kindgerechten, deutlichen Sprache sowie spielerischen,
interaktiven Art und Weise (Kinder dürfen in das Sachbuch schreiben
und zeichnen) erzählen die AutorInnen die Geschichte vom „Familienstinktier“,
das aufhören will zu stinken. Sie verführen
zu einer Entdeckungsreise in den Verdauungstrakt und regen an, über
die unterschiedlichen Formen unseres Verdauungsendproduktes zu diskutieren.
Sie befragen Kinder über ihre Gefühle und über die Auswirkung
des Einkotens auf die Familie, lassen das Gelesene und das neu Erfahrene
im Sinne eines Quizspieles kognitiv festigen und bieten letztendlich ein
Lied an („Das Kacklied“ in Furz-Dur). Viel Information für Kinder
und viele Anregungen, damit Eltern mit ihren Kindern in Kommunikation
treten können. Die Idee dahinter ist die Enttabuisierung des Fäkalischen.
Das Problemthema Einkoten, das oft nur mehr Schwere und Scham verursacht,
soll mit einem Hauch von Leichtigkeit und unter Umständen mit Humor
und Offenheit besetzt werden.
Der zweite Teil ist den Eltern gewidmet und enthält allgemeine und
psychologische Sachinformationen und Instruktionen bezüglich einer
günstigen elterlichen Haltung. Im dritten Teil richten sich die AutorInnen
direkt an PsychologInnen und PsychotherapeutInnen. Sie unterstützen
darin, manch vergessenes Symptomwissen wieder upzudaten und geben einen
groben Überblick dessen, wie PsychotherapeutInnen vorgehen könnten.
Im Kontext mit systemischer Therapie sei zu erwähnen, dass sich
„Volle Hose“ prinzipiell gut in einen Therapieprozess mit Kindern und
deren Eltern integrieren läßt, jedoch kein Therapiemanual oder
therapeutisches Fachbuch ist, sondern ein gelungenes Kindersachbuch mit
viel
Inhalt und vielen nützlichen Anregungen.
Andi Höher
Jutta FIEGL:
Unerfüllter Kinderwunsch – Das Wechselspiel von Körper und Seele
Walter Verlag, Düsseldorf und Zürich, 2004
Grundlage für das vorliegende Buch sind die längjährigen
Erfahrungen der Autorin als Psychotherapeutin in einem Institut für
Sterilitätsbehandlung, das ausdrücklich einen interdisziplinären
Ansatz in der Betreuung von sterilen Paaren verfolgt. Das Buch richtet sich
an Betroffene, aber auch an Psychotherapeuten und Ärzte, die einen fundierten
Einblick in psychotherapeutische Aspekte der modernen Reproduktionsmedizin
suchen. In klarem Stil werden die biologischen Ursachen von Unfruchtbarkeit,
die medizinischen Techniken der assistierten Reproduktion, vor allem aber
die psychosomatischen Aspekte der ungewollten Kinderlosigkeit und der psychischen
Folgen der Sterilitätsbehandlung dargestellt. Die wichtigsten Ergebnisse
der einschlägigen Publikationen und auch eigener empirischer Arbeiten
werden referiert. Anhand ausführlicher Fall-Vignetten berichtet
J. Fiegl aus längeren Therapien, in denen die biographischen Anteile,
die Partnerschaft und andere psychosoziale Faktoren wie Migration bearbeitet
werden. Ein praktischer Teil mit Fragen, die sich jedes Paar in Sterilitätstherapie
stellen sollte, rundet das Werk ab. Dieses Buch ist eine geglückte
Verbindung von langjähriger klinischer Erfahrung und guter Literaturkenntnis;
es ist keiner Psychotherapieschule verpflichtet, sondern reflektiert
profunde eigene Kenntnisse. Wohltuend ist nicht zuletzt die Freiheit von
Ideologien in Bezug auf die Reproduktionsmedizin, die sich in vielen anderen
Werken zur Psychosomatik dieses Themas finden; das Anliegen der Autorin
sind ausschließlich die Bedürfnisse und Interessen der ratsuchenden
Paare.
Univ.-Prof. Dr. Martin Langer
Jörg Flecker, Sabine Kirschenhofer:
Die populistische Lücke. Umbrüche in der Arbeitswelt
und Aufstieg des Rechtspopulismus am Beispiel Österreichs
Berlin, edtion sigma 2007, 165 Seiten, € 15,90
Dieses Buch hat sich aus sozialwissenschaftlicher Perspektive und in bourdieuscher
Haltung an die „Sorgen und Nöte der kleinen Leute“ angenähert,
von denen die politisch Verantwortlichen seit Jahrzehnten nach jeder Wahl
nicht müde werden zu behaupten, sie nun ernst zu nehmen.
Die auf erwerbsarbeits-biografischen Interviews aufbauende Forschungsarbeit
ist diesen Sorgen, Nöten und dem Arbeitsleid auf der
Spur und nimmt sie ernst. Neben vielfältigen Geschichten aus der Arbeitswelt,
liegt eine der Stärken des Buches in der klaren Darstellung,
dass individuelle Unsicherheit und die ureigenen Abstiegsängste, Gefühle
von Ohnmacht und des Nicht-Gehört-Werdens von vielen
Menschen geteilt werden.
Hier erklärt sich auch der Titel: Dem Dauerbombardement der einfachen
Botschaften, dass jede/r allein für sich selbst verantwortlich ist
und
jede/r nur über die eigene Leistung durch lebenslanges Lernen und ständige
Anpassung an die wirtschaftlichen Realitäten überleben kann,
wird – öffentlich – nichts entgegengesetzt. Der Teil der Bevölkerung,
der die Sozialfälle und die Ausländer (Abgrenzung nach unten)
sowie
Politiker und Manager (Abgrenzung nach oben) als Ursache und Verursacher
ihres härter werdenden Lebens sieht, wird von populistischen
Parteien bedient. Der Teil der Bevölkerung, der in einer demokratisch-solidarischen
Weise dem modernen Leben Lebenswertes abringt,
organisiert sich selbst, findet keine politische Heimat bei den real existierenden
Parteien und existiert doch. Christian Srienz
Ben FURMAN, Tapani AHOLA:
Twin Star - Lösungen vom anderen Stern.
Zufriedenheit am Arbeitsplatz als Zwilling
des Erfolgs
Carl Auer, Heidelberg, 2004, Preis EUR 15,40,
ISBN: 3-89670-440-0 TwinStar ist eine einfache, aber wirksame
Methode, innerer Kündigung, Burnout-Tendenzen und vergifteter Arbeitsatmosphäre
entgegenzuwirken. Das Konzept zielt auf die Schlüsselfaktoren psychosozialer
Gesundheit ab und liefert praktische Werkzeuge, diese Prinzipien an die
Mitglieder unterschiedlichster Organisationen weiterzugeben. Vieles davon
erscheint uns logisch, wird aber bei Beratungen, Supervisionen - oder
auch im eigenen Teamgesprächen - oftmals zu wenig beachtet. Wenn
Stress, Burnout und Erschöpfung den Arbeitsalltag bestimmen, kann
kein Unternehmen gedeihen. Von einem guten Arbeitsklima profitieren beide
Seiten: der Arbeitnehmer und "sein" Unternehmen. Der Schlüssel
zum Erfolg liegt im Umgang mit den Menschen miteinander. Doch wie schafft
man es, selbst in Situationen, die das Risiko eines Konflikts in sich
tragen, klug diplomatisch und lösungsorientiert zu handeln? Ben Furman
und Tapani Ahola haben mit Reteaming ein international erfolgreiches Konzept
zur Lösung von Problemen am Arbeitsplatz entwickelt mit Twin-Star
wird gezeigt, wie Kränkungen, Kritik und Rückschläge aufzufangen
bzw. zu vermeiden sind. Ein Management- Buch mit dem allgemein bekannten
Humor der Autoren kurzweilig verfasst.
Robert Koch
Stephen G. GILLIGAN
Liebe dich selbst wie deinen Nächsten. Die Psychotherapie
der Selbstbeziehungen Carl-Auer-Systeme Verlag,
Heidelberg 2004
Steigerung des Selbstwertes - das ist ein häufiges Anliegen, mit dem
sich KlientInnen an PsychotherapeutInnen wenden. Vieles scheint davon abzuhängen:
das persönliche Wohlbefinden, eine gelungene Partnerschaft, der berufliche
Erfolg. Voraussetzung für ein gesundes Selbstwertgefühl ist die
Fähigkeit, sich selbst zu mögen. Mit dieser Kompetenz hat sich
der Hypnotherapeut Stephen Gilligan in seinem zuletzt erschienenen Buch
„Liebe dich selbst wie deinen Nächsten" befasst. Erkenntnisleitend
ist für ihn dabei die Frage, wie sich durch Psychotherapie Mut und
Freiheit zur Liebe forcieren lassen. Er konzentriert sich auf den „self-relations-Ansatz",
den Ansatz der Selbstbeziehung, den er im Laufe der letzten 20 Jahre durch
seine klinische Erfahrung in seiner Praxis in San Diego und durch seine
Lehr- und Forschungstätigkeit entwickelt hat. Als seine Mentoren nennt
er Milton Erikson und Gregory Bateson. Wer Gilligans Buch liest, merkt aber
bald, dass er nicht nur aus „psychotherapeutischen Quellen" schöpft.
Es fließen auch Lehren buddhistischer Autoren und der Kampfkunst Aikido
ein - gewöhnungsbedürftig für eine rational orientierte Psychotherapeutin.
So zählen zu seinen Grundprämissen - formuliert im ersten Teil
des Buches - unter anderem Sätze wie „Du wirst mit einer unzerstörbaren,
,weichen Stelle', einem unzerstörbaren Mittelpunkt geboren" oder
„In dieser Welt existiert eine Intelligenz, die größer ist als
du". Glaubenssätze wie diese seien wichtig, so Gilligan, um Probleme
und Symptome in einem wohlwollenden Licht sehen zu können. Im zweiten
Teil benennt er ganz konkrete Praktiken, welche die Selbstbeziehung stärken:
bewusstes Atmen, Muskelentspannung und konzentrierte Aufmerksamkeit gegenüber
seinem Körper. Eine ganz entscheidende Methode, um die Liebe zu sich
selbst zu beleben, ist die Fähigkeit, „selbstverneinende Prozesse"
zu identifizieren und sie in Frage zu stellen. Teil drei präsentiert
Rituale, um Prämissen und Praktiken zu verankern. Was
abstrakt klingt, führt Gilligan in therapeutischen Dialogszenen vor,
jede Intervention skizziert er konkret, indem er die einzelnen Schritte
genau beschreibt. Trotzdem ist Gilligans Buch über die Selbstliebe
kein Buch mit therapeutischen „Rezepten": „Die Anregungen sind nicht
als allumfassende und unveränderliche Methode gemeint. Sie sollen Worte
der Ermutigung sein, (…) um wirklich zu lieben."
Carmen Unterholzer
Colin GOLDNER (Hrsg.)
Der Wille zum Schicksal. Die Heilslehre des Bert Hellinger
Überreuther 2003
Im Zusammenhang einer ständig anschwellenden Flut von
Büchern Hellingers und seiner Anhänger und einer immer kritischer
werdenden Berichterstattung und Kommentierung dieses bunten Treibens in
diversen Zeitschriften und Magazinen (z. B. Die Zeit vom 21. 8. 03) und
der damit oftmals verbundenen neuerlichen Sensationsmache, ist die vorliegende
seriöse Aufarbeitung dieser bedenklichen Entwicklungen im nahen
Umfeld systemischer Therapie mehr als willkommen.
In 20 Beiträgen wird von namhaften Autoren -
z. B. Thea Bauriedl, Heiner Keupp, Ursula Nuber, Arnold Retzer, Fritz Simon,
Petrus van der Let u. a. - eine hervorragend recherchierte und gut
dokumentierte kritische Auseinandersetzung mit Person, Methode und Anhängerschaft
des ehemaligen Afrika Missionars vorgelegt. Diese sorgfältige und gründliche
Aufarbeitung umfasst philosophische, psychologische, psychotherapeutische,
pädagogische, politische, theologische und vor allem rechtliche Aspekte
eines immer dubioser werdenden Phänomens. Die Lektüre des
Buches macht es mir leichter, zu verstehen, wie es möglich ist,
dass nicht nur „psychotherapeutische Laien" sondern auch Experten
in den Bann dieser als längst überholt geglaubten Wirklichkeitskonstruktionen
geraten. Sie ändert allerdings nichts an meiner Betroffenheit, dass
viele PsychotherapeutInnen und psychotherapeutisch Interessierte systemische
Therapie mit diesen reaktionär-normativen, patriarchalischen und
autoritätsgläubigen Ideen in Verbindung bringen.
Gerhard Walter
(ausführliche Rezension im Heft Systeme Jg. 17, Heft 2/03, S.232)
Konrad Peter GROSSMANN (2000):
Der Fluss des Erzählens - Narrative Formen der Therapie
Carl Auer, Heidelberg, öS 234,-
Hier fließt nicht ein dünnes Bächlein, sondern ein breiter
Strom narrativer Dialogkunst, mit anschaulichen Überblicks- und Detailkarten
einzelner Flussabschnitte, mit Hinweisen auf Quellen, (methodische) Verzweigungen,
Stromschnellen und Kraftwerke.
(ausführliche Rezension im Heft Systeme Jg. 14, Heft 2, S. 200f)
Andrea Brandl-Nebehay
Hermann HAKEN/Günter SCHIEPEK:
Synergetik in der Psychologie. Selbstorganisation
verstehen und gestalten
Hogrefe Verlag, Göttingen, 2006Ein
Buch zur Grundlagentheorie von Günter Schiepek in Zusammenarbeit mit
Hermann Haken, gewidmet dem Lebenswerk dieser zwei Personen: Herrmann Haken
als Begründer der Synergetik oder der Lehre von den Zusammenhängen
und Günter Schiepek als der, der diese Lehre in unserem und angrenzenden
Bereichen zur Anwendung kommen lässt. In der Geschichte der systemischen
Gemeinschaft ist diese Wissenschaft unserer Beschäftigung mit der Chaostheorie
zuzuordnen: Wir Praktiker entdeckten wieder einmal eine Analogie zu unserem
Tun im hochwissenschaftlichen Milieu: Wir wussten, dass Systeme noch so
komplex werden konnten, eine Ordnung gab es immer noch irgendwo ... Mehr
wussten wir nicht und als Praktiker gaben wir uns damit zufrieden.
Als theoretisch interessierte Praktikerin stelle ich fest: Manchmal ist
eine solche Haltung unsinnig, weil wir meinen, etwas zur Erklärung
unseres Handelns zu haben, von dem wir nicht die leiseste Ahnung haben.
Hinter Begriffen verbergen sich Konzepte, hinter Konzepten verbergen sich
Theorien und Positionen. Sollten wir unsere klinische Erfahrung seriös
auf Grundlagentheorien in unserem Bereich beziehen wollen, so ist die Synergetik
eine Methode der Wahl. Sie ist hervorragend für die wissenschaftliche
Bearbeitung der Praxis in komplexen Systemen geeignet. Dieses Buch
ist das erste, welches sich weitläufig mit der Theorie und Anwendung
von Selbstorganisation in verschiedensten Disziplinen (Neurologie, Psychologie,
Organisationsentwicklung, Psychotherapie…) auseinandersetzt und Forschungsmodelle
aufzeigt. Psychotherapie verstehen die Autoren als „prozessuales Schaffen
von Bedingungen für die Möglichkeit von Ordnungs-Ordnungs-Übergängen
zwischen Kognitions-Emotions-Verhaltens-Mustern eines bio-psycho-sozialen
Systems in einem (als Psychotherapie definierten) professionellen Kontext"
(S. 327). Abbildungen zur Forschungstätigkeit werden in einer
dem Buch mitgelieferte DVD veranschaulicht und dienen dem interessierten
Leser zur Auflockerung. Für jene, die sich mit dem Thema der Selbstorganisation
in der systemischen Arbeit auseinandersetzen möchten, ist dieses Werk
eine Pflichtlektüre. Und es ist auch für jene, die sich nicht
mit den mathematischen Formeln auseinandersetzen wollen, lesenwert.
Corina Ahlers Jutta HARTMANN
(Hrsg.in) Grenzverwischungen. Vielfältige
Lebensweisen im Gender-, Sexualitäts- und Generationsdiskurs
STUDIA Universitätsverlag, Innsbruck 2004
Geschlecht (Frau oder Mann), sexuelles Begehren (homo- oder
heterosexuell) und Generation (Erwachsen oder noch nicht erwachsen) stellen
in der heutigen westlichen Gesellschaft sehr bedeutende Differenzierungskategorien
dar, welche jeweils sowohl identitätsstiftende als auch gesellschaftsstrukturierende
Funktionen erfüllen. Anhand kritisch-dekonstruktiver und sozial konstruktivistischer
Perspektiven werden von verschiedenen Autorinnen und Autoren diese Ordnungskategorien
in Frage gestellt bzw. wird ihnen ihre Selbstverständlichkeit genommen.
Einerseits wird jedem Essentialismus die Berechtigung abgesprochen und
die gesellschaftliche Konstruktion dieser Normen entlarvt, andererseits
wird auch versucht der Frage nachzugehen inwiefern sich bestimmte dominante
Diskurse auf individueller psychischer und körperlicher Ebene einschreiben
und somit „Realität" konstituieren.
Dekonstruktive Geschlechterforschung, wie sie insbesondere
durch Judith Butler angeregt wurde, begreift die Kategorien „Mann"
und „Frau", „männlich" und „weiblich" nicht als gegebene
Gewissheiten. Die gesellschaftliche Norm der Zweigeschlechtlichkeit und
die darin unterstellte kausale Verbindung von sex (biologisches Geschlecht),
gender (kulturell-soziales Geschlecht) und desire (Begehren) wird in Frage
gestellt. So führt Susanne Luhmann in ihrem Beitrag an, dass die
Unterscheidung Mann/Frau zuallererst eine sprachliche ist, die der Unterscheidung
von Körpern immer schon vorausgeht. „Die Bestimmung des prä-
oder postnatalen Geschlechts basiert auf der Annahme der Zweigeschlechtlichkeit,
nämlich darauf, dass jeder Mensch eindeutig weiblich oder männlich
ist. Und selbst wenn Körper etwas anderes als ein eindeutiges Geschlecht
zeigen, dann wird notfalls durch den chirurgischen Eingriff Geschlechtereindeutigkeit
hergestellt." (S. 43). So weist sie auch darauf hin, dass in einigen
Kulturen neben Mann und Frau auch andere Geschlechtervarianten existieren.
Der im Rahmen der Queer Theory entwickelte Begriff der „Heteronormativität"
reflektiert Heterosexualität in Anlehnung an Michel Foucault als
Machtverhältnis, welches alle (westlichen) gesellschaftlichen und
kulturellen Bereiche durchzieht. So wird gezeigt wie in herkömmlichen
Diskursen über Körper, Partnerschaft, Familie und Erziehung
die heterosexuelle Paarbildung als (natürliche) Selbstverständlichkeit
angenommen wird. Gerade diese Selbstverständlichkeit ist auch in
„systemischer" Literatur immer wieder zu finden.
Für die Praxis fordert z.B. Sabine Fabach in ihrem Beitrag dazu auf,
die eigenen dualistisch aufgebauten Denkmuster zu erkennen und in Frage
zu stellen. Dadurch, dass diese gesellschaftlich konstruiert und ständig
verstärkt werden, bekommen sie eine Normalität, die sie unsichtbar
und damit umso wirksamer machen. „Unreflektiertes Handeln festigt die
gesellschaftlichen Normen und die bipolare Ordnung zum Schaden der KlientInnen,
welche oft gerade wegen der Enge dieser kollektiven Festschreibungen in
eine Krise geraten sind." (S. 210). Es gelingt den AutorInnen den
oft im elitär-akademischen Elfenbeinturm geführten kritischen
Diskurs mittels Beispielen aus der Praxis und der Empirie durchgängig
interessant und alltagsnah zu halten. Beiträge zur Theorie stammen
von Jutta Hartmann, Andrea Maihofer, Susanne Luhmann und Edgar Forster;
zur Empirie von Anja Tervooren, Bettina Fritzsche, Kristina Hackmann,
Barbara Keddi, Lothar Böhnisch und Christian Kleese; zur Praxis von
Anne Thiemann, Thomas Kugler, Olaf Stuve, Elisabeth Tuider , Peter Ebel
und Sabine Fabach.
Erik Zika
Thomas Friedrich-Hett (Hrsg.)
“Positives Altern. Neue Perspektiven für Beratung
und Therapie älterer Menschen.”
transcript Verlag, Bielefeld 2007, € 23,80
Lange hielt sich das Vorurteil, Psychotherapie sei nichts für ältere
Menschen. Man hielt es mit Sigmund Freud, der meinte, eine Behandlung bei
älteren PatientInnen sei nur von begrenztem Nutzen, da Menschen mit
zunehmendem Alter geistig rigider werden, was Veränderungen erschwere.
Heute gilt diese Einschätzung als überholt und die Forschung in
der Gerontopsychotherapie boomt. Die Zahl der PsychotherapeutInnen, die
mit älteren Menschen arbeiten, nimmt zu. Trotzdem herrscht immer noch
ein vorwiegend defizitorientiertes Verständnis vom Altern. Es wird
mit Abbau gleichgesetzt. Thomas Friedrich-Hett setzt auf Umdeutung. Statt
sich auf Defizite zu konzentrieren, sollten Ressourcen beachtet werden,
statt von Abbau sollte man von Umbau reden, statt von Vergesslichkeit von
Konzentration auf das Wesentliche. Alt werden bedeutet nicht zwangsläufig
unselbständig, hilfsbedürftig und krank zu werden. Die Mehrheit
der älteren Menschen ist zufrieden, selbständig, gesund und aktiv.
„Zahlreiche Forschungsergebnisse belegen, was nach wie vor wenig bekannt
ist: Dass die bestehenden Altersvorurteile unangemessen sind und längst
in den Bereich der Mythen gehören“ (16), schreibt der Herausgeber Thomas
Friedrich-Hett in „Positives Altern“.
Der Psychologe und Lehrtherapeut für systemische Therapie in Marburg
hält sich bei seiner Auseinandersetzung mit dem Alter an die wörtliche
Bedeutung von altern, nämlich sich wandeln, sich verändern. So
geht es ihm in „Positives Altern“ um die Dekonstruktion unserer vorherrschenden
Bilder von alten Menschen. Überzeugend und faktenreich stellt er im
einleitenden, theoretischen Beitrag dar, wie ältere Menschen zu dem
gemacht werden, was wir in ihnen sehen. Diesem Bild stellt er empirische
Untersuchungen gegenüber und es wird schief. Trotz körperlicher
Beschwerden sind ältere Menschen genauso glücklich und zufrieden
wie jüngere. Sie erleben Gefühle intensiver, komplexer und erfüllender
als jüngere. Mit angenehmen Erlebnissen, mit positiven Emotionen gehen
sie effizient um, während sie sich von negativen schneller verabschieden.
Vielfach ist nachgewiesen, dass die Lernfähigkeit älterer Menschen
langsamer und störungsanfälliger geworden ist, aber auch genauer.
Noch eine Revision: „Entgegen der Annahme von höherer Rigidität
im Alter, sind Ältere nach wissenschaftlichen Untersuchungen hinsichtlich
schützender Selbsttransformation flexibler als Jüngere, was sich
positiv auf ihre Zufriedenheit auswirkt.“ (26) Thomas Friedrich-Hett analysiert
die fatalen Folgen unserer negativen Altersbilder. Sie werden für ältere
Menschen zu Belastungsfaktoren, die sie in bestimmten Lebenssituationen
in die Krise führen, zB. dann, wenn die Zuschreibung von Abhängigkeit
alte Menschen besonders vorsichtig werden lässt, um niemandem zur Last
zu fallen, und sie so in soziale Isolation geraten. Nach der theoretischen
Erörterung rückt Thomas Friedrich-Hett die Beratung und Therapie
älterer Menschen ins Zentrum seiner Analyse. Haltungen, Gesprächsführung,
Ziel- und Zukunftsorientierung, aber auch Stolpersteine konkretisiert er
anhand eigener Praxisbeispiele. Dieser erste, umfangreiche Beitrag – überschrieben
mit „Ressource“ – ist die Grundlage für die darauf folgenden Berichte
aus der Praxis, die unter „Diskurs“ subsumiert werden. Erlebnistherapeutische
Methoden in der Arbeit mit älteren Menschen werden vorgestellt, sowie
Paarberatung im Alter oder Beratung für schwule Senioren. Renate Rubin
schreibt in „Entwicklung und Bildung in der 4. Lebensphase“ über ihre
poesie- und bibliotherapeutische Arbeit mit hoch betagten Frauen. Ausgehend
von einem „Kompetenzmodell des Alters“ orientiert sie sich an den Ressourcen
alter Menschen, die diese bis an ihr Lebensende weiterentwickeln. Sie zeigt,
wie die negativen Altersstereotype den schreibenden Frauen im Projekt „Schreibstube“
zunächst im Wege standen und wie im Laufe des Schreibprojekts der Selbstwert
und die Selbstwirksamkeit der Teilnehmerinnen zunahmen. So fanden die schreibenden
Frauen am Ende des Projekts selbstbewusst, dass der Begriff „Schreibstube“
der Qualität ihrer Texte nicht entspräche. In ihrem Beitrag zeigt
die Schweizer Literaturpädagogin immer wieder, wie sich die theoretischen
Postulate in der konkreten Praxis umsetzen lassen.
Alt wird, wer gesund und zufrieden ist, in wessen Leben das Positive überwiegt.
Wer sich überflüssig fühlt, wer verbittert und griesgrämig
ist, stirbt im Schnitt sieben Jahre früher. Psychotherapie kann körperliches
Leiden älterer Menschen zwar nicht beheben, aber erträglicher
machen. „Positives Altern“ trägt dazu bei, die Sicht auf das Altern
entscheidend zu verändern und ist somit ein wichtiger Beitrag für
die Gerontopsychotherapie. Allen, die mit älteren KlientInnen arbeiten,
allen, die das Altern
beschäftigt, ist es wärmstens zu empfehlen.
Carmen Unterholzer
Sven HILLENKAMPF, „
Ende der Liebe. Gefühle im Zeitalter unendlicher Freiheit“.
Klett-Cotta, Stuttgart 2009 (EUR 22,90)
Schon der Klappentext macht darauf aufmerksam: „Dies ist kein Sachbuch,
denn es bleibt nicht sachlich. Es ist ein Buch, das maßlos übertreibt
– über eine Welt, die maßlos übertreibt“ – soweit sei
auch das, was sich meines Erachtens an „Das Ende der Liebe“ kritisieren
lässt, ausnahmsweise gleich am Anfang erwähnt: Es ginge auch
mit etwas weniger Wiederholungen (Übertreibungen?) auf weniger Seiten.
Aber: Diese Stilfragen beiseite gelassen ist es eine Freude Hillenkamps
pointierte gesellschaftsdiagnostische Formulierungen zu lesen. Die Hauptthese
von Hillenkamp, der u. a. Soziologie studierte und als Redakteur der
„Zeit“ tätig war, ist, dass in einer Zeit der unbegrenzten Möglichkeiten
die Freiheit zu wählen zum neuen Zwang wird, der bei den sogenannten
„freien Menschen“ den permanenten inneren Auftrag der elbstoptimierung
hervorruft aber auch ständige Selbstzweifel. „Jeder Mensch versagt
vor seinen unbegrenzten Möglichkeiten. Keiner erreicht, was er erreichen
könnte. Noch vor nicht langer Zeit befand der Mensch sich im Kampf
mit der Ordnung. Heute befindet der Mensch sich vornehmlich im Kampf mit
sich selbst.“ Dem entspricht die Bewegung der endlosen Suche „nach etwas
Besserem (...) einem besseren Ich, einem besseren Du“.
In einer Zeit, in der die Menschen immer vergleichen können, ja müssen,
in der die Möglichkeiten Beziehungen aufzubauen sich durch Internet
und Freizeitindustrie im Vergleich zu früher vervielfacht haben,
wird Liebe unmöglich. „Warum mit einem leben, dem es an Verständnis
fehlt, wenn es möglich scheint, jemanden mit totalem Verständnis
zu finden? Warum mit einem leben, der anders ist, wenn es möglich
scheint, einen zu finden, der gleich ist, der in allem zu einem passt?“
– Hillenkamp erzählt von Menschen,
die trotz gefundener Partnerin ihr Profil im Internet stehen lassen; von
Menschen, die sich trennen, um nicht in ihrer Entwicklung behindert zu
werden. Die Menschen „trennen sich nicht mehr nach einer Beziehung,
sondern vor einer Beziehung“. Es geht um eine „Beschleunigung der Enttäuschung.“
„Die freien Menschen sind Meister der prä-amourösen Diagnostik,
des frühzeitigen Leidenschaftsabbruchs. Sie wissen genau, was
sie suchen. Sie sind Menschenkenner, wie andere Kenner von Weinen oder
Filmen sind. Sie haben einen feinen Geschmack. Sie haben ihn mehr und
mehr verfeinert“.
Dem zu Grunde liegt der – „durch ein Massenmedium namens Psyche, namens
Selbst oder Ich“ – vermittelte gesellschaftliche Anspruch, sich selbst
bzw. seine Möglichkeiten zu verwirklichen. „An die Stelle von Treue
tritt Entwicklung.“ Dies lässt der Liebe, die früher gerade
durch ihre Unvernunft, durch den Charakter ihrer „Krankheit“ und ihres
Wahnsinns ihre romantisierte Berechtigung hatte, wenig Chancen. Heute
wollen
die Menschen keine irrationale, „krankmachende“ Liebe mehr, „die Menschen
wollen endlich gesund werden“. Sie wollen Beziehungen, die ihnen gut tun.
In Zukunft – so die Prognose von Hillenkamp – wird daher
die Vernunftbeziehung die Liebesbeziehung ablösen: „Wo Erregung war,
soll Behaglichkeit werden“.
Verena Kuttenreiter
Mark A. HUBBLE, Barry L. DUNCAN, Scott D. MILLER
(Hrsg) (2001):
So wirkt Psychotherapie. Empirische Ergebnisse
und praktisch Folgerungen.
Verlag Modernes Lernen, Dortmund, € 29,80
"Nulldefizit" war das am häufigsten gebraucht Wort des
Vergangenen Jahres und "moderne Gesundheitsökonmomie" die
Lieblingsphrase von Sozialversicherungsträgern. Sie wollen glauben
machen, dass Psychotherapie zu teuer sei. Umso wichtiger ist in Zeiten,
in denen der Psychotherapie der kalte Wind ins Gesicht weht, der Nachweis
ihrer Wirkung. Mit dem Buch "So wirkt Psychotherapie" haben
Mark. A. Hubble, Barry L. Duncan und Scott D. Miller ihn erbracht. Sie
haben mit anderen WissenschaflerInnen 50 Jahre Psychotherapieforschung
und tausende von empirischen Daten aufgearbeitet. Das Resultat:
Psychotherapie wirkt - bei den meisten KlientInnnen bereits innerhalb
kürzester Zeit, und die Besserung ist von Dauer. Unterschiede in
der Wirksamkeit zwischen den einzelnen Schulen stellten das Forschertrio
und seine KoautorInnen nicht fest. Dies ließ sie "das Augenmerk
auf das richten, was funktioniert".
Vier Faktoren, die in allen effizienten Therapien vorkommen, haben sie
erforscht: extratherapeutische Faktoren, Beziehungsfaktioren, Hoffnungen/Erwartungen
und Modelle/Techniken. Zu 40% sind extratherapeutische Faktoren für
Veränderung bei KlientInnen verantwortlich. Das kann eine weise Großmutter
sein, religiöser Glaube oder die Erfahrung einer früheren, positiv
bewältigten Krise - also Ressourcen der KlientInnen. Zu 30% entscheidet
die gute Beziehung zwischen KlientInnen und TherapeutInnnen über
den Erfolg der Therapie. 15% werden dem Placebo-Effekt zugerechnet. Bereits
die Tatsache, dass KlientInnen durch Psychotherapie auf Veränderung
hoffen, bewirkt Besserung. Die verbleibenden 15% sind auf Techniken und
Methoden zurückzuführen. Mit den empirischen Daten allein geben
sich die AutorInnen allerdings nicht zufrieden. Sie analysieren auch die
praktischen Implikationen. Jeder Beitrag schließt mit drei Fragen
der Herausgeber ab, welche die AutorInnen beantworten: Wie verändern
die im Beitrag erwähnten Erkenntnisse die Praxis der TherapeutInnen?
Was bedeutet dies für die Zukunft der Profession? Welche Konsequenzen
haben die Ergebnisse für die AUsbildung? Dieser unmittelbare Praxisbezug
macht "So wirkt Psychotherapie" zu einer sehr wertvollen Quelle
für Studierende aber auch für AusbilderInnen.
Carmen Unterholzer
(ausführliche Rezension von Jürgen Hargens im Heft Systeme
Jg. 15, Heft 2/01, S. 144)
Gerald Hüther:
Biologie der Angst - Wie aus Stress Gefühle
werden
Göttingen, Vandenhoeck und Ruprecht 2005, 130
Seiten, € 15,90
Wir systemischen TherapeutInnen haben die Macht der Ressourcen auf unsere
Fahnen geschrieben und waren uns damit unserer Überlegenheit über
andere Verfahren sicher. Wir haben die positive Konnotation, die Liebe,
die Geborgenheit und andere positive Affekte immer nur als Ressource gesehen,
Angst dagegen, als negativ und gefährlich. Peter Fiedler, ein Heidelberger
Psychologe hat schon darauf hingewiesen, dass viele Personen aber ihres
Gefühlsspektrums beraubt werden, wenn man die negativen Affekte als
schlecht betrachtet und nur die positiven beachtet und versucht zu erweitern.
Hüther bringt uns mit diesem (übrigens sehr leicht lesbaren
und irgendwie sogar spannenden) Buch
den Stress und seine Bedeutung für das Lernen nahe.
Die Stressreaktion ist offensichtlich nicht nur der Lenker der Evolution
sondern auch der Modellierer, der sogar noch im Laufe unseres Lebens dafür
sorgt, dass zunächst richtige, sich später als Sackgassen erweisende
Verschaltungen aufgelöst und neue Wege eingeschlagen werden können.
Und in beiden Fällen ist der Auslöser dieser Reaktion die Angst.
Angst bezeichnet hier das bei jeder psychogenen Stressreaktion ausgelöste
Gefühl, das sich durch die individuelle Bewältigbarkeit einer
bestimmten psychischen Belastung zwangsläufig verändert. Das
ursprüngliche Gefühl der Angst verwandelt sich daher in Abhängigkeit
von der individuell gemachten Erfahrung zu einem Spektrum von Gefühlen,
die wir aus
der Erfahrung der Überwindbarkeit initial empfundener Ängste
entwickeln: Überraschung, Neugier, Freude, Lust.
Hüther unterscheidet nicht in Eustress oder Dysstress, sondern in
unkontrollierbar oder kontrollierbar erscheinende Stressreaktionen. Bei
unkontrollierbar erscheinendem Stress wird Angst zu Verzweiflung, Ohnmacht
und Hilflosigkeit. Nebennieren schütten Kortisol statt Adrenalin
aus. Es bleibt nichts übrig, als sich dem Schicksal zu fügen.
Selbstzweifel, Energiereserven werden aufgezehrt, man wird müde,
kraft- und mutlos. Gleichzeitig entsteht Unruhe und Lähmung. Die
individuelle Bewertung der Kontrollierbarkeit entscheidet darüber,
welche Art von Stressreaktion erfolgt. Zu einer kontrollierbaren Stressreaktion
kommt es dann, wenn die bisher angelegten Verschaltungen zwar prinzipiell
zur Beseitigung der Störung geeignet, aber noch nicht effizient genug
sind (=Herausforderung). Unkontrollierbar wird dann die Stressreaktion,
wenn keine der vorhandenen Verhaltensoder Verdrängungsstrategien
auch nur ansatzweise geeignet ist, das
ursprüngliche Gleichgewicht wiederherzustellen. Die Vorerfahrungen,
die jeder einzelne in seinem Leben gemacht hat, bestimmen, wie eine plötzlich
auftretende Veränderung seiner Lebenswelt interpretiert wird.
Bewältigung der Angst entsteht durch Wissen und Können und durch
das Gefühl, dass man nicht allein ist, dass jemand da ist, der einem
zur Seite steht (ein Affe, bei dem ein ihm bekannter Affe sitzt, hat keine
Stressreaktion), real und in der Vorstellung, durch Personen, Tiere, Bilder
und durch Glauben: Liebe. Aber die Liebe erzeugt wiederum die Angst, dass
das Objekt wieder weggenommen wird: Hass, Wut, Aggression, Feindschaft.
Je dünner die Decke aus Liebe und Kompetenz ist, mit der der Mensch
seine Angst bedecken kann, desto mehr muss er diejenigen hassen, die den
Schutz vor seiner Angst bedrohen.
Daher ist es unbedingt notwendig, Kindern Geborgenheit bei Angst zu vermitteln.
Das ist die wichtigste Voraussetzung für das Lernen. Zu frühes
–
überforderndes – Lernen macht Stress, zerstört entwickelte Strukturen.
Eltern müssen ein feines Gefühl dafür entwickeln, wann
ein Kind verunsichert ist. Unter diesem sicheren Schirm kann es sich entfalten.
Flache Beziehungen rütteln das noradrenerge System nicht wach und
sie bringen auch keine Ruhe in das Gehirn, wenn dort das große Durcheinander
einer unkontrollierbaren Stressreaktion ausgebrochen ist. Nur wenn Kindern
Gelegenheit geboten wird, und sie diese Gelegenheit auch nutzen können,
um sich und all das, was sie zu einem bestimmten Zeitpunkt ihrer Entwicklung
bereits denken, fühlen und können, in immer neuen Beziehungen
zu anderen Menschen zu erproben, zu erweitern, zu vertiefen, und – falls
erforderlich – auch wieder aufzulösen, werden sie in die Lage versetzt,
sich einen gangbaren Weg durch das anfängliche Wirrwarr ihrer
widerstreitenden Gefühle zu bahnen.So kann die Neurobiologie therapeutisches
Handeln beeinflussen und eine Brücke zu anderen Therapierichtungen
schlagen.
Joachim Hinsch
Renate Hutterer-Krisch (2007)
Grundriss der Psychotherapieethik. Praxisrelevanz, Behandlungsfehlerund
Wirksamkeit. Unter Mitarbeit von: Renate Riedler-Singer, Thomas
Gutmann, Veronika Hillebrand, Erwin Parfy, Andrea Schleu, Josef Vetter
Springer 2007, 521 Seiten, € 59,90
Ich habe mich sehr gefreut, dieses umfassende Werk auf Wunsch meiner Kollegin
Renate Riedler-Singer rezensieren zu dürfen, da es sich bei dieser Thematik
seit Jahren um einen ihrer Haupt-Interessensschwerpunkte handelt, den sie
auch im universitären Bereich vermittelt. Zum einen bietet das Buch eine
grundlegende Einführung in ethische Fragen und Positionen (ethische Begründungsmuster,
Begriffsklärungen, Unterscheidung zwischen Ethik und Moral usw.), die unmittelbar
mit der Thematik der Psychotherapie verknüpft werden. Bei der ethischen
Reflexion psychotherapeutischen Handelns wird auf die Pluralität der unterschiedlichen
psychotherapeutischen Schulen und die von ihnen vertreten Menschenbilder
und Methoden eingegangen (dieses Kapitel vermittelt so ganz nebenbei auch
einen Überblick über die verschiedenen Schulen). Ein sehr umfassender Teil
befasst sich mit Auffassungen zur Verantwortung des Psychotherapeuten/der
Psychotherapeutin im Zusammenhang mit therapierelevanten Themen (Setting,
Rahmenbedingungen, Diagnostik, Beendigung der Therapie usw.) sowie sehr
ausführlich mit allen möglichen Behandlungsfehlern (kulturbedingte Fehlerquellen,
sexueller und narzisstischer Missbrauch, diverse Verstrickungen, unsichere
Bindung usw.). Im letzten Teil werden Berufskodices unterschiedlicher Länder
(Österreich, Deutschland, Schweiz, USA ) beschrieben und analysiert.
Das Buch scheint tendenziell einen leicht analytischen Schwerpunkt zu haben,
bezieht aber andere Schulrichtungen (v.a. die systemische) ausführlich mit
ein. Aus meiner Sicht sollte es in keiner Praxis einer Psychotherapeutin
(Männer sind mit gemeint) und in keiner Bibliothek eines Ausbildungsvereins
fehlen. Es wird aufgrund seines Umfangs wahrscheinlich eher den Charakter
eines Nachschlagewerks haben. Liest man es von Anfang bis Ende durch (was
allerdings auch mir nicht ganz gelungen ist), so gewinnt man einen Eindruck
davon, wie relevant und komplex sich ethische Fragen im Kontext der Psychotherapie
erweisen können. Ich hatte den Eindruck, dass eine Gefahr darin bestehen
könnte, dass man sich (wenn man dann von dieser Relevanz weiß) zu sehr mit
den eigenen „Richtigkeiten“ beschäftigen könnte, also damit, dass man auch
ganz sicher ethisch korrekt handelt – und weniger mit dem Gegenüber und
seinen Bedürfnissen. Und dass man über der Beschäftigung mit diesen „Richtigkeiten“
dann übersehen könnte, dass es gerade auch in diesem Kontext Graubereiche
gibt, in denen man im Dienst der Herstellung von Rahmenbedingungen für Therapie
und des Zugangs zu den Klienten vielleicht fallweise von der einen oder
anderen ethischen Norm abweichen muss, die man grundsätzlich als bedeutsam
und angemessen anerkennt. Wenn man sich den Kopf nicht allzu voll machen
und damit handlungsunfähig werden lässt, erscheint mir das Buch für eine
persönliche Reflexion der ethischen Thematik in der Psychotherapie aber
sehr wesentlich zu sein.
Sabine Klar
Gerda KLAMMER (Mehta) , P. GEISSLER
(Hg.) (1999)
Mediation - Einblicke in Theorie und Praxis professioneller Konfliktregelung
Falter Verlag, Wien, öS
298,-
Im ersten Teil werden das Wesen der Mediation, ihre Prinzipien sowie die
Abgrenzung zu anderen professionellen Möglichkeiten der Konfliktbewältigung
dargestellt. Der zweite Teil führt anhand von Berichten von PraktikerInnen
in die vielfältigen Anwendungsgebiete der Mediation - wie Scheidung,
Schule, Wirtschaft, Strafrecht und Politik - ein und lässt die Bandbreite
methodischer Ansätze erkennen. Empfehlenswert, nicht nur weil einige
ÖAS-Mitglieder (Gerda Klammer, Ruth Krumböck....) mitgeschrieben
haben.
Andrea Brandl-Nebehay
Ruth KRONSTEINER (2003)
Kultur und Migration in der Psychotherapie. Ethnologische Aspekte psychoanalytischer
und systemischer Therapie
Brandes & Apsel Verlag, Frankfurt am Main
(2003)
In diesem Buch verbindet die Autorin gekonnt verschiedene Blickwinkel
auf ein komplexes Thema, das der psychotherapeutischen Begleitung von
Menschen mit Migrationserfahrung.
Im ersten Teil bereitet sie den aktuellen und historischen Kontext zu diesem
Thema auf. Sie beschreibt die Lebenssituationen von MigrantInnen in Österreich,
einen Schwerpunkt setzt sie dabei auf die Gesundheit. Ein weiterer Schwerpunkt
im ersten Teil des Buches stellt das Thema Psychotherapie mit MigrantInnen
und Exilierten dar. Sehr gut hat mir der zweite Teil
des Buches gefallen, in dem Ruth Kronsteiner sechs Fallgeschichten darstellt.
In vier davon arbeitete die Autorin (z.T. mit Co-Therapeutin) systemisch,
in zwei tiefenpsychologisch orientiert. Sehr ästhetisch erzählt
sie die Geschichten ihrer KlientInnen, auf der Suche nach Heimat, im Übergang
begriffen, zu neuem Halt und neuer Sicherheit, oft mit traumatischen Erlebnissen
im Gepäck. Sehr aufmerksam und behutsam begleitet Ruth Kronsteiner
dabei ihre KlientInnen zu neuen Ländern, deren Boden fest unter den
Füßen scheint. Hiermit gelingt ihr eine anschauliche Verbindung
zur theoretischen Auseinandersetzung im ersten Teil. Im letzten
und dritten Teil des Buches, werden die dargestellten Fallgeschichten anhand
bestimmter Themen (z.B. Migrationsprozess, Kulturschock und Migrationskrise,
Trauma, Gewalt) diskutiert. Zur Abrundung beschreibt die Ruth Kronsteiner
im letzten Kapitel ihren kulturspezifischen und migrationsspezifischen Ansatz
der Psychotherapie. Leider hat sich das Buch für mich oft in der
Komplexität des Themas verloren und die v.a. für die Praxis hilfreiche
Reduzierung dieser Komplexität habe ich zum größten Teil
vermisst. Als Buch zur Einführung in das psychotherapeutische Arbeiten
mit MigrantInnen ist es auf jeden Fall empfehlenswert, da es der Autorin
sehr gut gelingt, die für diese Arbeit relevanten Diskurse darzustellen.
Erik Zika, Wien
Harriet LERNER
Wohin mit meiner Wut
Fischer Taschenbuch Verlag, 11. Auflage, 1996,
€ 8,90
„Alarmstufe ROT“ - Es wird eng, am liebsten würde
ich um mich schlagen, empfinde die Situation unerträglich, möchte schreien
…und manchmaltue ich es auch ... und dann plagen mich Schuldgefühle! Wut
– eine Emotion, die mich „unheimlich“ kraftvoll macht … und was nun? Meiner
Ansicht und meinen persönlichen und beruflichen Erfahrungennach, hat Harriet
Lerner in ihrem Buch etwas Wichtiges angesprochen: „Wut ist ein Signal,
auf das wir hören sollten.“ Wut, ein Gefühl, das eng mit unseren Bedürfnissen
gekoppelt ist und meist dann aktiviert wird, wenn diese zu wenig Beachtung
finden, das notwendige, schützende „NEIN“ nicht oder zu spät ausgesprochen
wird bzw. kein Gehör findet. Häufig wird, vor allem von Frauen, auf Grund
tradierter, gesellschaftlich weit verbreiteter Rollenzuschreibung, dieses
Gefühl und im speziellen das Ausleben der Aggression als ungehörig, als
ein Versagen, als unweiblich und unattraktiv erlebt, da doch die Aufgabe
der Frauen u. a. darin besteht, der Welt zu gefallen, zu beschwichtigen
und zu bewahren.Um der ungeliebten Rolle zu entgehen, kann es hilfreich
sein, weniger „gefährlichen“ Gefühlen wie Selbstzweifel, Selbstanklagen,
Schuldgefühle und in weiterer Folge depressiven Zustände Raum zu geben.
Damit richtet sich die Kritik in erster Linie gegen uns selbst und die mögliche
Gefahr eines offenen Konfliktes und einer sich vielleicht daraus ergebenden
persönlichen oder sozialen Veränderung ist gebannt. Die andere Seite der
Medaille ist, der Wut freien Lauf zu lassen und - volle Kraft voraus - die
empfundenen Ungerechtigkeiten anzuprangern, sich lauthals zu wehren in der
Hoffnung und dem Bemühen andere zu verändern. Meist ein wirkungsloses Unterfangen!
Häufig stellen sich auch hier Selbstzweifel und Schuldgefühle als Folge
eines erfolglosen Kraftaktes ein und sind damit recht erfolgreiche Gegenspieler
der Wut. Beide Varianten sind gleichermaßen gut dazu geeignet, andere zu
schützen, die eigene klare Selbsteinschätzung zu vernebeln und in beiden
Fällen bleibt meist alles wie gehabt und die nächste Runde kann beginnen.
Dieses Buch geht davon aus, dass wir lernen können, unsere Wut im eigenen
Sinn zu nützen und zum Ausgangspunkt von Veränderungen zu machen. (Harriet
Lerner, geb. 1944, ist Psychologin und Psychotherapeutin bei der Menninger
Foundation in Topeka, Kansas).
Claudia Renner
Eve LIPCHIK (2002)
Beyond Technique in Solution-Focused Therapy.
Working with emotions and the Therapeutic Relationship .
Guilford Press, NY/London
Einziger Nachteil dieses Buches: Dass es noch nicht ins Deutsche übersetzt
wurde. Schade. Dabei redet Eve das schöne Deutsch ihrer Kindheit,
als sie aus Wien emigrieren musste. Es lässt sich leichter reden
als schreiben in einer Sprache, mit der man aufwächst und die man
als Vertriebene hinter sich lässt. Eve Lipchik begegnet in diesem
Buch einer häufig geäußerten Kritik an Steve de Shazers
lösungsorientiertem Ansatz: Dieser sei zu sprachorientiert, zu kognitiv,
zu wenig interessiert an Klienten, manch Teilnehmer bei Steves Workshops
erzählt: „Ein schlecht gelaunter Grummelbart". Eves Rückblick
auf ihre arbeitsträchtigen Jahre zeigt, dass sich lösungsorientiertes
Denken sehr wohl mit dem emotionalen Geschehen in einer Therapie kombinieren
lässt, wenn man das eigene Tempo an den therapeutischen Prozess anpasst
und damit den richtigen Zeitpunkt für lösungsorientierte Interventionen
wählt. Vielleicht lohnt es sogar die Mühe, Teile dieses Buches
selber zu übersetzen, denn durch diese zusätzliche Analyse der
Sprache merkt man, wie genial manche lösungsorientierten Kommentare
formuliert sind. Stark praxisorientiert und dennoch logisch an die konstruktivistische
Theorie angebunden, führt uns Eve Lipchik durch lösungsorientierte
Methodik und deren Anwendungsbereiche: Familien, Paare, Langzeittherapie,
Krisen, Therapie mit Behinderung. Fallillustrationen zeigen sowohl Fehler
wie ungünstige Verläufe als auch berührende Langzeitkontakte
mit Menschen, die lebenslang verzweifelt kämpfen. Es wird vermittelt,
dass Lösungsorientiertheit nicht gleichzeitig heißt, dass Therapien
kurz, schnell und effektiv sein müssen. Eingangs werden 11 Leitsätze
zur Haltung der lösungsorientierten Therapeutin vorgestellt, die
einen als therapiebegleitendes Motto auch aus schwierigen Situationen
retten können. Eve Lipchik macht uns auf viele wichtige Details in
der Planung und im Aufbau der Sitzung aufmerksam, die gerade StudentInnen
am Anfang ihrer therapeutischen Erfahrungen als Orientierung dienen können.
Andererseits wird uns auch vorgelegt, wie kompliziert lösungsorientiertes
Arbeiten ist: Eine Feinabstimmung von therapeutischem Klima, Prozess der
Erzählung und dem richtig gewählten Zeitpunkt für eine
lösungsorientierte Frage. Ein lohnendes Buch für alle, die lösungsorientierte
Therapie einmal anders kennen lernen möchten: gefühlsbetont,
sensibel und dennoch genügsam und zielorientiert.
Corina Ahlers
Konrad Paul Liessmann
Theorie der Unbildung. Die Irrtümer der Wissensgesellschaft
Der Wiener Philosoph Konrad Paul Liessmann hat ein gut lesbares, durch seinen
polemischen Stil und treffsichere Formulierungen unterhaltsames Buch über
Bildung/Unbildung und Wissen in unserer Zeit geschrieben. Warum das auch
für PsychotherapeutInnen interessant ist, wird spätestens bei
seinen Ausführungen über die sogenannten ECTSPunkte (die früher
oder später vermutlich auch hierzulande die Therapieausbildungen vereinheitlichen
werden) deutlich.
Eine Ausgangsthese Liessmanns ist, dass nicht die Wissensgesellschaft, wie
häufig postuliert, die Industriegesellschaft ablöst, sondern wir
vielmehr in einer Zeit leben, in der Wissen industrialisiert wird, damit
es – modularisiert, vereinheitlicht - in die Zone der ökonomischen
Verwertbarkeit transferiert werden kann. Vor dieser Folie kritisiert Liessmann
pointiert die Ideologie des lebenslangen Lernens als Instrument der Anpassung
sowie das Konzept des Lernen-Lernens, das keiner Idee von Bildung mehr verhaftet
ist, sondern durch das Leerstellen offen gehalten werden sollen für
rasch wechselnde Anforderungen der Märkte, Moden und Maschinen.
Anhand der PISA-Studie macht Liessmann den „Ranglistenwahn" deutlich
– Rankings sowie Evaluierungen, so Liessmann, fungieren dabei als wirksame
Steuerungs- und Kontrollmechanismen, die verinnerlicht werden und den Phantasmen
der Effizienz, der Verwertbarkeit, der Spitzenleistung und der Anpassung
verpflichtet sind.
„Was die Bildungsreformer aller Richtungen eint, ist ihr Hass auf die traditionelle
Idee von Bildung. Dass Menschen ein zweckfreies, zusammenhängendes,
inhaltlich an den Traditionen der großen Kulturen ausgerichtetes Wissen
aufweisen könnten, das sie nicht nur befähigt, einen Charakter
zu bilden, sondern ihnen auch ein Moment von Freiheit gegenüber den
Diktaten des Zeitgeists gewährt, ist ihnen offenbar ein Greuel. Gebildete
nämlich wären alles andere als jene reibungslos funktionierenden
flexiblen, mobilen und teamfähigen Klons, die manche gerne als Resultat
ihrer Bildung sähen." Immanuel Kant, so ein griffiges Beispiel,
der 10 Jahre an seiner „Kritik der reinen Vernunft" schreibt und Königsberg
nie verlassen hat, wäre im Universitätsbetrieb unserer Zeit nicht
mehr möglich.
Über den Begriff von Charakter ließe sich natürlich – gerade
unter PsychotherapeutInnen – diskutieren. Anzurechnen ist Liessmann jedenfalls,
dass sich seine Angriffe sowohl gegen Rechts als auch gegen Links richten
und er es wagt, auch unpopuläre Positionen zu vertreten. Und nicht
zuletzt bei der Polemik gegen Power-Point-Präsentationen („Überhaupt
lässt sich bei derartigen Gelegenheiten ein generelles Missverhältnis
zwischen dem technischen und medialen Aufwand und dem geistigen Gehalt des
Gebotenen konstatieren") und dem Hinweis auf Scheinrealitäten,
in denen schneller Nutzen in Hochglanzformat versprochen wird („Potemkinsche
Dörfer, allesamt!") drängt sich so mancher Vergleich mit
der Psychotherapieszene auf.
Verena Kuttenreiter
Gerda MEHTA, Klaus RÜCKERT (Hrsg.) (2003)
Mediation und Demokratie. Neue Wege des Konfliktmanagements in größeren
Systemen
- Carl-Auer-Systeme Verlag, Heidelberg, 398
Seiten, € 49,-
Es ist Krieg im Irak, die diplomatischen Bemühungen und Mediationsversuche
im Vorfeld sind gescheitert. Dennoch: Die AutorInnen dieses Buches zeigen,
dass und wie sich Mediation für das Konfliktmanagement im öffentlichen
und politischen Bereich eignet. Politische Mediation hilft, Interessen
zu bündeln und ihnen Gehör zu verschaffen. Die Beiträge
dieses Buches zeigen die Anwendungsbereiche für politische Mediation
in ihrer ganzen Bandbreite auf: innergesellschaftlich, interethnisch und
international. Zu den namhaften AutorInnen gehören u. a. John Galtung
(Träger des Alternativen Nobelpreises), Bischof Samuel Ruiz Garcia
(Internationaler Nürnberger Menschenrechtspreis 2001) und Joseph
Duss von Werdt der auch das Vorwort“ zur systemischen Verortung“
dieses empfehlenswerten Buches verfasst hat.
- Andrea Brandl-Nebehay
Gerda MEHTA, Klaus RÜCKERT
(Hrsg.):
Bindungen Brüche Übergänge. Beziehungen
und ihre Veränderungen in unterschiedlichen Lebensphasen
Falter Verlag
Menschen kämpfen ein Leben lang um Verbundensein, Loslassen
und mit den Übergängen dazwischen. Dass diese Veränderungen
zu massiven Problemen führen können zeigen unterschiedliche
Beispiele aus der therapeutischen Praxis (Charlotte Wirl, Jutta Figl,
Ruth Kronsteiner, Ingeborg Saval, Robert Koch, Ina Manfredini, Imre Márton
Reményi, u.a.) ebenso wie sehr persönliche Gedanken gegen Ende eines
langen Lebens (z.B. Sophie Freud). Dargestellt werden nicht nur Ideen
(Bindungstheorien), wie Beziehungen halten oder brüchig werden können,
sondern auch wie es gelingen kann, Krisen zu bewältigen und eine
erfolgreichere Wahl von Bindungspartnern zutreffen.
Ruth Krumböck
Gerda MEHTA (Hrsg.):
Die Praxis der Psychologie. Ein Karriereplaner
2004. 557 Seiten. EUR 39,80 Springer Wien NewYork
, ISBN 3-211-20426-1
Dieses Buch bietet eine verlässliche Orientierung auf dem weit verzweigten
Gebiet der psychologischen Anwendungsfelder. Insgesamt werden etwa 50
traditionelle wie auch neuere Berufsfelder vorgestellt.
Wie vielfältig die Tätigkeitsfelder der Psychologen in der Praxis
sind, und wie interessant das Berufsbild der Psychologen ist, wie hilfreich,
professionell und sorgsam Psychologen arbeiten, ohne dabei den Blick für
das Machbare, das Menschliche und das Zwischenmenschliche zu verlieren,
das zeigt die Lektüre dieses Werkes. Es vermittelt somit fachlich
fundiert eine breite Wissensbasis für Studenten, Psychologen und
alle, die sich näher mit der Arbeit von Psychologen beschäftigen
wollen.
|
Gerda MEHTA, Klaus RÜCKERT (Hrsg.):
Streiten Kulturen? Konzepte und Methoden einer
kultursensitiven Mediation
Springer Wien-NewYork 2004, 218 Seiten. 9 Abbildungen.
Preis EUR 34,80, ISBN 3-211-21104-7 |
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Kultur und Herkunft, Tradition und Geschichte, soziales Denken und individualistische
Züge prägen Menschen. Sie formen auch ihre Neigungen zu Auseinandersetzung,
ihre Streitstile, ihre Toleranz und Flexibilität sowie ihre Motivation
zu streiten, miteinander auszukommen und Feindschaften oder Ärgernisse
überwinden zu wollen.
In diesem Buch zeigen AutorInnen anhand zahlreicher praktischer Beispiele
auf, wie mit Hilfe von Mediation zufriedenstellende Lösungen für
ein konstruktives Miteinander erreicht werden können. Neben dem theoretischen
Hintergrund von interkultureller Konfliktregelung werden methodische Besonderheiten,
wie etwa Techniken aus dem Improvisationstheater, Rollenspiele und typische
Anwendungsfelder, z.B. die Schule und deren kulturelles Konfliktpotential,
praxisrelevant aufbereitet.
Das Buch bietet somit einen guten Überblick zur interkulturellen Mediation
und ist daher unverzichtbar für alle, die mit Menschen unterschiedlicher
Kultur arbeiten.
Gerda MEHTA, Erik ZIKA (Hrsg.)
Systemische Grenzgänge - Wirksames
und Wirkendes im Zwischenmenschlichen
Verlag: Krammer
| ISBN: 3-901811-20-6 | 350 Seiten | 2006 Preis: € 29.50
|
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Grenzüberschreitungen, Gratwanderungen mit Sichtung der vielfältigen
systemischen Territorien „diesseits und jenseits" sind die Leitmetaphern
dieses Sammelbandes, der anlässlich des 20jährigen Bestehens
der ÖAS (Österreichische Arbeitsgemeinschaft für systemische
Therapie und Systemische Studien) erschien. Überschritten wird auch
die übliche Trennlinie zwischen Schreibenden und KonsumentInnen
der Fachliteratur. Gerahmt durch Geleitworte von Corina Ahlers,
Joseph Duss-von Werdt, Jürgen Hargens und Tom Levold breiten neben
etablierten Autoren (u.a. Kurt Ludewig, Harry Merl) vor allem erfahrene
PraktikerInnen aus unterschiedlichsten Arbeitsfeldern sowie Studierende
in verschiedenen Stadien systemischer Ausbildung eine farbenfrohe Landkarte
ihrer jeweils eigenen Zugänge zum „Systemischen" aus.
In einem ersten Abschnitt werden unter der treffenden Überschrift „Systemisches
ist immer wieder neu zu definieren und konkretisieren" Grundpfeiler
systemischer Weltsicht aktualisiert und kritisch differenziert. Hier finden
sich anschauliche Beiträge über Einzeltherapie (wo bleibt das
System?), Familiensysteme weit jenseits bürgerlicher Vorstellungen
(„Auch das kann Familie sein...") und Reflexionen zum Thema „Systemisch
im Alltag und Alltag im Systemischen".
Das nächste Kapitel beleuchtet ausgewählte systemischen
Leitideen (Neugier), setzt sich mit ethischen Fragen auseinander, erläutert
den Bezug zur Chaostheorie und zeichnet im Feld der Supervision den
Entwicklungsweg vom Begriff der Feldkompetenz zur Kontextsensibilität
und Felderkundung nach. Völliges Neuland eröffnete sich für
mich mit dem Beitrag „Eine Reise hinter das Sichtbare", in dem
Diversity-Ansätze in Queer-Theorien und ihre Bedeutung für
die politische Positionierung systemischer Therapie dargestellt werden.
Wer an klinischen und praktischen Anwendungsmöglichkeiten systemischen
Handelns interessiert ist, wird in den nächsten beiden Kapiteln
fündig. Sie zirkulieren um Wirksames und Wirkendes im Zwischenmenschlichen,
wie der Untertitel des Buches verspricht und spätestens hier einlöst;
in bunter Reihe geht es um genuin systemische wie auch die Grenzen zu
anderen Heilverfahren (bis hin zum Schamanismus) überschreitende
Referenzmodelle und methodische Zugänge, inhaltlich um Paartherapie,
Träume und deren Performance, um Psychoonkologie, Resilienz und
das sich Einlassen mit Kindern.
GrenzgängerInnen zwischen therapeutischen und wirtschaftlichen
bzw. pädagogischem Gefilden berichten über Organisationsberatung
und Mobbing, über Gruppentherapie mit Jugendlichen und die kultursensitive
Arbeit mit MigrantInnen.
„Herausforderungen der und durch Systemumwelten" ist der letzte
Abschnitt betitelt und wirft aus der Adlerperspektive einen kritischem
Blick auf gesellschaftliche Institutionen, auf sozialarbeiterische Praktiken
und Traditionen der Systemtheorie. „Gegen Dogmen und Tabus" wendet
sich der letzte Beitrag, eigentlich aber dagesamte Buch, das sich auch
als Plädoyer für ein unerschrocken schöpferisches Gestalten
des Zwischen-Menschlichen in- und außerhalb des Therapieraums
lesen lässt.
Es ist kein Band, den ich systematisch von der ersten bis zur letzten
Seite lesen würde. Der Reiz liegt für mich darin, mich von
den poetischen Titeln der einzelnen Beiträge verführen zu
lassen, zu blättern, zu schmökern, mich über das zu freuen
was ich zu kennen und verstehen meine, um dann wieder auf ganz neue,
unvertraute Erweiterungsmöglichkeiten des systemischen Denken und
Handelns zu stoßen.
Meine warme Empfehlung dieses vielschichtigen, gehaltvollen, ungewöhnlichen
Buches möchte ich mit Sophie Freud´s Kommentar unterstreichen,
der sich am Klappentext findet: „Mit Zufriedenheit sehe ich in diesen
vielfältigen und anregenden Beiträgen, dass unsere Weltanschauung
ihre theoretischen und praktischen Flügel weit ausgebreitet hat,
mit der wohl berechtigten Hoffnung in diesem neuen schwierigen Jahrhundert
einen positiven Unterschied zu machen."
Andrea Brandl-Nebehay
-
Die Idee, das Jubiläum "20 Jahre ÖAS” mit einem Sammelband
zu feiern, entstand im engagierten ÖAS-Theoriezirkel, der sich
auf die anerkennenswerte Initiative von Gerda Mehta gründete.
Die Beiträge kommen von etablierten AutorInnen, langjährigen
PraktikerInnen und StudentInnen und reflektieren systemisches Denken und
systemische Praxis über eine Vielfalt von Grenzen. Es sind Grenzgänge,
die Beziehung herstellen zu konzeptuellen, professionellen und gesellschaftlich
sich immer wieder neu differenzierenden Diskursen. Konsequent zum
Titel „Grenzgänge" wird die Palette der Themen und Beiträge
sehr weit und offen gehalten. Die Einleitung der HerausgeberInnen konstruiert
mit Überschriften und Zuordnungen zu inhaltlichen Themen, Beziehungen
zwischen den Beiträgen und ihren Theorie- und Praxisfeldern und ist
damit ein sinnstiftender Reisebegleiter. Die Beiträge bringen
engagierte und kritische Auseinandersetzungen mit systemischen Grundbegriffen,
Neudefinitionen des Begriffs "systemisch”, Entwürfe klinischer
Arbeit, die ausgehend von einem systemischen Schwerpunkt andere theoretische
Konzepte integrieren, kritische Reflexionen mit systemischer Praxis in
verschiedenen Arbeitsfeldern und mit den Herausforderungen der Systemumwelten.
Es sind Artikel, die anregen, erstaunen, verwirren, z.B. neue Länder
wie Queertheorien, Schamanismus, Ethnopsychoanalyse mit systemischen Konzepten
verbinden. Beiträge, die systemische Praxis in spezifischen Arbeitsfeldern,
wie Psychoonkologie, Supervision und Organisationsberatung beschreiben,
die Fachtermini wie Mobbing, Resilienz in den Mittelpunkt systemischer
Betrachtung stellen oder Entwicklungen innerhalb der systemischen Therapie
(„Von der Manipulation zur Kooperation, von der Moderne zur Postmoderne")
und der Beziehungswelten („Auch das kann Familie sein") beleuchten.
Besonders beeindruckt haben mich auch die Artikel zu den Systemumwelten
(„Gestalten wir unsere Umwelt - oder bestimmt sie uns?" und „Jeder
ist seines Glückes Konstrukteur – Oder war da noch mehr?") und
die beiden dialogisch gestalteten Beiträge am Ende des Buches. Einer
der Artikel reflektiert die Auswirkung einer erfolgreichen gemeinsamen
Projektarbeit auf eine Paarbeziehung, der zweite stellt die persönlichen
professionellen Erfahrungen einer Kollegin, die seit 50 Jahren therapeutisch,
seit 30 Jahren auf Grundlage systemischer Ideen tätig ist, dar.
"Systemische Grenzgänge” ist ein Buch, das die beeindruckende
Kreativität, Offenheit, Vielfalt und das Potential der ÖAS-Fachwelt
zeigt.
Hedwig Wagner
Michael MEUSER (2006):
Geschlecht und Männlichkeit. Soziologische
Theorie und
kulturelle Deutungsmuster
Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden,
2., überarbeitete und aktualisierte Auflage 2006, 351 Seiten, € 34,90
Der deutsche Soziologe Michael Meuser beschäftigt sich in seiner
1998 als Buch publizierten Habilitation mit kollektiven Orientierungen
von Männern im Wandel des Geschlechterverhältnisses. Die Neuauflage
2006 bringt eine Überarbeitung des theoretischen Konzepts und trägt
der Weiterentwicklung der Geschlechterforschung in den letzten zehn Jahren
Rechnung.
Im ersten, theoretischen Teil des Buches werden Männlichkeit in den
Geschlechtertheorien der soziologischen Klassiker Tönnies, Simmel
und Durkheim dargestellt, die Konzepte von Geschlecht als sozialer Rolle
und sozialer Konstruktion analysiert, sowie eine Geschichte der Männlichkeitskonzepte
in der Frauenforschung seit den 1970er Jahren nachgezeichnet. Diesen theoretischen
Teil schließt das Modell des Autors selbst ab, der vorschlägt,
das Konzept hegemonialer Männlichkeit nach Connell mit dem Bourdieu´schen
Habitusbegriff zu erweitern.
Der zweite, empirisch orientierte Teil des Buches beschäftigt sich
mit Deutungsmustern von Männlichkeit und kollektiven Orientierungen
von Männern. Die verschiedenen Strömungen der seit Ende der
1970er Jahre existierenden Männerverständigungsliteratur werden
im Überblick dargestellt, wobei Meuser Defizitkonstruktionen („Der
Mann als Mängelwesen“), Maskulinismus („Rückbesinnung auf die
gefährdete Männerherrlichkeit) und Differenzmodelle („Die Suche
nach authentischer Männlichkeit“) unterscheidet. Das siebente Kapitel,
das fast die Hälfte des Gesamttextes ausmacht, stellt den Diskurs
von Geschlecht und Männlichkeit in den alltäglichen Lebenswelten
von Männern dar. Im Rahmen seines von der Deutschen Forschungsgemeinschaft
geförderten Habilitationsprojektes führte Meuser mit mehreren
MitarbeiterInnen Gruppendiskussionen mit „real existierenden Zusammenschlüssen
von Männern“ durch: eine Männer-Selbsterfahrungsgruppe, ein
Club von Führungskräften, ein Studenten-Sportverein, eine Gruppe
von jungen Arbeitern und eine Kneipenrunde von älteren Arbeitern
wurden befragt.
Eine zentrale Frage ist dabei, ob bzw. in welcher Weise die in Literatur
und Medien oft beschriebene Verunsicherung des männlichenSelbstverständnisses
bei diesen höchst unterschiedlichen Gruppen besehen könnte,
allgemein weniger vorhanden war.
Auch wenn seit der Datenerhebung mehr als zehn Jahre vergangen sind, ist
das Buch in seinen Aussagen höchst aktuell und bietet nebenTheorie
auch Ansatzpunkte für die therapeutische Praxis: Beispielsweise ein
Verständnis für unterschiedliche soziale Gruppen von Männern,
von denen manche (oder alle) uns TherapeutInnen auf grund unseres eigenen
Lebenskontextes relativ fremd sind.
Herbert Gröger
Walter MILOWIZ
Teufelskreis und Lebensweg. Systemisch Denken im sozialen
Feld
Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, Sept. 2009

Soziale Interaktionen können Teufelskreise erzeugen.
Welche Mechanismen liegen ihnen zugrunde und wie können sie aufgelöst
werden? Eine systemische Brille kann dabei hilfreich sein: Aus dieser
Perspektive betrachtet werden soziale Konfliktlagen von allen Beteiligten
– Familienmitgliedern, Betreuern, Institutionen – fortwährend neu
erzeugt und die so genannten Probleme bleiben so lange erhalten, wie sich
alle, die damit zu tun haben, immer in gleicher Weise verhalten. Verändert
aber eine Person ihr Verhalten, so ist der Auflösung des Problems
Tür und Tor geöffnet. Neben den theoretischen Grundlagen zeigen
Berichte aus der Praxis der sozialen Arbeit anschaulich, wie der systemische
Ansatz von W. Milowiz im beraterischen Alltag hilfreich eingesetzt werden
kann.
- Wilfried Ohms
Abschied vom Spiegelbild
Verlag C.H.Beck, München 2000, €
15,40
Die Stuttgarter Zeitung kommentiert: Das faszinierende Psychogramm einer
ganz besonderen Beziehung: die ungewöhnliche Verbindung zwischen
Zwillingen.
Es geht um Tod und Nähe, Vertuschen, Züchtigung und den Schein
wahren – die Gutbürgerlichkeit der 60er Jahre in einer österreichischen
Kleinstadt. Und es geht um die ungeheure brüderliche Nähe von
eineiigen Zwillingen – mit all ihren Vor- und Nachteilen, all den Zuwendungen
aber auch den Grausamkeiten. Untrennbar, ja lange Zeit ununterscheidbar,
so waren die beiden Brüder im gutbürgerlichen Elternhaus aufgewachsen
– mit der immer wieder Realität werdenden Demütigung der Verwechslung,
der „Gleichartigkeit des Aussehens, an dem sich die halbe Stadt zu stoßen
schien".
Wilfried Ohms erzählt in ständig wechselnden Rückblenden
und Schilderungen der Gegenwart die Geschichte und die Beziehung der Zwillingsbrüder,
die scheinbar unausweichlich dem zu Beginn angedeuteten Ende zustrebt.
Der eine Bruder scheitert beruflich und privat, schreitet von einer Katastrophe
in die andere und landet letztendlich in Afrika, wo er nur noch einen
Ausweg sieht – und was macht das mit dem anderen? Er, der in geordneten
Verhältnissen erzählt. Das „Unausweichliche" gleich zu
Beginn – beinahe scheint es emotionslos, unterkühlt erzählt
– unterkühlt ist auch der Erzählton, der sich wie der „Rote
Faden" durch alle 125 Seiten zieht.
Vielleicht war es auch diese unausgesprochene Frage, die in der Erzählung
für mich mitschwingt und mich zum Dranbleiben anregte – was geschieht
mit dem Erzähler? Was wird aus dem anderen Bruder? Das bleibt der
Autor schuldig, offen ist der Schluss, der auch der Erzählung den
Titel gibt: „Ich stehe vom Schreibtisch auf und schleiche auf Zehenspitzen
ins Bad (Die Frau und die Tochter sind in der Küche und wissen nichts
vom Anruf, der dem Erzähler mitteilte, dass sein Bruder den Freitod
gewählt hat. Anm. AH) Ich bleibe vor dem Spiegel stehen und schaue
mir in die Augen, während meine Lippen lautlos ein Wort formen, das
sie wiederholen: ja". Ja wozu? Leben, Freitod - ja zum ICH?
Zum Teil mit Gänsehaut, zum Teil aber auch versucht das Buch zu schließen
ohne es ausgelesen zu haben, habe ich doch durchgehalten und ich habe
– für mich gesehen - vermutlich neue Ressourcen gefunden. Also für
alle, die auch für Erzählungen ohne (?) Happy End Zeit haben
- ein Buch, das einem irgendwann begegnen sollte. Keine Fachliteraturund
doch interessant – finde ich.
Andreas Hainz
- Haim OMER, Arist von SCHLIPPE
(2002):
Autorität ohne Gewalt
Coaching für Eltern von Kindern mit Verhaltensproblemen
- "Elterliche Präsenz" als systemisches Konzept.
Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 214 S.,
€ 19,90.
"Kinder an die Macht", singt Herbert Grönemeyer, "Eltern
zurück ins Boot" ist die Botschaft des Konzepts elterlicher
Präsenz. Das Buch wendet sich an entmachtete Eltern, die sich vor
ihren Kindern fürchten und vor dem destruktives Verhalten, der
offenen Gewalt oder den Suiziddrohungen ihres Nachwuchses kapituliert
haben. Hilflose Eltern verfangen sich in (symmetrisch eskalierenden)
Diskussionen, Drohungen und Beschuldigungen, sie sprechen und schreien
sich heiser in ihren Predigten, Bitten und Abbitten (komplementäre
Eskalation). "Das elterliche Reden überzeugt nicht nur das
Kind, sondern auch die Eltern, dass Taten nicht zu erwarten sind"
(S. 54). Ähnlich wie in scheiternden Ehen tendiert die Wiederholung
eskalierender Abfolgen dazu, das Verhältnis zwischen Eltern und
Heranwachsenden auf die konflikthaften Bereiche einzuengen, was einen
Ausstieg aus dem Tauziehen um die Macht im Haus weiter erschwert.
Haim Omer, Psychologieprofessor in Tel Aviv, stellt sein Konzept elterlicher
Autorität in die politische Tradition des gewaltfreien Widerstands.
Eltern lernen schrittweise, den destruktiven Handlungen des Kindes aktiv
entgegenzutreten: "Ich kann dein Verhalten nicht akzeptieren und
werde alles tun, es zu stoppen, ausser dich zu schlagen oder zu attackieren".
Die von Gandhi inspirierte Idee gewaltfreien Widerstands macht Eltern
erfinderisch, sich effektiv dem unannehmbaren Verhalten des Kindes entgegenzustellen,
ohne Eskalationen zu provozieren und allen Seiten dabei zu helfen, das
Gesicht zu wahren. Eine der bewährten Methoden ist etwa das elterliche
Sit-in im Kinderzimmer. Eltern lassen sich, den Ausgang blockierend,
im Kinderzimmer nieder und verkünden, dass sie den Raum nicht wieder
verlassen werden, bevor der Jugendliche nicht konstruktive Vorschläge
geäussert hat. Auf stille, beharrliche Art machen Eltern so für
ihre Kinder spürbar, dass sie vor Provokation, Rückzugsverhalten,
Erpressung, Gewalt oder Drohungen nicht zurückzuweichen werden:
"Ich gebe dir nicht nach und ich gebe dich nicht auf!"
Der Zweitautor Arist von Schlippe ist bemüht, das in manchen Aspekten
recht "strategisch" anmutende Konzept in ein konstruktivitstisch-systemisches
Verständnis von Therapie und Beratung einzupassen. Er macht deutlich,
dass es nicht darum geht, aus einer Haltung professioneller Expertenschaft
heraus Eltern auf den "richtigen" Weg zu bringen. Coaching
von Erziehungspersonen in Richtung verstärkter elterlicher Präsenz
soll dabei unterstützen, dass in der familiären Kommunikation
zwischen Eltern und Kinder alle Beteiligten wieder Platz, Respekt und
Stimme finden - auch Eltern dürfen wieder mitreden!
Andrea Brandl-Nebehay
Nossrat PESESCHKIAN (2002):
Der nackte Kaiser oder: Wie man die Seele der Kinder und Jugendlichen
versteht und heilt
Geist und Psyche. Fischer Taschenbuch Verlag 2002,
176 Seiten. € 9,20.
Ein Buch, das ganz in der Tradition der Leitlinien der Systemischen
Psychotherapie steht: der paradoxen Intervention, Metaphern, Positiven
Konnotation, Symptom hat Funktion, Umdeutungen usw. Es ist leicht zu lesen,
regt zum Schmunzeln, auch zum Widerspruch an und ist doch tiefgehend und
hintergründig. Denn es befolgt eines seiner vielen Sprüche,
Geschichten, Fabeln, Witze, Bilder: "Beherzige deine Gedanken und
köpfe nicht deine Gefühle." (S. 37)
Gerda Mehta
Iris RADISCH
Die Schule der Frauen. Wie wir die Familie neu erfinden
München, DVA, 2007, € 14,95
Die Kapitel-Titel „Heldendämmerung“, „Die Welt ohne Kinder“, „Die Liebeskatastrophe“,
„Das Familien-Patt“, „Die Welt mit Kindern“, „Der Mann als Vater“, „Die
Frau als Mutter und das Märchen von der Vereinbarkeit“ und „Was uns fehlt“
lassen schon erahnen, womit sich Radisch in diesem Band beschäftigt -
durchaus quer zu laufenden Diskursen. Sie analysiert „das Zerbrechen der
Liebe an der Arbeit“, dass sich bis dato die 3: Liebe, Arbeit und Kinder
ausschließen. In ihren Überlegungen bleibt Iris Radisch als Person mit
ihren eigenen Ausbildungs-, Emanzipations-, Liebens-, Scheiterns-, Mutterseins-…
Geschichten immer im Blick. Sie nimmt von ihrem subjektiven Standpunkt
aus Stellung zu u.a. biologistischen Ansätzen, gesellschaftlichen Rollenerwartungen,
zur demografischen Entwicklung und beschreibt strukturelle wirtschaftliche
und politische Determinanten dieses Scheiterns.Allerspätestens auf der
letzten Seite wird deutlich, dass es um das Erklären und die Forderung
des Abschaffens von Leid geht, um Leid von Menschen, die versuchen gegen
alle Widerstände ein Leben mit Liebe, Arbeit und Kinder zu leben. Der
persönliche und gleichzeitig komplex bleibende Zugang sowie die Unnachgiebigkeit,
mit der Radisch sozusagen am Lösungen-neu-erfindendran bleibt, machen
dieses Buch - jedenfalls aus meiner Sicht - lesenswert.
Theresia Gabriel
- Bernhard PÖRKSEN (2001) :
Abschied vom Absoluten - Gespräche zum Konstruktivismus
Carl-Auer, Heidelberg (ISBN 3-89670-192-4)
Eine Empfehlung für trübe Herbst- und Wintertage: In
diesem Band kommen Heinz von Foerster, Ernst von Glasersfeld, Humberto
Maturana, Gerhard Roth, Siegfried J. Schmidt, Helm Stierlin, Francisco
Varela und Paul Watzlawick auf sehr persönliche Art und Weise im
Interview mit B. Pörksen zu Wort und präsentieren ihr Denken
und ihr Wissenschaftsverständnis, zum Teil auch ihren Werdegang.
Die Gespräche drehen sich unter anderem um Ergebnisse der Hirnforschung,
die Einsichten der Kybernetik, die sprachliche Determiniertheit des Denkens
und die innere Verbindung von Erkenntnistheorie und ethischer Praxis.
Das Buch bietet eine interessante Möglichkeit die Begründer
des Konstruktivismus als Personen ein bisschen besser kennenzulernen,
aufsehenerregende neue Inhalte sollten nicht erwartet werden.
Marianne Beyer
ARNOLD RETZER,
Lob der Vernunftehe. Eine Streitschrift
S.Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 2009
(EUR 18,95)
Retzers Buch besteht zu einem Drittel aus Altbekanntem, zu einem Drittel
aus einem doch ziemlich merkwürdig anmutenden Loblied auf die Vergebung
und Unmöglichkeit von Gerechtigkeit in Beziehungen – hierzu reicht
es meines Erachtens auf folgendes Zitat von Arnold Retzer am Anfang
des Buches
hinzuweisen: „Meine Frau legt auch Wert darauf, die Leserin zu erhöhter
Sensibilität für typisch männliche Beschreibungen und
Bewertungen in diesem Buch aufzurufen“ (wär gar nicht notwendig
gewesen, trotzdem
Danke, Frau Retzer) – und zu einem Drittel aus Lebensweisheiten Arnold
Retzers, zu denen man durchaus gefällig abnicken kann, die aber
weit hinter den soziologischen Analysen Hillenkamps zurückbleiben
und leider
trotzdem kein therapeutisches Handwerkszeug bieten. Zumindest sehe ich
persönlich wenig Erfolgschancen, wenn ich mit dem Vergebungsgedanken
bei einer mit der Arbeitsaufteilung in ihrer Beziehung unzufriedenen
Klientin in einer Paartherapie zu punkten gedächte. Selbst, wenn
ich dies wollte.
Verena Kuttenreiter
Dirk Revenstorf, Burkhard Peter
(Hrsg.) (2001)
„Hypnose in Psychotherapie, Psychosomatik und Medizin.
Manual für die Praxis“
Springer-Verlag 2001, Nachdruck 2007, 824 Seiten, € 59,95
Hypnose gilt als eines der ältesten Heilverfahren der Menschheit.
Sie verbindet Körper und Seele (und damit Medizin und Psychotherapie)
wie keine andere Therapieform. Der moderne hypnotherapeutische Ansatz
geht zu einem großen Teil auf den amerikanischen Psychiater Milton
H. Erickson zurück. In den letzten Jahrzehnten hat die Hypnotherapie
große Verbreitung gefunden; es wurden vielfältige Anwendungsmöglichkeiten
entwickelt und für ihre Effektivität umfangreiche empirische
Belege geliefert. Untersuchungen aus der klinischen Hypnoseforschung
haben gezeigt, dass Hypnose bei nahezu allen psychischen und psychosomatischen
Problemen von großem therapeutischem Nutzen
ist.
Dem renommierten Herausgeber- und Autorenteam ist es gelungen, ein Kompendium
der modernen Hypnotherapie mit theoretischen Grundlagen, wichtigen Basistechniken
und praktischen Anleitungen für die Behandlung einzelner Störungsbilder
zu schaffen.
Der Band gliedert sich in sieben große Abschnitte: so setzen sich
die AutorInnen z.B. in den „allgemeinen Prinzipien der Hypnotherapie“
mit der Konstruktion von Wirklichkeit, mit Trance, Trancephänomenen,
dem Konzept der Problemtrance und mit Utilisation (Nutzbarmachung von
Eigenschaften der KlientInnen als mögliche Ressource) auseinander.
Der Abschnitt „Allgemeine Methoden“ beinhaltet Methoden zur Einleitung
von Trance (direkte und indirekte Induktion), Arbeiten mit Metaphern
und Geschichten, Techniken des Reframing und Methoden der hypnotischen
Altersregression.
In der „Schlussdiskussion“ geben die Herausgeber noch einen geschichtlichen
Überblick und zeigen, wie sich die Hypnotherapie mit anderen Therapieformen
kombinieren lässt.
Fazit: Wer sich mit Hypnose beschäftigt, findet in diesem Buch
einen Überblick der modernen Hypnotherapie, nützliche Anwendungskonzepte
von international renommierten ExpertInnen und jede Menge Anregung für
die eigene Arbeit.
Michaela Sit
-
- Peter SCHEER, Marguerite DUNITZ-SCHEER
(2002):
meine, deine, unsere. Leben in der Patchworkfamilie
- Falter Verlag Wien, 252 Seiten, €25,50
Wenn auch die Patchworkfamilie in vielen Veröffentlichungen
bereits als häufig gelebte Familienform Akzeptanz gefunden hat, so
begleiten sie nach wie vor viele Vorurteile und Befürchtungen.
Dem Leser vermittelt das Autorenpaar, dass und wie man als Teil einer
Patchworkfamilie gut und angenehm leben kann und welche Abenteuer einen
erwarten können und was es an Haltung braucht, damit es kein Verband
von Vorsichtigen, Misstrauischen, Beleidigten und Feinden sondern ein
Verband von einander respektierenden, ergänzenden und bereichernden
Menschen bleibt oder wird.
Gerda Mehta
David Schnarch (2006):
Die Psychologie sexueller Leidenschaft
Klett Cotta 2006, 511 Seiten, €
29,50
Die Übersetzung des Zweitwerkes (im Englischen etwas leidenschaftlicher
unter dem Titel „Passionate Marriage“ erschienen)1) des mittlerweile auch
in unseren Breitengraden bekannten Sexualtherapeuten David Schnarch ermöglicht
uns, neue Perspektiven auf das reizvolle und doch schwierige Thema der
Sexualität in lang dauernden Partnerschaften.
Das Buch ist für ein breites Publikum geschrieben, beansprucht einen
journalistischen Stil, ist allerdings durchaus spitzfindig und durchdacht
in der Komposition der Themen, so dass es gleichfalls für erfahrene
TherapeutInnen spannende, neue Sichtweisen enthält. Die Fallgeschichten
sind prozesshaft angelegt und werden zur Erklärung der Konzepte immer
wieder herangeholt, so dass man am Schluss eine typologisch anmutende
Breite an Möglichkeitsformen kennen gelernt hat, Sexualität
zu vermeiden.
Wir nähern uns mit Schnarch dem Thema „Sexualität“, indem wir
sie nicht abseits anderer Beziehungsmomente formulieren, sondern so behandeln
wie weniger intime Themen des Paares, so z.B. Kindererziehung, Hausarbeit,
Freizeitplanung usw., allerdings unter der Prämisse, dass Sexualität
ethologisch dem Kleinhirn gehört und vom Bewusstseinsmenschen erst
kognitiv erarbeitet werden muss. Schnarch stellt sich auf den Standpunkt,
dass Sexualität der sonstigen Entwicklung des Menschen nachhinkt.
Deshalb sei dieser Bereich im Frontalhirn noch nicht integriert und gerade
dadurch schambesetzt.
Die hohe Kunst, Liebe und Intimität bzw Sex und Erotik zu gestalten
verlangt nach Experimenten, die eigene Scham zu überwinden. Schnarch
nennt es „die Feuerprobe“, durch die jedes Paar geht, bis es seine sexuellen
Potentiale erkannt und miteinander ausgelotet hat. Dafür ist ein
hohes Ausmaß an Akzeptanz des anderen und die Bereitschaft notwendig,
sich selbst dem anderen zuzumuten. Es bleibt das Risiko, dass der andere
ablehnt oder einen eigenen Vorschlag bringt, den ersterer wiederum nicht
annehmen kann.
Schnarch übergibt uns mit diesem Buch den Schlüssel, wie man
Paartherapie und Sexualtherapie integrieren kann, mehr noch, er ist uns
damit zuvorgekommen. Denn vieles von dem was er schreibt ist eine gut
durchgedachte Zusammenlegung von Konzepten aus der Familientherapie, der
Systemischen Therapie und der Sexualtherapie. Die Integration und Neuauflage
der Konzepte ist sein Meisterwerk. So verbindet er mindestens 2 Konzepte
mit einem breiten Potpourrie sexueller Theorien und Anwendungen.
1. Murray Bowens Differenzierungskonzept, mit ein bisschen Bindungsforschung,
konnotiert mit Säuglingsforschung und Ethologie, kombiniert mit
persönlichen Geschichten aus der indivuellen und der Paarbiografie.
Wir erfahren, wie wir eine gute Ablöse von der Herkunftsfamilie
fördern können und wie uns Sexualität und Erotik in der
langen Partnerschaft dabei hilft. Nebenbei bekommen wir Einblick in
David Schnarchs Ehe, die Entstehung seines einzigen Kindes, sein Umzug
von New Orleans nach Evergreen, seine Kompromisse mit seiner Frau beim
Wandern und wie er heute durch seine Arbeit seine eigene Kindheit neu
rekonstruieren kann. Bestechend oder? Nebenbei eine Pointe für
Frauen älteren Kalibers: Ein Highlight seines Marketings ist sicher
die Aussage, dass Cellulitis fünfzigjähriger Frauenpositiv
mit deren sexueller Bereitschaft und Leidenschaftlichkeit korreliere
... Also: Ein klares „Ja“ zur Sexualität und Erotik mit zunehmenden
Alter.
2. Interaktionskonzepte, welche die Rekursivität zwischen persönlicher
Entwicklung des einzelnen und Interaktionsdynamik des Paares herstellen.
Die Beschreibung derartig komplexer Zusammenhänge gelingt Schnarch
besonders gut, und er stellt damit ein verallgemeinbares Konzept her,
wie man Subjekt und Interaktion interpretativ kombinieren kann. Wir
hören, dass nur einer von beiden anfangen kann und nie beide
gleichzeitig, dass dann der andere nachziehen kann, bzw. dass der verweigernde
Teil solange die Kontrolle über die Beziehung behält bis derjenige,
der auf Veränderung und Erneuerung pocht Schritte setzt, die den
anderen so massiv unter Druck setzen, dass der sich verändern muss.
Druck entsteht durch Ausdruck von Autonomie und Differenzierung. Festzustellen
ist, dass den Veränderungsdruck meistens die Frauen machen! Und
die Männer in diesem Buch, die trennen sich nicht, sondern sie
versuchen ernsthaft, den PartnerInnen nachzukommen ...
Ist das vor allem in den USA. so, bzw. können wir das auch in Old
Europe umsetzen? Das Thema Trennung wird in diesem Buch vermieden aber
nicht in Abrede gestellt. Bei den von ihm dargestellten Paaren kommt
sie allerdings nicht vor.
Die Übertragbarkeit von David Schnarchs Ideen in unsere Breitengrade
musste ich beim Lesen des Schlusskapitels noch einmal revidieren. Dort
beschreibt David Schnarch kurz den Gruppenprozess bei TeilnehmerInnen
seiner Workshops, um anschließend für sein Zentrum zu werben.
Männer beugen sich der Reue über ein vergeudetes Leben und
verpasste Gelegenheiten zum Thema Sex und Liebe. Im wohligen Miteinander
ihrer Komilitonen setzen Aha-Erlebnisse ein, denn von diesen erhalten
sie Unterstützung und verheißungsvolle Beschreibungen des
vermeintlichen
Zielzustandes. Die von Schnarch herbeizitierten Aussagen erinnern mich
stark an die Anonymen Alkoholiker, die ich während meiner Studienzeit
beforschen durfte. Dort beobachtete ich puritanische Selbstreue im Schoße
der Gruppe. Gregory Bateson spricht in seinem berühmten Aufsatz
zum Selbst von der Selbstauflösung der anonymen Alkoholiker, die
sich der Gruppe statt der Flasche verschreiben. Indem sie ihre Kontrolle
aufgeben, übergeben sie sich an die Gruppe. Gegründet wurden
die AA von den zwei durch ihre Spiritualität geheilten Alkoholikern
Bill und Bob. Und im allerletzten Kapitel erhebt David Schnarch Sexualität
ebenfalls zu einer spirituellen Angelegenheit.
David Schnarch plädiert in diesem Buch für Autonomie, Differenzierung
und gegenseitige Anerkennung sexueller und erotischer Ästhetik
bei langjährigen Beziehungen. In seinen dargestellten Paartherapiesequenzen
konfrontiert er Frau oder Mann eindrucksvoll mit ihren unerkannten Wünschen
oder ihrer Unabgelöstheit von ebenfalls undifferenzierten Herkunftsfamilien.
Wie aber geht es dann diesen Menschen in der Ablöse von ihm? Das
ist meine leichte Kritik an diesem Buch, dessen Übertragbarkeit
nach Old Europe dahingehend fraglich bleibt, dass wir hoffentlich weniger
disziplinierungssüchtig sind wie manche Amerikaner. Dennoch bringt
das Buch Highlights für unsere tägliche Arbeit mit Paaren
und eine Neubewertung bewährter Konzepte aus der systemischen Ecke.
Corina Ahlers
- Fritz SIMON (2001):
Tödliche Konflikte. Zur Selbstorganisation privater und
öffentlicher Kriege
Carl-Auer-Systeme Verlag, Heidelberg, € 25,46
Es gibt die Guten und die Bösen, es gibt die, die für uns
sind, und die, die gegen uns sind. Dies ist die Logik "tödlicher
Konflikte". "Kriege haben stets die Tendenz, aus hoch komplexen
Gemengelagen eine Welt zu machen, in der es nur noch Freund und Feind
gibt", schreibt der Heidelberger Psychiater und Therapeut Fritz
B. Simon in seinem neuesten Buch "Tödliche Konflikte".
Als theoretische Grundlage dient ihm die Systemtheorie. Um Muster und
Veränderungen der Konfliktparteien schematisch darzustellen, bedient
er sich des Tetralemmas. "Ein solches Beobachtungsschema kann verdeutlichen,
dass es im Prinzip immer mehr als nur zwei Möglichkeiten gibt,
sich in einem Konfliktfeld zu positionieren." "Krieg"
definiert Simon sehr weit. Nicht nur militärische Auseinandersetzungen
zwischen Nationen, Ethnien oder Religions-gemeinschaften sind Krieg,
auch private gewalttätige Konflikte sind Krieg. Die knapp 300 Seiten
sind auf drei sehr unterschiedlichen Ebenen ein eindrucksvolles Erlebnis:
Die Schärfe von Simons Beobachtungen macht aus dem Fachbuch einen
spannenden Krimi. Beinahe beiläufig erfährt man Grundbegriffe
aus der Systemtheorie - praktisch angewandt. Und last but not least:
Die Erkenntnisse seiner Untersuchung lassen sich auf aktuelle militärische
Auseinandersetzungen wie jene in Afghanistan übertragen, sie nehmen
einem - zumindest zeitweise - das Gefühl von Handlungsunfähigkeit.
Carmen Unterholzer
Sigrid SOHLMANN
Behinderung bei Kindern und Jugendlichen -
Hilfe für Eltern, Therapeuten und Pädagogen
Facultas, Wien, 2009, ISBN 978-3-7089-0413-9
19,90 EUR (inkl. USt.)

Eine Behinderung oder auch eine chronische Erkrankung eines Kindes verändert
die Lebensperspektive der betroffenen Eltern schlagartig. Es bedeutet
einen Abschied von der Hoffnung auf ein gesundes, sich normal entwickelndes
Kind. Gleichzeitig müssen sie sich mit der Enttäuschung, der
Trauer und anderen Gefühlen, die mit diesem Abschied verbunden sind,
den Folgen der Behinderung für die Entwicklung des Kindes und den
damit verbundenen eigenen persönlichen Einschränkungen auseinandersetzen.
Eine Therapie kann aber dabei hilfreich sein, die Situation der gesamten
Familie zu verbessern.
Dieses Buch veranschaulicht die Situation der Eltern, klärt auf,
wann eine Therapie von Nöten ist, wie sie unterstützen und aussehen
kann. Zahlreiche Tipps für Eltern und Hilfen zur therapeutischen
Arbeit dienen als Anregung für Therapeuten und auch Pädagogen.
Viele Fotos und Fallbeispiele aus der Praxis der therapeutischen Arbeit
runden das Buch ab.
Über Rückmeldungen freut sich:
Mag. Sigrid Sohlmann
office@sohlmann-psychoprax.at
http://www.sohlmann-psychoprax.at
+43 664 256 10 36
Rezension von Anita Tupi:
In diesem Buch fasst die Autorin ihre jahrelangen Erfahrungen in der Arbeit
mit geistig behinderten und chronisch kranken Kindern und Jugendlichen
eindrucksvoll zusammen. Das Werk bietet einen breit gefächerten Überblick
über ihren Tätigkeitsbereich.
Im Zuge ihrer Arbeit als Psychagogin und Psychotherapeutin schafft sie
es, Zugang zu ihren Schützlingen zu bekommen, die ihr Sorgen, Probleme
und Ängste anvertrauen. Es werden eindrucksvoll die Bedürfnisse,
Schwierigkeiten von Kindern und Jugendlichen beschrieben, aber auch Lösungsmöglichkeiten
gezeigt. Sigrid Sohlmann ermutigt die LeserInnen, stets die individuellen
Bedürfnisse der KlientInnen in den Mittelpunkt zu stellen und ihnen
den Weg zu Selbständigkeit und Autonomie „frei“ zu machen.
Denn: Sie wissen oftmals selbst, was sie wollen und was für sie gut
ist, auch wenn wir meinen, in unserer Rolle als Eltern bzw. ProfessionalistInnen,
es besser zu wissen und versuchen, sie zu bevormunden.
Dieses Buch richtet sich als Ratgeber bzw. Information an Eltern, LehrerInnen,
TherapeutInnen und SozialpädagogInnen, also jene Personen, die mit
behinderten bzw. chronisch kranken Kindern und
Jugendlichen leben oder arbeiten.
Im ersten Teil des Buches wird von der Autorin die Familie und das behinderte
Kind/der behinderte Jugendliche bzw. das chronisch kranke Kind/Jugendliche
in den Mittelpunkt gestellt und betrachtet, es werden
Anforderungen und Problematiken in den unterschiedlichen Entwicklungsphasen
kritisch durchleuchtet. Die im Anschluss gebotenen Tipps für Eltern
im Umgang mit schwierigen bzw. neuen Situationen sind praxisnah und nachvollziehbar;
es versteht sich natürlich von selbst, dass kein Anspruch auf Vollständigkeit
besteht.
Das kinderpsychotherapeutische Konzept ist Schwerpunkt im zweiten Teil
des Buches. Auf die Funktionen, die die systemische Therapie bei behinderten
bzw. chronisch kranken Kindern und Jugendlichen leisten soll bzw. muss,
wird konkret hingewiesen. Die Aufgaben und Arbeitsweisen der Verfasserin
werden klar strukturiert aufgezeigt. Durch die – in den Therapiesitzungen
durch interaktive und kreative Prozesse aufgebaute – Vertrauensbasis und
durch eine feinfühlige Dialogpraxis der Therapeutin öffnen sich
die Kinder und Jugendlichen, geben Einblicke und lassen es zu, ihr Innerstes
kennen zu lernen.
Das Buch bietet weiters ein breites Spektrum an praktisch nachvollziehbaren
Lösungsmöglichkeiten, die von der Autorin mit den ihr anvertrauten
Kindern und Jugendlichen erprobt und ausgeführt worden sind. Die
vielen Fallbeispiele und die praktischen Umsetzungsvorschläge zeigen,
wie manche Problematiken und Krisen bearbeitet bzw. teilweise gelöst
werden könnten. Natürlich kann und darf sich niemand ein „Rezept“
erwarten.
Auf die Wichtigkeit der engen Zusammenarbeit, also der Vernetzung von
Eltern/Erziehungsberechtigten, der Institution Schule und der Therapie,
stets im Sinne unserer KlientInnen, wird von der Autorin immer wieder
hingewiesen. Diese Zusammenarbeit kann bzw. muss als Grundlage für
eine weitere positive Entwicklung der Kinder und Jugendlichen gesehen
werden.
Fazit: Eine äußerst empfehlenswerte Lektüre.
Anita Tupi
- SONDERHEFT SYSTEME
Clemens Stieger und Elisbeth Linder haben ein Systeme - Sonderheft
mit dem Titel "...auf dem Weg. Reflexionen systemisch-therapeutischer
Praxis" herausgegeben. Das Schreiben als Reflexionsmittel für
die eigene Tätigkeit zu nutzen, dieses aber auch anderen zugänglich
zu machen, um ein gegenseitiges Lernen zu ermöglichen und Einblick
in praktisches Handeln zu geben, war der Anlass für dieses Sonderheft.
Die hier erschienenen Arbeiten sind in der Auseinandersetzung der AutorInnen
(G. Lang, E. Linder, I. Saval, C. Stieger, A. Thomanetz, C. Winkler) mit
Systemischer Therapie entstanden. Bezug über die Buchhandlung Krammer
(01/9852119, buchhandlung@kramerbuch.at)
Insa SPARRER (2001):
Wunder, Lösung und System
Carl Auer (Systeme 2001), Heidelberg
Insa Sparrer ist es mit diesem Buch gelungen, lösungsorientiertes
Denken und Arbeiten mit den Möglichkeiten der systemischen Strukturaufstellungsarbeit
zu verbinden. Das Buch gibt einerseits einen Überblick über lösungsorientierte
Kurzzeittherapie, andererseits über Aufstellungsarbeit. Die Strukturaufstellungen,
wie sie von ihr gemeinsam mit ihrem Mann, Matthias Varga von Kibed, entwickelt
wurden, werden hier mit dem lösungsfokussierten Ansatz von Steve
de Shazer - spannend - kombiniert. Es entsteht eine neue Form - die Lösungsfokussierten
Systemischen Strukturaufstellungen (LFSyST). Sie erlauben nicht nur stimmige
körperliche Erfahrungen über fremde Systeme, sondern ermöglichen
auch einen sprachlichen Zugang zu vielfältigen inhaltlichen Informationen
über das repräsentierte System.
Anwendungsgebiete für Einzel- Paar- Familientherapie, Supervision
und Organisationsberatung. Interessant.
Robert Koch
Gerhard STUMM, Alfred PRITZ (Hrsg.) (2000):
Wörterbuch der Psychotherapie
Springer, ca. öS 1100,-
Über 350 AutorInnen beschreiben ca. 1350 Stichworte aus allen erdenklichen
Fachbereichen der Psychotherapie. Ich hatte die Koordination für
den Bereich "systemische Therapie" und "Familientherapie"
über, daher haben auch einige ÖAS-Mitglieder mitgeschrieben.
Weder preislich noch inhaltlich noch gewichtsmässig als Urlaubslektüre
zu empfehlen, aber beeindruckend. Steht in der ÖAS-Bibliothek.
Andrea Brandl-Nebehay
Sabine Völkl-Kernstock
Hilfe, mein Kind wird erwachsen! Rechte, Pflichten
und Bedürfnisse von Jugendlichen"
Stephan Verweijen, Manz Verlag, 2004
„Du hast mir gar nichts zu sagen!" „Das ist Freiheitsberaubung!"
„Ich gehe aus (komme heim) wann ich will!"
„Ihr wart ja damals auch gegen alles und jeden - und wenn ich die Schule
(Lehre) für blöd find...."usw... Sätze mit
denen Eltern und in der Folge FamilientherapeutInnen (bei gröberen
Krisen) konfrontiert werden, sind Alltag und Begleiterscheinungen, durchaus
erfreulicher, antiautoritärer Erziehungsstile. Nicht mehr aufoktroyieren
einseitiger Regeln, sondern Verhandlung dieser, steht im Vordergrund eines
Familienlebens im 21. Jahrhunderts. In Familien, wie immer sie sich neu
ordnen (müssen/können/dürfen). Manchmal wird
übersehen, dass Kinder zwar gleichwertige, aber nicht gleichberechtigte
Verhandlungspartner in diesem Prozess sind. Heranwachsende in ihren Bedürfnissen
wahrzunehmen, diese ernstzunehmen, heißt aber auch sie von möglichen
negativen Konsequenzen ihrer Handlungen auf ihr Leben, die sie noch nicht
abschätzen können, zu bewahren, ihnen einen sicheren Rahmen
bieten und diesen verständlich zu machen.
Da entwicklungsmäßig dies für Jugendliche in ihrem notwendigen
Ablösungsprozess von den Eltern oftmals gerade von diesen äußerst
schwierig zu vermitteln ist, gibt es ein Buch, dass dieses Lebensalter
für alle Familienmitglieder hilfreich unterstützt.
Erstmals werden psychologische & rechtliche Aspekte von Jugend (speziell
das Alter von 14-18 Jahren) gut lesbar verschränkt, da die Beispiele
von einer versierten Familientherapeutin & Psychologin in Zusammenarbeit
mit einem praxiserfahrenen Juristen stammen. Themen wie „Anspruch &
Höhe des Taschengeldes", „Fernbleiben der Schule", „Rechte
des Jugendlichen bei Scheidungen", „Eigenes Einkommen", „Eigene
Wohnung", „Sexueller Missbrauch", „Mobilität
auf zwei Rädern", „Alkohol, Zigaretten & Drogen", „Strafbarkeit
von Jugendlichen" (Auszug) werden umfassend und durch Beispiele beider
Autoren aus ihrem jeweiligen Arbeitsumfeld erörtert, rechtlich eindeutig
und lösungsorientiert aufbereitet. Besonders umfassend
und hochaktuell ist der Serviceteil im Anhang, der zu den einzelnen Kapiteln
geeignete Unterstützungseinrichtungen für Jugendliche und Eltern
(Österreichweit mit Telefonnummer und Adresse) auflistet.
Dieses Buch ist sehr gut einsetzbar für professionelle HelferInnen,
aber auch für den Privatgebrauch. Es verschafft Jugendlichen und
Eltern Klarheit, wie gesellschaftlich-rechtlicher Konsens derzeit verbindlich
handzuhaben ist und eignet sich hervorragend als Grundlage in schwierigen
Regelverhandlungen. Sabine Sommerhuber
Rosmarie WELTER-ENDERLIN, Bruno HILDEBRAND
(Hrsg.) (2002):
Rituale – Vielfalt in Alltag und Therapie.
Carl-Auer-Systeme, Heidelberg, 255 Seiten,
EUR 25,90
Was pflegen sowohl Affen und PolitikerInnen als auch TherapeutInnen?
Rituale! Können Rituale in einer sich ständig verändernden
Welt Identität stiften? Können sie dem Einzelnen die Eingliederung
in eine Gemeinschaft erleichtern und ihm Trost in komplexen Situationen
spenden? Fragen wie diesen widmen sich Autoren aus ganz unterschiedlichen
Bereichen wie Naturwissenschaft, Wirtschaft und Psychotherapie. Dementsprechend
heterogen sind auch die Antworten auf die Frage nach Sinn und Zweck
von Ritualen. Der Schweizer Primatenforscher Jörg Hess analysiert
eigenartiges Verhalten und komische Rituale bei Schimpansen und Gorillas,
der Journalist Richard B. Reich amüsiert seine LeserInnen durch
minutiöse Schilderung ritueller Handlungen im Fußballstadion,
die Therapeuten Bruno Hildebrand und Gunthard Weber streiten über
Ritualisierungen in Familienaufstellungen. Einig sind sich die AutorInnen
darin, dass Rituale dazu dienen, Übergänge von Alt zu Neu zu gestalten
und dass sie Entwicklung iniitieren. Rituelle Handlungen kanalisieren
überbordende Gefühle und geben Anstoß zu Veränderungen.
Aus der psychotherapeutischen Praxis berichtet Rosmarie Welter-Enderlin,
sie führt ihre Arbeit mit Ritualen anschaulich anhand eines Fallbeispiels
vor. Sie warnt davor, rituelle Verschreibungen zu schematischen Interventionstechniken
verkommen zu lassen. Damit dies nicht passiert, gibt sie LeserInnen
hilfreiche therapeutische Anregungen mit auf den Weg.
Carmen Unterholzer
Rosmarie WELTER-ENDERLIN, Bruno HILDEBRAND
(Hrsg.) (1998)
Gefühl und Systeme. Die
emotionale Rahmung beraterischer und therapeutischer Prozesse
Carl Auer-Verlag, Heidelberg öS 394,-
You can´t kiss a system - Systeme haben keine Gefühle, Menschen
schon. Das Buch beleuchtet bisher vernachlässigte Aspekte der therapeutischen
Beziehung und gibt einen guten Überblick über den Stand der theoretischen
Auseinandersetzung mit Begriffen wie Affekt, Gefühl und Emotion
(Beiträge von Tom Levold, Kurt Ludewig und Luc Ciompi). Daniel
Stern u.a. präsentieren neue Ergebnisse aus der Säuglingsforschung,
während Beiträge von Michael Buchholz, Evan Imber-Black, Rosmarie
Welter-Enderlin u.a. praxisnah den Umgang mit affektiver Kommunikation
in Beratung und Therapie beschreiben.
Empfehlenswertes Buch für alle, die auf den rasant fahrenden Zug
der Auseinandersetzung mit Affekt und Emotion in der systemischen Therapie
aufspringen wollen!
Andrea Brandl-Nebehay
- Natascha Wendt, Michael Ensle
Stress- und Burnout-Prävention – Handbuch für
Führungskräfte, Betriebsräte und Abeitsmediziner
ÖGB Verlag, 2008, ISBN: 97837003513276, € 21,-
Wer ein Lehrbuch erwartet, wird enttäuscht sein. Ein solches ist
es nicht. Es ist, wie der Untertitel schon ankündigt, ein Handbuch.
Auch wenn die PsychotherapeutInnen nicht als Zielgruppe angeführt
sind – leider –, so ist es doch ein Tool, das man guten Gewissens empfehlen
kann.
Stress und Burnout sind zurzeit in aller Munde und meist wird die Ursache
nur beim Betroffenen gesucht. Hier wird das Thema von vielen Seiten beleuchtet
und es kommen ExpertInnen aus verschiedenen Bereichen zu Wort. Neben den
psychischen Ursachen und Auswirkungen werden auch die volks- und betriebswirtschaftlichen
Auswirkungen beleuchtet. Die vielfältigen Ursachen und Auslöser
werden nicht nur an der Person selbst, sondern auch in den Unternehmen
und im privaten Umfeld der Betroffenen geortet. Daher werden auch dort
Präventionsmöglichkeiten und Handlungsebenenbeschrieben. So
widmen die AutorInnen auch ein Kapitel der betrieblichen Gesundheitsförderung
und dem ArbeitnehmerInnenschutzgesetz.
Wolfgang Katzian, Bundesgeschäftsführer der GPA-DJP (Gewerkschaft
der Privatangestellten), schreibt in seinem Vorwort: „…da die Ursachen
für Stress und Burnout vielfältig sind, reicht es zu deren Bekämpfung
nicht mehr aus, einzelnen Menschen Unterstützung in Form von Beratungen
oder Entspannungstechniken anzubieten. Solche Maßnahmen helfen zwar
dem Betroffenen weiter, die Ursachen bleiben aber bestehen. Denn wem nützen
die Entspannungs-techniken, wenn sich am
Arbeitsdruck und an der Organisationsstruktur im Unternehmen nichts ändert…“
– Das Buch gibt Anstöße zu diesen Handlungsmöglichkeiten.
Dass das Buch zur trockenen Ansammlung von theoretischen Abhandlungen
und Ratschlägen wird, verhindert unter anderem Ingeborg Saval, systemische
Psychotherapeutin, die mit Ihren Beiträgen anschaulich in Fallgeschichten
die Burnout Problematik darstellt. Für alle, die sich fragen: Wo
steh ich? Ist ein kurzer Fragebogen zur
„Selbstdiagnose“ eingearbeitet.
Alles in allem ein Handbuch für all jene, die nicht nur betriebsblind
eine Seite der Medaille betrachten wollen, sondern auch an weiteren Aspekten
der Burnout-Problematik interessiert sind. Da die Beiträge der ExpertInnen
kurz gehalten sind, gerät man bei der Lektüre des Handbuchs
auch nicht in Gefahr auszubrennen.
Andreas Hainz
- Jürg WILLI
Ökologische Psychotherapie. Wie persönliche
Entwicklung und Lebenssituation sich wechselseitig beeinflussen
rororo-Verlag, € 9,90
Diesen Sommer fiel mir ein Buch in die Hände, keine Neuerscheinung
aber eine Neuauflage (2005) der von Jürg Willi 1996 erstmalig herausgegebenen
„Ökologische Psychotherapie". Hier eine kurze Zusammenfassung:
Willi nimmt den Blickwinkel ein, dass der dauernde Wechsel der Lebensbedingungen
uns Menschen eine laufende Gestaltung und Entwicklung unserer Beziehungen
abverlangt. Die daraus entstehende Anforderung bzw. Überforderung für
manche Betroffene sieht Willi vor allem auch als Potential für persönliche
Entwicklung. Durch das Beantwortetwerden persönlichen Wirkens, sowie
durch Antworten auf die Einwirkung der Bezugspersonen und Lebensumstände,
wird die Gestaltung der persönlichen Nische maßgeblich beeinflusst.
Aus systemischer Sicht ist mir dieser Zugang, gerade durch die Annahme
der Zirkularität, sehr vertraut. Was mich im Besonderen angesprochen
hat, ist ein Brückenschlag im Sinne des konstruktivistischen Gedankens,
Erkenntnisse aus der Psychiatrie, sowie des analytischen Zugangs, lösungsorientiert
(Willi beschreibt den Begriff der "Koevolution") zu nützen.
Unter Einbeziehung narrativer Reflexion wird die Bedeutung des aktuellen
Wirkens im Beantwortetwerden durch Beziehung zur mitmenschlichen und dinglichen
Umwelt für die persönliche Verwirklichung hervorgehoben.
Willi bezieht sich in seiner theoretischen Begründung und vor allem
in den zahlreichen Fallbeispielen u.a. auf den Kontext stationäre
Psychiatrie und Sozialpsychiatrie, somit auf psychotherapeutische Tätigkeit
mit Personen mit sogenannten „schweren Persönlichkeitsstörungen".
Claudia Renner
Andreas ZEUCH, Markus HÄNSEL, Henrik JUNGABERLE
(Hg.):
Singen mit System. Systemische Konzepte für
die Musiktherapie. Spielend lösen.
Carl-Auer-Systeme Verlag, Heidelberg 2004
Wie klingt eine Improvisation, wenn Ihr Problem gelöst ist? Welches
Musikinstrument passt zur kleinen, hilflosen Sarah, welches zur erwachsenen,
handlungsfähigen? Welches Musikstück wählen Sie, wenn
Ihr Selbstwertgefühl auf zwei, welches, wenn es auf fünf ist?
Fragen wie diese stellen MusiktherapeutInnen, die systemische Ansätze
in ihre Arbeit integrieren. Die AutorInnen von „Systemische Konzepte
für die Musiktherapie" präsentieren praxisorientiert
ihre systemisch-musiktherapeutischen Interventionen und verorten sie
gleichzeitig theoretisch.
Henrik Jungaberle, Psychologe und Musiktherapeut - neben Andreas Zeuch
und Markus Hänsel einer der drei Herausgeber - leitet den Band
ein, indem er aufzeigt, wie die Musiktherapie durch „größere
theoretische Neugier" gewinnt. Er analysiert Hindernisse und Synergien
beim Brückenschlag zwischen musiktherapeutischen und systemischen
Ansätzen. Dabei leiten ihn Fragestellungen wie „In welche Formen
von Musiktherapie lassen sich systemische Interventionen einbauen?"
oder „Wie kann man auf eine systematische Integration hinwirken"?
Die darauf folgenden Beiträge geben Antwort. Systemische TherapeutInnen
treffen auf Altbekanntes in fremdem Gewande: Skalierung, Externalisierung
durch stimmliche oder musikalische Improvisation, Skulptur und Time-Line
mit Musikinstrumenten oder -stücken.
Die Musiktherapeutin Dorit Schradi beispielsweise demonstriert in ihrer
Fallvignette, wie sie in der Musiktherapie Metaphern und Externalisierungen
einsetzt. Jan ist ein neunjähriger Junge, der seit Schuleintritt
an Migräne leidet. Seine Kopfschmerzen werden im Laufe der Therapie
zum „Hammermann" - ein böser, schwarzer Mann mit Maske, der
mit riesigem Hammer gegen seinen Schädel schlägt. Dieses Bild
setzt der junge Klient in eine musikalische Improvisation um. Er wählt
die Pauke, die Therapeutin erhält von ihm den Auftrag, am Klavier
„das Gute" zu verkörpern. Weitere Gegenspieler des Hammermanns
sind Gitarre und Vibraphon. In der nächsten Improvisation wechseln
die Rollen, Jan spielt „das Gute", die Therapeutin wird zum Pauke
schlagenden Hammermann. In der neunten von insgesamt zwölf Sitzungen
entscheidet Jan, dass der Hammermann zum Schmied wird, der gegen Eisen
hämmert und nicht mehr gegen seinen Kopf. Dann komponiert er eine
„schmerzfreie" Zukunftsmusik. Jans Migräne ist am Ende der
Therapie zwar nicht verschwunden, die Anfälle treten aber wesentlich
seltener auf als früher. Schradis Conclusio: „Er hat nun Handlungsmöglichkeiten
parat, die er einsetzen kann, um das Symptom einzudämmen und sich
ihm nicht hilflos ausgeliefert zu fühlen." (S. 129).
Henrik Jungaberle formuliert eingangs: „Die systemorientierte Musiktherapie
gibt es bereits. (…) Das Experiment hat längst begonnen."
Die einzelnen Beiträge sind Beleg dafür. Die systemischen
Interventionen gehen durchaus über einen Versuch hinaus, da sie
auch theoretisch verankert werden. Faszinierend an dem Buch ist zweierlei:
die stimmige Übertragung systemischer Techniken auf eine kreative Therapie
und die kreative Vielfalt der MusiktherapeutInnen. Und als systemische
Therapeutin blickt man etwas neiderfüllt auf die KollegInnen ob
ihres kreativen Repertoires.
Carmen Unterholzer
(alphabetisch nach AutorInnen)
- Renate DAIMLER: Verschwiegene
Lust Piper (2. Auflage 2004), € 9,20
Vielleicht ist dieses Taschenbuch vielen nicht unbekannt – denn
es istschon 2002 erschienen, wenn doch, dann wäre es schade. Beschäftigt
es sich doch sehr beispielhaft mit einer „Tabuzone“. Sexualität im Alter
– gibt es das überhaupt und ist es noch erlaubt? Nicht zu glauben, dass
unsere Eltern oder Großeltern noch so erleben. Die schönen, erlebnisreichen
und gefühlsstarken Geschichten „der Frauen über 60“, sind es wert gelesen
zu werden. – Nicht nur da wir alle einmal alt werden könnten. Eine wahre
„Secondhandressource“.
Andreas Hainz
- Slavenka DRAKULIC:
Als gäbe es mich nicht. Roman, Aufbau-Verlag
1999
Stockholm, Karolinska Krankenhaus 27. März 1993: Eine junge Lehrerin
aus Bosnien, Moslemin und Asylantin in Schweden, hat gerade ein Kind zur
Welt gebracht.
Der verstörende Roman beginnt dort, wo eine noch so differenzierte
Kriegsberichterstattung kapitulieren muss, beim stummen, fassungslosen
Leid der Opfer der Massenvergewaltigungen in Lagern in Bosnien. Die international
renommierte kroatische Journalistin Slavenka Drakulic hat diesen Frauen
eine Stimme gegeben.
Ina Manfredini
-
Susanne FEIGL: Was
gehen mich seine Knöpfe an? Johanna Dohnal - eine Biografie. Ueberreuter
Verlag 2002, 220 Seiten, € 25,60
Johanna Dohnal trat in die SPÖ zu einer Zeit ein, als „...die politische
Tätigkeit der Frauen darin bestand, rote Papiernelken für den
1. Mai zu drehen" und ein ÖVP-Abgeordneter bei einer Enquete
über die Familienrechtsreform klar stellte: „...dass die Stellung
des Mannes als Familienoberhaupt unter keinen Umständen angerührt
werden darf.......die Familie besteht aus der Führung durch den Vater
und der Hingabe der Mutter...". Anhand dieser Zitate wird die unglaubliche
politische Leistung von Johanna Dohnal sichtbar und auch verständlich,
warum sie von „mit Abstand das unnötigste Regierungsmitglied"
bis zu „bedeutendsten Politikerin der 2. Republik" so ziemlich alles
zu hören bekam.
Susanne Feigl beschreibt die persönliche und politische Laufbahn
Johanna Dohnals nicht als Abfolge von trockenen Tatsachen, sondern witzig,
ironisch, voller Humor und Sarkasmus, und einem feinen Gespür für
Sprache. Nicht nur für Frauen gedacht.
Margret Wantoch
Yael HEDAYA:
Liebe pur Diogenes Verlag
Ein wunderbarer Roman einer israelischen Journalistin über ein Paar,
dass nach einem blind date einen herrenlosen Welpen mit nach Hause nimmt.
Wider Erwarten bleiben Mann und Hund, der Hund wird zum Seismographen
der Beziehung.
Ina Manfredini
Michel HOUELLEBECQ:
Elementarteilchen Roman, Dumont, 1998
"Frankreichs Literatur hat wieder einen großen Namen, eine Affäre,
eine Debatte... Stillschweigend hat hier ein literarisches Werk den gewohnten
Blickwinkel auf das Menschenbild verschoben." (J. Hanimann, FAZ)
Anhand der Lebensgeschichten zweier einsamer und verstörter Halbbrüder
- Michel und Bruno - zeichnet der Autor die letzten Jahrzehnte der westlichen
Gesellschaft kritisch nach, riskiert einen Blick in die Zukunft (Michel
ist Molekularbiologe, dessen Forschungsergebnisse bedeutende Auswirkungen
auf die Menschheit haben...) und beschäftigt sich auf spannende,
vielschichtige und manchmal sehr berührende Weise mit den "großen
Fragen" des Seins. Ein kontroverselles Buch, über das sich sicherlich
wunderbar und ausgiebig diskutieren lässt, vor allem, wenn man um
die 40 ist und sich dem alternativ-popkulturgeprägten Spektrum zugehörig
fühlt(e)...
Marianne Beyer
Walter KAPPACHER: Ein
Amateur Deuticke Verl., ca. öS 285,-
Der Salzburger Autor beschreibt ein Stück seines Lebens in der Nachkriegszeit:
Die Lehrzeit in der Motorradwerkstatt, (nach dieser Lektüre werden
Sie Motorrad-liebhaberIn sein), eine skurrile Schauspielschule, div. berufliche
Versuche, sich selbst und die Möglichkeiten debez. Anzeiges Lebens
auszuloten.... Scheinbar Alltägliches in einer intensiven, sinnlichen,
ironischen Sprache.
Margret Wantoch
- Hans LEBERT:
Die Wolfshaut Fischer
Verlag, ca. öS 350.-
Ein österreichisches Dorf namens Schweigen - von dörflicher
Idylle keine Spur: Die Stimmung ist dumpf-düster, Gewalttätigkeit
liegt in der Luft, die verdrängte Nazi-Vergangenheit der Dörfler
wird in beklemmenden Bildern aufgerollt und doch - ."...ein kleines
blaues Lied..." der Hoffnung. Ein fulminanter Roman und Krimi.
Margret Wantoch
- Eden ROBINSON: Der
Strand der Geister
Roman. Rowohlt Verlag 2002, 400 Seiten, € 23,60
Die junge Autorin beschreibt Kindheit und Jugend ihrer Protagonistin Lisamarie
Hill, einer Indianerin in British Columbia, das harte Leben im Reservatgebiet
im Osten Kanadas zwischen zwei „Realitäten": Einerseits der
sogenannte normale Alltag, die Straßenkämpfe mit den „harten
Jungs" um sich deren Respekt zu sichern, Drogenkonsum, jugendlichen
Schwärmereien, andererseits die unfreiwillige Konfrontation mit den
Geistern der Ahnen. Sie wird in ihren Träumen von Dämonen geplagt,
die Katastrophen voraussagen, kann plötzlich die Stimmen der Krähen
verstehen, die ihr ankündigen, dass ihr Bruder Jimmy auf See vermisst
wird....
Eine unglaublich dichte und intensive Sprache, die den Umgang mit dem
Aufeinanderprallen zweier Welten - vielleicht aus autobiografischer Sicht
- beschreibt, ein starkes und außergewöhnliches Buch.
Margret Wantoch
-
- Nina Ruge
und Elmar BarteL:
Liebeszauber
Verlag Ehrenwirth, 2007, ca. € 13,-
Nina Ruge (geb.1956), Fernseh-Moderatorin und Buchautorin, war schon als
kleines Mädchen romantisch. "Ich habe mich an Fasching als Prinzessin
verkleidet und gewünscht, dass der Prinz kommt", sie habe eine
sehr romantische Ader. "Wenn man einmal erlebt hat, wie schön
es ist, den Partner mit romantischen Ideen zu überraschen, dann will
man es immer wieder." sagte Ruge der dpa bei der Vorstellung ihres
neuen Buchs.
Die Münchnerin moderierte zehn Jahre lang bis Anfang Februar das
ZDF-Magazin "Leute heute". Den „Romantik-Ratgeber" schrieb
sie gemeinsam mit ihrem Kollegen, dem ZDF-Nachrichtensprecher Elmar Bartel.
Nina Ruge, eine ehemalige Lehrerin, war auch lange Zeit als Kinderbuchautorin
tätig.
Wenn eine Autorin ihr Lebensmotto „Alles wird gut ...." zum Titel
von 4 Büchern macht und dann noch eines drauf setzt, indem sie ein
weiteres Buch mit dem verheißungsvollen und viel versprechendem
Titel „Alles wird besser...."schreibt, dann verspricht das letzterschienene
mit dem Titel „Liebeszauber" nichts Gutes - noch dazu wenn es am
Valentinstag veröffentlicht wird.
Und doch hat diese Ansammlung von Ideen und Anregungen, die das Leben
romantischer und eine Partnerschaft lebendiger machen sollen – so die
AutorInnen – seinen Charme. Es ist ein Buch mit zum Teil witzigen Ideen!
Wer seine/n PartnerIn mal überraschen will, findet hier manch ansprechenden
Tipp. Einiges, was hier vorgeschlagen wird, können viele sich finanziell
wohl nicht leisten, anderes aber hat mit Geld gar nichts zu tun.
Vielleicht findet die/der eine oder andere auch Anregungen für seinen
beruflichen Kontext – und wenn nicht, dann ist es doch ein „leicht verdauliches"
Lesebuch und vielleicht für manche/m zum Schmunzeln.
Andreas Hainz
-
Corinna SORIA: Leben
zwischen den Seiten Wieser, Klagenfurt
Beklemmend dichte Schilderung der Lebenssituation eines kleinen Mädchens,
dessen Mutter allmählich in psychotisches Erleben entgleitet. Während
die Mutter durch eine als zunehmend bedrohlich erlebte Umwelt hetzt ("....sie
kämpft gegen Gestalten, die, sagt sie, durch Wände ziehen und
nach uns verlangen, ich sehe nichts, sie bereitet am Boden ein Lager,
unter dem Fenster, daß die Strahlen nicht unsere Körper zersetzen..."),
schöpft das Kind aus Indianerbüchern und Gedichten Kraft zur
Erschaffung einer Gegenwelt. Eine autobiografische Geschichte, wie sie
auch in einer Therapie erzählt werden könnte (oder eine Form
von Therapie?)
Andrea Brandl-Nebehay
- Klaus Wahl / Katja Hees:
Täter oder Opfer? Jugendgewalt – Ursachen und
Prävention
Ernst Reinhardt Verlag, München, Basel 2009,
170 S. (EUR 19,90)
Sie ist nicht eindeutig beantwortbar – die Frage nach der Zunahme jugendlicher
Gewalttätigkeit. Verschiedene
Statistiken und Untersuchungen kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen.
Aber die Frage nach der Zunahme
ist nicht die wirklich relevante, viel wichtiger ist die Suche nach sinnvollen
Maßnahmen gegen Gewalt. In „Täter oder Opfer“ analysieren die
Kulturwissenschafterin Katja Hees und der Sozialwissenschafter Klaus Wahl
ein breites Spektrum jugendlicher Gewalt und sie interpretieren Zahlenmaterial.
Der Statistik folgt die Charakterisierung unterschiedlichster Gewaltszenen
und –gruppen. Und sie werfen einen genauen Blick auf Gewalttäterinnen,
welche seltener sind. Ihre Gewalt ist eine andere, eine psychische, verbale.
Sie hänseln, provozieren, grenzen aus, erheben falsche Anschuldigungen.
Hees und Wahl nähern sich auch der Frage an, wie Aggression und Gewaltbereitschaft
bei Menschen entsteht. Sie erkunden die sensiblen ntwicklungsphasen von
Kindern, in denen sie Friedfertigkeit statt Aggression lernen könnten.
All das ist interessant und gut zu lesen – einiges ist bekannt, vieles
neu. Was „Täter oder Opfer“ von anderen wissenschaftlichen Büchern
unterscheidet, ist zweierlei: Das statistische Material und die pädagogischen,
psychologischen und soziologischen Befunde ergänzen die WissenschafterInnen
mit Lebensgeschichten jugendlicher Gewalttäter und mit Interviewpassagen
– dies zum einen. Zum anderen: In vom Text abgehobenen Kästen werden
Begriffe erklärt. Was ist der Unterschied zwischen Aggression und
Gewalt? Was ist unter Cyber-Bullying, Mobbing, Happy Slapping genau zu
verstehen? Wie sieht der Bullying-Teufelskreis aus? Auch juristische
Erklärungen werden in diesen Gestaltungselementen präsentiert.
Dies erleichtert das Verständnis.
Ein wichtiger Aspekt im Buch ist der Prävention von Gewalt gewidmet.
Die AutorInnen entwickeln –ausgehend von Ergebnissen ihrer Arbeit – eigene
Ideen zur Vorbeugung von Gewalt, sie präsentieren und bewerten bereits
bestehende Maßnahmen. „Täter oder Opfer“ ist eine fundiert
recherchierte, gut und lebendig aufbereitete, eine umfassend informierende
Studie – ein Standardwerk für alle, die mit Jugendlichen arbeiten.
Carmen Unterholzer
- Mako YOSHIKAWA: Das
Erbe der Geisha. Diana Verlag, ATS 124,00
Ein Lesetipp für all jene, die sich von dem eher platten deutschen
Titel nicht abhalten lassen (im Original: "One Hundred and One Ways")
und eintauchen in die Geschichte einer jungen Amerikanerin japanischer
Herkunft, die im Begriff ist einen erfolgreichen Rechtsanwalt zu heiraten,
der ihr ein beschauliches Leben bieten würde. Die Verlockung ist
groß diesen Weg zu gehen, um die Zeit der Trauer und Einsamkeit
endgültig hinter sich zu lassen, die sie nach dem plötzlichen
Unfallstod ihres Freundes Phillip, erlebt hat. In dem Versuch sich über
ihre Gefühle klar zu werden hält sie Zwiesprache mit ihrer japanischen
Großmutter. Mit Hilfe der Erzählungen über die Zeit mit
Phillip und dem Verknüpfen der Erinnerungen an ihre Eltern, verändert
sich ihre Geschichte des Verlassenwerdens in eine Geschichte der Liebe.
Dieser Roman stellt in feinsinniger und oft humorvoller Weise ein einfühlsames
Portrait von drei Frauen unterschiedlicher Generationen und Kulturen dar.
Andrea Thomanetz
- Serghij ZHADAN: Depeche
Mode Editon Suhrkamp. ca. € 10,-
- Charkiw-Ukraine, 4 Tage im Juni 1993. Es gibt keine Orientierungshilfe-
ob die heutigen Biznesmeny, Polizeikommissare, Dealer, Generalstöchter...auch
morgen noch Dieselben sind, weiß man in der Anarchieder postkommunistischen
Umbruchszeit nicht so genau. Serhij Zhadan und seine Freunde Dog Pawlow,
Wasja Kommunist, alle19 Jahre jung, arbeitslos, organisieren mit abenteuerlichen
Mitteln undErfindungsgabe den Kampf ums Überleben, die tägliche Schnaps-
und Wodkaration, jetzt sollen sie auch noch ihren Freund Sascha Zündkerzefinden,
um ihm ein traurige Nachricht zu überbringen. Sie irren durchaufgelassene
Komsomolskhallen, in denen nun amerikanische Predigerauftreten, verrottendes
Fabriksgelände, desolate Bahnhöfe, durch dasganze Chaos, das sie umgibt.
Serhij Zhadan veröffentlichte bisher fast nur Lyrik, er schreibt diesen
teilweiseautobiografischen Roman in einer unglaublich poetischen undrhythmischen
Sprache.
Margret Wantoch
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DVD-tipp:
Institut für Systemische Therapie
„Ana Ex. Wie die Magersucht siegt und wie sie scheitert”.
DVD
Carl-Auer-Verlag, 2008 (erscheint in Kürze), im Moment erhältlich
über das IST Wien, € 19,90
Nach dem gestrigen Jour Fixe von Carmen Unterholzer und Ingrid Farag,
wo die beiden die DVD „Ana Ex. Wie die Magersucht siegt und wie sie scheitert“
präsentiert haben, ist es mir eine Freude, heute eine Rezension darüber
zu schreiben.
Die halbstündige DVD wurde vom Institut für Systemische Therapie
in Wien (IST) produziert
und ist meiner Ansicht nach vielseitig verwendbar: einerseits in der Arbeit
mit KlientInnen sowie deren Familien und sämtlichen Betroffenen,
aber auch mit Auszubildenden oder zur Prävention an Schulen und allen
Institutionen, die mit dem Krankheitsbild der Magersucht konfrontiert
sind oder es werden könnten.
Ana Ex ist die externalisierte Anorexie. Sie wird von einer Puppe dargestellt,
die sich freundlicherweise einem Gespräch mit einer Psychotherapeutin
aussetzt. Zuerst macht es noch Spaß, die interessierten
Fragen der Therapeutin nach ihrer Macht zu beantworten. Sehr eindrucksvoll
erlebt man als ZuseherIn die große suggestive Kraft der Ana Ex,
die einige Unterstützer auf ihrer Seite hat: gesellschaftliche Diskurse
wie jener, dass Schlanksein gleichbedeutend ist mit Schönheit/Gesundheit/
Erfolg oder jener über die Minderwertigkeit der Frau („Willst Du
vielleicht werden wie Deine Mutter?“); Rolemodels wie Kate Moss oder Victoria
Beckham, die einfach cooler sind als diejenigen, die einen zum Essen überreden
möchten; ein familiäres Umfeld, in dem u.a. Harmonie, Aufopferung,
Leistungsorientierung, Disziplin, Unterordnung unter familiäre Traditionen
hohe Werte darstellen; und vor allem: das Versprechen, dass durch die
Kontrolle über den Körper Autonomie, Stärke und Selbständigkeit
zu erlangen sind.
Aber Ana Ex hat auch Gegenspieler, die ihre Macht untergraben. Und auch
diese gibt sie, – unter zunehmendem Protest - der Therapeutin auf deren
hartnäckiges Fragen hin, preis: Ein Klima, in dem die oder der sich
anorektisch verhaltende Jugendliche Ernst genommen wird; in dem familiäre
Konflikte ausgesprochen und ausgetragen werden; in dem Anerkennung und
Interesse für die Themen der Jugendlichen besteht.
Wo die Verantwortung von Eltern geteilt wird mit ÄrztInnen und vor
allem: wo nicht ständig über`s Essen geredet wird, wo auch andere
Seiten der Person – nicht nur die Magersucht – Platz haben, wo Lebenslust
vermittelt wird und Zukunftsperspektiven entwickelt werden können.
All dies bringt Ana Ex gehörig in Bedrängnis, bis sie schließlich
abtritt. Sie weicht der Entscheidung, Selbständigkeit auf anderem
Weg zu erlangen als über eine lebensbedrohliche Krankheit.
Ein toller Jour Fixe, eine tolle DVD.
Verena Kuttenreiter
“Schmetterling & Taucherglocke”
Regie: Julian Schnabel
Wie, bitteschön, soll ein Film über einen Mann, der von Kopf
bis Fuß gelähmt ist, sich nicht bewegen, nicht sprechen kann,
ein Film der noch dazu auf einer wahren Begebenheit beruht, Mut machen
und eine Liebeserklärung an das Leben sein? Einzig sein linkes Auge
gehorcht dem Gehirn, wo das Leben gefangen gehalten wird, und dessen Macht
über den Körper verloren ging. Ein ewiger Horrorfilm, oder nicht?
Es erschien seltsam, dass Filmkritiker darin so viel Positives finden
konnten. Ich war verwirrt und gespannt.
Der New Yorker Maler und Regisseur Julian Schnabel verfilmte den gleichnamigen
autobiografischen Roman des ehemaligen „Elle“-Chefredakteurs Jean-Dominique
Bauby ohne Klischees. Und eigentlich sollte es ein Werk über die
weibliche Rache werden, doch es kam anders. Gefangen in einer Taucherglocke
bekommt Bauby vom Verlag eine Übersetzerin zur Seite gestellt, der
er seine Memoiren diktiert. Ein Zwinkerkommunikationssystem zur Verständigung
ist bald gefunden – denn das,
was sich in der Taucherglocke bewegen lässt, ist sein linkes Auge.
„Ich will sterben“ ist der erste Satz, den Bauby mittels dieses einzigartigen
Systems hervorbringt. Doch Jean-Do überlegt es sich schließlich
anders und entdeckt, dass zwei weitere Aspekte seines Menschseins nicht
gelähmt sind - seine Fantasie und sein Gedächtnis. Erst ab diesem
Zeitpunkt sieht man Jean-Dominique Bauby auch als Person – der Blickwinkel
wechselt. Waren zu Beginn des Films verschwommene, wirre Bilder aus der
Perspektive des lebenden Auges vorherrschend, wird man nun wie durch einen
Sog in eine Welt von Bildern gezogen, die durch ihre Gewalt und zugleich
ihre Zärtlichkeit überwältigend sind. Jean-Do reist mit
uns durch Erinnerungen und erfindet seine eigenen
Welten. Er schlürft sinnlich mit seiner bezaubernden
Übersetzerin Austern in einem Nobelrestaurant während in der
Realität künstliche Nahrung durch die angehängten Schläuche
langsam seinen Magen füllt. Der Film thematisiert das Finden und
Erfinden von Möglichkeiten. Bauby, der seinen Kindern nie wieder
durchs Haar streichen wird können, der erfüllt von Trauer über
diese Tatsache ist. Der sich aber auch denkt, dass ein kaputter Vater
besser als gar keiner ist. Ein Vater, der immerhin mit
seinen Kindern das „Galgenspiel“ (das mit den Buchstaben!) spielen kann.
Was hier entstanden ist, fühlt sich letztlich an wie das Gegenteil
von Rache. Ein großartiges Vermächtnis über die Versöhnung
mit dem Schicksal und mehr – es ist tatsächlich eine wunderschöne
Liebeserklärung an das Leben. Ein Leben, das intensiver nicht sein
könnte. Voller Träume, Erinnerungen, Sehnsüchte und Selbstironie
und dabei so gar nicht kitschig.
Ein Film, der sich schwer in Worte fassen lässt, den man spüren
muss. Der die Frage „Und, wie hast du den Film gefunden?“ (die man tatsächlich
niemanden stellen hört) am Ende der Vorführung unnötig
macht. Der erstmal sprachlos macht. Ein Film, bei dem unsere nüchternen
Therapiejargonausdrücke „Ressourcenorientierung“ oder „Reframing“
absolut nichts verloren haben, obwohl mir kein besseres Beispiel dafür
einfällt, das eindrücklicher zeigt, was diese Begriffe eigentlich
bedeuten
können!
Beflügelnd und tiefgehend – Schmetterling und Taucherglocke eben.
Kerstin Klambauer
PS: Das Buch zum Film ist übrigens im dtv-Verlag erschienen und um
€ 8,20 erhältlich.
“La Question humaine / Der Wert
des Menschen”
ist auch in Buchform “Der Wert des Menschen” von Francois
Emmanuel Kunstmann, 2006 erhältlich
Ein Film, der einen nicht unberührt lässt, der Grauen entstehen
lässt ohne grauenvolle Bilder zu zeigen – das Grauen entsteht durch
die Verwendung der Sprache, die Stimmen, die Art der Erzählung. „Der
Wert des Menschen“ ist eine Erzählung in Form einer Allegorie, die
rund um ein historisches Dokument angelegt ist, das Berliner Ingenieure
1942 verfasst haben und in dem es um Vorschläge zur technischen Verbesserung
von LKWs geht, die zur Judenvernichtung eingesetzt werden sollen. Anstatt
von Menschen, menschlichen Körpern und dem Töten zu sprechen,
werden in diesem Schreiben Begriffe wie Stückgut, Effizienz und Kostenreduktion
verwendet. Die Handlung des Films ist aber im heutigen Frankreich angelegt
- in einem modernen Konzern, wo der Psychologe Simon aufgrund von Verhaltensauffälligkeiten
des Generaldirektors dessen Geisteszustand bewerten soll. Dieser Auftrag
bringt ihn nicht nur mit der Vergangenheit in Berührung, sondern
auch mit seiner Rolle, die er in diesem Unternehmen spielt. Ohne direkt
an den Schalthebeln der Macht zu sitzen, ist er doch mehr als nur Mitspieler.
Die Rationalität der Sprache in Form einer sauberen Business-Sprache
lässt ebenfalls vergessen, dass es um Menschen geht.
Andrea Thomanetz
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- “The end of the Neubacher project”
Regie: Marcus J. Carney, ab
18. Jänner 2008 im Kino
Der Film beschäftigt sich auf sehr berührende und aufrüttelnde
Weise
mit den Generationen einer Familie und ihren Konflikten. Marcus J.
Carney erzählt die Geschichte seiner Familie als epischen
Dokumentarfilm. Was als Versuch beginnt, die Nazi-Familiengeschichte
aufzuarbeiten, wird immer mehr zu einer radikalen Analyse von
Kreisläufen familiärer Beziehungen, vor allem die zwischen Mutter
und
Sohn. THE END OF THE NEUBACHER PROJECT ist eine Kinoerzählung
voller Wucht über eine Familie und ihr Trauma, das über Generationen
hinweg spürbar ist.
www.neubacherproject.com
Mahnaz Tischeh
-
-
- Das gepfeffertes Ferkel - Online-Journal für systemisches Denken
und Handeln: ferkel
-
ein Angebot des Instituts für Beratung und Supervision (IBS) - Aachen
"Das gepfefferte Ferkel" lautet die Überschrift des 2. Kapitels
des Kinderbuchs "Alice im Wunderland", in dem Lewis Caroll bereits
einige Motive des Konstruktivismus vorwegnimmt. Für die von Caroll
noch nicht erschöpfend behandelten Themen systemisch-konstruktivistischen
Denkens in Kunst, Literatur, Politik, Therapie, Supervision und Organisationsberatung
bietet diese Online-Zeitschrift zirkulären Raum, um Wissen, Informationen,
Geschichten und Erfahrungen auszutauschen. Seit der Geburt des Ferkels
im Herbst 2001 sind bereits viele anregende, teilweise auch witzige Beiträge
(im Archiv zu finden) eingelangt. Meine persönlichen Favoriten sind
u.a. ein Beitrag zu autopoetisch verstandener Gruppenarbeit mit dem vielversprechenden
Titel "Jeder ist seines Glückes Hammer", eine familientherapeutische
Literaturinterpretation von Franz Kafkas 'Die Verwandlung' sowie der Artikel
von Heinz Kersting zur ‚Kybernetik der Supervision'. Also: reinschauen
und surfen...
... und natürlich das unglaubliche, unentbehrliche, fantastische
"systemagaziin": täglich neue Beiträge,
behütet von Tom Levold: systemagazin
Andrea Brandl-Nebehay
Weitere Hinweise auf interessante systemische Internet-Seiten
finden sich bei den Links
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