Sabine Klar

BEMERKUNGEN ZU DEN DIVERSEN „AUFSTELLUNGEN“

Aus meiner Sicht können die im systemischen Feld üblichen Skulpturen, die sich in den letzten Jahren unter dem Titel „Aufstellung“ da und dort ein spezifisches Gepräge gegeben haben, als räumlich platzierte Metaphern betrachtet werden. Gemeinsam ist ihnen, dass der eigene (meist emotionale) Momentaneindruck mittels anderer Menschen bzw. Symbole in den Raum gestellt und dort zu einem Bild gestaltet wird, das in seiner Konkretheit und Deutlichkeit beeindruckt. Die Aufstellung ist ein Kunstwerk, das die eigene Befindlichkeit in einem Bild über die erlebte Situation auf nonverbale Weise plastisch zum Ausdruck bringt. Man sieht andere in der eigenen Position, erlebt wie sie darin empfinden und gewinnt Zugang zum eigenen Spüren und Erleben. In der Folge können dann manche Gefühle und Bestrebungen leichter besprochen werden. 

Abgesehen von einer Vorbereitung der Versprachlichung schwer artikulierbarer Empfindungen und Sichtweisen könnte die Wirkung von Aufstellungen in einer gewissen Solidarisierung bestehen – aufstellende Menschen produzieren eine Situation, in der die aufgestellten Personen ähnlich fühlen müssen. Das vermittelt den Eindruck, dass auf eine anscheinend geheimnisvolle Weise eigenes Befinden und eigene Impulse auch von anderen gespürt werden, die Situation auch von anderen so verstanden und emotional beurteilt wird. Aufstellungen produzieren Eindrücke von Verbundenheit, Vereinfachung und Erinnerbarkeit: Muster werden plastisch sichtbar, als Bilder tauchen sie in ähnlichen Situationen wieder auf. Ergebnis könnte die Auflösung von Spannung über die Vermittlung von Urbildern der Ordnung und Richtigkeit sein. Es werden Kriterien und Kategorien bereit gestellt, anhand derer sich Gefühlsurteile orientieren können.

Leider wird die Generierung der räumlichen Metapher bei der Aufstellung durch die angebotene Methode stark eingeengt: Anders als bei den von V. Satir bekannten Skulpturen, geht es ausschließlich um die Darstellung von Positionen - Mimik, Gestik, Bewegung, Stimmlage bei der Artikulation von Befindlichkeiten spielen keine Rolle. Ausgehend von der Begrenztheit raum-zeitlicher Gegebenheiten und der technischen Prämissen der Aufstellungsarbeit kann es dann eigentlich nur um Nähe und Distanz, Hierarchie und Abfolge gehen und um Spannungsreduktion über die Schaffung räumlicher Harmonie.

Probleme entstehen, wenn sich das räumlich  platzierte Bild  möglicherweise stärker im Gedächtnis verankert als es im Sinn der Flexibilisierung von Sichtweisen und Perspektiven aus therapeutischer Sicht günstig erscheint. Die Verstehensmatrix für diese räumliche platzierte Metapher wird vorgekaut von außen und aus einer mächtigen wissenden Position heraus zur Verfügung gestellt mit der Botschaft im Hintergrund: „Endlich verstehst du, was dich bedrückt!“; „Endlich wirst du von anderen Menschen verstanden!“; „Endlich bist du einer von vielen, denen es so geht, ein Teil der Herde!“; „Wenn du daran glaubst und wiederholst, was dir gesagt wird, wirst du Erlösung, Gesundheit, Heil erlangen!“. Dass es sich bei den vermittelten „(Er)Lösungen“  um Banalitäten handeln muss, ist nicht verwunderlich. Menschen sind Gewohnheitstiere –  und hier wird ein längst bekannter, aus der eigenen Sozialisation, wie aus Filmen und Büchern zutiefst vertrauter Plot erzählt, der gerade jenen Persönlichkeitsanteilen Heimeligkeit und Geborgenheit vermittelt, die vernünftigen Gedanken und sprachlichen Reflexionen wenig zugänglich sind, gleichzeitig aber den Zustand eines menschlichen Lebewesens massiv beeinträchtigen können. Die beruhigende Stimme einer Eltern-Persönlichkeit - die durch entsprechend dominantes Gehabe und mit Unterstützung einer begeisterten Anhängerschaft anscheinend weiß, wovon sie redet - rückt zurecht, strukturiert, schafft dem gestörten Wesen einen Platz in einer Rangposition, mit dem es sich endlich zufrieden stellen darf, weil er ja einer höheren Ordnung entspricht. Sie spricht von Streit und Versöhnung, von richtig und falsch, vom guten Ende bei der Unterwerfung unter das Rechte. Sie erinnert an das heimlich Vergessene, fügt eine schwere, schuldbeladene Vergangenheit über das Moment der Beichte, Buße und Vergebung mit einer hoffnungsvollen Zukunft zusammen, die gleichzeitig eine gesunde, aufrechte und heile ist, schafft ein überdauerndes Sinn-Konstrukt - und unterscheidet sich damit nicht im geringsten von diversen anderen einschläfernden Gute-Nacht-Geschichten, seien es die mancher religiöser Bewegungen oder jene der Filmindustrie. 

Das Wissen darüber, dass es in jedem Menschen Bedürfnisse und Bestrebungen gibt, die ihn – vor allem wenn er gerade leidet – dazu bewegen, sich nach solchen stereotypen Vereinfachungen zu sehnen, ist an sich nichts neues. Gerade die Psychoanalyse versucht diesen Anteilen in ihrem methodischen Setting Raum zu schaffen, ohne aber gleichzeitig zu einer Identifikation mit ihnen zu verführen und sie als TherapeutIn für eigene Interessen auszunutzen. Menschliche Lebewesen, die in Unruhe und Angst geraten sind und mittels vernünftiger Überlegungen auf keinen grünen Zweig kommen,  sehnen sich natürlich danach, auch in ihren ganz basalen und banalen Wünschen nach Ordnung und Übersicht verstanden zu werden. In diesem Zusammenhang stehe ich manchen Spielarten systemischer Therapie, die sich ausschließlich mit den sprechenden, beobachtenden und reflektierenden – man könnte auch sagen: den „erwachsenen“ oder „vernünftigen“ – Anteilen von Klienten unterhalten, durchaus kritisch gegenüber. Ich denke, dass es nötig ist, auch jenen Aspekten der Persönlichkeit methodisch entgegen zu kommen, die wie Tiere empfinden und sich sprachlich nicht artikulieren können bzw. wie kleine Kinder oder vielleicht Altsteinzeitjäger in einer mythischen und magischen Welt mit archaischen Weltbildern leben. Solange im therapeutischen Kontext das vernünftige Gegenüber Gesprächspartner und Auftraggeber bleibt, kann sich daraus ein besserer Zugang und ein kompetenteres Verhältnis zu sich selbst ergeben, das sich psychisch wie sozial gut auswirkt. Wichtig scheint mir, dass TherapeutInnen im Umgang mit solchen Persönlichkeitsanteilen nicht in die Rolle von Schamanen, Priestern oder Elternfiguren schlüpfen um als wissende Mittler dem leidenden, verwirrten und unwissenden Individuum ein Heil und eine Heimat zu verschaffen, die nicht in ihm selbst und seinem eigenen Potential liegen. Die Verführung dazu ist angesichts diverser Konkurrenzunternehmen im Bereich quasi-religiöser Bewegungen groß - Psychotherapie demgegenüber ein mühsames Unterfangen, gerade weil sie den Menschen mit der Notwendigkeit konfrontiert, sich in seinen diversen leidvollen Lebenslagen letztlich ausschließlich selbst verstehen und ausgehend davon heilen zu müssen.     

Zusammenfassend:

Aufstellungsarbeit, die ausgehend von festgelegten, unreflektierten Vorstellungen Heilsames zur Verfügung stellt, um Erlösungserlebnisse zu produzieren, ist aus meiner Sicht eher dem Bereich anderer mehr oder minder religiöser Heilsbewegungen zuzuordnen als der Psychotherapie.

Aus den Mustern und Ordnungen, die Menschen in räumlich platzierten Metaphern als mehr oder minder spannungsvoll bzw. entspannend erleben, lässt sich für sie selbst und für die Therapeutinnen jedoch viel über jene einfachen Bedürfnisse, Impulse und Bestrebungen lernen, die sie im Hintergrund ihres bewussten Denkens und ihrer sprachlichen Formulierungen bestimmen und bewegen.

Weitere Texte unter: www.iam.or.at